Die Vier Edlen Wahrheiten

Als Buddha vor 2500 Jahren unter dem Bodhi-Baum erwachte (oder, wie einige sagen, „Erleuchtung fand“), hatte er bereits viele Jahre spiritueller  Suche hinter sich, war durch die härteste Askese gegangen, hatte Meditation gelernt bei den damals anerkanntesten Lehrern (das waren hinduistische Brahmanen) und hatte vieles an Erkenntnis erlangt. Das jedoch, so stellte er fest, worum es ihm wirklich ging, hatte er nicht erkannt,  nämlich das Prinzip von Leid zu verstehen und zu schauen, ob man es endgültig auflösen kann; dies wurde ihm trotz aller erdenklichen Praktiken nicht zuteil. Und so entschloss er sich, sich unter einen Baum zu setzen, zu meditieren und sich erst wieder zu erheben, wenn er die Antworten gefunden habe, und wenn ihm dabei „das Fleisch von den Knochen fällt“. Und es gelang ihm! Was er in der Nacht seines Erwachens erkannte, nannte er daraufhin die Vier Edlen Wahrheiten, denn in ihnen finden sich die universalen Grundsätze über das Entstehen und die Beendigung von Leid wieder. Diese sind:

1. Erste Edle Wahrheit: Es gibt Leid (auf Pali: dukkha)

 NICHT: „Leben ist Leiden“, wie oft falsch der Grundsatz der buddhistischen Lehre wiedergegeben wird. Das wäre ja auch Unsinn, denn, wie wir später sehen werden, findet sich in der Freude zwar oft die Ursache für Leiden (nämlich dann, wenn sie verschwindet und man sich dann nach ihr sehnt), in dem Moment aber, in dem sie da ist, ist auch kein Leid da! Wenn Leben Leiden wäre, dann gäbe es diese Momente der Freude nicht, dann wäre alles Leiden.

Was aber ist nun Leid? Leid ist nicht der Schmerz des gegenwärtigen Momentes selbst, sondern das, was wir aus vergangenem und ‚künftigem’ Schmerz machen. So ist Leid

– jedes Zurückholen von vergangenem Schmerz in den gegenwärtigen Moment,

– jedes Hineinholen von künftigem Schmerz in den gegenwärtigen Moment und

– jeder Widerstand gegen den tatsächlichen Schmerz im gegenwärtigen Moment.

 

2. Zweite Edle Wahrheit: Leid hat eine Ursache

Die genauen und mikroskopisch präzisen Beobachtungen in seinen Meditationen erlaubten dem Buddha zunächst die Feststellung, dass alles, was existiert, eine Ursache hat – nichts entsteht einfach so aus sich selbst heraus. Wenn dem so ist, so dachte sich der Buddha, dann hat auch Leid immer eine Ursache. Und er fand heraus: Die Ursache für Leid ist Begehren. Begehren ist nicht zu verwechseln mit Begierde (obwohl in Begierde natürlich Begehren enthalten ist); Begehren meint nach seiner eigentlichen Bedeutung „wollen“.

Unter Begehren versteht der Buddhismus:

Die Dinge anders haben wollen als sie tatsächlich jetzt und hier sind.

Wenn wir wollen, dass etwas Angenehmes entsteht oder bleibt, sprechen wir von positivem Begehren; wenn wir wollen, dass etwas Unangenehmes verschwindet, sprechen wir von negativem Begehren. In der Regel gehen positives und negatives Begehren miteinander einher. Wenn ich will, dass physischer Schmerz aufhört, will ich gleichzeitig, dass Schmerzfreiheit entsteht.

