Ganztägige Meditation

oder: Leben ist Meditation – Meditation ist leben

Dar arabische Begriff für Gebet ist dikhr; er bedeutet ursprünglich „Erinnerung“. Erinnerung an was? Im buddhistischen Sinne würde darauf geantwortet: „Sich stets daran zu erinnern zu beobachten, wie die Aufmerksamkeit sich (ohne unser Zutun) von einem Sinneneindruck (auch Gedanken) zum nächsten bewegt“. Hierfür und für die meditative Alltagspraxis (also so zu sagen für das ganztägige „Gebet“) sollen die folgenden Tipps behilflich sein:

0. Der Tagesbeginn

Der für die meditative Alltagspraxis schwierigste Tagesabschnitt ist die Zeit, nachdem der Wecker geklingelt hat und man aufstehen muss, da die Achtsamkeit nach dem Erwachen noch sehr gering ist. Nun, Buddha sagt: „Wie immer Du mit dem gegenwärtigen Moment umgehst entscheidet darüber, was im nächsten Moment passiert.“ Willst Du den Tag achtsam gestalten, solltest Du also sehen, dass Du schnellstmöglich in die Achtsamkeit gelangst.

Ich schlage vor, schreibe Dir einen Zettel (am Besten ausgedruckt), lege ihn Dir neben Dein Bett, und nimm ihn gleich nach dem Erwachen zur Hand. Auf ihm kann stehen:

„Ok … nimm einen tiefen Atemzug und

 entspanne Deine Gesichtszüge … Deinen Geist … Deinen Körper … Lächle …!

«Möge ich heute liebevoll und achtsam sein. Möge ich mit einem liebevollen Lächeln beobachten, wohin meine Aufmerksamkeit sich bewegt – von Moment zu Moment.»

«Mögen all meine Gedanken begleitet sein von liebevoller Achtsamkeit»

(entspanne mit einem tiefen Atemzug – lächle);

«Mögen all meine Worte begleitet sein von liebevoller Achtsamkeit»

(entspanne mit einem tiefen Atemzug – lächle);

«Mögen all meine Handlungen begleitet sein von liebevoller Achtsamkeit»

(entspanne mit einem tiefen Atemzug – lächle)“.

 Wenn Du daraufhin aufstehst, begleite tatsächlich jede Deiner Handlungen mit liebevoller Achtsamkeit; Du kannst dabei im Geiste sagen: „Liebevoll (= lächelnd) und achtsam (= Aufmerksamkeit beobachtend) aufstehen; liebevoll und achtsam den Bademantel anziehen; liebevoll und achtsam Zähne putzen u.s.w. u.s.f.

Das Beste wäre natürlich, wenn Du Dir morgens eine halbe Stunde nehmen würdest um die Vorsätze (Silas) für den Tag zu sprechen. Dazu hier.

1. Vergiss „Multitasking“!

Mache immer nur eine Sache gleichzeitig! Multitasking ist eine Gesellschaftskrankheit, die uns enorm unter Druck setzt und uns bis in die letzten Winkel des Alltags begleitet. Es ist ein ausgezeichnetes Mittel zum provozieren von Burnout und/oder Magengeschwüren, macht Raucher zu Kettenrauchern und liebevolle Eltern zu Furien! Und das, obwohl es Multitasking gar nicht gibt, so hat die Wissenschaft festgestellt; das Gehirn kann immer nur eine Sache gleichzeitig machen – die Frage ist nur, wie schnell man wechseln kann.

Vergiss also Multitasking und leiste einen Beitrag zur Entschleunigung sowie zur Schärfung Deiner Achtsamkeit. Überdies geht es auch um die Frage der Würdigung des gegenwärtigen Momentes. Erledige also in Ruhe eines nach dem anderen – liebvoll und achtsam. Geist und Körper werden es Dir danken!

2. Halte Deinen Körper entspannt

Eine andere Gesellschaftskrankheit ist die ewige Verspanntheit, vorwiegend im Nacken und Rücken. Vor allem (beobachte das einmal) neigen wir ständig dazu, unsere Schultern hoch zu ziehen – eigentlich ein Zeichen von Unsicherheit und Ängstlichkeit …! Wo Du also gehst und stehst, scanne gelegentlich Deinen Körper etwa wie beim Body-Relaxing-Verfahren. Besonders dann, wenn man irgendwo steht und wartet (Bushaltestelle, Kasse im Supermarkt) kann man das sehr gut machen. Eine Anleitung zum entspannten Stehen (und mehr) findest Du übrigens hier (ab Minute 10).

3. Lächeln

Liebevolle Achtsamkeit bedeutet „lächelndes Beobachten“. Auf die Bedeutung des Lächelns kann nicht oft genug hingewiesen werden – die Teilnehmer meiner Kurse haben mir samt und sonders bestätigt, dass bereits nach einigen Tagen vermehrten Lächelns eine Veränderung der Geisteshaltung zum Positiven erkennbar war. Merke: Nur Dein Ego und Deine Konditionierung halten Dich davon ab, in jeder Lebenslage (leicht) zu lächeln!

4. Kein TV, keine Nachrichten, keine Zeitung

Wir belasten unser Gehirn und unser emotionales Gesamtgefüge mit Unmengen negativer Informationen; die meisten schlimmen Nachrichten können wir nur zur Kenntnis nehmen, ohne sie je ändern zu können (lies hierzu doch mal diesen schönen Artikel). Aber Nachrichten über z.B. eine Gewalttat in Deiner Stadt begleiten Dich – manchmal erinnert man sich noch Monate später daran. Das liegt daran, dass der „Beschützer“ in uns meint, er müsse alle potentiellen Gefahrensituationen auf dem Schirm haben, um jederzeit abwehrbereit zu sein. Überflüssig zu erwähnen, dass das grober Unsinn ist – aber so arbeitet unser Gehirn nun einmal. Das bedeutet nicht, vor allem die Augen zu verschließen; die Informationen, die wir wirklich brauchen, kommen zu uns – wir brauchen nicht zu ihnen zu gehen! Vertrau einfach darauf, und belaste Dich nicht über Gebühr mit schlimmen Dingen – damit erschaffst Du nur Dein eigenes Leid zuzüglich zu dem der Anderen.

5. Sich vergeben

Und wenn Du mittels irgendwelcher negativen Gedanken (Sorge, Ärger, Wut, Eifersucht, Angst …) doch gelegentlich Dein eigenes Leid verursachst (und das tun wir alle gelegentlich), dann vergib Dir dafür. Mach Dir kurz bewusst, dass all diese Leid und Schmerz verursachenden Gedanken lediglich konditionierte Strukturen in Deinem Kopf sind, nur zufällig entstehende neuronale Verknüpfungen – das bist nicht Du, das ist nur da (soz. als Anteil in Dir). Vergeben heißt: „Da sein lassen“. Das bedeutet: Wenn immer negative Gedanken da sind, dann lassen wir die Gedanken einfach da sein und vergeben uns in diesem  Bewusstsein mit den Worten: „Ich vergebe mir in Liebe und Mitgefühl mit mir selbst“, lassen dann ein Gefühl mitfühlender Liebe durch uns fließen und … lächeln wieder. Näheres zur Vergebungsmeditation im Alltag findest Du (hoffentlich) bald hier.

6. Einhaltung der „guten Vorsätze“

Im Christentum gibt es die 10 Gebote, im Buddhismus gibt es die Silas (Tugendregeln) – in allen Religionen gibt es Vergleichbares. Von einer psychologischen Warte aus betrachtet haben aber alle nur ein Ziel: Die Vermeidung, durch unheilsame Taten (darunter fallen auch jede Art negativer oder sinnlich-begierlicher Gedanken!) eine innere Spannung entstehen zu lassen, die sich wiederum in unheilsamen Taten äußert, denn: Wer unter Spannung steht handelt nicht achtsam und nicht überlegt, sondern „im Affekt“. Wenn wir also im Vorfeld darauf achten, uns zu üben 1. in fürsorglichem Umgang mit allen Wesen 2. in gleichmütigem Verzicht 3. Abkehr von Gier nach Sex 4. in liebevoller, sanfter Sprache 5. darin, nicht zu lügen 6. darin, andere Wesen nicht herabzuwürdigen oder sich selbst zu erhöhen 7. nichts zu unternehmen, was den Geist vernebeln kann und 8. in liebevoller Annahme und Vergebung (dies sind die Silas, wie ich sie aus dem Zen und dem Theravada zusammengefasst habe – dazu hier), dann vermeiden wir innere Spannung, werden ruhig, achtsam und entspannt. Es geht also absolut nicht um einen erhobenen Zeigefinger (der ja wieder Spannung erzeugt), sondern ein weiteres Mal um das, was die Psychologie „Gegenkonditionierung“ nennt – die Auflösung alter negativer Strukturen und ihre Ersetzung durch etwas Positives.

7. Aufgeräumt sein im Innen wie im Außen

So wie es in Deiner Wohnung aussieht, sieht es auch in Deinem Geist aus und umgekehrt. Natürlich wäre es optimal, die Wohnung nach Feng Shui einzurichten *smile; aber so weit muss man nicht gehen. Jedoch sollte die eigene Wohnung stets aufgeräumt und sauber sein. Nicht nur, dass der Geist in einer aufgeräumten Umgebung ebenso aufgeräumt ist – die Klarheit und Übersichtlichkeit in der Wohnung wirkt auf die Klarheit des Geistes zurück.

Wir sollten überdies aber auch nicht vergessen: Meditation ist Leben – Leben ist Meditation. Putzen und aufräumen sind Meditation, wenn Du dabei liebevoll und achtsam bist, m.a.W. bei jeder Tätigkeit im Haushalt sanft und liebevoll lächelst und bei der Verrichtung stets beobachtest, wohin Deine Aufmerksamkeit sich bewegt. Das bringt mich auch zum nächsten Punkt:

8. Strukturiere Deinen Tag

Dieser Punkt ist schnell abgehakt: Versuche, Deinen Tag nicht so voll zu packen, dass Du nicht mehr weißt, wo Du anfangen sollst. Du kannst Deine Aktivitäten überschaubar halten und in aller Seelenruhe nach einander abarbeiten. Chaos im Leben – Chaos im Geist!

9. Ernährung und Essen

„Dein Körper ist Dein Tempel“ heißt es. Wann fällt es Dir leichter, positive Gedanken zu hegen, mit Bauchschmerzen im Bett oder im Massagepool der Wellness-Oase? *smile Achte also nach Möglichkeit auf eine gesunde Ernährung. Tipps dazu gibt es ja zuhauf (so auch hier)!

Neben dem WAS ebenso bedeutsam aber ist es, WIE man isst. Die Muskogee-Indianer sagen, wenn man beim Essen negative Gedanken habe, verwandele sich das Essen in Gift! Wenn Du also schon Nachrichten schauen musst, dann bitte nicht während des Essens! Ich empfehle nachhaltig,  achtsam und, wenn Du allein bist, in Stille zu essen. Beim Essen in Gesellschaft lass die Unterhaltung heiter sein – keine Probleme wälzen! Wertschätze die Nahrung, die Du zu Dir nimmst! Sie ist „das Werk vieler Hände und eine Teilhabe an anderen Lebensformen“, so rezitiere ich vor jeder Mahlzeit. Sei also dankbar für sie – sie ist keine Selbstverständlichkeit!

10. Lass den Tag bewusst ausklingen

Wenn Du Dich zur Ruhe bettest, dann lege Dich doch einfach im Bett einmal auf den Rücken, lege die Hände zusammen und hole Dir ins Bewusstsein, wie Dein Tag so war. Schau bewusst auf die Dinge, die Du gut gemacht hast oder andere positive Dinge, die Dir widerfahren sind. Schau auch auf das, was nicht so gut lief, wo Du vielleicht nicht achtsam warst oder Dich geärgert hast. Vergib Dir in Mitgefühl und Liebe und lass es los. Wertschätze an Dir, dass Du Dein Bestes gibst, ein liebevolles und achtsames Leben zu führen. Dann kannst Du einschlafen indem Du Dir lächelnd sagst: „Möge ich morgen in Sicherheit und Geborgenheit sein / möge mein Geist friedvoll und ruhig sein / möge ich ein glückliches Leben führen / mögen alle Wesen glücklich sein“. Fühle das Gefühl dieser liebevollen Gedanken und schlafe sanft mit ihnen ein. Man nennt das auch das „Sandwich-Prinzip“: Denke zunächst an etwas Positives, dann an etwas weniger Positives oder sogar Negatives, und schließlich wieder an etwas Positives.

So, dass sind meine Tipps für einen bewussten Alltag. Vielleicht helfen sie dem einen oder anderen ja ein wenig J

Keep smiling

Michael

 

Mögen alle Wesen glücklich sein

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Die Kontemplation der „8 Silas“

Wie bereits hier bei der Betrachtung des 4. Gliedes des Achtfachen Pfades (Harmonisches Handeln) gesagt wurde, geht es bei der Einhaltung der Tugendregeln (Silas) ebenso wie bei der Einhaltung der 10 Gebote nicht in erster Linie um Vorschriften, die es auf Biegen und Brechen einzuhalten gilt; es sind insbesondere im Buddhismus Empfehlungen, deren Einhaltung dazu dienen soll, das Entstehen von innerer Spannung zu vermeiden, denn innere Spannung führt unweigerlich zu unheilsamen Handlungen gegen sich oder andere und somit  zu Leid. Es geht also nicht um eine „Du darfst nicht!“, was ja wieder Spannung verursachen würde, sondern um ein „Halte Dir vor Augen, welche Konsequenzen es hat, wenn Du …“. Dem trägt bereits die Formulierung Rechnung Ich gelobe, mich darin zu üben, …“. Nach meinem Empfinden nimmt das sehr schön den Druck heraus.

Ich möchte hier eine kleine Anleitung geben, wie man sehr schön den Tag damit beginnen kann, in einer sehr meditativen Stimmung die Silas zu kontemplieren. Mir ist es dabei wichtig, der Idee des 6. Gliedes des achtfachen Pfades Rechnung zu tragen, nämlich dem „harmonischen Sich-bemühen“. Nur, wenn ich nämlich nicht allein das Unheilsame erkenn und loslasse, sondern im Gegenzug auch das Positive zum Entstehen gelangen lassen möchte, ist der Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten harmonisch und es tritt ein, was die Psychotherapie „Gegenkonditionierung“ nennt.

Aussehen kann das Ganze wie folgt:

Wenn Du einen Meditationsplatz hast oder vielleicht einen kleinen (Buddha-)Altar, dann setz Dich dorthin, nimm einige tiefe Atemzüge und lasse Dich ganz auf den gegenwärtigen Moment ein. Dann entspanne vom Scheitel herab den Kopf, Schultern und Arme, Brust und Bauch, Schulterblätter – Rücken – Steiß, Leiste und Perinäum (= Damm), und die Beine und Füße. Lege ein sanftes Lächeln auf Dein Gesicht, in Geist und Herz, und formuliere nacheinander:

 

«Ich gelobe, mich darin zu üben:

 

1. Kein fühlendes Mitwesen zu verletzen oder zu töten;

Ich will mich üben in liebevollem und fürsorglichem Umgang mit allen Wesen»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Liebe und Fürsorge anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«2. Nichts zu nehmen, was mir nicht  gegeben wurde;

Will üben in gleichmütigem Verzicht»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, es sich anfühlt, einfach nach nichts zu verlangen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«3. Mich nicht von sexueller Begierde mitreißen zu lassen;

Will mich üben in Befreiung von zwanghafter Suche nach Sexualität»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Freiheit von zwanghafter Begierde anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«4. Nicht zu fluchen und keine Fäkalsprache zu verwenden;

Will mich üben in sanfter und liebevoller Sprache»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich liebevolle Rede anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«5. Nicht zu lügen;

Will mich einfach ganz der Wahrheit hingeben»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie Wahrheit sich anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«6. Mich nicht über andere Wesen zu erheben und andere Wesen nicht herabzuwürdigen;

Will mich üben in liebevoller und weiser Demut und Toleranz»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie es sich anfühlt, jedes Wesen zu würdigen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«7. Mich keinem Einfluss auszusetzen, der mein Bewusstsein trüben kann;

Will mich üben in Klarheit und Achtsamkeit»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Klarheit und Achtsamkeit anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«8. Mich nicht von negativen Emotionen wie Zorn, Sorge, Trauer, Eifersuch … mitreißen zu lassen;

Will mich üben in liebevolle Annahme und Vergebung»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich liebevolle Annahme und Vergebung anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

Zum Abschluss kannst Du (laut) formulieren:

 «Möge mein Geist friedlich und ruhig sein;

Möge mein Geist ein verzeihender Geist sein;

Möge ich liebevoll und achtsam sein»

 

Über die genauen Inhalte der einzelnen Vorsätze habe ich hier geschrieben

 

Freudvolle Kontemplation wünscht von Herzen

Michael

 

Mögen alles Wesen glücklich sein

Die buddhistischen Vorsätze („Silas“)

Ich möchte an dieser Stelle einmal näher beleuchten, was die Inhalte der Silas eigentlich sind:

 

1. … kein fühlendes Wesen zu verletzen oder zu töten:

Liebevoller und fürsorglicher Umgang mit allen Wesen

„kein fühlendes Wesen“: schließt uns selber mit ein;

„verletzen“: gilt physisch wie auch psychisch; das beinhaltet auch: keine quälenden Selbstvorwürfe, kein Konsum toxischer Substanzen

„oder zu töten“: Suizid: unabhängig vom (buddh.) Glauben an eine unglückselige Wiedergeburt als Folge eines Suizid, geht es hier mehr noch um die Würdigung der Schöpfung, des Tao und somit unserer selbst. Zudem ist „nicht töten“ eine Konsequenz daraus, keinem anderen Wesen Leid zuzufügen. Die reine Unterlassung dessen würde aber dem buddhistischen Geist von metta (Liebende-Güte), karuna (Mitgefühl) und mudita (Mitfreude) widersprechen.

 

2. … nichts zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben worden ist

Gleichmütiger Verzicht

„nehmen“: es geht hier neben dem Vorgang des Ergreifens sinnbildlich auch um das „Habenwollen“. Es geht hier nicht um asketischen Verzicht unter (wie in anderen Religionen absichtlich herbeigeführtem) Leid, sondern um ein sich bewusst Machen, dass es außer Kleidung, Nahrung, Obdach und menschlicher Zuwendung nichts Wesentlichem bedarf. Es gilt also durch gleichmütigen (lächelnden) Verzicht einer Dominanz des Ego[1] (entstehend aus Begehren, Anhaften, und alten Mustern),  also dem „’ICH’ will haben“,  entgegenzuwirken.

„nicht freiwillig gegeben“: stellt darauf ab nicht zu stehlen (Man beachte hier aber auch einen möglichen moralischen Affront der Ablehnung eines Geschenkes)

 

3. … mich nicht von sexueller Begierde mitreißen zu lassen

Befreiung von zwanghafter Suche nach sexueller Befriedigung

mitreißen zu lassen“: es geht nicht darum, überhaupt kein sexuelles Verlangen zu haben und vorhandenes sexuelles Verlangen um jeden Preis zu unterdrücken. Sexualität kann heilsam oder unheilsam sein: Unheilsam ist sie, wenn der Fokus so sehr auf sexuelle Befriedigung gelegt wird, dass unsere Achtsamkeit schwindet; unheilsam ist sie ferner, wenn sie anderen Dingen dient als lediglich dem körperlichen Ausleben oder Umsetzen emotionaler Nähe oder Liebe,  sondern der Aufwertung des Selbstwertgefühls (Ego); unheilsam ist sie ferner, wenn sie gegen oder ohne den Willen des Anderen, unter Beteiligung Minderjähriger oder in einer Beziehung / Ehe mit einer unbeteiligten Person ausgeübt wird[2]

Die regelmäßige Formulierung im Buddhismus lautet „Keine schädlichen (unheilsamen) sexuellen Handlungen“. Diese ist insoweit weiter  als die vorliegende Formulierung, als sie auf die Handlung abstellt; hier hingegen unter Berücksichtung des Bedingten Entstehens, bereits auf der Stufe des „Begehrens“.  Enger ist sie, da sie Selbstbefriedigung als sexuelle Handlung mit einschließt;  eine Schädlichkeit / Unheilsamkeit in Art und Umfang der Selbstbefriedigung ist in jedem Fall zu bedenken.

 

4. … nicht zu fluchen, keine Fäkalsprache zu verwenden

Pflege sanfter und liebevoller Sprache

Im Allgemeinen ist hierunter das zu fassen, was heute „gewaltfreie Kommunikation“ genannt wird. Durch Fluch und Schimpf zieht man seine unmittelbares Umfeld in „Mit-Leid-enschaft“; auch macht man seinem Ärger nur vorübergehend Luft; dass er bei Erinnerung immer wieder auftritt zeigt, dass man nur verdrängt, nicht verarbeitet hat.  Im Speziellen:

nicht zu fluchen“: Es wird gern vergessen, dass „fluchen“ von „verfluchen“ kommt; es werden beim Fluchen bewusst Schwingungen in die Welt gesetzt, die geeignet sind, negative Einflüsse entstehen zu lassen (NB: Das Gegenteil ist das Aussenden von Liebender-Güte)

„Fäkalsprache“: Schimpfworte aus dem Bereich der Fäkalsprache erzeugen unterbewusst Assoziationen mit dem benannten Gegenstand und somit Ekel; Ekel wiederum erzeugt unbehagliches Gefühl, es kommt zu Abneigung (Begehren),  und somit zu Verkrampfung und Verspannung. „Die Farbe Deiner Gedanken bestimmt über die Farbe Deiner Seele“ heißt es sinngemäß beim Buddha. Je mehr lächelnde und liebevolle Gedanken Du hast – die sich in Sprache ausdrücken -, desto heller, klarer und entspannter wird Dein Geist …

[Anm: Das Christentum kennt Zorn als Todsünde[3]]

 

 5. … nicht zu lügen

Hingabe an die Wahrheit

Die Unwahrheit zu sagen beinhaltet mehrere Dinge: 1. Die Anstrengung, sich etwas auszudenken, das für den Empfänger plausibel klingt und dies dauerhaft aufrecht zu erhalten 2. Die Angst davor, dass die Wahrheit ans Licht kommt (Bestrafung / soziale Ächtung) 3. Scham, wenn die Wahrheit ans Licht kommt 4. eventuell auch Unrechtsbewusstsein.

All dies erzeugt beim Lügenden Verspannungen und Verkrampfungen in Geist und Körper, Ursache für unbehagliches Gefühl, für Begehren, Anhaftung und somit Leid. Und Leid ist Ursache für Gewalt gegen uns selbst oder andere. Bemerkenswert: Selbst wenn das Unrechtsbewusstsein fehlt („Notlüge“ etc) bleiben noch 3 Leid begründende Komponenten übrig.

Der Geist ist hingegen sehr friedvoll und ruhig, wenn man sich stets „einfach nur“ der Wahrheit hingibt

6. …mich nicht über andere erheben / andere Wesen nicht herabwürdigen[4]

Weise Demut und Würdigung der gesamten Schöpfung

Eine sehr wichtige Empfehlung, denn wir begegnen unheilsamen Handlungen mit erstaunlicher Häufigkeit im täglichen Leben. Gemeint ist bereits das geringste Anzeichen von einer Überheblichkeit oder Nichtakzeptanz des Nächsten. Neben der Gefahr von Wut und Ärger, die hierdurch entstehen, nähren wir durch ein solches Verhalten in besonderem Maße die Illusion eines „Ich“ und pflegen all die Konzepte, die zu Werturteilen führen; es ist die diametrale Opposition zur Einheit aller Wesen in Gott / im Tao / in Allah.

„mich nicht über andere erheben“: umfasst jeden Gedanken wie: ‚Wie kann man nur so doof sein?’ (= ICH hingegen bin ja intelligent) / ‚wie läuft der denn rum?’ (= ICH hingegen habe Stil) / ‚Wo hat der denn den Führerschein gemacht?’ (=ICH weiß, wie man Auto fährt) … und jede weitere Spielart von negativer emotionaler (nicht sachgerechter!) Kritik.

andere Wesen nicht herabwürdigen: bezieht sich natürlich auf alles Vorgenannte, da das eine regelmäßig das andere nach sich zieht.

NB: In diesem Zusammenhang überdenke man auch die Haltung sich selbst gegenüber: Es besser zu wissen aber nicht danach zu handeln ist sicher nicht heilsam, aber sich dafür zu kritisieren und selbst herab zu würdigen ist noch schlimmer und widerspricht dem Geist von Vergebung und Liebender Güte – auch sich selbst gegenüber!

Weise Demut: Begegne anderen Menschen immer eingedenk Deiner eigenen Würde! Merksatz: „Erhobenes Haupt – gesenkter Blick“

 

7. …mich keinem Einfluss auszusetzen, der das Bewusstsein trüben kann

Klarheit des Geistes

Hier geht es in erster Linie um die Übung von ununterbrochener und uneingeschränkter Achtsamkeit und Präsenz im Jetzt-Hier.

„keinem Einfluss“: das beinhaltet sowohl physische als auch mentale Intoxikation, also 1. jede Form von Alkohol und Drogen (Beachte vor allem die Gefahrneigung, es – unter z.B. Alkoholeinfluss – mit den anderen Empfehlungen [insbesondere bzgl. Sexualität] nicht mehr so genau zu nehmen) 2. übermäßige Nutzung von Internet, TV / Video,  Spielhöllen-„Spiele“ und desgleichen. Auch suchtartige sexuelle Betätigung ist ein das Bewusstsein eintrübender Einfluss.

 

8. … mich nicht von negativen Emotionen (Trauer, Wut, Hass, Sorge, Eifersucht) mitreißen zu lassen

Liebevolle Annahme und Vergebung

Emotionen im hier gemeinten Sinne sind diejenigen, die in der Anhaftung (vgl. Bedingtes Entstehen) auftauchen; es ist das sich nicht abfinden können damit, dass die Dinge nicht so laufen, wie „ICH“ es mir vorstelle. Es gilt, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass alle Ereignisse ausnahmslos geschehen, weil die dafür erforderlichen Umstände vorlagen. Das Ereignis hat für sich genommen mit „MIR“ nichts zu tun, es geschieht nur, und zwar aus einem inneren Zusammenhang heraus, der für uns Menschen nicht nachvollziehbar ist. Daher sagt Jesus „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“. Wie kann man dieser kosmischen Insichstimmigkeit nicht mit einem liebevollen Lächeln begegnen?

„mitreißen zu lassen“: Dass diese Emotionen auftreten, ist im Alltag kaum zu vermeiden. Es geht auch nicht darum, dies zu vermeiden; der Tenor liegt vielmehr auf „mitreißen lassen“, sich nicht von ihnen aus dem Gleichgewicht und durcheinander bringen zu lassen (NB: „Teufel“ = giech. „Diabolos“ = wörtl. Durcheinanderwerfer)

 


[1] Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung jarāmāranam sokaparidevadukkhadomanassupāyāsā

[2] So, wie bei allen Verfehlungen gegenüber anderen Menschen ist natürlich immer zu bedenken, dass eine solche idR zu großer psychischer Anspannung auf Seiten des Täters führt (vgl. die Erleichterung der Beichte); dieses Gefühl ist Verkrampfung und Verspannung, die sich entladen will, und dies tut sie meist in aggressiven Handlungen. In der Summer wechselseitig-kausaler Bedingungen verstärkt sich auch hier wieder das Ego-Bewusstsein

[3] s. Fn. 2

[4] vgl hierzu auch Matth 23, 12

Waldgeruch

oder: Wenn aus Einsamkeit „Einsheit“ wird

Kennst Du Wald? Ich weiß, die Frage klingt etwas merkwürdig, aber nein, ich habe kein Wort vergessen. Kennst Du Wald?

Nach einer Woche reich an Extremen, an „ups“ und „downs“, deren Tiefpunkt gestern war, hatte ich heute meinen freien Tag. Und so, wie ich es mir gestern ersann, fuhr ich heute in die Natur – um 5h00 früh. Ich hatte mir nicht einmal den Wecker gestellt, ich wachte einfach so auf, wie ich es mir vorgenommen hatte … und fuhr in den Wald.

Noch kein Sonnenstrahl hatte die Blätter gekitzelt, als ich mich in meine Robe hüllte und auf meinem Meditationskissen Platz nahm; noch lag Halbdunkel über der Welt, und Frühnebel über dem vom Wald gesäumten Feld. Kühl war es, und fast kein Laut zu hören, außer dem sanften Wiegen meines Atems – ein …………. und aus ………………… und ein ……….. Und indem ich meine Sinne öffnete und all die Manifestationen des jetzigen Momentes mich begrüßen ließ, begann ich langsam, Wald zu lernen, ihn kennen zu lernen.

Den noch feuchten Geruch seines Bodens, ein Geruch, der sich mit Herannahen des Sonnenlichtes scheinbar von Minute zu Minute wandelt. Und weißt Du, wie es klingt, wenn eine Wespe an einem toten Stück Holz nagt? Und wenn die Waldmaus einen Meter neben Dir sich langsam überlegt, sie könnte alsbald einmal ihren Bau verlassen? Zaghaft der erste Vogel ein Lebenszeichen von sich gibt … und es beginnt zu rascheln, hier und dort? Und weißt Du, wie es sich anfühlt, wenn eine Mücke sich sanft auf Deiner Hand niederlässt um sich die beste Stelle für ihr Frühstück sucht. Und … kennst Du Mückenstich? Es gleicht einem Wunder, was man erlebt, wenn man die Mücke einfach so gewähren lässt – Danke Mücke! Ich habe heute viel von Dir gelernt. Dafür gab ich gern ein wenig Blut (ich habe ja genug davon).

Ja, die Dinge einfach erlauben. Allem erlauben, da zu sein, und es in Frieden anschauen, so wie es geschieht, so, wie es dem „großen Plan entspricht“. Und plötzlich … plötzlich selber so mäuseklein werden wie die Frau Nachbarin in ihrem Bau, und selbst werden zu Holz und Ast und Baum; und Bremse, Mücke, Federvieh; und zu Duft und Wind.

Ich gebe zu, dass mir was Nasses in die Augen stieg, als ich bemerkte, wie aus der Einsamkeit, in der ich war, Einsheit wurde. Und ich verstand, dass in der Einsamkeit, wenn sie in ein Alleinsein mündet, die Einsheit liegt …

 L o n e l y n e s s

 Danke Wald! Ich sende Dir Metta – bis bald

Alle Artikel im Überblick

Alle Artikel im Überblick:

Hier kannst Du einfach anklicken, welches Thema Dich interessiert. Ich versuche, die Liste aktuell zu halten 😉

1. Teil. Die buddhistische Lehre

A. Die buddhistischen Traditionen

B. Die Vier Edlen Wahrheiten

C. Das Bedingte Entstehen

D. Der Edle Achtfache Pfad

I. Harmonische Sichtweise

II. Harmonische Absicht

III. Harmonische Kommunikation

IV. Harmonisches Handeln

V. Harmonische Lebensweise

VI. Harmonisches Sichbemühen

VII. Harmonische Achtsamkeit

VIII. Harmonische Sammlung

2. Teil: Über Meditation

A. Methodische Meditation – „BLESSED“

B. Stufenweiser Aufbau der Sitzung

C. Metta-Meditation

D. Die Bedeutung des LÄCHELNS

Allgemeines zur Meditation:

Metta „vs“ Atembetrachtung

3. Teil: Das Torlose Tor (Leitartikel)

4. Teil: Allgemeine Themen (Aktualität von oben nach unten)

Esoterik und Spiritualität

Vergeben und vergessen -Teil 3

“Caritas Christi urget nos”- Die Liebe Christi treibt uns an

„Quod esset demonstrandum“ – Der Beweis des Letztendlichen

Vergeben und Vergessen, Teil II

“Vergeben und Vergessen” – Teil 1

Ein magischer Kreis

Über die “Schmerzkörpertheorie” von E. Tolle

Die Apokalypse aus buddhistisch-mystischer Sicht

Kontrolle, Einflussnahme, Entscheidungsfreiheit – Karma

5. Teil: Über Mystik

6. Teil: „Persönliches“

Tropischer Regenguss

Wartezeit ist geschenkte Zeit

Waldgeruch

7. Teil: Schönes und Beschauliches

Esoterik und Spiritualität

Namasté!

Bis vor wenigen Augenblicken stand an dieser Stelle ein Artikel über das Verhältnis von Esoterik und Spiritualität. Er stand hier nur wenige Stunden, doch nachdem ich ihn gepostet hatte, begann ich mich unwohl zu fühlen.

Nicht, dass dieser Text besonders scharf formuliert gewesen wäre oder ich sehr hart mit der Esoterik ins Gericht gegangen wäre. Aber ich habe mich entschlossen, meine Energie nicht mehr darauf zu verwenden, Kritik zu üben, auf Dinge hinzuweisen, die meiner Ansicht nach nicht stimmig sind … gegen Windmühlen zu kämpfen. Ich bin müde geworden, und das zeigt mir, dass dieser Kampf kein guter Kampf ist … es gibt gar keinen guten Kampf!

Es ist und bleibt mein Wunsch, Licht in das Dunkel einer verworrenen, abstrusen und teils ziemlich vernebelten Welt zu bringen. Aber nicht mehr, indem ich versuche, gegen das Dunkel anzukämpfen, sondern, indem ich das Licht heller scheinen lasse … ich möchte künftig schreiben von Liebe, nicht von Ärgernissen, von Verständnis, nicht von Missverständnis, möchte meinen Frieden machen mit den Menschen, die vielleicht merkwürdige Ansichten vertreten, Ansichten, die mir nicht nachvollziehbar sind. Und ich möchte Frieden mit mir selber schließen, mit meinen eigenen „Ansichten“ und „Konzepten“ – sie da sein lassen, aber ihnen keine Bedeutung mehr zumessen; wenn ich Rationalität mit Rationalität bekämpfe, treibe ich den Teufel mit dem Belzebub aus.

Ich habe in meinen Artikel darüber geschrieben, was Spiritualität nicht ist, und habe dabei übersehen, das ich in dieselbe Falle gegangen bin wie die, die ich kritisiere – spirituell, im Sinne von liebend, annehmend, mitfühlend und vergebend war dieser Artikel nicht.

Ich wünsche Euch Frieden, Liebe und die Freiheit zu äußern, was Ihr denkt – möget Ihr mit dem, wovon Ihr überzeugt seid, glücklich sein und ohne Kümmernis und ohne geistiges Leid  leben.

MAHA-METTA sendet Euch

Michael

Vergeben und vergessen -Teil 3

Namasté 🙂

Vor längerer Zeit ergab sich einem anderen Blog ein kurzer Austausch über das Thema Vergebung. Hier äußerte jemand, es bestünde keine Notwendigkeit, jemandem, der ihn etwas unsachlich angegriffen hatte, zu verzeihen. Es käme einzig darauf an, sich selbst zu vergeben, dafür vor allem, dass man darüber wütend geworden sei, sich von Ärger habe mitreißen lassen. Ich möchte an dieser Stelle einmal einige Erwägungen dazu äußern:

Einige gute und erfahrene spirituelle und Meditations-Lehrer empfehlen bestimmten Menschen die buddhistische Meditation der Vergebung als Vorbereitung zur Metta-Meditation oder zur spirituellen Praxis insgesamt. Dies gilt besonders für Menschen, die sehr „alte und tiefe Wunden“ mit sich herumtragen, die sich im Laufe vieler Jahre zu Strukturen verhärtet haben, die ihnen selbst und ihrer Umwelt Schaden und Leid zum Entstehen bringen. Oftmals gehen diese Strukturen einher mit psychischen Erkrankungen, insbesondere – aber nicht nur – mit so genannten „Persönlichkeitsstörungen“ oder Belastungsstörungen[1].

Nun, lass uns vorab einmal kurz einen Blick darauf werfen, was unter „lernen“ zu verstehen ist. Verkürzt dargestellt bedeutet lernen, dass man ein Erfahrung gemacht hat, diese Erfahrung hat man als angenehm oder unangenehm erlebt, und so merkt man sich diese Erfahrung um sich das Angenehme wieder beschaffen zu können oder das Unangenehme zu vermeiden. Die Übertragung auf vergleichbare Situationen (Transferleistungen) sind hierbei bereits intellektuelle Vorgänge, die nur Wesen zur Verfügung stehen, von denen die Wissenschaft als „intelligent“ spricht[2].

Lernen auf der reinen Erfahrungsebene ist also ausgesprochen nützlich; stellt man sich vor, man würde immer und immer wieder auf eine heiße Herdplatte fassen, wird das recht deutlich. Aber unser menschliches Gehirn neigt auf eine unvorstellbare und immense Weise zu Transferleistungen. Auch Transferleistungen sind ausgesprochen nützlich (sonst hätten sie sich evolutionär nicht durchgesetzt), aber sie bergen eine große Gefahr, nämlich die der Verallgemeinerung. Unser Gehirn erinnert Ereignisse und zieht zumindest als Möglichkeit in Betracht, dass das Ergebnis in der vorliegenden vergleichbaren Situation ein ebenso vergleichbares sein wird. Wenn man das auf einen Menschen anwendet, der einem Schmerz zugefügt hat, bedeutet das, dem anderen die Chance zu nehmen, sich zu rehabilitieren.

Dieses Prinzip der Rehabilitation (das über das System der Bewährungsstrafe sogar in unser Strafrecht Einzug gehalten hat) ist auch für uns als Individuen von größter Bedeutung. Wir haben bereits gesehen, dass Lernen immer mit Erinnerung zu tun hat. Es sind neuronale Verknüpfungen entstanden, und wenn diese aktiviert werden, werden die Energien aktiviert, die mit dem schmerzhaften Ereignis verknüpft sind. In Bezug auf eine Person, die uns Schmerz zugefügt hat bedeutet das: Sehe ich diese Person wieder oder denke an sie, werden die negativen Energien (E. Tolle würde sie wohl Schmerzkörperenergien nennen) wieder frei. Frei kann aber nur werden, was zwar verborgen aber gleichwohl noch da war! Mit anderen Worten: Es bleibt ein Residuum an negativen Energien in uns erhalten. Dieses Residuum gilt es aufzulösen! Und das tun wir, indem wir vergeben, und zwar

1) der Person, die uns den Schmerz zugefügt hat. An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, auf etwas hinzuweisen, was ich immer und immer wieder erwähne: Die andere Person kann mir gar kein Leid zufügen, sondern nur Schmerz! Leid kann ich mir nur selber zufügen. Warum? Weil Schmerz immer das ist, was im jetzigen gegenwärtigen Augenblick spürbar ist, und zwar unmittelbar ausgehend von der Schmerzquelle. Leid hingegen ist die zeitlich-psychologische Komponente des Schmerzes, jenes „durch die Erinnerung und die Gedanken den Schmerz wieder in den gegenwärtigen Moment hinein Holen“; damit ist Leid immer mittelbar![3]

2) gegebenenfalls auch der Situation dafür, dass sie sich gestaltet hat, wie sie sich gestaltet hat. Eine Situation ist niemals gut oder schlecht, sie ist immer wie sie ist – das ist eine spirituelle Binsenweisheit. Sie kann sich nur gut oder schlecht anfühlen; das hingegen ist sehr subjektiv – des Einen Freud, des Anderen „Leid“. Indem wir der Situation vergeben, wie sie war, tragen wir dem Rechnung, was Jesus meinte, als er am Kreuz sagte: „Nicht mein sondern Dein Wille geschehe.“ Wir be- und verurteilen eine Situation immer nur nach unserem Dünkel, nach dem, was uns richtig oder falsch erscheint.

Lösen wir dieses Residuum nicht auf, tragen wir die Energien mit uns herum, wir sind „nach-tragend“. Aber man merke: Wenn wir jemandem etwas nachtragen – einen ganzen Koffer voller Vorwürfe hinterhertragen -, wer trägt dann die ganze Last? Der, der nachträgt … solange bis er ver-gibt, also den Koffer aus der Hand gibt. Damit sind wir die Last los, erst dann tritt wirkliche Erleichterung ein – der Himmel reißt auf und das Licht der Liebenden-Güte kann in uns erstrahlen und über uns hinaus in die Welt. Machen wir diesen Schritt nicht, sind wir wie der Kofferträger, der nach rechts, nach links, nach oben und unten flucht und schimpft und in alle Richtungen Negativität versprüht und damit seine Mitwesen unter seinem Leid leiden lässt. So machen es die meisten unserer Mitmenschen … aber sie wissen es nicht besser, daher können wir ihnen ihre Unwissenheit und ihr Unverständnis vergeben. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Und damit kommen wir zu dem wichtigen Punkt, den der Kommentator in jenem Blog erwähnte: Das „sich selbst Vergeben“ ist von größter Bedeutung. Man sollte unablässig daran arbeiten, mit sich selbst ins Reine zu kommen, Mitgefühl mit sich selbst zu haben, daran arbeiten zu verstehen, dass man es selbst ist, der sich das Leid zufügt – sich selbst vergeben in verständiger Würdigung unserer alten negativen Strukturen, die wir uns ja allesamt nicht ausgesucht haben!! Tief in unseren Herzen ist nichts als Liebe! In ausnahmslos jedem Menschen! Es gibt gar keine schlechten Menschen, es gibt nur schlechte Handlungen!

Möge uns die Erkenntnis dieser Liebe dazu verhelfen, uns selbst und allen Wesen liebend zu begegnen.

METTA sendet Euch

Michael


[1] Die Vergebungsmeditation ist eine Praxis, die ich aus eben diesem Grunde erst mit Übenden durchführen werde, wenn ich selbst (im Selbstversuch) ausreichend Erfahrung mit ihr gesammelt habe und meine Ausbildung zum Psychotherapeuten (HP) abgeschlossen habe. Wer immer sie praktiziert, er/sie sollte sie NUR unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers praktizieren)

[2] Spannendes Thema übrigens, denn neben dem Menschen wird auch zunehmend aufgrund entsprechender Transfer-Versuchsreihen auch zB Rabenvögeln seitens der Wissenschaft Intelligenz zugesprochen.

[3] Für die Vergebungsmeditation bedeutet das, ich vergebe dem anderen den Schmerz, den er mir zugefügt hat, und ich vergebe mir selbst das Leid, das ich mir selbst dadurch erschaffe, dass ich die „aufpoppenden“ Gedanken an das Ereignis und den Schmerz nicht loslasse sondern sie mit wachsender negativer Emotionalität weiterdenke.

Metta „vs“ Atembetrachtung

Ich möchte einmal auf eine Problematik eingehen, die wesentlich seltener auftaucht, als sie es wert wäre: Es geht um die bedeutsame Frage: „Soll ich Atembetrachtung praktizieren oder Liebende-Güte?“ Der Grund dafür, dass diese Frage so selten auftaucht liegt sicher einerseits darin, dass die Metta (Liebende-Güte) – Meditation gar nicht allzu bekannt ist. Zum anderen wird sie von den meisten Praktizierenden nicht in der Form gewürdigt, wie sie gewürdigt werden sollte. Das liegt teils daran, dass die Metta-Meditation von den meisten Meditationslehrern als so genannte „Schutzmeditation“ betrachtet und als solche eher stiefmütterlich behandelt wird. zum anderen liegt es aber auch an den Anhaftungen der Praktizierenden, denen es nicht gelingt, das Konzept der Meditation als eine „Atemkonzentration“ loszulassen – leider geistert diese Vorstellung von Meditation immer noch durch alle spirituellen Sphären. Ich darf daher an dieser Stelle noch einmal kurz darstellen, was „Thema“ buddhistischer Meditation ist:

Der Buddha lehrte Einsichtsmeditation, das ist die Meditation der Erkenntnis des Wahren Wesens / der Wahren Natur der Dinge. Man spricht auch von der vipâssana-Meditation – der Begriff ist sicher dem einen oder der anderen bekannt. Vipâssana bezeichnet also einzig die Art der Meditation.

Überdies werden meist Atembetrachtungsmeditation (anapanasati) und Mettameditation scharf voneinander getrennt; diese Begriffe bezeichnen jedoch lediglich das Meditationsobjekt, also den Gegenstand der Betrachtung, den „Heimathafen“, zu dem man nach einer Ablenkung zurückkehrt. Daraus folgt: Einsichtsmeditation kann praktiziert werden als vipâssana-anapanasati oder als vipâssana-metta-bhâvana. Über den Unterschied dieser beiden möchte ich hier sprechen und welche mir warum sinnvoller zu praktizieren erscheint.

Das Meditationsobjekt der Anapanasati ist nun der Atem, also das Feststellen „Ich atme ein / Ich atme aus“ „Ich atme lang (kurz / tief / flach …) ein // Ich atme lang (kurz / tief / flach …) aus“ und so weiter, entsprechend den Anweisungen des Anapanasati-Sutta.. Es ist lediglich ein Wissen um die Beschaffenheit des Atems im gegenwärtigen Moment; gleichzeitig können wir beobachten, wie sich unsere Aufmerksamkeit von der Beobachtung weg bewegen möchte, hin zu einem Geräusch, einem Gedanken oder einer anderen Ablenkung. Bei einer leichten Ablenkung bemerken wir nur ein leichtes „Zucken“ unseres Geistes, eine Stärkere führt uns bisweilen weit weg und es gilt dann zum Meditaitonsobjekt zurück zu kommen.

In der Metta-Meditation ist das nicht anders; hier jedoch beobachten wir nicht den Atem, sondern das Gefühl von objektloser Liebe, Güte, Freude … (näheres dazu hier). Entscheidender Unterschied ist, dass der Atem deutlich grober ist als das (vor allem anfänglich doch recht subtile) Gefühl von Metta im Solarplexus. Das macht die Atembetrachtung für den Anfänger sicher einfacher.

Zudem ist es so, dass das gedankliche Äußern von „Metta-Wünschen“ („Möge ich in Sicherheit sein / Möge mein Geist friedvoll und ruhig sein …“) für den Anfänger etwas befremdlich ist – und das nachvollziehbarer Weise. Denn eigentlich meint man doch, in der Meditation eben „zu versuchen nicht zu denken“, und nun soll man sogar Gedanken absichtlich verbalisieren? Und in der Tat hat man es so betrachtet in der Atembetrachtung kurzfristig leichter, den Geist zu beruhigen. Wichtig zu wissen ist an dieser Stelle, dass das Meditationsobjekt der Metta-Meditation nicht die Verbalisierung ist, sondern das Gefühl; die Verbalisierung dient so zu sagen lediglich als „Initialzündung“, als „Primer“ für das Entstehen des „Metta-Gefühls“.

Meditation ist ganztägige Praxis

Wir wollen aber Meditation einmal von einer anderen Seite betrachten: Die (methodische) Sitzmeditation dient immer lediglich als Training, als Vorbereitung für die im Alltag aufrecht zu erhaltende Achtsamkeit. Das bedeutet wir sind bemüht, im Alltag die Meditation fortzusetzen und zwar mit demselben Meditationsobjekt – nur so wird Meditation ganztätig und kontinuierlich. Nun, die Rede über die Atemachtsamkeit war von Buddha an Mönche gerichtet, die wenig geistige Beschäftigung haben und sich somit durchaus darin üben können, ganztätig ihren Atem zu beobachten. Aber versuche das mal am Arbeitsplatz vor dem Rechner; Du kannst einen Text verfassen und dabei ein freudiges, liebevolles Gefühl empfinden, nicht aber kannst Du einen Text verfassen, und dabei Deinen Atem dezidiert betrachten. In alles, was Du im Alltag tust, kannst Du Liebende-Güte einströmen lassen und dadurch einen immer friedvolleren, freudigeren und ruhigeren Geist entwickeln.

Unmittelbare Umsetzung von „Harmonischem Sichbemühen“ (rechte Energie / Anstrengung)

Buddha lehrte „harmonisches Sichbemühen“ als eines der 8 Glieder des Pfades, der zur Befreiung führt. Hierunter verstand er, wir entwickeln

(1) Eifer um das Überwinden bereits entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände (= Überwindung von Negativem)

(2) Eifer um das Entstehen noch nicht entstandener heilsamer Geisteszustände, (= Hervorbringen von Postitivem)

(3) Eifer um das Beibehalten, das Nicht-Verschwinden, die Stärkung, das Anwachsen, die Entfaltung und Vervollkommnung bereits entstandener heilsamer Geisteszustände (= Erhaltung des Positivem)

(4) Eifer um das Nichtentstehen noch nicht entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände (Negatives gar nicht erst entstehen lassen)

Zur Verdeutlichung des Unterschieds zwischen Atem- und Mettameditation ein kurzes Beispiel: Du sitzt in der Meditation und es erscheint eine Erinnerung an einen unangenehmen Vorfall mit einer anderen Person. Du spürst den Ärger wieder aufsteigen, ein unangenehmes Gefühl entsteht. Dann praktizierst Du „harmonisches Sichbemühen“ nach Buddhas Anleitung wie folgt:

(1) Bemerken und Loslassen dessen, was uns vom Gegenstand der Betrachtung (= Meditationsobjekt) ablenkt

(2) Wir entspannen Geist und Körper und Lächeln; damit öffnen wir uns für das sanfte Zurückkehren zum Gegenstand der Betrachtung (Atem oder Gefühl Liebender Güte)

(3) Wir kommen zum Objekt der Betrachtung zurück (Atem oder Gefühl Liebender Güte), welches uns ganz im Jetzt-Hier verweilen lässt. Heiterkeit unterstützt diesen Vorgang.

     Den Punkten (2) und (3) trägt die Metta-Meditation deutlich mehr Rechnung als die Atembetrachtung.  Denn wir entwickeln hier einen heiteren, freudvollen und liebevollen Geist durch die Kultivierung von  Metta. Wenn wir die schmerzhafte Erinnerung an das Ereignis nur loslassen und dann zurück zu unserem Atem eilen, dann findet keine Verarbeitung statt, kein Aufarbeiten einer Anhaftung. Was bleibt ist ein Residuum negativer Energien (das kann man in der Meditation spüren). In der Metta-Meditation ersetzen wir dieses Unheilsame durch etwas Positives, nämlich dzrch liebevolle und gütige Gedanken.

(4)Wir verweilen in Achtsamkeit in der reinen Betrachtung der Ereignisse des gegenwärtigen Momentes und bemühen uns sanft, im Zustand der Erkenntnis zu verweilen. Tritt eine Störung auf (etwas Unheilsames), beginnen wir wider mit (1).

Atembetrachtung ist „Selbstbezogen“

Das Erblühenlassen heilsamer Zustände durch das Loslassen von ablenkenden Gedanken vollzieht sich in der Atembetrachtung vornehmlich „ich-zentriert“. Ich fühle mich damit gut, aber ob mein Nächster etwas davon hat, ist mir in diesem Moment nicht wichtig. In der Metta-Meditation kommt ehr stark der Aspekt zum Ausdruck, dass ich zwar zunächst an meiner eigenen Glückseligkeit zu arbeiten habe, dass ich dies aber zum Wohle aller Wesen tue.

Der Effekt der Metta-Meditation ist also Schulung der Achtsamkeit (erkennen von unheilsamen Gedanken und ersetzen durch heilsame), Entwicklung von Freude, die im ganzen Alltag nach und nach immer mehr Raum einnimmt, Aussenden positiver Schwingungen an Deine gesamte Umwelt, oder:

Ein freudiges Gefühl wird entzündet →  ich verschenke großzügig diese Freude → ich erfreue meine Mitmenschen → das erfreut mich → mein Geist enthärtet sich und wird ruhig und klar → meine Meditation wird tiefer → meine Freude wird größer → noch mehr Metta, die ich verschenken kann und so weiter …

Nach dem Gesagten halte ich die Meditation der Liebenden Güte für wesentlich effektiver als die Atembetrachtung. Für Anfänger ist Letztere wohl zunächst besser geeignet; doch sollten sie alsbald wechseln zur Metta-Meditation.

In diesem Sinne: METTA wünscht von Herzen

Michael