„Leitartikel“ – Das torlose Tor

Eigentlich entstammt „Das torlose Tor“ als Koan (einem Rätsel, das oberflächlich betrachtet paradox erscheint und sich erst klärt, wenn man nicht versucht, es durch intellektuellen Zugang zu lösen) dem Zen-Buddhismus. Ich habe es zum Leitmotiv dieses Blogs gewählt, weil mich das diesem Bild zugrunde liegende Prinzip fasziniert und es – wie ich finde – unglaublich viele Antworten bereithält.

Allen voran … auf die Frage nach der Suche. „Du kannst nicht finden, bevor Du nicht aufgehört hast, zu suchen“, heißt es vielfach. Das stimmt, aber wieso ist das so? Solange wir etwas bestimmtes suchen, haben wir natürlich eine mehr oder weniger konkrete Vorstellung von dem, was wir suchen, sei es „Erleuchtung“, sei es „innerer Frieden“ oder sei es auch nur die Vorstellung selbst, dass es ein Ziel gibt, wo man hingelangen kann, und dass man dieses Ziel dem Verstand zugänglich machen kann.

Alles aber, was dem Verstand zugänglich ist, ist Interpretation und somit gefärbt von unseren individuellen neuronalen Strukturen, m.a.W. von dem, wie wir gelernt haben, die Dinge zu interpretieren und zu benennen. Was jedoch interpretiert ist, ist nicht mehr das, was es ist, wenn es ganz natürlich, bar jeder Interpretation und Deutung und Benennung ist. Unsere gesamte Wahrnehmung ist nur ein verzerrtes Spiegelbild des „Originals“, das auch gern „Wahre Wirklichkeit“ oder „Das Absolute“ genannt wird.

(Ich möchte zur Vertiefung auf einen Aufsatz auf rafananda.de hinweisen: Anatta – Nicht-Selbst)

Wenn wir das Absolute suchen (absolvere: (Lat.) Loslösen; also das vom „intellektuellen Verständnis“ Losgelöste), dann können wir dies nicht mit den Augen des Relativen tun – es wäre, als wollte man mit den Augen riechen oder mit den Ohren schmecken. Das Absolute liegt nicht im „Zuständigkeitsbereich“ unseres Verstandes. Daher ist es so wichtig, eben nicht zu suchen, das Konzept von etwas, das wir mutmaßlich finden könnten, loszulassen und statt dessen einfach nur zu schauen – urteilslos, absichtslos, interpretationslos.

„Suche es nicht, benenne es nicht, lerne es nicht;

sei weit offen wie der Himmel, und Du bist auf dem Weg“

(Zen-Meister Nansen)

 Wenn uns das gelingt, dann finden wir plötzlich etwas auf, ohne es gesucht zu haben –ganz automatisch: Die Sicht der Dinge ohne unsere konzeptuelle Färbung. Dazu gehört freilich, sich wirklich in die Lage zu versetzen zu können, alle Konzepte, Vorstellungen und Ideen loslassen zu können (nur zu können! Es geht nicht darum, sich von ihnen gänzlich abzukehren – das wäre fatal!).

Wenn der Geist ganz ruhig wird, wenn wir die Konzepte losgelassen haben, dann tut sich uns plötzlich eben die Perspektive des Namenlosen, des Absoluten auf – das ist ein Effekt von Meditation. In der Meditation geht es also nicht darum, etwas zu erreichen, zu gewinnen (oder eben zu finden), sondern darum, etwas loszulassen, weg zu nehmen, nämlich eben unsere Konzepte und gedanklichen Vorstellungen und Ideen, die allesamt unseren Blick verdunkeln.

Das wissen darum, wie die Dinge wirklich sind, also um die absolute Wahrheit (man könnte es auch das Göttliche nennen, oder das Eine), liegt also bereits in uns vor, wir müssen es lediglich wieder ent-decken, denn es ist ver-deckt eben durch die Gedanken, die uns mit den Konzepten versorgen, die uns vernebeln.

Und so kommen wir auf den Punkt: Wenn das Wissen und die Erkenntnis bereits tief in uns vorliegen, dann können wir dort nicht mehr hingelangen. Und ebenso versteht sich das torlose Tor: Wir gehen im Zuge der Erkenntnis und der Erfahrung des Einen, des Göttlichen durch ein Tor, von dem wir im Anschluss feststellen, dass da gar kein Tor war; alles – alle Fragen und alle Antworten – waren immer da, es gibt nichts, wo man hingelangen kann; man kann sich nur einer neuen Perspektive öffnen und die alte Perspektive loslassen. Dies ist das Portal …

Also gibt es doch ein Tor, durch das man gehen kann? Ja … und eben nicht … es ist ein torloses Tor. Wenn wir versuchen, hindurchzugehen, verschließt es sich! Lassen wir den Versuch los und öffnen uns ganz dem gegenwärtigen Moment, öffnet sich das Tor nicht nur, sondern es verschwindet. Es eröffnet sich die Perspektive des Ewigen, des Absoluten – dies ist die „Offenbarung“.