Wichtig ist zu sehen, dass physischer oder psychischer Schmerz immer jetzt und hier vorliegt. Wenn unsere Gedanken einen künftigen Schmerz (z.B. Angst vor einer Zahnbehandlung) oder einen vergangenen Schmerz (z.B. Erinnerung an eine Trennung)  in den gegenwärtigen Moment hinein holen, so ist dieses unangenehme Gefühl jetzt und hier da, obwohl das Ereignis noch nicht oder nicht mehr real ist. Indem wir die Gedanken an Unangenehmes festhalten und uns in sie hineinsteigern, erschaffen wir unser Leid. Und dies gilt auch für gegenwärtigen physischen oder psychischen Schmerz – wir können über unseren Kopfschmerz oder den Trennungsschmerz grübeln und ihn dadurch schlimmer machen, denn dann leisten wir Widerstand gegen die Wahrheit des jetzigen Moments; oder wir können die Gedanken daran loslassen, sie einfach nicht weiterdenken. Dadurch verschwindet der Schmerz zwar nicht unmittelbar, aber schneller, und es tritt sofort Erleichterung ein

3. Dritte Edle Wahrheit: Leid kann beendet werden

Dem Buddha war klar: Wenn etwas eine Ursache benötigt, um zum Entstehen zu gelangen, dann verhindere ich sein Entstehen, indem ich die Ursache nicht zum Entstehen gelangen lasse. Vorliegend bedeutet das: Wenn es eine Ursache für Leid gibt, dann folgt: Ohne diese Ursache kein Leid!

Wenn also Begehren die Ursache für Leid ist, dann kann Leid beendet werden, indem das Begehren (jener Widerstand gegen die Wahrheit des gegenwärtigen Momentes) zum Erliegen gebracht wird. Hierin liegt der Dreh- und Angelpunkt aller buddhistischen und aller großen mystischen Traditionen. Jedoch: Wenn das so einfach wäre, wie es klingt, hätten wir keine Probleme 😉 . Es galt dem Buddha also zu erforschen,

1. wie wiederum Begehren eigentlich entsteht – was ging dem voran?

2. warum es uns so schwer fällt, das Begehren einfach loszulassen und schließlich

3. was uns dieses Loslassen ermöglicht

Die Erklärung auf 1. und 2. fand er bei seinem Erwachen („Erleuchtung“) in dem, was er die Kette des Bedingten Entstehens nannte. Auf diese Kette (Buddha lehrte sie mit unterschiedlicher Anzahl von Kettengliedern; ganz vollständig besteht sie aus 12 Gliedern. Ich beschränke mich meist auf die letzten Acht, da diese in der Meditation verhältnismäßig „leicht“ erkennbar sind) werde ich eingehend zu sprechen kommen, denn sie zeigt hoch präzise den Ablauf menschlicher Wahrnehmung (kognitive Prozesse), die Entstehung unserer Emotionen und damit die Entstehung unserer gesamten Selbstwahrnehmung (EGO). Dieses Entstehungsmodel, das eine tragende Säule des Buddhismus ist, hat mit Religion tatsächlich nichts zu tun und findet sich bis heute in der modernen Psychologie wieder.

4. Vierte Edle Wahrheit: Es gibt einen Weg, der zur zum Ende von Leid führt:

                                         Der Edle Achtfache Pfad

 Die Frage ist also: Wie nun bringe ich meinen Widerstand zum Erliegen?

Buddha Gautama stellte fest, dass es durch Erkenntnis (vipâssana) dieses Entstehensprozesses – eben jener Kette des Bedingten Entstehens – möglich ist, Leid zunächst zu verringern und schließlich ganz zu beenden … der Weg, der dorthin führt, ist der Edle Achtfache Pfad.

Auch dem Buddha ist nicht verborgen geblieben, dass es, wie oben bereits angedeutet, ausgesprochen schwierig ist, das Begehren loszulassen, oder anders gesagt, damit aufzuhören, die Dinge immer so hinbiegen zu wollen, wie „ICH“ sie haben will, und wütend, sauer, ärgerlich, traurig und depressiv zu werden, wenn ich keine Kontrolle habe und ich die Dinge nicht ändern kann.

Dieser Edle Achtfache Pfad nun ist sozusagen die Seekarte, anhand derer wir uns zurechtfinden können und die alles umschließt, was erforderlich ist, um zur endgültigen Befreiung („Erleuchtung“ / „Erwachen“) zu gelangen oder einfach nur – und das wird für die meisten Menschen heute wohl das näher liegende Ziel sein – das Leben leichter, freudvoller und zufriedener zu (er)leben. Daher werde ich auch diesen gesondert näher eingehen.

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