Wahrheit oder Schweigen?

Namasté 🙂

Als ich über die „Silas“, die buddhistischen ethischen Vorsätze, schrieb, kommentierte ich zu 5. Nicht lügen:

„Die Unwahrheit zu sagen beinhaltet mehrere Dinge:

1. Die Anstrengung, sich etwas auszudenken, das für den Empfänger plausibel klingt und dies dauerhaft aufrecht zu erhalten

2. Die Angst davor, dass die Wahrheit ans Licht kommt (Bestrafung / soziale Ächtung)

3. Scham, wenn die Wahrheit ans Licht kommt

4. eventuell auch Unrechtsbewusstsein.

 All dies erzeugt beim Lügenden Verspannungen und Verkrampfungen in Geist und Körper, Ursache für unbehagliches Gefühl, für Begehren, Anhaftung und somit Leid. Und Leid ist Ursache für Gewalt gegen uns selbst oder andere. Bemerkenswert: Selbst wenn das Unrechtsbewusstsein fehlt („Notlüge“ etc) bleiben noch 3 Leid begründende Komponenten übrig. Der Geist ist hingegen sehr friedvoll und ruhig, wenn man sich stets „einfach nur“ der Wahrheit hingibt“.

 In aller Regel findet sich irgendwo in den Lehrreden des Buddha immer eine Antwort auf eine Frage – man muss nur lang genug suchen. Eine Antwort habe ich jedoch nicht gefunden, die auf die Frage: „Ist Verheimlichung = Lüge?“

All das, was ich oben erwähnte, bezieht sich ja auf das aktive Mitteilen einer bewusst unwahren Tatsachenbehauptung. Wie aber verhält es sich, wenn man sich dem Anderen gegenüber bewusst gar nicht äußert, obwohl man es könnte? Der „Tatbestand“ einer Lüge ist damit zunächst einmal nicht erfüllt.

Schauen wir vielleicht zunächst auf die Motivation des Verschweigens. Die Grundmotivation ist sicher die gleiche wie die des (aktiven) Lügens, nämlich die Vermeidung, dass eine Tatsache ans Licht kommt. Zwei Interessen können dahinter stecken:

1] sich selber davor zu bewahren, einen wie auch immer gearteten Nachteil zu erfahren oder sich einen Vorteil zu sichern

2] eine andere Person davor zu bewahren, einen irgendwie gearteten Nachteil zu erfahren oder ihm einen Vorteil zu sichern

Zudem, denke ich, ist es wichtig, dieses Verschweigen von Tatsachen nicht isoliert zu betrachten; wie verhält es sich zu den anderen Silas?

Was 1] angeht, kann man, wie ich meine, sehr schnell zu dem Ergebnis kommen, dass es sich hier um ein „egobezogenes“, eigennütziges Verschweigen handelt, das immer unheilsam ist. Wenn man mit sich im Reinen ist, liebevoll annimmt und frei davon ist, materielle oder emotionale Dinge zu erlangen oder zu sichern, wird man nichts verschweigen müssen. Tut man es dennoch, führt es zu einer Nährung des Egobewusstseins und ist somit unheilsam. Ich denke, darauf muss man nicht allzu tief eingehen.

Was 2] angeht, gilt es zu betrachten, worin ein möglicher Nachteil oder Vorteil bestehen kann. Lassen wir das rein Materielle einmal außen vor und betrachten den klassischen Fall einer Freundschaft oder Partnerschaft. Was also, wenn es im Interesse des Anderen zu sein scheint, ihm eine Information vorzuenthalten, damit dieser keinen Schmerz erfährt oder aber in der irrigen Annahme bleibt, dass er sich in einer glücklichen Situation befindet.

Beispiel 1: A verliebt sich in B in der Annahme, dass B auch in A verliebt sei. C, Freund von A, weiß jedoch, dass B definitiv kein Interesse an A hat, will ihm aber die Hiobsbotschaft nicht übermitteln.

Beispiel 2: A, liiert mit B, hatte einen Seitensprung, ohne jedoch, dass dabei irgendeine emotionale Beteiligung eine Rolle gespielt hätte. Im Gegenteil liebt A B nach wie vor, möchte B aber „die Wahrheit ersparen“.

