„Quod esset demonstrandum“ – Der Beweis des Letztendlichen

Ich lese auf Meikes Blog immer und immer wieder den Artikel „Vielleicht …“ ; ich finde ihn wundervoll und wollte immer wieder einen Kommentar zu ihm schreiben. Aber ich entschloss mich, ihn stehen zu lassen, wie er ist, da er eigentlich alles beinhaltet – seine Aussage ist abschließend. Und doch möchte ich mich dem Thema an dieser Stelle kurz widmen, weil ich es sehr interessant finde. Meike schreibt:

Wir sind Unwissende und werden es vielleicht auch für immer bleiben, zumindest wenn man es aus einem gewissen, ein wenig rational geprägten Blickwinkel betrachtet. Doch dieser ist für mich nicht mehr vorrangig. Ich brauche keine (wissenschaftlichen) Beweise. Ich bewege mich darüber hinaus, weil ich die Beweise in mir selbst finden kann. Und die reichen mir vollkommen. Selbst wenn sie sich “nur” auf das Fühlen gründen.“

Was ist eigentlich ein Beweis?

Die aristotelische Lehre der Logik vom Syllogismus legt zugrunde, dass ein Beweis aus drei Teilen besteht, dem Obersatz, dem Untersatz und dem Schluss. Das bekannteste Beispiel mag sein:

 Alle Menschen sind sterblich

Alle Griechen sind Menschen.

Also sind alle Griechen sterblich.

 Logik kommt von λόγος („logos“), das bedeutet „Das Wort“. Das Wort, die Sprache überhaupt sind jedoch immer unzulänglich, Dinge in ihrer letztendlichen Natur zu beschreiben. Warum? Weil sie „abgeleitete Konzepte“ sind. Was meine ich damit? Worte geben wieder, was unser Intellekt erfasst, verarbeitet, analysiert, interpretiert hat. Das, was wir von unserer Umwelt wahrnehmen ist also nur ein „Abbild“ unserer Unwelt, etwas, womit wir gewissermaßen umgehen, ihrer ‚intellektuell habhaft’ werden können. Was wir da zu erfassen meinen, hat jedoch mit der letztendlichen Wirklichkeit (dem „Absoluten“) nicht viel zu tun. Wenn aber unsere Wahrnehmung schon nicht das erfasst, was tatsächlich da ist, wie sollen es dann unsere Worte, die ja erst aus der intellektuellen Verarbeitung stammen und ihrerseits lediglich „Konsensgebilde“ sind. „Der Begriff ist niemals das Ding selber“, sagt Krishnamurti. Aber nicht einmal das Konzept, die Vorstellung dessen, was wir beschreiben, entspricht dem Ding selbst. Das macht zunächst jeden Beweis per se hinfällig. Jeden? Nein, nicht ganz, denn in dieser Welt, in der Welt des intellektuell Begreifbaren und des Benennbaren, der relativen Welt, sind Beweise (oftmals) ebenso nützlich wie die Worte selber und die Konzepte, die durch die Worte ausgedrückt werden – ohne sie könnten wir so, wie die Menschheit heute gestrickt ist, gar nicht existieren.

Aber hier ist von etwas ganz anderem die Rede, nämlich von jener höheren Warte, dem „Letztendlichen“, dem „Göttlichen“, dem „Absoluten“. Diese Ebene spottet jeder Begrifflichkeit und somit auch jeden Versuchs eines Beweises. Und es tut auch keines Beweises Not – denn wofür brauchen wir Beweise? Um mit Hilfe des Intellekts zu überzeugen. Wen zu überzeugen? Diejenigen, die anderer Ansicht sind als wir. Damit liegen sich zwei Konzepte feindlich gegenüber, die eben durch ihre Eigenschaft als Konzepte bereits selbst jeweils unsinnig sind. Oder, wir wollen uns selbst überzeugen. Dafür bedarf es aber ebenfalls keines Beweises, weil, wie Meike so schön schreibt, diese Überzeugung „sich auf ein Gefühl gründet“; ich würde es eher „Erfahrungswissen jenseits der Worte“ nennen, meine aber dasselbe. Also brauche ich auch hierfür keine Beweise.

Ist denn jeder intellektuelle Zugang zu spirituellen Dingen völlig überflüssig? Ich denke nicht, denn sogar Buddha selbst lehrte „diskursiv“ und versuchte, den Menschen seine Lehre zunächst über den Verstand zugänglich zu machen. Wir Menschen bedürfen dieser „Initialzündung“, und ich glaube, der intellektuelle Zugang zur Spiritualität ist sogar sehr hilfreich. Denn wir bemühen uns ja, unseren Geist, unsere Gedanken, unsere Analyse zur Ruhe zu bringen. Das gelingt etwas leichter, wenn man dem Verstand etwas zu Fressen vorwirft – dann ist er satt und befriedigt und denkt nicht mehr so viel, und „wir“ haben unsere Ruhe (das klingt jetzt nur s, als würde ich den Verstand von uns abtrennen – er gehört natürlich zum „wir“ dazu!).

Zudem kennt jeder (!), der sich auf dem WEG befindet, die Zweifel, die immer wieder an einem nagen, das Ego, das sich gegen das Erwachen aufbäumt, als hinge sein Leben davon ab (naja, irgendwo ist es ja auch so … aber dazu an anderer Stelle). Durch Dinge, die uns intellektuell zugänglich sind, können wir das Gefühl des Erfahrungswissens wieder fühlbar machen, welches sonst durch zweifelnde Gedanken abgewürgt wird. Daher kann es ebenso hilfreich sein, sich mal wieder mit der „Schwingungstheorie“ auseinander zu setzen, wie einfach mal wieder leichte Kost wie E. Tolle zu lesen … so zu sagen als Erinnerung[1] an das, was man eigentlich schon weiß und das in sich stimmig ist. Nur sollte man die Insichstimmigkeit dessen nicht mit „Beweis“ verwechseln! Es gab und gibt Theorien in der Welt, deren Herleitung durchaus in sich stimmig ist, gleichwohl aber unsinnig und zudem ethisch und moralisch hochgradig verwerflich.

Verlassen wir uns einfach auf die gefühlte Insichstimmigkeit, eine, die wir selbst erfahren haben (und nicht aus Büchern). Wir müssen uns nicht, wie im Zen-Buddhismus üblich, gänzlich dem Intellekt verschließen; damit wären wir auch nicht sehr liebevoll und sanft mit uns selbst, zudem „buddhistischer als der Buddha“. Wenn wir uns im Klaren darüber sind, dass ein „spiritueller Beweis“ immer nur subjektiv als solcher erfahrbar und nicht mitteilbar ist, sind wir auf der sicheren Seite.

Vergessen wir nicht:


[1] Das arabische Wort „dikhr“ für Gebet heißt übrigens eigentlich „Erinnerung“

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6 Kommentare

  1. Hi Michael!
    Du schriebst: „…in dieser Welt, in der Welt des intellektuell Begreifbaren und des Benennbaren, der relativen Welt, sind Beweise (oftmals) ebenso nützlich wie die Worte selber und die Konzepte, die durch die Worte ausgedrückt werden – ohne sie könnten wir so, wie die Menschheit heute gestrickt ist, gar nicht existieren.“ Hm, da hast du natürlich recht.
    Und du schriebst ebenso: „Verlassen wir uns einfach auf die gefühlte Insichstimmigkeit, eine, die wir selbst erfahren haben (und nicht aus Büchern).“ Das fand ich schön, weil es genau das ist – diese „gefühlte Insichstimmigkeit“. Diese ist es, die…fernab von der Möglichkeit, es jemand anderem…durch Worte erklären zu können, alles verändert. Diese gefühlte Instimmigkeit als Teil eines inneren Leitsystems, das uns den Weg weist und das der Orientierung dient. Es ist so lohnend! Es ist SO lohnend, weiter voranzugehen.
    Ach, mir fehlen die Worte… 😉
    Liebe Grüße!

    Antwort
  2. Ich kann’s nicht lassen, mich trotzdem immer auf die Suche nach Beweisen zu machen, die wissenschaftlich haltbar sind, eigentlich sind die auch erbracht, aber die extremsten Skeptiker kann man doch nie überzeugen, weil die dann einfach festlegen, was Wissenschaft ist 🙂

    Antwort
    • Nun, das ist Dir ja unbenommen 😉 Mir persönlich stellt sich die Frage, wohin es führt … aber hierzu in einem demnächst erscheinenden Artikel … 😉
      Mit Metta
      Michael

      Antwort
  3. Mit wissenschaftlichen „Beweisen“ ist das so eine Sache, weil Wissenschaft ein fortlaufender Prozess ist und jede neue Erkenntnis neue Fragen aufwirft. Was gestern bewiesen wurde, kann heute widerlegt werden. Leider scheint es aber manchmal so, dass die offizielle Wissenschaft mit ihren Dogmen heute vielfach anstelle der Religionen mit ihren Dogmen getreten ist. Erkenntnisse, die nicht ins offizielle Weltbild passen, werden oft lächerlich gemacht oder im schlimmsten Fall unter den Tisch gekehrt.
    Der Rat mit der „gefühlten Insichstimmigkeit“ fühlt sich für mich sehr stimmig an 😉 und ich sollte ihn wirklich öfter beherzigen …
    Was den Intellekt bzw. den Verstand anbetrifft, so könnte man sich vielleicht die Aussage von Albert Einstein durch den Kopf gehen lassen: „Die Intuition ist ein göttliches Geschenk, der denkende Verstand ein treuer Diener. Es ist paradox, dass wir den Diener verehren und die göttliche Gabe entweihen.“
    Liebe und Licht von
    Stefanie

    Antwort
    • Hallo Stefanie!
      Danke vorab für Deinen Kommentar 🙂 Das Zitat von Einstein gefällt mir sehr gut – es trifft den Nagel auf den Kopf … durch den man sich das Zitat hingegen aber vielleicht nicht gehen lassen sollte, sondern eher .. durch das Herz 😉
      Wie ich Violet schon andeutete, schreibe ich eben an einem Artikel über diese Thematik der Beweise, diesmal etwas präziser und abstellend auf esoterische Sachverhalte. Aber im Wesentlichen bleibt die Aussage, dass Beweise lediglich Phänomene und Erscheinungen der relativen Welt anlangen, im Zentrum stehen. Alles weitere dann …
      Mit METTA
      Michael

      Antwort
      • Hallo Michael, da bin ich ja sehr gespannt auf Deinen Artikel! Ich glaube auch, dass Beweise nur für die relative Welt gelten. Unser Gefühl/die Intuition ist der beste Wegweiser…

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