Die buddhistischen Vorsätze („Silas“)

Ich möchte an dieser Stelle einmal näher beleuchten, was die Inhalte der Silas eigentlich sind:

 

1. … kein fühlendes Wesen zu verletzen oder zu töten:

Liebevoller und fürsorglicher Umgang mit allen Wesen

„kein fühlendes Wesen“: schließt uns selber mit ein;

„verletzen“: gilt physisch wie auch psychisch; das beinhaltet auch: keine quälenden Selbstvorwürfe, kein Konsum toxischer Substanzen

„oder zu töten“: Suizid: unabhängig vom (buddh.) Glauben an eine unglückselige Wiedergeburt als Folge eines Suizid, geht es hier mehr noch um die Würdigung der Schöpfung, des Tao und somit unserer selbst. Zudem ist „nicht töten“ eine Konsequenz daraus, keinem anderen Wesen Leid zuzufügen. Die reine Unterlassung dessen würde aber dem buddhistischen Geist von metta (Liebende-Güte), karuna (Mitgefühl) und mudita (Mitfreude) widersprechen.

 

2. … nichts zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben worden ist

Gleichmütiger Verzicht

„nehmen“: es geht hier neben dem Vorgang des Ergreifens sinnbildlich auch um das „Habenwollen“. Es geht hier nicht um asketischen Verzicht unter (wie in anderen Religionen absichtlich herbeigeführtem) Leid, sondern um ein sich bewusst Machen, dass es außer Kleidung, Nahrung, Obdach und menschlicher Zuwendung nichts Wesentlichem bedarf. Es gilt also durch gleichmütigen (lächelnden) Verzicht einer Dominanz des Ego[1] (entstehend aus Begehren, Anhaften, und alten Mustern),  also dem „’ICH’ will haben“,  entgegenzuwirken.

„nicht freiwillig gegeben“: stellt darauf ab nicht zu stehlen (Man beachte hier aber auch einen möglichen moralischen Affront der Ablehnung eines Geschenkes)

 

3. … mich nicht von sexueller Begierde mitreißen zu lassen

Befreiung von zwanghafter Suche nach sexueller Befriedigung

mitreißen zu lassen“: es geht nicht darum, überhaupt kein sexuelles Verlangen zu haben und vorhandenes sexuelles Verlangen um jeden Preis zu unterdrücken. Sexualität kann heilsam oder unheilsam sein: Unheilsam ist sie, wenn der Fokus so sehr auf sexuelle Befriedigung gelegt wird, dass unsere Achtsamkeit schwindet; unheilsam ist sie ferner, wenn sie anderen Dingen dient als lediglich dem körperlichen Ausleben oder Umsetzen emotionaler Nähe oder Liebe,  sondern der Aufwertung des Selbstwertgefühls (Ego); unheilsam ist sie ferner, wenn sie gegen oder ohne den Willen des Anderen, unter Beteiligung Minderjähriger oder in einer Beziehung / Ehe mit einer unbeteiligten Person ausgeübt wird[2]

Die regelmäßige Formulierung im Buddhismus lautet „Keine schädlichen (unheilsamen) sexuellen Handlungen“. Diese ist insoweit weiter  als die vorliegende Formulierung, als sie auf die Handlung abstellt; hier hingegen unter Berücksichtung des Bedingten Entstehens, bereits auf der Stufe des „Begehrens“.  Enger ist sie, da sie Selbstbefriedigung als sexuelle Handlung mit einschließt;  eine Schädlichkeit / Unheilsamkeit in Art und Umfang der Selbstbefriedigung ist in jedem Fall zu bedenken.

 

4. … nicht zu fluchen, keine Fäkalsprache zu verwenden

Pflege sanfter und liebevoller Sprache

Im Allgemeinen ist hierunter das zu fassen, was heute „gewaltfreie Kommunikation“ genannt wird. Durch Fluch und Schimpf zieht man seine unmittelbares Umfeld in „Mit-Leid-enschaft“; auch macht man seinem Ärger nur vorübergehend Luft; dass er bei Erinnerung immer wieder auftritt zeigt, dass man nur verdrängt, nicht verarbeitet hat.  Im Speziellen:

nicht zu fluchen“: Es wird gern vergessen, dass „fluchen“ von „verfluchen“ kommt; es werden beim Fluchen bewusst Schwingungen in die Welt gesetzt, die geeignet sind, negative Einflüsse entstehen zu lassen (NB: Das Gegenteil ist das Aussenden von Liebender-Güte)

„Fäkalsprache“: Schimpfworte aus dem Bereich der Fäkalsprache erzeugen unterbewusst Assoziationen mit dem benannten Gegenstand und somit Ekel; Ekel wiederum erzeugt unbehagliches Gefühl, es kommt zu Abneigung (Begehren),  und somit zu Verkrampfung und Verspannung. „Die Farbe Deiner Gedanken bestimmt über die Farbe Deiner Seele“ heißt es sinngemäß beim Buddha. Je mehr lächelnde und liebevolle Gedanken Du hast – die sich in Sprache ausdrücken -, desto heller, klarer und entspannter wird Dein Geist …

[Anm: Das Christentum kennt Zorn als Todsünde[3]]

 

 5. … nicht zu lügen

Hingabe an die Wahrheit

Die Unwahrheit zu sagen beinhaltet mehrere Dinge: 1. Die Anstrengung, sich etwas auszudenken, das für den Empfänger plausibel klingt und dies dauerhaft aufrecht zu erhalten 2. Die Angst davor, dass die Wahrheit ans Licht kommt (Bestrafung / soziale Ächtung) 3. Scham, wenn die Wahrheit ans Licht kommt 4. eventuell auch Unrechtsbewusstsein.

