Über die „Schmerzkörpertheorie“ von E. Tolle

Der Name des spirituellen Lehrers E. Tolle ist heute den meisten Menschen, die sich auf dem WEG befinden, ein Begriff. Teils hoch gelobt, teils heftig kritisiert, ist es vor allem seine „Schmerzkörpertheorie“, die lange für Diskussionen gesorgt hat und von Einigen als bahnbrechend erachtet wird. In den meisten Fällen aber stellte ich fest, dass diese Theorie mehr Unklarheit als Klarheit gebracht hat – viele haben sie einfach nicht wirklich verstanden. Ich möchte mich diesem Thema hier einmal widmen um darzustellen, ob eine Theorie wie die „Schmerzkörpertheorie“ wirklich Not tut.

In meinen Kursen und auch hier im Blog gehe ich immer wieder auf das Thema „Bedingtes Entstehen“ ein, welches Buddha lehrte. Etwas (reichlich) verkürzt möchte ich es auch hier noch einmal darstellen, da es für dieses Thema von Bedeutung ist. Es ist es so, dass durch unsere Sinnentüren (Ohr, Nase, u.s.w.) etwas auf uns einwirkt; das ist sozusagen unsere Kontaktaufnahme mit der Außenwelt. Und dann können zweierlei Dinge passieren: Entweder entsteht aus diesem Kontakt unmittelbar ein behagliches Gefühl, oder ein unbehagliches Gefühl – insbesondere im Solarplexus (abgesehen von den Dingen, die unser Gehirn schon „vor-selektiert“ [wir nehmen ja nicht alles bewusst wahr, was uns begegnet]; dann entsteht „neutrales Gefühl“); das nennt man dann Reflex-Reaktion. In den meisten Fällen aber durchläuft unsere Kontaktaufnahme noch zusätzlich unser Bewusstsein – es entsteht ein Gedanke – das nennt man dann Assoziation. Das kann aber auch ohne Reiz von Außen passieren – man erinnert sich vielleicht an etwas. In jedem Fall aber entsteht eben ein Gefühl im Solarplexus. Dieses Gefühl nehmen wir wahr. Und nun geschieht etwas Wichtiges: Wenn es ein unangenehmes Gefühl ist, wehren wir uns dagegen – das ist „Widerstand gegen den jetzigen Moment“ – – – „Du kannst dich nicht gegen das sträuben, was ist. Du kannst es zwar, aber dann leidest du“ (Tolle). Und wie entsteht dieses Leid? Indem wir beginnen, dieses unangenehme Gefühl zu denken. Wir lassen es eben nicht los, indem wir ihm erlauben da zu sein, und ihm dabei zusehen, wie es von allein geht. Wir verstricken uns in Gedanken darüber, DASS das Gefühl unangenehm ist, WARUM es entstanden ist, WIE LANGE es andauert, DASS das wieder einmal genau dann kommt, wenn wir es nicht gebrauchen können, DASS wir es nicht haben wollen, WIE grausam die Welt ist („Das Leben ist kein Ponyhof …*g“). Und hier entsteht – wieder einmal – meine oft erwähnte „Spirale des Todes“; diese „gedanklichen Ausuferungen“ (so Buddha), bewirken nämlich ihrerseits wiederum ein unangenehmes Gefühl, und so verstärkt sich der Schmerz in uns. Jeder Schmerz wird immer dann stärker, wenn wir ihn denken!  Und so entsteht nach und nach eine immer größer werdende Spannung in uns, solange, bis keine Kraft mehr da ist; die mentale Verfassung, die mit der so entstehenden Kraftlosigkeit einhergeht, nennt man … Depression.

Diese Gefühle und die Spannung, die da entstehen, haben wir übrigens dem Stresshormon Adrenalin zu verdanken – es steht in direktem Zusammenhang mit dem vegetativen Nervensystem und bereitet unseren Körper auf „Angriff, Flucht oder Verteidigung“ vor. Bleibt – eben durch diese „mentale Ausuferung“ – der Adrenalinspiegel anhaltend hoch, fühlt es sich an, als wäre da ein schmerzender „Körper in unserem Körper“; das nennt Tolle den „Schmerzkörper“.

Dieses Konzept „Schmerzkörper“ ist hernach also völlig überflüssig, wenn man das uralte Prinzip des Bedingten Entstehens, das Buddha vor 2500 Jahren lehrte, verstanden hat. Etwas „Bahnbrechendes“ ist dort nicht zu erkennen. Und es birgt sogar eine Gefahr: Wir sind stets sehr geneigt, aus einem Konzept, einer gedanklichen Vorstellung von etwas, das wir auf uns beziehen, ein „Das ist ein Teil meines Selbst / Das gehört zu mir / Das bin ICH “ machen. Wenn wir uns aber auf diese Weise mit dem „Schmerzkörper“ identifizieren, haben wir noch größere Schwierigkeiten als ohnehin schon, eben genau diese schmerzhaften Gefühle loszulassen, sie liebevoll anzunehmen, im Sinne eines „Das BIN nicht ICH – das ist nur da.“ Somit ist das Konzept „Schmerzkörper“ nicht nur überflüssig, sondern sogar kontraproduktiv.

