… oder so herum:

„Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen“ …

Namasté

Ich habe kürzlich ein Coaching gegeben, in welchem ein Herr mich bat ihm Tipps zu geben, was er tun könne, um seine vor dem Zerbrechen stehende Ehe zu retten. Im Verlauf des Gespräches wies ich ihn darauf hin, dass ich kein Eheberater sei, sondern Coach, und dass es einem buddhistischen Coach nicht darum gehe, Dinge hin- oder wieder geradezubiegen, sondern dem Einzelnen eine Perspektive zu eröffnen, wie er/sie die Dinge so annehmen kann, wie sie sind. Ich habe mir dann überlegt, dieses Gespräch einmal zum Anlass zu nehmen, zu diesem Thema ein wenig zu schreiben.

Beim „Kleinen Prinzen“ heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Und das Eheversprechen vor dem Traualtar wird abgeschlossen durch den Hinweis des Priesters:

 „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“.

 Was ist eigentlich die tiefere Bedeutung dessen? Wenn die kosmische Ordnung gemäß ihres für uns nicht nachvollziehbaren „Großen Plans“ zwei Menschen zusammenführt, dann haben diese beiden die Möglichkeit, dies zu erkennen, anzuerkennen und dann danach zu handeln, oder aber, sie können sich von ihren Äbgsten und Erfahrungen leiten lassen, und zwar in der Form, dass sie zum Beispiel zweifeln. Zweifel hat immer etwas mit dem Ego zu tun, denn er entstammt stets dem Verstand. Wir alle haben wohl Erfahrungen im Bereich Beziehung und Partnerschaft gemacht, und kennen es, wenn der Zweifler in uns sagt: „Du musst aufpassen, Du hast schon einmal etwas Ähnliches erlebt, hast Dein Herz verschenkt und unglaublich viel investiert, und schließlich ließ man Dich fallen und Du hast gelitten wie ein Hund. Das kann Dir jederzeit wieder passieren. Bleib besser allein!“ Hier will der Verstand uns schützen, und daran sieht man deutlich: Er will uns nichts Böses, er greift nur auf die Mittel zurück, die ihm zur Verfügung stehen, nämlich Erfahrungen. Nur zu oft sind diese aber unangebracht. Der Zweifel geht hier einher mit Misstrauen. „In dem Korb, den Du mir gegeben hast“, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, „war auch Misstrauen“. Und wie entsteht Misstrauen? Wir fragen uns vor unserem Erfahrungshintergrund: „Soll ich mich auf die Beziehung einlassen oder nicht?“ Und daraufhin tendieren wir dazu, darüber nachzugrübeln und dabei nach unserem alten gedanklichen Strickmuster zu verfahren. Krishnamurti sagt:

 „Alles, was aus dem Gedächtnis resultiert, ist alt (…) Das Denken ist niemals

neu, denn es ist die Antwort des Gedächtnisses, der Erfahrung, des Wissens.“

 Und so reagieren wir auf eine vollkommen neue Situation und einen vollkommen unvergleichlichen Menschen vor dem Hintergrund unserer alten Strukturen, die mit der Situation und dem Menschen, um den es geht, nichts zu tun haben. Wir bilden ein Vor-Urteil. Und auf diese Weise gelingt es uns, etwas zu zerstören, bevor es überhaupt zur Entstehung gelangen konnte, oder aber, wenn eine Partnerschaft bereits zum Entstehen gelangt ist, sie durch unsere Erwartungen und unsere Vorstellungen, wie diese Beziehung zu sein hat, wieder zunichte zu machen. Doch: Was Gott, die kosmische Intelligenz, zusammengefügt hat, soll die menschliche, begrenzte Intelligenz nicht trennen. Hier finden wir eine Struktur unseres Ego, uns nachhaltig der Möglichkeit einer glücklichen Partnerschaft zu berauben.

Aber wie erfahre ich, ob es ‚Gott’ war, der uns zusammengefügt hat, und nicht vielleicht auch das Ego? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“, sagt Schiller in der „Glocke“. Und wie tue ich das? Hör in Dich hinein, fühle in Dich hinein. Bringe Deinen Geist zur Ruhe, der Dich in seinem Drang nach Sicherheit immer nur zu einem „What-iffer“ macht, zu einem, der immer nur ängstlich fragt „Was aber, wenn …?“. Und dann fließe mit dem, was kommt, lass Dich fallen – das hat viel mit Vertrauen auf Gott zu tun – und sei ganz rein und frisch. Das ist die Bedeutung von ‚im gefühlten Einklang mit dem Tao sein’. Du kannst nichts falsch machen. Du kannst Dir höchstens Unannehmlichkeiten herbeiführen, aber diese Unannehmlichkeiten sind immer nur Auswüchse der falschen Vorstellung, dass die Dinge so zu sein haben, wie ICH sie haben will. Und wir wollen Sicherheit. Unser Sicherheitsdenken ist auch eine Form der Bequemlichkeit; wir wünschen nicht, immer mit neuen Situationen konfrontiert zu werden, wir wollen unsere Ruhe haben. Aber wie soll das gehen? Jede Sekunde ist neu.

Woran also zerbrechen Beziehungen? Es sind Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Der Partner soll dies und das im Haushalt oder sonst wo leisten, und tut es nicht zu genüge. Der Partner soll mir die mir gebührende Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbringen, und tut es nicht. Was es auch immer sei, der Partner erfüllt die Erwartungen nicht oder nicht ausreichend. Und dann streitet man sich und macht sich Vorwürfe und ist enttäuscht und leidet – immerhin diese Gemeinsamkeit bleibt dann noch. Doch all diese Erwartungen entstammen wieder nur unserer Selbstsucht. Man will den Partner formen, macht sich gleichsam zu „Gott“, und will den Partner nach seinem Bild schaffen. Das geht natürlich schief. Das führt mich zu der Frage:

„Wenn man ein spirituelles, also bewusstes Leben führt, kann eine Beziehung dann überhaupt noch Gefahren in sich bergen? Ich meine, Eifersucht oder Verlustangst oder Ähnliches, fällt das alles völlig weg, wenn man bewusst lebt?“

 „Das, was man vor dem Erwachen Hass aus Habgier nennt,

wird nach dem Erwachen zur Weisheit Buddhas.

Deshalb ist der heute erwachte Mensch nicht anders als vorher.

Der einzige Unterschied liegt in seinem Handeln.“

(Zen-Meister Hyakujo)

 Was bedeutet das? Das bedeutet, wir bleiben immer die gleichen Menschen, ob vor dem Erwachen oder nach dem Erwachen. Die Strukturen in unseren Köpfen sind da – sie sind einmal geknüpft worden, und wir werden sie nicht wieder los. Es handelt sich nicht weniger um Manifestierungen, um grobstoffliche Erscheinungen, wie unsere Augen- oder Haarfarbe. So, wie die Augenfarbe bestimmt ist durch die Gene, ist jeder einzelne Gedanke und jede sich aus den Erfahrungen etabliert habende Gedankenstruktur bestimmt durch die Konditionierungen, die wir erfahren haben. Es ist also genau so unsinnig, gegen seine gedanklichen Strukturen, gegen sein Ego anzukämpfen wie gegen seine Augenfarbe – wir können nicht sozusagen ‚entkonditioniert’ werden.

Was wir aber tun können ist, über die Meditation zu einer, wie es in der Psychotherapie heißt, Gegenkonditionierung zu gelangen; wenn man den immer wieder gleichen Gedankenstrom mit einem Fluss vergleicht, leiten wir sozusagen das Flussbett um und legen das Alte trocken. Das alte Flussbett bleibt, nur führt es kein Wasser mehr.

Wir haben nun gesehen, dass wir uns für eine beginnende Partnerschaft nicht von unseren alten erlernten Angst-Strukturen leiten lassen und eine Vermeidungshaltung einnehmen sollten, sondern „auf das Herz hören“ und der Einzigartigkeit des Anderen Rechnung tragen. Für eine bestehende Partnerschaft bedeutet das, in der Beziehung „Selbst-los“ zu sein, den anderen Menschen nicht so hinbiegen zu wollen, wie wir meinen, dass er zu sein hat, oder wie sich die Lebensgemeinschaft zu gestalten hat. Das Zauberwort ist „Loslassen“ – Loslassen des Wunsches nach Kontrolle, Loslassen von Erwartungen. Den Anderen sein lassen, wie er ist – das und nur das ist zwischenmenschliche Liebe.

Kommen wir schließlich zum „worst-case-scenario“: Dem Zerbrechen der Beziehung. Wenn wir sagen: „Was Gott gefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“, müssen wir dann nicht auch sagen:

 Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen!

 Da verliebt sich ein Mensch in einen anderen. Aber irgendetwas steht einer Beziehung im Wege oder aber die Beziehung besteht bereits, aber „irgendwie passt es nicht“, man versteht sich nicht (mehr). Niemand kann vielleicht genau (be)greifen, was eigentlich nicht passt, aber es passt halt nicht. Und wir neigen dazu zu sagen: „Wir haben doch so viele Gemeinsamkeiten, wir haben so vieles miteinander erlebt, denken, empfinden, fühlen doch fast gleich – wir sind doch füreinander geschaffen!“, und können und wollen nicht begreifen, dass es nicht sein soll. Und wir kämpfen um die Beziehung, machen allerhand Unsinn um sie zum Entstehen zu bringen oder sie zu retten, und wenn wir merken, dass es nicht fruchtet, werden wir ärgerlich, wütend vielleicht, eifersüchtig … und machen damit alles nur noch schlimmer. Und wenn wir uns dessen gewahr werden, folgt die Depression auf dem Fuß.

Doch auch hier gilt: „Hör auf Dein Herz!“ Aber das ist in diesen Fällen die wohl schwierigste Aufgabe. Denn unser Ego ist stark, unser Ego akzeptiert nicht, was nicht sein darf. Und wer bestimmt, was sein darf? Unser Ego! Und so entsteht in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen Leid, ein Leid, das uns erspart bliebe, wenn wir auf ‚Gott’ auch vertrauen würden, wenn er ‚sagt’: „Ihr seid nicht füreinander geschaffen.“ Wenn der Kosmos / das Tao … nicht vorgesehen hat, dass es passt, dann können wir uns auf den Kopf stellen – wir kommen gegen die Wahrheit nicht an! Wir können nur … loslassen. Die geliebte Person, die Verzweiflung, die Angst vor dem Alleinsein, das Unbehagen der Erkenntnis, dass „alles, was ich voller Hingabe in die Beziehung habe einfließen lassen, umsonst war.“ Jedes Loslassen eröffnet neue Türen – wer einen Medizinball umklammert kann den Ball nicht fangen, den das Leben ihm zuwirft.

Doch bei aller Weisheit, die in diesen Worten stecken mag, können wir unseren Schmerz nicht mit dem Verstand kontrollieren; es bleibt schlussendlich doch bei dem Spruch: „Es ist eine uralte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei“. Willkommen zurück in der Lebenswirklichkeit! Oder?

Zum Abschluss einige Zeilen aus dem Song „Someone up there“ von Joe Jackson

 „Someone up there made the sun and sea

Someone up there brought my girl to me

Someone up there made the wind and rain

Someone up there took her back again

And just for once: You can’t fight back!

No messing with the hands of fate … oh no!

(Joe Jackson “Someone up there” – hier der Song: )

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