Kontrolle, Einflussnahme, Entscheidungsfreieheit – Karma

Ich werde oft gefragt, ob es eine Art Determinismus gibt. Ist alles vorher bestimmt? Oder haben wir doch eine Entscheidungsfreiheit? Können wir Einfluss nehmen auf die Zukunft? Oder haben wir – wie ich es oft formuliere – keinerlei Kontrolle über irgendetwas?

Ich finde diese Frage äußerst spannend, und obwohl sie an anderer Stelle hier im Blog aufgeworfen worden ist, werde ich ihr hier einen eigenen Artikel widmen. Auch möchte ich versuchen, sie möglichst kurz und klar zu behandeln, denn je mehr man in die Tiefe geht, desto komplizierter wird es. Vorweg nehmen möchte ich, dass beides stimmt: Sowohl haben wir nichts unter Kontrolle, als auch hängt von unseren Gedanken, Geisteshaltungen und Handlungen alles ab.

Ich möchte damit beginnen zu erklären, warum ich oft sage, dass wir „nichts unter Kontrolle haben“. Hierfür möchte ich einmal mehr auf das Bedingte Entstehen zu sprechen kommen.

Wenn vor meinem Fenster jemand seine Autohupe betätigt, dann entsteht Geräusch – buddhistisch ausgedrückt, ein Hörobjekt. Habe ich darauf einen Einfluss? Nein. Dieses Geräusch trifft auf mein Ohr (Hörsinn). Habe ich darauf Einfluss? Nein. [Ich kann es umgehen, indem ich zB Ohropax benutze, dass ändert aber nichts am grundlegenden Prinzip]. Ich nehme dieses Geräusch zur Kenntnis – Hörbewusstsein entsteht. Habe ich darauf Einfluss? Nein. Treffen diese drei zusammen, entsteht Kontakt mit der Außenwelt. Aus dem Kontakt entsteht ein unbehagliches Gefühl, da ich mich erschrecke, was nichts anderes bedeutet, als dass Adrenalin ausgeschüttet wird, das im Körper spürbar wird. Habe ich darauf Einfluss? Nein. Dieses unbehagliche Gefühl lehne ich ab, der Buddhist nennt das „negatives Begehren“. Und hier befinden wir uns an einer Schnittstelle, die ich für den Moment offen lassen möchte.

Das gleiche Prinzip gilt für auftauchende Gedanken. Wenn ein Thema im Kopf auftaucht und sich das Denken zu ihm hinwendet, entsteht Denkbewusstsein – ein Gedanke entsteht, zum Beispiel an die Steuererklärung. Dieser Gedanke löst ein unangenehmes Gefühl aus und negatives begehren entsteht. Auch auf diese Prozesse haben wir keinerlei Einfluss, üben keine Kontrolle darüber aus. Dies zu sehen ist Aufgabe der Meditation. Alles ist lediglich eine Abfolge von Prozessen an den Sinnestüren, im Gehirn  und im Körper (freilich mit zahllosen Feedbacks).

Und auch, wie es dann weiter geht, können wir in der Meditation betrachten: Aus dem Begehren wird Anhaftung, d.h., wir grübeln über das Ereignis nach und nehmen es persönlich, machen es zu einer „persönlichen Geschichte“. Und je nachdem, wie wir individuell gestrickt sind, handeln wir gemäß dieser Strukturen. Wenn wir das immer wieder auf die gleiche Weise tun, entsteht in uns der Eindruck einer „statischen Persönlichkeit“, eines „Das bin ICH“. Aber so weit wollte ich gar nicht gehen.

Viel wichtiger ist diese Schnittstelle zwischen Gefühl und Begehren. Ich denke, es ist deutlich geworden, in wie weit wir tatsächlich keinerlei Einfluss haben auf das, was im gegenwärtigen Moment geschieht. An dieser Schnittstelle zwischen Gefühl und Begehren jedoch haben wir die Wahl: Wir können das Gefühl einfach Gefühl sein lassen, nicht dagegen Widerstand leisten oder gar darüber nachgrübeln – in einem Wort: LOSLASSEN. Oder wir können uns eben hineinsteigern und damit unheilsamem Handeln den Grundstein legen.