Nun sagt Tolle ja (zutreffend), dass man diesen „Schmerzkörper“ einfach anschauen solle: „Akzeptieren heißt, die Gefühle zuzulassen, die du im Augenblick empfindest. Es gehört zum Sosein des Jetzt. Du kannst dich nicht gegen das sträuben, was ist. Du kannst es zwar, aber dann leidest du“. Buddhas Worte … Aber im Gegensatz zu Buddha verrät uns Tolle nicht WIE man zur „Akzeptanz des gegenwärtigen Momentes“ gelangt. Buddha hingegen lehrt: Wenn Du wirklich achtsam bist und sofort bemerkst, wenn ein Gefühl entsteht und aus diesem Gefühl diese besagte Widerstands-Spannung, dann hast Du die Möglichkeit, diese Spannung sofort abzubauen, ohne in die Falle der „mentalen Ausuferungen“ zu tappen. Wie das funktioniert kannst Du, wenn Du magst, in meiner Broschüre über die Liebende-Güte-Meditation nachlesen – hier findet sich das von Buddha gelehrte Prinzip des sechsten Gliedes des Achtfachen Pfades: Harmonisches Sichbemühen, das ich in „BLESSED“, dem Kreis, den es immer und immer wieder zu durchlaufen gilt, bildhaft darstelle.

Kurzum: Es wird heute von vielen spirituellen Lehrern viel gelehrt und verkauft. Schaut man genau hin, findet sich dort aber meist auch nichts Neues; meist werden der Lehre Buddhas nur einfachere (und die Lehre oftmals verwässernde) Worte gegeben. So jedenfalls sehe ich es. Und nun kommst Du … 😉

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2 Kommentare

  1. Hm… Just in diesem Moment passiert etwas, das mich den Schmerzkörper so sehr fühlen lässt – und dann noch dein Artikel über eben diesen und über das Bedingte Entstehen – na wenn das nicht passt… 😉
    Du schriebst u.a. „Das bin nicht ich – das ist nur da.“ Hm, weißt du, ich überlege schon lange darauf herum. Ich glaube wir hatten das Thema ja auch schon mal auf meinem Blog. Sich mit den Dingen identifizieren oder nicht…sagen, das gehört nicht zu mir, das ist nur da…oder es liebevoll annehmen, als einen Teil des Selbst…hm. Ich habe immer ein komisches Gefühl dabei, wenn ich sage, „das ist nicht meins“. Obgleich ich natürlich weiß, wie du es meinst. Und wahrscheinlich sollte ich nicht so viel darauf herumdenken, denn letztlich kommt es eben auf die liebevolle Annahme an. Und wie sich die genau vollzieht, ist nicht wichtig – nur dass sie passiert, ist wichtig.
    Aber bitte sei doch nicht so hart mit Hernn Tolle, du weißt doch – ich mag ihn so. 😉 Er hat schließlich vielen Menschen eine Menge Leichtigkeit gebracht – und nur darauf kommt es doch letztlich an. Wir befinden uns alle auf dem WEG und helfen uns gegenseitig, geben Impulse, pflanzen Samenkörner…da finde ich es nicht schlimm, wenn jemand mal nicht das gesamt Spektrum abdeckt. Jeder trägt eben einen kleinen Teil dazu bei… Hm, außerdem meine ich mich daran zu erinnern, Herrn Tolle auch schon mal über Wege zur Auflösung dieses Leids reden gehört zu haben. Gibt viele tolle Videos von ihm bei Youtube.
    Liebe Grüße!
    Meike

    Antwort
    • Vielen Dank, Meike, für Deinen Kommentar 🙂
      Nun, um es noch einmal etwas präziser auszudrücken mit dem „Das bin nicht ich …“: Zu sagen: „Das gehört nicht zu mir“ wäre sicherlich verfehlt, denn auf (grob)stofflicher Ebene ist das alles, was wir denken und empfinden ein Teil von uns, als „grobstoffliche Manifestierung des individuellen ‚ich‘, das wir jetzt-hier sind“ – so könnte man vielleicht sagen. Der wesentliche Unterschied besteht darin, ob man sich mit den Vorgängen im „Innen“ identifiziert, sie also zu einem Teil seiner Geschichte macht und dadurch das „Ego-Bewusstsein“ stärkt – dann kann man diese Dinge weniger leicht loslassen; oder ob man sie als einfach nur da seiend annimmt in dem Sinne, dass man sie nicht als für das so genannte Selbst „essenziell“, als „wesentlich“, als „eigen-tlich“ betrachtet. Denn dann wird es – konsequenter Weise – unwesentlich, und man kann es loslassen, gleichviel, ob es sich um physischen oder psychischen Schmerz handelt.
      Weißt Du, ich bringe manchmal gern das Beispiel des Patellarsehnen-Reflexes, über den sich Kinder manchmal totlachen können. Da ist kein „Ich“ enthalten … „Ich“ mache gar nichts – das Knie bewegt sich ohne mein Zutun. Und so ist es eben auch mit allem physischen und psychischen Schmerz. Es ist nur da – kommt und geht ohne mein Zutun, es sei denn … ja … es sei denn, ich halte es fest, denn „das ist ja MEINS“.
      Zu Herrn Tolle … naja, Du hast ja irgendwo Recht … ich habe nur so oft erlebt, dass heute so vieles vom Buddhismus abgekupfert und als Eigenes dargestellt wird. Das mag bis zu einem gewissen Grad auch o.k. sein, doch warnt Buddha selbst davor (und übrigens auch die Bibel, Offenbarung 3, 16: „Weil du aber lau bist und weder kalt noch warm, werde ich dich ausspeien aus meinem Munde.“), den WEG nur halbherzig zu gehen. Bücher aus der Kategorie „Erleuchtung leicht gemacht“, von denen es heute viele gibt (nicht unbedingt jetzt E. Tolle) führen nicht zur letztendlichen Befreiung von Leid. Und mich erschreckt manchmal, wie ‚Spirituelle‘, die sich mit den mundgerechten Häppchen zufrieden geben, die ihnen einige Lehrer servieren, sich anderen Mitwesen gegenüber verhalten. Das gilt nicht für jeden, aber allzu oft habe ich es so erlebt. Und das macht mich traurig.
      METTA & SMILES sendet
      Michael

      Antwort

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