Die Apokalypse aus buddhistisch-mystischer Sicht

Ich möchte mich heute einmal mit einigen interessanten Gedanken zu einem Thema widmen, dessen Titel den Meisten von uns bekannt vorkommen dürfte: Die Apokalypse (Johannes Offb. 1,1,), jenes den Weltuntergang verheißende Szenario mit seinen Sieben Plagen und den Vier Apokalyptischen Reitern und diversen hübschen Tierchen, neben denen man nicht unbedingt morgens aufwachen möchte. Der Begriff  der Apokalypse wird demnach meist verstanden im Sinne von „Ende der Welt“, jedoch mag man hinter diesem Begriff weit mehr sehen und verstehen, und es ist faszinierend zu schauen wo man hin kommt, wenn man ihn sich einmal genauer anschaut:

Denn nach dem reinen Wortsinn hat der Begriff Apokalypse mit Weltuntergang oder ähnlichem zunächst einmal nichts zu tun: Aus dem Griechischen direkt übersetzt bedeutet „απο“ „weg“ und „κάλυψις“ ist die Verhüllung, das Verbergen. Die Bedeutung ist also quasi „die Decke wegnehmen“, ent-hüllen. Und auf diese Weise kommen wir der Übertragung mit dem Begriff „Offenbarung“ recht nah. Man kann also sagen: Am Ende der Welt offenbart sich etwas, wir ent-decken etwas.

Untersuchen wir etwas weiter: In Joh. 17, Vers 14-18, spricht Jesus ein Gebet für seine Jünger. Dort heißt es:

„Ich habe ihnen dein Wort gegeben, und die Welt hat sie gehasst, weil sie nicht von dieser Welt sind, wie ich nicht von dieser Welt bin. Ich bitte nicht, dass du sie aus dieser Welt wegnimmst, sondern dass du sie bewahrst vor dem Bösen. Sie sind nicht von der Welt, wie ich nicht von der Welt bin. Heilige sie durch die Wahrheit! Dein Wort ist Wahrheit. Wie Du mich in diese Welt gesandt hast, habe auch ich sie in diese Welt gesandt.“

„In dieser Welt“ bedeutet also die Welt der Formen, der Gestaltungen, die grobstoffliche Welt, wie wir Menschen sie durch unsere 6 Sinnentüren (Auge, Ohr, Nase, Zunge, Tastsinn und Geist/Denken) kognitiv wahrnehmen und interpretieren. Der Buddhismus nennt diese Perspektive der Welt samsara. Die andere Perspektive ist nibbâna (oder nirwana); wohlbemerkt sind samsara und nibbâna keine zwei verschiedenen Welten, sondern lediglich zwei Ansichten desselben Wahrnehmungsobjektes, zwei Seiten derselben Münze, wenn man so will. Vor diesem Hintergrund und vor der Idee, dass man diese „Geisteshaltung der Perspektive des bis in idem (zweimal in demselben)“ einmal auf den Inhalt der Begriffes „Paradies“ und „Hölle“ einmal analog anwenden mag, wenden wir uns nun einmal zurück zum „Ende der Welt“. Ich möchte einmal dazu einladen, es als „Ende DIESER (samsarischen) Welt“ zu begreifen. Wir sprechen hier also keineswegs mehr von ihrer physischen Zerstörung im Sinne vielleicht einer gigantischen Explosion oder einer ähnlichen Katastrophe; wir nehmen das Ende der Welt einmal sinnbildlich …

Machen wir einen kleinen Exkurs: Was geschieht eigentlich in der (Einsichts- / vipâssana-) Meditation? Wir beruhigen zunächst unseren Geist. Daraufhin verlangsamen sich scheinbar unsere Denk- und Wahrnehmungsvorgänge (natürlich nicht oder kaum tatsächlich, wir werden nur wacher und aufmerksamer). Im weiteren Verlauf beginnen wir – sehr knapp dargestellt – zu sehen und zu erfahren, wie wir funktionieren. Wir erfahren den gesamten Vorgang unserer Wahrnehmung angefangen bei einem Sinneneindruck bis hin zu dem Punkt, an dem wir das, was von „da draußen“ auf uns einwirkt, auf uns beziehen, es persönlich nehmen. Wir erkennen, dass alles, was geschieht – in uns und um uns herum – lediglich Vorgang ist, nur Prozesse, die entstehen und vergehen. Auf diese Weise können wir beginnen, unsere Konzepte und Interpretationen von den intellektuell begreifbaren Dingen (also von allem, was durch unsere Sinne auf uns einwirkt) einmal loszulassen; wir betrachten die Welt nach und nach immer mehr aus einer anderen Perspektive, der Perspektive des nibbâna. In sehr tiefer Meditation sehen wir, wie sich alles Formweltliche, Grobstoffliche, Materielle, alles, was unser Verstand sich so zurechtgeschliffen hat, wie er meint, dass es sein müsste, plötzlich als ausgesprochen relativ, als Illusion* herausstellt, wie die zehntausend Dinge (der taoistische Begriff für „das materielle Alles“) sich einfach in Wohlgefallen auflösen, sobald unser Denken in Konzepten und Interpretationen endet.

 Wenn sich das (Anm.: „diskursive“) Denken erhebt, erheben sich alle Dinge alle Dinge; schwindet das (Anm.: „diskursive“) Denken, schwinden alle Dinge!  (Zen-Meister Huang-Po)

 Dies ist das Ende der Welt mit seinen Formen und Gestaltungen, „dieser Welt“, und es offenbart sich die Ebene von „nicht von dieser Welt“ – die Wahre Natur der Dinge. Es offenbart sich eine Welt, in der alles Relative ein Ende findet: kein groß, kein klein, kein lang, kein kurz, kein oben, kein unten, kein gut, kein schlecht, kein schön, kein hässlich. Alles ist einfach nur so da, so wie es jetzt-hier da ist, entsteht, vergeht. Einfach nur so und derart unspektakulär, dass es schon wieder spektakulär ist!

Ich denke, diese – recht buddhistische – Sichtweise der Apokalypse wirft ein etwas weniger grauenerregendes Licht auf sie. Was aber soll dann diese Vision mit den apokalyptischen Reitern? Warum wird diese Enthüllung als so bedrohlich dargestellt?

Ohne jetzt auf die vielen verschiedenen traditionellen Interpretationen der Vier Apokalyptischen Reiter eingehen zu wollen, kann man, so glaube ich sagen, dass es im Kern um das geht, was im ZEN „mystischer Tod“ genannt wird. Dieser „mystische Tod“ hat natürlich ebenfalls nichts mit dem physischen Ableben zu tun. Wenn man in tiefer Meditation die Erfahrung der Wahren Natur der Dinge gemacht hat, dann erschließt sich, dass alles Dinge dem Wesen nach „leer“ sind. Wie erwähnt, sind in diesem Zustand alle Interpretationen, Analysen und Werturteile zum Erliegen gekommen, und es fallen alle rationalen, den Verstand durchlaufen habenden Begriffe von uns ab. Übrig bleibt eine reine, interpretationslose Wahrnehmung aller Dinge. Was hat das mit dem „mystischen Tod“ zu tun? Die Perspektive, die sich durch diese Erfahrung erschließt, betrifft natürlich auch uns selbst; wir erkennen uns selbst als unsere eigene Interpretation. Wenn wir aufhören uns zu interpretieren, sehen wir, dass auch wir selbst einfach nur so da sind – sind gut, nicht schlecht, nicht gut, nicht böse … einfach nur so da, friedlich und ein Einklang mit allen anderen Dingen, die ebenfalls nur so da sind. In diesem Atemzuge lassen wir unser Ego los, schenken jenen Ego-Strukturen, die uns wie ein Hetzhund durch das Leben der sinnlichen Begierden, Wünsche und Sehnsüchte treiben, einfach keine große Beachtung mehr – außer der, dass auch sie einfach so da sind. „Mystischer Tod“ heißt also, sich von seinen Strukturen und Mustern nicht mehr beherrschen zu lassen. Dass dies jedoch nicht einfach ist, dass man über viele Jahre entstandene Muster nicht von heute auf morgen loslässt, leuchtet ein – es ist ein harter, ein dorniger Weg [über den Begriff des Passionsweges werde ich bald an dieser Stelle schreiben]. Viele kleine Höllen gilt es zu durchqueren, manchmal scheint eine Krise die nächste zu jagen. Die Symbolik der apokalyptischer Reiter1 scheint mir recht gelungen, um auf das hinzuweisen, was dem Sravaka, dem Edlen Schüler des dhamma so blühen kann auf seinem Pfad.

