Vergeben und Vergessen, Teil II

Vergeben und Vergessen, Teil II – „Wie kann man nur so ätzend sein …“

(Oder: praktiziertes Mitgefühl)

„Nur Liebe, nur Liebe – wie haben sonst kein Werk“

(Dschelalleddin Rumi, islam. Mystiker)

 Vor einiger Zeit berichtete eine Freundin über einen ganz alltäglich anmutenden Vorfall auf dem Wochenmarkt in Münster: Eine ziemlich mürrische Frau an einem Brotstand, die erst ihrer kleinen Tochter verbot, den süßen Hund eines anderen Kunden zu streicheln („die haben Flöhe!“) und dann die Verkäuferin anherrschte, gefälligst das Brot mit Handschuhen anzufassen, das sei doch ohnehin Hygienevorschrift. Und als sie merkte, dass man ihr Verhalten ringsum „wohl auch noch witzig“ fand, habe sie zu  ihrer Tochte gesagt: „Hier kaufen wir nicht noch mal“.

Es gibt wirklich viele Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung, die „richtig ätzend“ sind, die nur herumnörgeln, die Welt morgens schon einmal auf Verdacht verfluchen und sich und anderen mit ihrer destruktiven Art das Leben unaufhörlich schwer machen. Wie geht man mit ihnen um? Wie gehen WIR als Menschen des „WEGES“, des spirituellen Pfades mit ihnen um? Ich antwortete seinerzeit:

„Eine der wohl größten Herausforderungen, denen ein “Spiritueller” gegenübersteht, ist wohl, leidenden Wesen wie dieser Frau Mitgefühl und METTA (Liebende-Güte) entgegen zu bringen; aber wenn es uns gelingt, fühlt es sich wahrlich schön an, und dieses schöne Gefühl ist wiederum die Nahrung der Liebenden-Güte, die wir dann wieder in die Welt geben können. Ein wundervoller Kreis.“

Mir wurden daraufhin viele Fragen gestellt, wichtige Fragen, wie ich finde, und ich möchte ihnen daher ein wenig Platz widmen:

„Es ist eine Sache in den eigen vier Wänden (oder in einer Höhle im Himalaja) zu meditieren und von universalem Mitgefühl durchströmt zu werden und eine ganz andere, damit in der Welt zu sein“. –

Methodische Meditation (ich spreche hier stets von anapanasati-vipâssana-bhâvana und metta-vipâssana-bhâvana Meditation) eröffnet uns den Weg, ein tiefes Verständnis in das Wahre-Wesen der „zehntausend Dinge“ zu erlangen. Bereits auf noch nicht sehr tiefen Meditationsstufen (jhâna) empfindet man mitunter ein Gefühl großer Freude und Glückseligkeit. Das besondere an dieser Freude ist, dass sie nicht objektbezogen ist – es ist eine Freude um ihrer selbst Willen, die einfach so entsteht, ohne an etwas gebunden zu sein. Es ist diese Freude (einige nennen es das „lichte Wesen in uns“), die uns stets begleitet; sie kann nicht schwinden, denn sie ist unser ganz natürlicher Zustand, der Zustand des gefühlten Einklanges mit dem Tao. Nun können wir trainieren, das Empfinden dieses Gefühl zu … kultivieren. Da es stets da ist, können wir es jederzeit in uns wach rufen / heller scheinen lassen. Das ist das Prinzip der buddhistischen Metta-Meditation: Wir holen in uns jenes Gefühl der objektlosen Freude hervor – und zwar möglichst während unserer gesamten Wachzeit. Auf diese Weise holen wir es in den Alltag hinein. Als erstes gilt es also einmal, uns selber in einen freudvollen Zustand zu versetzen, getreu dem Motto „Liebe Deinen Nächsten WIE DICH SELBST“ – die Kraft den Nächsten zu lieben holen wir uns aus der Liebe und Freude, die wir uns selber schenken. Dann, und das ist der zweite Schritt, kann man dem Nächsten – wie z.B. dieser Frau auf dem Markt – Liebende-Güte senden.

„Was bedeutet es, Mitgefühl zu empfinden? Ist eine Art “höherer” Auftrag damit verbunden? oder ist der Wunsch, es auszudrücken, ein persönlicher, möglicherweise entstehend durch den Wunsch, sich besser/weiter/höher zu fühlen?“ –

Wenn uns jemand wie diese Frau begegnet haben wir unterschiedliche Möglichkeiten zu handeln: Wir können ihr Leid erkennen und Mitleid empfinden. Dann aber tendieren wir tatsächlich dazu, eine Art Arroganz aufkeimen zu lassen – das ist nicht heilsam (und meist ist es dann auch kein echtes Mitleid). Noch weniger heilsam ist es aber, überhaupt und wirklich mit-zu-leiden. Wie es Euch geht, weiß ich nicht, aber ich möchte nicht leiden, und schon gar nicht unter dem Leid eines Anderen. Buddha Gautama lehrte den Weg der Beendigung von Leid; wenn ich leide, habe ich keine Kraft, anderen Menschen Liebende-Güte zu schenken. Ich mache das Leid des Anderen zu meinem Leid, und das führt zu nichts, denn geteiltes Leid ist nicht halbes Leid! Und wenn ich den Ärger, die Wut, den Hass des Anderen persönlich nehme und ihn so, zu meinem Hass mache, dann werfe ich ihn der anderen Person zurück und entgegen, und beschimpfe sie vielleicht und es entwickelt sich eine Situation, in der keiner mehr dem anderen zuhört. In einem solchen Fall – leider wohl dem häufigsten Fall – herrscht Krieg, als Folge meiner Re-aktion auf eine Handlung. Ich re-agiere, ich agiere nicht. Ich kann aber auch einfach agieren, und diesem Menschen Mitgefühl entgegenbringen. Was aber ist nun Mitgefühl? Mitgefühl bedeutet

– das Leid des Anderen zu sehen und der Person ZU ERLAUBEN SEINEN SCHMERZ ODER IHR LEID ZU HABEN,

– dem Leid seinen Raum zuzugestehen, ohne dagegen Widerstand zu leisten – und

– DIESE PERSON DESSEN UNGEACHTET ZU LIEBEN

Was immer diese Frau in diesem Moment sagte oder tat, es war nicht wichtig! Es ging ihr nur darum, Recht zu haben oder Hass zu schüren oder was immer … wirklich etwas zu sagen hatte sie nicht. Statt ihr also zuzuhören, warum nicht jenes freudige Gefühl von Liebender-Güte in unserer Brust entstehen lassen und sie ihr senden. Baue einfach eine imaginäre Brücke von Deinem Herzen zu ihrem Herzen, und lasse Liebe, Wärme und Güte zu dieser Person fließen. Der Erfolg dessen ist zumindest, dass in Dir ein Gefühl von Frieden entsteht, und dieses hilft dabei, die Spannung, die in Dir entstanden ist, loszulassen und sehr im Jetzt-Hier zu sein – friedlich und voller Ruhe.

„Und darüber hinaus?  Wäre überhaupt irgendein authentischer Ausdruck von Mitgefühl bei ihr angekommen?“

Die Praxis Liebender-Güte zielt in erster Linie darauf ab, dass der Praktizierende ein Gefühl von Freude, von Harmonie, von Frieden in sich empfindet – so oft und so lang wie möglich. Das hat dem Buddhismus den Ruf einer egoistischen Religion eingebracht. Aber: „If you want to affect the world around you positively, then BE POSITIVE” (Bhante Vimalaramsi). Wir haben keine andere Möglichkeit, als unseren Mitmenschen Mitgefühl und Liebende-Güte entgegen zu bringen – man kann niemanden zu seinem Glück zwingen, indem man ihm die rechte Sichtweise aufzwängt. Betrachten wir es also nicht als ein „immerhin ist mir selbst  damit geholfen“, sondern als ein „hey, ich erschaffe mir selbst die Basis, Liebe zu schenken, indem ich das Fundament der Liebenden Güte in mir selbst frei lege“ – ist das nichts? 😉

Zum zweiten kommt es bei der anderen Person auf jeden Fall an, denn durch Deine Praxis Liebender-Güte (wie durch jede spirituelle Praxis) hebst Du das global – nein, universal das „Schwingungsniveau“. „Wenn auch nur ein Mönch in irgendeiner Höhle Zazen praktiziert“, sagte mal ein Zen-Meister, „praktiziert die ganze Welt Zazen“. Schenke Liebe und Güte, und die ganze Welt schenkt Liebe und Güte – denn wir sind nicht getrennt voneinander … Aber noch etwas: Auch wenn es etwas esoterisch klingen mag: Wenn wir einmal unterstellen, dass alles Schwingung ist, alles das Eine Sein, alles der Eine Geist, und vor diesem Hintergrund einmal betrachten, dass, wie tausendfach berichtet worden ist, Mütter den Tod ihrer Söhne an der Front sekundengenau daheim erlebt haben, dann fällt mir kein Grund ein, warum nicht, je feinstofflicher wir durch unsere spirituelle Praxis werden, wir eine Verbindung herstellen können, einen „Kanal“ zu anderen fühlenden Wesen, durch den wir Liebende Güte gleichermaßen hindurch senden können. Der Andere kann das spüren – das berichten viele Praktizierende der Metta-Meditation (ich selbst hab es im Ansatz auch erlebt). Und warum soll man durch Verwünschung Negatives jemandem senden können, aber nicht Positives durch das Aussenden von Metta? Für mich absolut stimmig.