Das sind nur zwei Beispiele, man könnte sich noch jede Menge weiterer ausdenken und benötigte hierfür nicht einmal viel Phantasie. Was aber tun? Einerseits ist man in der Verpflichtung, dem Anderen gegenüber offen und ehrlich zu sein. Andererseits aber auch, dem Anderen kein Leid zuzufügen. Ein Dilemma …?

Wie beurteile ich das Thema aus buddhistischer Sicht? Nun, ich bin ein großer Freund der so genannten „teleologischen Auslegung“, also der Auslegung nach dem Sinn und Zweck einer Regel (oder im Fall der Silas, einer Empfehlung). Sinn und Zweck jeder der Empfehlungen ist es zunächst einmal, innere Spannung und Verkrampfung zu vermeiden. Laut Buddha sind wir zwar dem Anderen gegenüber zu Liebender-Güte angehalten, jedoch weist er immer wieder darauf hin, dass wir erst grenzenlos lieben können, wenn wir mit uns selbst im Reinen sind, anders ausgedrückt: Wenn wir, so sehr wir uns auch in den Anderen hineinversetzen, beim Gedanken an den Sachverhalt und dessen Verschweigen keinerlei innere Zerrissenheit, Spannung und Verkrampfung spüren, keinerlei „eigentlich müsste ich ja, aber …“, sind wir im Reinen.  Somit ist die innerliche Spannung eine Art Indikator für das richtige, das harmonische Handeln. Wenn wir ganz im reinen sind, anders ausgedrückt: ganz in der Liebe sind, werden wir dazu in der Lage sein, dem anderen die Wahrheit zu sagen, um ihm dann Mitgefühl und Liebende-Güte zu schenken und ihm dadurch zu helfen, mit der Situation umzugehen. Aus der eigenen Feinfühligkeit und Liebe zum Mitmenschen und der Ehrlichkeit gegenüber sich selber mag sich also im Einzelfall die Antwort ergeben.

Ich persönlich denke, es gibt hier sicher kein allgemeines Maß, und vermutlich geht es auch Euch wie mir, denn ich habe das Gefühl, dass hierzu noch einiges zu sagen wäre. Ich würde mich freuen, wenn Ihr es tätet 🙂 und bin gespannt auf eine interessante und bereichernde Diskussion.

Mit Metta

„Phra“ Michael


		
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3 Kommentare

  1. Ein paar – ganz spontane – Worte dazu: Weißt du, ich finde es auch schwierig. Ist Verheimlichung gleich der Lüge? Tja…ich fand deine Beispiele sehr gut. (Die mit Person A,B, etc.) Ich sehe einen deutlichen Unterschied zwischen der Lüge und dem Nicht-mitteilen. Da fällt mir ein, dass ich letztens auf Maryams Blog etwas kommentierte, das hierzu ein wenig passt: http://maryamana.wordpress.com/2012/09/12/8043/
    Letzten Endes, denke ich, hast du schon recht mit dem, was du in den letzten zwei Absätzen schriebst. Aber…es ist manchmal so schwer…nehmen wir dein Beispiel mit dem Seitensprung: ICH hätte keine Probleme damit, wenn mein Partner noch jemand anderen hat, nein, das wäre für mich kein Trennungsgrund – solange ich mich gut fühle mit der Beziehung und MEIN Erleben trotzdem schön ist, ist es mir relativ egal, was der andere noch so macht. Aber ich würde es sehr schön finden, wenn er ehrlich zu mir wäre, weil ich Lügen oder Verheimlichen immer schnell als „nicht wertschätzen“ ansehe (ist halt bei mir so drin…alles ist okay, solange man mir gegenüber nur offen ist). Und ich würde den anderen Menschen diese Wertschätzung auch so gerne entgegenbringen manchmal – aber viele Dinge sind in dieser Gesellschaft einfach nicht akzeptiert, da gibt es Moralvorstellungen, Gekränktsein, komische Gefühle, all das – und da ich relativ harmoniesüchtig bin, grins, fällt es mir einfach schwer, in solchen Situationen zu sagen, wie es eben ist, wenn ich genau weiß, dass es dem anderen wehtut. Obwohl – es ist dann ja SEINE Aufgabe, daran zu wachsen, wenn er mag. Aber…einfach ist es halt trotzdem nicht.
    [Was für ein komischer Kommentar. Ich lass ihn trotzdem stehen.]
    Liebe Grüße!

    Antwort
    • Hi Meike 🙂
      zunächst einen herzlichen Dank für Deinen Kommentar 🙂
      Ich habe mir mal die Statements auf Maryams Blog angesehen – hm … ja, wenn es eines Tages dazu kommt, wie Du es beschreibst, dann ist ganz sicher ein großes Stück Freiheit gewonnen; und ich sage nicht, dass es möglich ist, noch sage ich, dass es nicht möglich ist, noch sage ich, dass es weder möglich noch unmöglich ist 😉

      Spannend finde ich, dass Du zu Deiner persönlichen Einstellung zum Seitensprung sagst. Und obwohl das ja nur ein „Kollateral-Thema“ dieses Artikels ist, dennoch ein Wort dazu: Nach meinem Empfinden stellt sich diese Frage eines „Seitensprungs“ gar nicht, wenn, ja wenn man gänzlich in sich ruht. Wenn man nämlich ganz bei sich ist, ganz authentisch, dann ist die Liebe zum Anderen / zum Partner natürlich auch authentisch. Sie ist uneingeschränkt – wäre sie es nicht, wäre man nicht mit dieser Person zusammen. Ist sie das aber, so fehlt nichts und ein „Seitensprung“ erübrigt sich 😉 Soviel zur „Theorie erleuchteter Partnerschaften“ 😀

      Du schreibst: „weil ich Lügen oder Verheimlichen immer schnell als “nicht wertschätzen” ansehe (ist halt bei mir so drin…alles ist okay, solange man mir gegenüber nur offen ist)“ Oh, das sehe ich ganz genau so! Und ich denke, das ist auch sehr natürlich, denn über die Wertschätzung hinaus geht es ja auch um Vertrauen. Mir nicht die Wahrheit zu sagen – gleichviel ob durch Verheimlichung oder aktives Lügen – stellt für mich ein Zeichen mangelnden Vertrauens dar. Über den Schmerz einer Wahrheit kommt man im Zweifel schnell hinweg, aber der mangelnden Vertrauens schwebt sehr, sehr lange über einer (jedweden) Beziehung – und das ist ein Schmerz, der im Herzen frisst und nagt, weil man dann unablässig an sich selbst zweifelt.

      Worin genau, fällt mir eben ein, besteht eigentlich dieses Vertrauen? Du sprachst davon, dass das Gekränktsein des Anderen einen oft davon abhält, die Wahrheit zu sagen. Ich glaube, dass das Vertrauen darin besteht, dass der Andere, der „Gekränkte“, einem die Kränkung verzeiht; dass die Liebe zum Anderen größer ist als der Schmerz über die Wahrheit. Das ist im Grunde das, was Du sagst, wenn Du sagst, es sei die Aufgabe des Anderen, daran zu wachsen.

      Eben dies traut man ihm dann nicht zu – das ist das mangelnde Vertrauen, das so weh tut. Ihm nicht die Chance zu geben zu wachsen und sich selbst und die Liebe, die er/sie für den Anderen empfindet, eben durch dieses Wachsen unter Beweis zu stellen.

      Danke für Deine Anregungen, liebe Meike 😀 Sie haben zur Klarheit beigetragen, glaube ich 🙂 [Aber ich würde mich dennoch über weitere Kommentare freuen 😉 ]

      Mit Metta
      „Phra“ Michael

      PS: Ich hatte lang überlegt, ob ich diesen Artikel überhaupt posten sollte, aber inzwischen bin ich froh darüber, denn worum es hier geht, ist Lebenswirklichkeit, keine Theorie; und das ist es, worum es im Buddhismus geht: Das Leben so betrachten, wie es wirklich ist 🙂

      Antwort

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