All dies erzeugt beim Lügenden Verspannungen und Verkrampfungen in Geist und Körper, Ursache für unbehagliches Gefühl, für Begehren, Anhaftung und somit Leid. Und Leid ist Ursache für Gewalt gegen uns selbst oder andere. Bemerkenswert: Selbst wenn das Unrechtsbewusstsein fehlt („Notlüge“ etc) bleiben noch 3 Leid begründende Komponenten übrig.

Der Geist ist hingegen sehr friedvoll und ruhig, wenn man sich stets „einfach nur“ der Wahrheit hingibt

6. …mich nicht über andere erheben / andere Wesen nicht herabwürdigen[4]

Weise Demut und Würdigung der gesamten Schöpfung

Eine sehr wichtige Empfehlung, denn wir begegnen unheilsamen Handlungen mit erstaunlicher Häufigkeit im täglichen Leben. Gemeint ist bereits das geringste Anzeichen von einer Überheblichkeit oder Nichtakzeptanz des Nächsten. Neben der Gefahr von Wut und Ärger, die hierdurch entstehen, nähren wir durch ein solches Verhalten in besonderem Maße die Illusion eines „Ich“ und pflegen all die Konzepte, die zu Werturteilen führen; es ist die diametrale Opposition zur Einheit aller Wesen in Gott / im Tao / in Allah.

„mich nicht über andere erheben“: umfasst jeden Gedanken wie: ‚Wie kann man nur so doof sein?’ (= ICH hingegen bin ja intelligent) / ‚wie läuft der denn rum?’ (= ICH hingegen habe Stil) / ‚Wo hat der denn den Führerschein gemacht?’ (=ICH weiß, wie man Auto fährt) … und jede weitere Spielart von negativer emotionaler (nicht sachgerechter!) Kritik.

andere Wesen nicht herabwürdigen: bezieht sich natürlich auf alles Vorgenannte, da das eine regelmäßig das andere nach sich zieht.

NB: In diesem Zusammenhang überdenke man auch die Haltung sich selbst gegenüber: Es besser zu wissen aber nicht danach zu handeln ist sicher nicht heilsam, aber sich dafür zu kritisieren und selbst herab zu würdigen ist noch schlimmer und widerspricht dem Geist von Vergebung und Liebender Güte – auch sich selbst gegenüber!

Weise Demut: Begegne anderen Menschen immer eingedenk Deiner eigenen Würde! Merksatz: „Erhobenes Haupt – gesenkter Blick“

 

7. …mich keinem Einfluss auszusetzen, der das Bewusstsein trüben kann

Klarheit des Geistes

Hier geht es in erster Linie um die Übung von ununterbrochener und uneingeschränkter Achtsamkeit und Präsenz im Jetzt-Hier.

„keinem Einfluss“: das beinhaltet sowohl physische als auch mentale Intoxikation, also 1. jede Form von Alkohol und Drogen (Beachte vor allem die Gefahrneigung, es – unter z.B. Alkoholeinfluss – mit den anderen Empfehlungen [insbesondere bzgl. Sexualität] nicht mehr so genau zu nehmen) 2. übermäßige Nutzung von Internet, TV / Video,  Spielhöllen-„Spiele“ und desgleichen. Auch suchtartige sexuelle Betätigung ist ein das Bewusstsein eintrübender Einfluss.

 

8. … mich nicht von negativen Emotionen (Trauer, Wut, Hass, Sorge, Eifersucht) mitreißen zu lassen

Liebevolle Annahme und Vergebung

Emotionen im hier gemeinten Sinne sind diejenigen, die in der Anhaftung (vgl. Bedingtes Entstehen) auftauchen; es ist das sich nicht abfinden können damit, dass die Dinge nicht so laufen, wie „ICH“ es mir vorstelle. Es gilt, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass alle Ereignisse ausnahmslos geschehen, weil die dafür erforderlichen Umstände vorlagen. Das Ereignis hat für sich genommen mit „MIR“ nichts zu tun, es geschieht nur, und zwar aus einem inneren Zusammenhang heraus, der für uns Menschen nicht nachvollziehbar ist. Daher sagt Jesus „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“. Wie kann man dieser kosmischen Insichstimmigkeit nicht mit einem liebevollen Lächeln begegnen?

„mitreißen zu lassen“: Dass diese Emotionen auftreten, ist im Alltag kaum zu vermeiden. Es geht auch nicht darum, dies zu vermeiden; der Tenor liegt vielmehr auf „mitreißen lassen“, sich nicht von ihnen aus dem Gleichgewicht und durcheinander bringen zu lassen (NB: „Teufel“ = giech. „Diabolos“ = wörtl. Durcheinanderwerfer)

 


[1] Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung jarāmāranam sokaparidevadukkhadomanassupāyāsā

[2] So, wie bei allen Verfehlungen gegenüber anderen Menschen ist natürlich immer zu bedenken, dass eine solche idR zu großer psychischer Anspannung auf Seiten des Täters führt (vgl. die Erleichterung der Beichte); dieses Gefühl ist Verkrampfung und Verspannung, die sich entladen will, und dies tut sie meist in aggressiven Handlungen. In der Summer wechselseitig-kausaler Bedingungen verstärkt sich auch hier wieder das Ego-Bewusstsein

[3] s. Fn. 2

[4] vgl hierzu auch Matth 23, 12

Advertisements
Vorheriger Beitrag
Hinterlasse einen Kommentar

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: