Harmonische Sichtweise

Wenn der Edle Achtfache Pfad die Seekarte ist, die zur Befreiung führt, dann ist „Harmonische Sichtweise“ der Kapitän des Schiffes, der weiß, wohin die Reise geht. Und das Reiseziel lautet:

Erkenntnis der Vier Edlen Wahrheiten und hierdurch

die Erkenntnis der drei charakteristischen Merkmale allen geschaffenen Seins, i.e.:

Alles ist Nicht-Selbst, Nicht-Permanenz und fähig zur Verursachung von Leid.

 Konzept und Realität

 Es ist wichtig sich vorab klar zu machen, wie wir die Welt und uns in ihr sehen. Wenn ich sage, unsere Weltanschauung besteht aus Konzepten, muss zunächst geklärt werden, was ein Konzept ist. Stellen wir hierfür folgende Überlegung an:

Wir sagen: Gras ist grün. Aber diese Aussage triff nicht zu. Und nicht nur, dass Gras nicht grün ist; es gibt außer „Weiß“ gar keine Farben – und Weiß ist anerkannter Weise (wie Schwarz) keine Farbe. Farben werden von uns wahrnehmbar durch Lichtbrechung. Je nachdem, auf welche weise ein (weißer) Lichtstrahl von einer Oberfläche ablenkt wird (gebrochen) wird, ändert sich seine Schwingung und erscheint in unseren Augen als Farbe. Die Lichtbrechung eines Lichtstrahls, der auf einen Grashalm fällt, ist abhängig von der Beschaffenheit des Grases; diese wiederum ergibt sich aus dem Vorgang der Photosynthese im Halm. Besonders deutlich wird dies beim Betrachten eines Baumes: Im Sommer, wenn die Photosynthese in Gang ist, erscheinen die Blätter grün; im Herbst aber stellt der Baum die Photosynthese ein, um Kraft zu sparen. Die Blätter „färben“ sich. In Wirklichkeit aber sehen wir im Herbst nur die „eigentliche Farbe“ des Blattes. Und welche Farbe hat unser Grashalm in der Dunkelheit? Wir haben uns darauf geeinigt, die Dinge „bei Tageslicht“ zu betrachten und danach zu bestimmen – was natürlich sinnvoll ist, denn nachts sind alle Katzen grau. Nur aus dieser Betrachtung heraus aber ergibt sich die Vorstellung, dass Gras grün ist. Es ist lediglich ein Konsens – mit Realität hat es nichts zu tun. Farbe von Dingen ist Konzept

Wir schauen auf einen See und sehen eine Welle. Ganz unstreitig ist sie da: Wir können sie sehen und eventuell fühlen und sogar hören. Aber ist sie da? Wenn ich Dich bitten würde, mir vom Comer See eine Welle mitzubringen, wäre es möglich? So oft Du versuchst eine Welle einzufangen, es würde Dir nicht gelingen – Du kannst sie nicht isolieren. Gibt es also die Welle, oder gibt es sie nicht? Im Grunde genommen gibt es keine Wellen; Wellen sind nur Konzepte, Bewegungen des Wassers, die wir nach einem sprachlichen Konsens „Welle“ nennen.

Und da wir grad vom Wasser sprechen: Ist Wasser flüssig? Wenn ja, dann ist Eis oder Wasserdampf wohl kein Wasser. Aber Eis und Wasserdampf bestehen aus H²O, und H²O ist Wasser. So, wie Wasser regelmäßig in Erscheinung tritt, ist es flüssig, aber haben wir uns darüber geeinigt zu sagen, Wasser sei flüssig. Aber es ist nur ein Konzept. Wasser ist nicht flüssig, nicht fest und nicht gasförmig – Wasser ist H²O!

Und ein letztes Beispiel. Wir sehen einen Stern und sagen: Dort ist ein Stern. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ist dort jedoch kein Stern – jedenfalls nicht mehr. In dem Moment, da das Licht des Sternes an unseren Augen ankommt, existiert der Stern in der Regel bereits nicht mehr – das Licht benötigt lediglich unglaublich lange, um uns zu erreichen. Doch wir sagen: Da ist ein Stern.

Definition Konzept:

Alles, was infolge der reinen, sinnlichen Wahrnehmung (eines Gegenstandes) unsere intellektuelle, analytische und interpretative Auffassung durchlaufen hat und danach benannt wird, ist ein Konzept und ist somit lediglich Teil der relativen, subjektiven, dualistischen Wirklichkeit.

Was nach Abzug aller Konzepte von einem Gegenstand übrig bleibt, wird im Buddhismus Leerheit (sunnata) genannt. Alles ist da, aber nichts ist das, was es zu sein scheint. Das ist die Bedeutung des im Zen häufig zitierten „Form ist Leere“.

Wichtig: All das bedeutet nicht, dass die Dinge überhaupt nicht da wären. Wir müssen unterscheiden zwischen Illusion und Utopie:

Eine Illusion ist eine Wahrnehmung, deren Wahrnehmungsobjekt zwar existiert, nur wird das Objekt nicht als das erkannt, was es wirklich ist (Bei einer Fata Morgana ist etwas da, was ich sehen kann, nur ist die Oase keine Oase, sondern eine Luftspiegelung). Das, was da ist, wird falsch interpretiert. Auf dieser Ebene befinden wir uns bei unserer intellektuellen Definition der Welt.

Eine Utopie (griech.: oun-topos = kein Ort) ist etwas, was gar nicht existiert, an „keinem Ort“ in diesem Kosmos – es ist eine Halluzination.

 Nicht-Ich (anatta)

Wie entsteht unser Selbstbild? Wer oder was ist „Ich“?

 Die entscheidende Bedeutung des soeben Erläuterten liegt darin, dass all das auf uns selbst ebenso Anwendung findet. Das bedeutet, dass ich, wie ich mich selbst sehe, „mein eigenes Konzept“ bin! An dieser Stelle wage ich einen Ausflug in die Psychologie und stelle die Frage: Wie entsteht unser Selbstbild? Wer oder was ist ich?

1] Bin ich mein Körper? Dann bin ich nicht mehr Ich, wenn mir ein Arm amputiert wird; zudem verändert sich unser Körper in jeder Sekunde. Und: „Mein“ Körper ist ein Konzept 2] Bin ich meine Wahrnehmung? Dann bin ich nicht mehr ich, sobald ich blind oder taub werde 3] Bin ich meine Rolle als Vater / Mutter, Arbeitnehmer, Verkehrsteilnehmer … ? Vater, Mutter, Arbeitnehmer … sind wechselnde Rollen; dann bin ich nicht mehr Ich, sobald ich aus dem Auto steige! 4] Bin ich meine Emotionen? Emotionen wechseln. Dann bin ich nicht mehr Ich, sobald Trauer vergangen und Freude entstanden ist. 5] Bin ich mein Denken und Fühlen? Beurteilungen und Bewertungen ändern sich ebenfalls. Wir können heute hassen, was wir gestern liebten. 6] Bin ich meine Erinnerung? Die Hirnforschung hat festgestellt, dass unsere Erinnerung nicht statisch ist; mit jeder einzelnen neuen Erfahrung ändert sich auch unsere Sichtweise auf Vergangenes 7] Bin ich alles das zusammen? All die erwähnten Dinge sind Konzepte. Und wenn man mehrere Konzepte zusammenbringt, kann daraus nichts anderes entstehen als ebenfalls ein Konzept.

Alles, was wirklich da ist, wenn wir die Konzepte einmal beiseite lassen, sind körperlich und mentale Prozesse, die einfach so, ohne unser Zutun und ohne Einflussnahmemöglichkeit, in uns ablaufen. Was wir gewöhnlich „Ich“  nennen,  ist  ein  Resultat  all  dieser  Prozesse,  aber  wenn  wir  diese Person für absolut  real halten, können wir diese Sicht nicht überschreiten. Wenn wir fragen, „Wer ist diese Person?“  und nach innen schauen, dann sind dort nur diese komplexen Geist- und Körperprozesse.

Das ist unser EGO: Unsere Definition, unser Bild und unser Konzept von uns selbst. Und an diesem Konzept halten wir krampfhaft fest, da wir nichts anderes haben, um uns in unserer Existenz wahrzunehmen. Doch liegt in eben diesem Konzept EGO der gesamte Ursprung für unser Leid. Dieses EGO ist „der Hetzhund, der uns treibt“.

