Die Kontemplation der „8 Silas“

Wie bereits hier bei der Betrachtung des 4. Gliedes des Achtfachen Pfades (Harmonisches Handeln) gesagt wurde, geht es bei der Einhaltung der Tugendregeln (Silas) ebenso wie bei der Einhaltung der 10 Gebote nicht in erster Linie um Vorschriften, die es auf Biegen und Brechen einzuhalten gilt; es sind insbesondere im Buddhismus Empfehlungen, deren Einhaltung dazu dienen soll, das Entstehen von innerer Spannung zu vermeiden, denn innere Spannung führt unweigerlich zu unheilsamen Handlungen gegen sich oder andere und somit  zu Leid. Es geht also nicht um eine „Du darfst nicht!“, was ja wieder Spannung verursachen würde, sondern um ein „Halte Dir vor Augen, welche Konsequenzen es hat, wenn Du …“. Dem trägt bereits die Formulierung Rechnung Ich gelobe, mich darin zu üben, …“. Nach meinem Empfinden nimmt das sehr schön den Druck heraus.

Ich möchte hier eine kleine Anleitung geben, wie man sehr schön den Tag damit beginnen kann, in einer sehr meditativen Stimmung die Silas zu kontemplieren. Mir ist es dabei wichtig, der Idee des 6. Gliedes des achtfachen Pfades Rechnung zu tragen, nämlich dem „harmonischen Sich-bemühen“. Nur, wenn ich nämlich nicht allein das Unheilsame erkenn und loslasse, sondern im Gegenzug auch das Positive zum Entstehen gelangen lassen möchte, ist der Umgang mit den eigenen Unzulänglichkeiten harmonisch und es tritt ein, was die Psychotherapie „Gegenkonditionierung“ nennt.

Aussehen kann das Ganze wie folgt:

Wenn Du einen Meditationsplatz hast oder vielleicht einen kleinen (Buddha-)Altar, dann setz Dich dorthin, nimm einige tiefe Atemzüge und lasse Dich ganz auf den gegenwärtigen Moment ein. Dann entspanne vom Scheitel herab den Kopf, Schultern und Arme, Brust und Bauch, Schulterblätter – Rücken – Steiß, Leiste und Perinäum (= Damm), und die Beine und Füße. Lege ein sanftes Lächeln auf Dein Gesicht, in Geist und Herz, und formuliere nacheinander:

 

«Ich gelobe, mich darin zu üben:

 

1. Kein fühlendes Mitwesen zu verletzen oder zu töten;

Ich will mich üben in liebevollem und fürsorglichem Umgang mit allen Wesen»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Liebe und Fürsorge anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«2. Nichts zu nehmen, was mir nicht  gegeben wurde;

Will üben in gleichmütigem Verzicht»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, es sich anfühlt, einfach nach nichts zu verlangen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«3. Mich nicht von sexueller Begierde mitreißen zu lassen;

Will mich üben in Befreiung von zwanghafter Suche nach Sexualität»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Freiheit von zwanghafter Begierde anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«4. Nicht zu fluchen und keine Fäkalsprache zu verwenden;

Will mich üben in sanfter und liebevoller Sprache»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich liebevolle Rede anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«5. Nicht zu lügen;

Will mich einfach ganz der Wahrheit hingeben»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie Wahrheit sich anfühlt, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«6. Mich nicht über andere Wesen zu erheben und andere Wesen nicht herabzuwürdigen;

Will mich üben in liebevoller und weiser Demut und Toleranz»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie es sich anfühlt, jedes Wesen zu würdigen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«7. Mich keinem Einfluss auszusetzen, der mein Bewusstsein trüben kann;

Will mich üben in Klarheit und Achtsamkeit»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich Klarheit und Achtsamkeit anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

«8. Mich nicht von negativen Emotionen wie Zorn, Sorge, Trauer, Eifersuch … mitreißen zu lassen;

Will mich üben in liebevolle Annahme und Vergebung»

Nimm einen tiefen Atemzug und entspanne mit einem Lächeln;

fühle, wie sich liebevolle Annahme und Vergebung anfühlen, und fühle das Gefühl über zwei, drei Atemzüge

 

Zum Abschluss kannst Du (laut) formulieren:

 «Möge mein Geist friedlich und ruhig sein;

Möge mein Geist ein verzeihender Geist sein;

Möge ich liebevoll und achtsam sein»

 

Über die genauen Inhalte der einzelnen Vorsätze habe ich hier geschrieben

 

Freudvolle Kontemplation wünscht von Herzen

Michael

 

Mögen alles Wesen glücklich sein

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2 Kommentare

  1. Ich finde es schön, dass du gleich zu Beginn deines Artikels darauf hinweist, dass es nicht um Vorschriften, sondern vielmehr um Empfehlungen geht. Ich habe diese Tugendregeln nämlich schon vor längerer Zeit mal irgendwo gelesen, jedoch ohne jegliche Erklärung dazu, und ich weiß noch, wie ich dachte, hm, das klingt für mich irgendwie komisch, unvollständig und ein bisschen dogmatisch. Dies so zu lesen, gibt mir ein anderes [besseres] Gefühl dazu.
    LG!

    Antwort
  2. Hallo liebe Meike 🙂
    Danke für Deinen Kommentar 🙂
    Ja, das war mir auch ganz besonders wichtig! Ebenso, wie auch zu verstehen, dass die Inhalte der Tugendregeln verstanden werden, ansonsten ist Gefahr – wie in vielen Religionen – von ‚blindem Gehorsam‘; deswegen auch mein Artikel über die Inhalte der Silas.

    Eines habe ich hier leider noch vergessen: Den Hinweis, sich in Vergebung dafür zu üben, wenn man gegen einen dieser Vorsätze verstoßen hat. Es ist von allergrößter Wichtigkeit, sich keine Selbstvorwürfe zu machen, sondern liebevoll und sanft mit sich selbst umzugehen. Selbstzerfleischende Selbstkritik ist ein schlimmes und leider häufiges Phänomen.

    Mit Metta und einen schönen Abend Dir
    ‚Phra‘ Michael

    Antwort

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