Metta sendet Euch

Michael

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2 Kommentare

  1. Flo

     /  14. Januar 2019

    Ich verstehe es nicht.
    Wiederspricht sich nicht Dein Versuch damit etwas zuerklären, was nicht erklärt werden kann?

    Antwort
    • Hallo Flo!
      Das, was nicht erklärt werden kann, ist das „Absolute“, das „Letztendliche“, das „Göttliche“. Es ist dies der Bereich, in den man in den (im Theravada-Buddhismus) so genannten arupa-jhanas – das sind die meditativen Vertiefungszustände, in denen alles Formhafte wegfällt – gelangt, den man aber in Worten nicht darstellen kann (oder zumindest nur in Ansätzen). Und das versuche ich hier nicht.
      Worum es mir geht ist, den „Weg dorthin“ darzustellen, zu erläutern, zu erklären, und dieser Weg führt über Konzepte, also das Begrifflich-Intellektuelle.
      In der 22. Lehrrede des Buddha in den MN (= Majjhima Nikaya) verdeutlicht der Buddha dies in seinem Gleichnis vom Floß:
      13. „Ihr Mönche, ich werde euch zeigen, wie das Dhamma einem Floß ähnlich ist, indem es zur Überfahrt da ist, nicht zum Festhalten. Hört zu und verfolgt aufmerksam, was ich sagen werde.“ – „Ja, ehrwürdiger Herr“, erwiderten die Bhikkhus. Der Erhabene sagte dieses:

      „Ihr Mönche, angenommen ein Mann sähe im Verlauf einer Reise eine große Wasserfläche, deren hiesiges Ufer gefährlich und voller furchterregender Dinge war, und deren jenseitiges Ufer sicher und frei von furchterregenden Dingen war, aber es gab keine Fähre oder Brücke, um zum anderen Ufer zu gelangen. Dann dachte er: ‚Da ist diese große Wasserfläche, deren hiesiges Ufer gefährlich und voller furchterregender Dinge ist, und deren jenseitiges Ufer sicher und frei von furchterregenden Dingen ist, aber es gibt keine Fähre oder Brücke, um zum anderen Ufer zu gelangen. Angenommen, ich sammle Gras, Zweige, Äste und Blätter und binde sie zu einem Floß zusammen, und mit Hilfe des Floßes, und indem ich mich mit Händen und Füßen abmühe, gelange ich sicher ans andere Ufer.‘ Und der Mann sammelte Gras, Zweige, Äste und Blätter und band sie zu einem Floß zusammen, und mit Hilfe des Floßes, und indem er sich mit Händen und Füßen abmühte, gelangte er sicher ans andere Ufer. Dann, nachdem er übergesetzt hatte und auf der anderen Seite angelangt war, dachte er möglicherweise: ‚Dieses Floß war mir sehr nützlich, da ich mit seiner Hilfe, und indem ich mich mit Händen und Füßen abmühte, sicher ans andere Ufer gelangte. Angenommen, ich würde es mir auf den Kopf hieven oder auf die Schulter laden, und dann gehen, wohin ich wollte.‘ Nun, ihr Bhikkhus, was meint ihr? Würde jener Mann bei solcher Vorgehensweise das tun, was er mit jenem Floß tun sollte?“

      „Nein, ehrwürdiger Herr.“

      „Mit welcher Vorgehensweise würde jener Mann das tun, was er mit jenem Floß tun sollte? Ihr Bhikkhus, nachdem jener Mann übergesetzt hatte und auf der anderen Seite angelangt war, dachte er möglicherweise: ‚Dieses Floß war mir sehr nützlich, da ich mit seiner Hilfe, und indem ich mich mit Händen und Füßen abmühte, sicher ans andere Ufer gelangte. Angenommen ich würde es ans trockene Land ziehen oder es auf dem Wasser treiben lassen, und dann gehen, wohin ich wollte.‘ Nun, ihr Bhikkhus, mit solcher Vorgehensweise würde jener Mann das tun, was er mit jenem Floß tun sollte. Also, ihr Bhikkhus, habe ich euch gezeigt, wie das Dhamma einem Floß ähnlich ist, indem es der Überfahrt dient, nicht dem Festhalten.“

      Damit setzt er selbst seine eigene Lehre, so wie er sie (in Worten) darstellt, als Konzept, als Floß, als Vehikel. Die Lehre (das dhamma) selbst aber ist nur von jedem selbst und unmittelbar zu sehen und zu verstehen. „Ehi-passiko“ – „Komm und sieh‘ selbst“

      Mit Metta
      Ajahn Atishakaro, Anagarika

      Antwort

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