Und vielleicht wird es uns durch diese Perspektive ein wenig klarer, dass der buddhistische (und auch der mystische) Weg keine Wellness-Veranstaltung ist, bei der es darauf ankommt,  ein paar Räucherstäbchen und Kerzen anzuzünden, ein paar Blümchen-Dekos aufzustellen und auf dem Meditationskissen „OM“ zu säuseln. Es geht um einen Weg der schonungslosen Selbsterkenntnis, einen Weg des sokratischen „gnotì sautòn“. Ebenso, wie es keinen Sinn macht, einen Psychotherapeuten aufzusuchen und ihm das Blaue vom Himmel herunter zu lügen, müssen wir auf dem WEG ebenfalls ehrlich sein – zu uns selbst. Das ist nicht angenehm, und manchmal macht es Angst; aber es ist der einzige Weg, ein Leben in Infriedenheit mit sich selbst und dieser Welt zu führen. In diesem Sinne schließe ich mit einem Wunsch, dessen Worte einem Buchtitel von Christopher Titmus entsprechen: Mögen alle Wesen „Angst verlieren – Freiheit finden“.Keep smiling

METTA sendet Euch von Herzen

Michael

*wohlbemerkt als Illusion, nicht als ‚Utopie‘. Es ist wichtig, das nicht zu verwechseln. Eine Illusion ist durchaus existent, sie ist nur nicht das, wofür man sie hält (etwa eine Fata Morgana). Utopie – aus dem Griechischen „οὐ“ und „τόπος“ – bedeutet „kein Ort“; sie ist also etwas, was nirgendwo und an keinem Ort, also gar nicht existiert

1] Anmerkungen zu den 4 apokalyptischen Reitern:

Ich habe im Sinne meiner Auslegung der Apokalypse auch die Reiter einmal in diesem Lichte betrachtet, und kam zu folgender Deutung:

Erster Reiter (weißes Pferd)

Traditionelle Auslegung:

Hinweis auf Krieg, der durch einen falschen Heilsverkünder begonnen wird

Alternativ:

Hinweis auf einen Krieg in uns; der falsche Heilsverkünder ist das EGO, das uns Glück und Heil durch Sinnenvergnügen verspricht; der Krieg ist derjenige, den die islamische Mystik als „heiligen Krieg“ (= dschihad) bezeichnet. Es ist der Krieg gegen die Herrschaft des EGO in uns (!).

Zweiter Reiter (rotes Pferd)

Traditionelle Auslegung: Hinweis auf Tod durch Krieg

Alternativ: Der Tod durch den inneren dschihad ist der mystische Tod, siehe oben.

Dritter Reiter (schwarzes Pferd)

Traditionelle Auslegung:

Hinweis auf Tod durch Hunger; der Reiter hält eine Waage in der Hand

Alternativ:

Hinweis auf mystischen Tod, „Tod des EGO“; die Waage in der Hand des Reiters steht sinnbildlich für Maß halten.

Vierter Reiter (blass-fahles Pferd)

Traditionelle Auslegung:

Hinweis auf Furcht, Angst vor Krankheit und Verderben; Anhaften am Leben

Alternativ:

Hinweis auf das, was im Buddhismus die „5 Hindernisse“ genannt wird. Es sind diejenigen Geisteszustände (Widerwille, sinnliche Lust, Rast- und Ruhelosigkeit, Faulheit und Ignoranz, Zweifel an der Richtigkeit des Weges), die uns vom  Erreichen der vier erhabenen Verweilzustände (brahmaviharas) Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut abhalten

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Ein Kommentar

  1. Ja, ich glaube Du hast einen ganz tiefen Einblick in unseres Seelenleben. Vor allem gefällt mir dass dies eben ein Versuch ist, den Osten mit dem Westen zu vereinigen. Ich sehe die vier Reiter als ein geistliches Erwachen der vier unteren Chakras die uns so ganz besonders Sorgen machen dabei. Auf alle Fälle ist die Beschreibung von Johannes eine PERSÖHNLICHE Erfahrung die jeder erleben kann, der ganz ehrlich ein geistliches Wachsen sucht. Die Neugierigen auf ein Zukunftswissen werden kalt abgewiesen. Cayce sagte dass da eine Verbindung stattfand zwischem dem „aufgefahrenen“ Jesus und Johannes, damit die Nachfolger von dem Herrn einen Trost bekommen sollten auf ihrer Berg und Talfahrt nach seinem Tode. Ein Wegweiser, sozusagen, als jeder die Lehren von Ihm gefolgt hat. Es waren viele dabei, wie heute wieder, die Visionen und Träume gehabt haben. Danke Dir für Dein Beitrag. Sehr gut und tief. Namasté.

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