„Wie immer Du mit dem gegenwärtigen Moment umgehst bestimmt darüber, was im nächsten Moment geschieht.“, sagt Buddha.

Das bedeutet: Über alle Vorgänge, die jetzt-hier vorliegen, haben wir keine Kontrolle. Aber wir haben die Wahl, wie wir mit ihnen umgehen. Indem wir Widerstand leisten, verkrampfen wir und handeln nicht mehr in harmonischer Besonnenheit. Nehmen wir das Ereignis (gleichviel, ob es eine Schmerz im Knie ist, ein Gedanke, eine Emotion oder ein Ziegelstein, der auf unser Auto fällt) liebevoll an, dann geht das unbehagliche Gefühl ebenso wie es entstanden ist … von allein! Und wir verbleiben im Einklang mit dem jetzigen Moment.

In Thailand war es mir einen Tagebucheintrag wert, dass ich jedes Mal (!!), wenn ich mir eine Wunschvorstellung von etwas machte, also die Dinge so haben wollte, wie ich meinte, dass sie gut für mich seien, immer erst genau das Gegenteil von dem passierte, wie ich es mir gewünscht/erhofft hatte. Wenn ich hingegen dann keinen inneren Widerstand dagegen leistete, nicht versuchte, die Dinge „unter Kontrolle zu bringen“, wendete sich alsbald das Blatt, und ich bekam, was ich mir erwünscht hatte.

In einem weiteren Eintrag übertrug ich das auf das Prinzip von Karma: Wenn wir unzufrieden sind (negatives Begehren), manifestiert sich das als unangenehmes Gefühl, es entsteht Spannung und Verkrampfung in uns. Aus dieser Verkrampfung heraus resultiert unheilsames Denken und Handeln – der Blick ist nicht rein und klar. Somit hat man auch keinen rechten Überblick mehr über den gegenwärtigen Moment, handelt nicht, wie der Moment es einfach verlangt – in Harmonie mit ihm -, sondern mit einem „aktiven Schmerzkörper“ (wie E. Tolle sagen würde), der uns unangemessen und disharmonisch handeln lässt. Wenn der Geist weit offen ist wie der Himmel, dann wird man selbst zum Himmel und kann nur in Harmonie mit ihm (= mit sich selbst) handeln. Unser disharmonisches Handeln hingegen führt zu „Reaktionen des Kosmos“, die zwar ihrerseits in sich stimmig sind, die sich dann jedoch ebenfalls unbehaglich und schmerzhaft anfühlen (Wenn ich aus 3 m auf Beton springe, ist es in sich stimmig, dass das schmerzhaft ist, aber es tut eben weh …). Damit kann dann – meist parallel auf vielen verschiedenen Ebenen – eine entsprechende Ursache-Wirkungs-Kette in Gang gesetzt werden, die uns immer tiefer in den Abgrund zieht – bis es uns gelingt, wieder in Harmonie zu sein.

Um es also abschließend noch einmal zu sagen: Alles, was entsteht, entsteht, weil die Gesamtheit der Bedingungen für das Entstehen vorgelegen haben; darauf (und also auf das, was JETZT-HIER ist) haben wir keinen Einfluss. Aber wenn wir Widerstand dagegen leisten, handeln wir im nächsten Moment disharmonisch und setzen mangels Besonnenheit unheilsame Ursachen. Die wirken zurück auf uns selbst. Einfluss nehmen können wir also auf die Zukunft, indem wir uns entscheiden: für oder wider den Widerstand gegen die Wahrheit des gegenwärtigen Momentes.

Somit stimmt beides …

Allerdings bleibt hier eines offen: Hirnforscher der Uni Bielefeld haben festgestellt, dass unsere Entscheidungen schon bis zu 15 Sekunden feststehen, bevor sie uns bewusst werden. Die Neuronenverknüpfung passiert also weit vor unserer Bewusstwerdung! Das bedeutet … da ist niemand, der entscheidet … da ist auch wieder nur … Prozess.

Aus dieser Aussage mag jeder machen, was er will …

METTA sendet

Michael

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4 Kommentare

  1. Hmmm…ein spannender Artikel. Ich stimme dir vollkommen zu. Loslassen oder anhaften, das ist hier die Frage…
    Diese Sache, die die Hirnforscher festgestellt haben, ist sehr spannend. Aber für mich in keiner Weise…unlogisch. Wir Menschen lassen uns so sehr dazu hinreißen, alles aus der Raum-Zeit-Perspektive heraus zu bewerten. So sehr, dass es uns sogar schon komisch vorkommt, dass unsere Entscheidungen schon 15 Sekunden vorher feststehen. Ich denke oft: Was bedeutet schon vorher oder nachher, wenn es doch eigentlich nur das Jetzt gibt, wenn alles eigentlich im Moment des Jetzt geschieht, alles zugleich? Zeit…ich denke, es gibt sie nur hier, in dieser Welt. Aber nicht dort, wo wir hingehen, wenn wir diese Welt verlassen. Ach weißt du, und ich finde es fast amüsant, wie wir, die Menschen, immer wieder versuchen, etwas so Komplexes wie das Sein auf Grundlage der hier vorherrschenden Gesetzmäßigkeiten zu verstehen. Zeit und Raum, Gehirnaktivitäten… Was, wenn das alles nur die zweite Instanz ist? Und das Bewusstsein, die Seele und das Alles-was-ist dahinter die erste? Oder..zumindest eine höhere? Hmmm…oh, das ist ein sooo spannendes Thema! Vielen Dank für die Denkanstöße.
    Liebe Grüße!

    Antwort
  2. Ich danke Dir, Meike, für diesen Beitrag – so wünsche ich mir das, dass meine Artikel durch interessante und vertiefende Gedanken bereichert werden 😀
    Im Grunde – da gebe ich Dir Recht – ist vieles an „Wissen“, das wir im spirituellen Bereich zu haben glauben, im Grunde überflüssig – es ist vollkommen ausreichend, sich dem gegenwärtigen Moment zu öffnen und ihn in Liebe so sein zu lassen, wie er ist.
    „Never let knowledge stand in the way of truth“ sagt Ajahn Brahm so schön – und er hat sooo Recht damit.
    Für mich ist die Sache mit der Erekenntnis der Hirnforscher nur in so weit interessant, als mir das zeigt, dass es sinnlos ist, sich mit seinen Gedanken zu identifizieren, im Sinne eines „Ich bin meine Gedanken“. Es zeitigt deutlich, dass alles Prozess ist … ANATTA (Nicht-Selbst). Aber auch dieses Wissen bringt nichts, wenn man es nicht erfühlt … „EHI-PASSIKO: Komm‘ und sieh selbst“, sagt Buddha.
    Mit METTA
    Michael

    Antwort
  3. Du schriebst: „Aber auch dieses Wissen bringt nichts, wenn man es nicht erfühlt … “EHI-PASSIKO: Komm’ und sieh selbst”, sagt Buddha.“ – Das finde ich schön. Und – ja, das ist es, was ich so oft denke…letztendlich ist doch eigentlich zu einem großen Teil das Fühlen entscheidend…weil es uns irgendwie mehr als alles andere den Weg weist.
    Ach, das freut mich, dass du dich freust, wenn ich hier auf deinem Blog meine Gedanken äußere.
    LG!

    Antwort
  4. „Ach, das freut mich, dass du dich freust, wenn ich hier auf deinem Blog meine Gedanken äußere“ – na hör mal 🙂 … ist mir eine Ehre

    Antwort

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