„Mir scheint, Mitgefühl allein anhand des Ausdrucks erkennen zu wollen, ist nicht möglich…und es situationsabhängig und auf meine authentische Weise zum Ausdruck zu bringen, wenn ich das Bedürfnis habe, es zu tun, ist das, was sich für mich richtig anfühlt – gibt es eine Möglichkeit, es als gelungen oder nicht gelungen zu beurteilen? anhand welcher Kriterien? kann es universal gültige Mitgefühlausdrucksregeln geben?“ –

Spielt das nach all dem Gesagten noch eine Rolle? Was hält uns davon ab, während unserer gesamten Wachzeit (oder jedenfalls, wenn wir uns nicht grad auf unsere Arbeit konzentrieren müssen … aber vielleicht selbst dann) uns selber und anderen fühlenden Wesen Liebende-Güte zu schenken? Ich spreche von Großzügigkeit und Freigiebigkeit (dâna), im Übrigen etwas, was der Buddha Gautama immer und immer wieder lehrte! Wir haben unfassbar viel Liebe in uns – geben wir sie weg an die fühlenden Wesen, die sie grad brauchen, weil ihre eigene Freude der Liebe durch Gedanken überschattet ist. Das Geben Liebender-Güte kann uns selbst wiederum mit großer Freude erfüllen, und das hat eine erstaunliche Konsequenz: Ein freudiger Geist ist ein leichter, offener und unverkrampfter Geist, im Gegensatz zu einem Geist, der konzentriert ist oder Widerstand leistet gegen die Wahrheit des jetzigen Momentes. Widerstand ist Verkrampfung! Also lösen wir einfach unsere Verkrampfungen, dadurch lassen wir unseren Widerstand los, das „negative Begehren“ löst sich auf, und es tritt ein Gefühl großer Infriedenheit ein – kein Gedanke mehr, keine Spannung … nichts … nur Ruhe, Frieden. Und dieser weitoffene und friedvolle Geist ist der Geist, der gut meditiert! Unsere Meditationen werden tiefer und „besser“, je weicher und freudvoller unser Geist ist, und das bedeutet wiederum große Fortschritte in der spirituellen Praxis, und hieraus entsteht Freude, und diese nährt unsere Liebende-Güte, und diese weiter zu geben erfüllt uns mit Freude, und Freude macht den Geist ruhig und klar (wer Freude empfindet ist sehr im Jetzt-Hier), und ein ruhiger klarer Geist meditiert gut – das ist die Wirkung von Metta-Meditation.

Ich denke, gehirnakrobatische Verrenkungen wie „kann es universal gültige Mitgefühlausdrucksregeln geben?“ führen vergleichsweise nicht weit.

MAHA-METTA wünscht und sendet Euch

Michael

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2 Kommentare

  1. Vivien

     /  11. Juli 2012

    Hallo lieber Michael,
    der Beitrag hat mir gut getan, ich habe gerade jemanden der Leid erfährt und dem ich mein Mitgefühl und Metta schenken möchte. Und siehe – es klappt!

    Antwort
  2. Hach Vivien,
    das sind mir die liebsten Beiträge und Kommentare 🙂 – ich freue mich wirklich sehr (sorry übrigens für die späte Antwort – bin mit dem Bloggen noch nicht so vertraut *smile).
    Liebende-Güte und Vergebung sind sicherlich die am schwierigsten umsetzbaren Formen der Meditation, dafür aber auch die Fruchtbarsten und Schönsten – eben auch für einen selber. Hier nämlich beginnt sich die „Spirale der Liebenden-Güte“ nach oben zu drehen: Die Freude des Nächsten (oder auch nur die Linderung des Leids, die ich schenken kann) wird meine Freude („mudita“ = Mitfreude), diese gibt mir Kraft für die meditative Praxis, und hieraus entsteht wieder ein stärkeres Gefühl von metta; metta weiterzugeben lässt wiederum Freude beim Anderen und bei mir entstehen u.s.w. … 🙂
    Irgendwie schön, oder? Und … eigentlich ganz einfach …;)
    MAHA-METTA 2 U & keep smiling 🙂
    Michael

    Antwort

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