Vergeben und vergessen -Teil 3

Namasté 🙂

Vor längerer Zeit ergab sich einem anderen Blog ein kurzer Austausch über das Thema Vergebung. Hier äußerte jemand, es bestünde keine Notwendigkeit, jemandem, der ihn etwas unsachlich angegriffen hatte, zu verzeihen. Es käme einzig darauf an, sich selbst zu vergeben, dafür vor allem, dass man darüber wütend geworden sei, sich von Ärger habe mitreißen lassen. Ich möchte an dieser Stelle einmal einige Erwägungen dazu äußern:

Einige gute und erfahrene spirituelle und Meditations-Lehrer empfehlen bestimmten Menschen die buddhistische Meditation der Vergebung als Vorbereitung zur Metta-Meditation oder zur spirituellen Praxis insgesamt. Dies gilt besonders für Menschen, die sehr „alte und tiefe Wunden“ mit sich herumtragen, die sich im Laufe vieler Jahre zu Strukturen verhärtet haben, die ihnen selbst und ihrer Umwelt Schaden und Leid zum Entstehen bringen. Oftmals gehen diese Strukturen einher mit psychischen Erkrankungen, insbesondere – aber nicht nur – mit so genannten „Persönlichkeitsstörungen“ oder Belastungsstörungen[1].

Nun, lass uns vorab einmal kurz einen Blick darauf werfen, was unter „lernen“ zu verstehen ist. Verkürzt dargestellt bedeutet lernen, dass man ein Erfahrung gemacht hat, diese Erfahrung hat man als angenehm oder unangenehm erlebt, und so merkt man sich diese Erfahrung um sich das Angenehme wieder beschaffen zu können oder das Unangenehme zu vermeiden. Die Übertragung auf vergleichbare Situationen (Transferleistungen) sind hierbei bereits intellektuelle Vorgänge, die nur Wesen zur Verfügung stehen, von denen die Wissenschaft als „intelligent“ spricht[2].

Lernen auf der reinen Erfahrungsebene ist also ausgesprochen nützlich; stellt man sich vor, man würde immer und immer wieder auf eine heiße Herdplatte fassen, wird das recht deutlich. Aber unser menschliches Gehirn neigt auf eine unvorstellbare und immense Weise zu Transferleistungen. Auch Transferleistungen sind ausgesprochen nützlich (sonst hätten sie sich evolutionär nicht durchgesetzt), aber sie bergen eine große Gefahr, nämlich die der Verallgemeinerung. Unser Gehirn erinnert Ereignisse und zieht zumindest als Möglichkeit in Betracht, dass das Ergebnis in der vorliegenden vergleichbaren Situation ein ebenso vergleichbares sein wird. Wenn man das auf einen Menschen anwendet, der einem Schmerz zugefügt hat, bedeutet das, dem anderen die Chance zu nehmen, sich zu rehabilitieren.

Dieses Prinzip der Rehabilitation (das über das System der Bewährungsstrafe sogar in unser Strafrecht Einzug gehalten hat) ist auch für uns als Individuen von größter Bedeutung. Wir haben bereits gesehen, dass Lernen immer mit Erinnerung zu tun hat. Es sind neuronale Verknüpfungen entstanden, und wenn diese aktiviert werden, werden die Energien aktiviert, die mit dem schmerzhaften Ereignis verknüpft sind. In Bezug auf eine Person, die uns Schmerz zugefügt hat bedeutet das: Sehe ich diese Person wieder oder denke an sie, werden die negativen Energien (E. Tolle würde sie wohl Schmerzkörperenergien nennen) wieder frei. Frei kann aber nur werden, was zwar verborgen aber gleichwohl noch da war! Mit anderen Worten: Es bleibt ein Residuum an negativen Energien in uns erhalten. Dieses Residuum gilt es aufzulösen! Und das tun wir, indem wir vergeben, und zwar

1) der Person, die uns den Schmerz zugefügt hat. An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, auf etwas hinzuweisen, was ich immer und immer wieder erwähne: Die andere Person kann mir gar kein Leid zufügen, sondern nur Schmerz! Leid kann ich mir nur selber zufügen. Warum? Weil Schmerz immer das ist, was im jetzigen gegenwärtigen Augenblick spürbar ist, und zwar unmittelbar ausgehend von der Schmerzquelle. Leid hingegen ist die zeitlich-psychologische Komponente des Schmerzes, jenes „durch die Erinnerung und die Gedanken den Schmerz wieder in den gegenwärtigen Moment hinein Holen“; damit ist Leid immer mittelbar![3]

2) gegebenenfalls auch der Situation dafür, dass sie sich gestaltet hat, wie sie sich gestaltet hat. Eine Situation ist niemals gut oder schlecht, sie ist immer wie sie ist – das ist eine spirituelle Binsenweisheit. Sie kann sich nur gut oder schlecht anfühlen; das hingegen ist sehr subjektiv – des Einen Freud, des Anderen „Leid“. Indem wir der Situation vergeben, wie sie war, tragen wir dem Rechnung, was Jesus meinte, als er am Kreuz sagte: „Nicht mein sondern Dein Wille geschehe.“ Wir be- und verurteilen eine Situation immer nur nach unserem Dünkel, nach dem, was uns richtig oder falsch erscheint.

Lösen wir dieses Residuum nicht auf, tragen wir die Energien mit uns herum, wir sind „nach-tragend“. Aber man merke: Wenn wir jemandem etwas nachtragen – einen ganzen Koffer voller Vorwürfe hinterhertragen -, wer trägt dann die ganze Last? Der, der nachträgt … solange bis er ver-gibt, also den Koffer aus der Hand gibt. Damit sind wir die Last los, erst dann tritt wirkliche Erleichterung ein – der Himmel reißt auf und das Licht der Liebenden-Güte kann in uns erstrahlen und über uns hinaus in die Welt. Machen wir diesen Schritt nicht, sind wir wie der Kofferträger, der nach rechts, nach links, nach oben und unten flucht und schimpft und in alle Richtungen Negativität versprüht und damit seine Mitwesen unter seinem Leid leiden lässt. So machen es die meisten unserer Mitmenschen … aber sie wissen es nicht besser, daher können wir ihnen ihre Unwissenheit und ihr Unverständnis vergeben. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Und damit kommen wir zu dem wichtigen Punkt, den der Kommentator in jenem Blog erwähnte: Das „sich selbst Vergeben“ ist von größter Bedeutung. Man sollte unablässig daran arbeiten, mit sich selbst ins Reine zu kommen, Mitgefühl mit sich selbst zu haben, daran arbeiten zu verstehen, dass man es selbst ist, der sich das Leid zufügt – sich selbst vergeben in verständiger Würdigung unserer alten negativen Strukturen, die wir uns ja allesamt nicht ausgesucht haben!! Tief in unseren Herzen ist nichts als Liebe! In ausnahmslos jedem Menschen! Es gibt gar keine schlechten Menschen, es gibt nur schlechte Handlungen!

Möge uns die Erkenntnis dieser Liebe dazu verhelfen, uns selbst und allen Wesen liebend zu begegnen.

METTA sendet Euch

Michael


[1] Die Vergebungsmeditation ist eine Praxis, die ich aus eben diesem Grunde erst mit Übenden durchführen werde, wenn ich selbst (im Selbstversuch) ausreichend Erfahrung mit ihr gesammelt habe und meine Ausbildung zum Psychotherapeuten (HP) abgeschlossen habe. Wer immer sie praktiziert, er/sie sollte sie NUR unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers praktizieren)

[2] Spannendes Thema übrigens, denn neben dem Menschen wird auch zunehmend aufgrund entsprechender Transfer-Versuchsreihen auch zB Rabenvögeln seitens der Wissenschaft Intelligenz zugesprochen.

[3] Für die Vergebungsmeditation bedeutet das, ich vergebe dem anderen den Schmerz, den er mir zugefügt hat, und ich vergebe mir selbst das Leid, das ich mir selbst dadurch erschaffe, dass ich die „aufpoppenden“ Gedanken an das Ereignis und den Schmerz nicht loslasse sondern sie mit wachsender negativer Emotionalität weiterdenke.

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