Wenn ich das Konzept „ICH“ loslassen kann, kann ich auch Abstand davon nehmen, mein Selbstwertgefühl aus den Konzepten zu ziehen! Ich bewerte und beurteile mich nicht mehr nach meiner Rolle in dieser Welt und wie gut ich in ihr bin. Ich ziehe mein Selbstwertgefühl einzig aus dem „ICH BIN!“ Mein Wert besteht einzig darin, da zu sein. Der Sinn meines Daseins ist es, da zu sein. UND DIESEN SELBSTWERT KANN EINEM KEIN MENSCH AUF DER WELT NEHMEN ODER AUCH NUR IN FRAGE STELLEN!

Hier liegt einer der zentralen Punkte der buddhistischen Lehre. Wenn wir Einblick in die Absolute Realität erhalten haben, dann sind wir „jenseits von (relativ) gut und (relativ) böse“. Wir werden durchlässig und mental immer weniger verwundbar!

 Zusammenfassung:

 Es gilt zu erkennen, dass es zwei Ebenen gibt, die Welt zu betrachten:

Einerseits ist da die relative Welt, die Welt der Formen und Gestaltungen, die Welt, wie wir sie wahrnehmen und intellektuell-konzeptionell definieren. Dies ist die Welt, von der Jesus sagt, wir seien: „In dieser Welt.“[1] Diese Perspektive zu verleugnen, zu sagen es gäbe all diese Erscheinungen nicht, wäre verfehlt. Und so sagt Buddha:

5. „Und was, ihr Bhikkhus, ist falsche Ansicht? ,Es gibt keine Gaben, nichts Dargebrachtes oder Geopfertes; keine Frucht oder Ergebnis guter und schlechter Taten; nicht diese Welt, nicht die andere Welt; keine Mutter, keinen Vater; keine spontan geborenen Wesen; keine guten und tugendhaften Mönche und Brahmanen auf der Welt, die diese Welt und die andere Welt durch Verwirklichung mit höherer Geisteskraft erfahren haben und erläutern.‘ Dies ist falsche Ansicht.“[2]

Andererseits ist da die absolute Welt, die Welt, in der alle Erscheinungen miteinander verschmelzen, keine Trennung mehr vorhanden ist zwischen „mir“ und dem Rest der Welt, wo jede Dualität sich auflöst. Dies ist die Welt, von der Jesus sagt: „Sie sind nicht von dieser Welt“. Buddha spricht vom Erkennen der „Wahren Natur der Dinge“, die alle in sich stimmig sind, da sie alle aufeinander aufbauen, ohne, dass irgendein Sinn dahinter steckt. Jeder durch uns erkannte Sinn wäre schon wieder Konzept. Dies ist die Bedeutung von

 „Selig, die arm sind im Geiste“ (Matthäus 5, 3)

 Zu ihrer Schauung gelangen wir, wenn wir unseren Geist / unser Denken so sehr zur Ruhe bringen, dass es uns gelingt, die Konzepte loszulassen. Nur wenn es gelingt, auch diese Perspektive einzunehmen, können wir das, was uns an traurigen, ärgerlichen, schmerzhaften Dingen widerfährt, loslassen – denn wir nehmen sie nicht mehr persönlich, definieren uns nicht mehr über sie, machen sie nicht mehr zu einem Teil von uns. Wir lassen alles kommen, wir lassen alles gehen, so, wie es die kosmische Ordnung nun einmal vorsieht. Wir halten sie nicht fest, beißen uns nicht an ihnen fest und lassen sie nicht zu Leid werden.

 „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“

 Dies ist der Weg zur Befreiung von Leid, auf diese Weise gelangen wir zu echten „Seelenfrieden“, werden wir „selig“.

Beide Sichtweisen sind jedoch nur zwei Seiten derselben Münze; es sind lediglich zwei Betrachtungsweisen derselben Sache.

Nibbâna und Samsara sind EINS


[1] Joh. 17, Vers 14-18, das Gebet Jesu für seine Jünger. Dort heißt es: „Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von dieser Welt sind, wie ich nicht von dieser Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus dieser Welt wegnimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin. Heilige sie durch die Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit. Wie Du mich in diese Welt gesandt hast, habe auch ich sie in diese Welt gesandt.“

[2] MN 117

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Nächster Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: