Teufel und Exorzismus

Eine tiefenpsychologisch-buddhistische Betrachtung

 „Legion ist mein Name, denn unser sind viele“

(MK 5, 9)

Es gibt eine bemerkenswerte Geschichte im neuen Testament (MK 5 1 – 20) über einen Besessenen. In Kürze wiedergegeben, lautet sie so:

Jesus kam nach Gerasa, wo er auf einen in Grabkammern hausenden „Besessenen“ traf. Der Besessene war in höchstem Maße aggressiv und war selbst mit Ketten und Fußfesseln nicht zu bändigen.

Jesus befahl: „Fahre aus von dem Menschen, Du unreiner Geist!“ Doch erstaunlicher Weise gehorchte der Dämon nicht. „Ich beschwöre Dich,“ herrscht  der Besessene Jesus an, „quäle mich nicht!“ Jesus erkennt, dass sein Versuch untauglich war und setzt neu an, indem er ihn fragt: „Wie ist Dein Name?“ Er bekommt zur Antwort: „»Legion« ist mein Name, denn unser sind viele.“

 Was ist eigentlich der Teufel? Der Begriff leitet sich her aus dem Griechischen „Diabolos“, wiederum zusammengesetzt aus „dia“ (= „querbeet“) und den Verb „bolein“ (= werfen): „dia bolein“ bedeutet also soviel wie „durcheinander werfen“.

Nun, wenn ich über Meditation spreche, dann ziehe ich oft das Beispiel eines Behältnisses heran, in welchem sich von einer Unzahl von Mikroben und Schwebeteilchen getrübtes Wasser befindet. Solange das Wasser in Bewegung ist, bleibt es trüb; lasst man es aber zur Ruhe kommen, setzen sich die Partikel auf dem Boden ab, und das Wasser wird klar und durchsichtig. Ebenso verhält es sich mit unserem Geist. Wenn wir ihn in der Meditation (d.h. während unserer gesamten Wachzeit!) beruhigen, erkennen wir plötzlich klar die Wahre Natur der Dinge.

 „Wenn sich die Gedanken erheben, erheben sich alle Dinge;

Schwinden die Gedanken, so schwinden alle Dinge“

(Zen-Meister Huang-Po)

Dieses vor Augen wird klar, was der Teufel, der „Durcheinanderwerfer“ dem Grunde nach ist: Es handelt sich nicht etwa um eine externe Wesenheit (womöglich mit Hörnern und Hufen bestückt), sondern um das, was in uns, in unserem Geist geschieht.

Und was geschieht dort? Der Buddha nannte es „papancas“, was soviel bedeutet wie „mental-emotionale Verstrickungen“. Um dies zu verstehen, mag man einen Blick auf das „Bedingte Entstehen“ werfen, welches Buddha lehrte: Wenn wir bewusst etwas wahrnehmen – das kann ein äußerer Reiz sein wie ein Duft, aber auch ein bewusster Gedanke – , dann entsteht im Solarplexus ein behagliches oder unbehagliches Gefühl. Beschränken wir uns auf das unbehagliche Gefühl. Aus ihm entsteht stets ein innerer Widerstand, da wir unbehagliche  Gefühle nicht haben wollen (der Buddhismus nennt es „negatives Begehren“). Und aus diesem negativen Begehren entstehen viele, viele Gedanken darüber, wie wir das Gefühl loswerden können, warum wir von ihm gepeinigt werden, verknüpfen das Gefühl mit der Ursache des Gefühls um einen „Schuldigen“ zu finden und so weiter. Diese ganze Story, die wir gedanklich um das Gefühl spinnen, wird bezeichnet als Anhaftung. Erst an dieser Stelle entstehen Emotionen. Allerdings verläuft dieses (hier verkürzte) „Bedingte Entstehen“ nicht linear, es gibt Rückwirkungen auf das Gefühl, auf die Gedanken, es entstehen neue Gedanken, neue Gefühle und Emotionen und so fort. Das sind „papancas“, jene mental-emotionalen Verstrickungen.

Welcher Art aber sind nun diese mentalen Verstrickungen? Führen wir uns Folgendes vor Augen: Unser Selbstbild ist bestimmt von einer Vielzahl von Faktoren. Es entsteht in einer Form der Selbst-Reflexion. Wie sehe ich mich selbst? Wie definiere ich mich? Nun, Reflexion bedeute ja Spiegelung, und genau wie in einem Spiegel, betrachte, interpretiere und definiere ich mich stets zunächst anhand und im Lichte eines Abgleichs mit meiner Umwelt, ich setze mich also

a. in Beziehung zu den anderen Menschen und vergleiche mich mit ihnen und dann

b. in Beziehung zu mir selbst.

Anders ausgedrückt: Wie verhalten sich meine Mitmenschen? Welches Feedback geben sie mir und folgt aus dem Feedback, dass ich ein „guter“ oder ein „schlechter“ Mensch bin? Die Wertmaßstäbe der Gesellschaft haben wir dermaßen verinnerlicht, dass wir die Erwartungen, die das Außen an uns stellt, wie wir sein zu haben, gänzlich zu unseren Eigenen gemacht haben; somit messen wir uns in der Selbstwahrnehmung ebenfalls nach dieser Messlatte und erkennen und fühlen uns als „gute“ oder „schlechte“ Menschen, haben „gute“ oder „schlechte“ Eigenschaften, sind „lieb“ oder „böse“, „hübsch“ oder „hässlich“. Wie wir uns selbst bewerten, unser „Selbstwertgefühl“ ist also lediglich abhängig von der konditionierten Messlatte, die die Umwelt ansetzt und die wir übernommen haben. Und diese Messlatte kommt in allen Rollen zum Tragen, die wir einnehmen: Bin ich ein guter oder ein schlechter Vater / Autofahrer / Mitarbeiter / Lehrer / Politiker / Spiritueller (!) / Fußballspieler / Musiker / etc etc etc. Eine solche Bewertung liefe völlig ins Leere, wenn wir uns mit niemandem vergleichen könnten bzw. wir (in der Rückwirkung nach dem Vergleich mit anderen [und natürlich entsprechend mit Traditionen, Moralvorstellungen, Regeln usw]) uns auch nicht selbst bewerten könnten.

Nun hat Sigmund Freud festgestellt: Im Grunde genommen leben wir ständig in einem Konflikt zwischen dem ES (als dem Faktor in uns, der die Art- und Selbsterhaltung in uns sicherstellen will) und dem Über-Ich, welches genau diese äußeren und inneren Wertmaßstäbe sind, die ich eben erwähnt habe. Ist das Ich, welches dazwischen steht, in Balance mit beiden, geht es uns gut :o) – nur leider sieht das in der Praxis anders aus, und das macht uns krank, denn wir leben in einer andauernden, hoffnungslosen inneren Spannung.

Um nun auf den Teufel, den Durcheinanderwerfer zurück zu kommen, ist dieser eben jene tausende von Stimmen in uns, die uns ohne Unterlass sagen, wie wir zu sein, zu reden, zu denken, zu handeln haben, uns bewerten, beurteilen, verurteilen, demütigen, herabwürdigen und in Ketten und Fußfesseln legen, ohne Rücksicht auf unser authentisches Selbst. Das ist gemeint, wenn der Besessene zu Jesus sagt: »Legion« ist mein Name, denn unser sind viele.“

Jesus hatte keine Chance damit, dem Durcheinanderwerfer zu befehlen: „Fahre aus von diesem Menschen!“ Denn die Strukturen, die sich in unseren Köpfen befinden, unser EGO, können wir nicht loswerden – es ist erlerntes, konditioniertes Verhalten, es sind neuronale Verknüpfungen, und einmal hergestellt, können sie nicht mehr verschwinden.

Aber was noch tragischer ist: Im Grunde genommen wollen wir gar nicht, dass sie verschwinden. Denn damit stellen wir unser „Ich“ in Frage und müssten es loslassen. Dem folgt genau das, was der Besessene zu Jesus sagt: „Ich beschwöre Dich, quäle mich nicht!“ «Lass mir meine Dämonen! Ohne sie bin ich nichts!». Es ist uns eine Qual, damit konfrontiert zu werden, dass diese konditionierten Strukturen in uns nichts weiter sind als Prozesse und Vorgänge, die wir aber doch für unser „Ich“ halten; wir haben eine Heidenangst davor, dieser Realität ins Auge zu sehen. Sogar die meisten Spirituellen sitzen in dieser Falle, weil sie ihr „weltliches Ego“ lediglich durch ein „spirituelles Ego ersetzen“ und so den Teufel mit dem Belzebub austreiben!! Das ist eine traurige Wahrheit, die mir ohne Unterlass begegnet. Statt uns wirklich (!) „loszulassen, wo immer wir uns finden“ (Meister Eckhart), bleiben wir lieber besessen und gehen weiter elend. Das ist die bittere Realität der meisten unserer Mitmenschen. Das ist die Hölle. Wir befinden uns bereits in der Hölle und merken es nicht einmal!

Wie gehen wir also damit um? Wie bereits gesagt, werden wir unsere alten Muster und Strukturen ja nicht los. Jedoch: Wir können sie auf den Platz verweisen, wo sie hin gehören und keinen Schaden mehr anrichten können, so wie auch Jesus die Dämonen des Besessenen auch nicht zerstört hat, sondern sie in eine Herde Schweine hat fahren lassen (was ich persönlich eher symbolisch betrachte).

Und hier sind wir wieder beim Wasserglas: Wir werden die Mikroben und Schwebeteilchen in unserem Wasserglas nicht los, aber wenn wir sehr ruhig sind, setzen sie sich auf dem Grund des Glases ab und stören unsere Sicht nicht auf die Wahrheit und die Schönheit der Schöpfung.

Wir sind also durch die Vielzahl an Rollen, Meinungen, Erwartungen und all dem Übrigen, womit wir uns identifizieren, nie mit uns selbst Eins, wir sind völlig zersplittert und dadurch in einem ewigen Spannungszustand zwischen dem, was wir glauben zu sein und dem was wir glauben wie wir sein müssten; in jeder einzelnen Rolle, die wir einnehmen, erleben wir diese Spannung.

Verweisen wir die Dämonen auf ihren Platz, erkennen wir sie als das, was sie sind, dann sehen wir, wie Buddha es formulierte „Das bin nicht ich, das ist nicht meins, das ist nicht mein wahres Selbst“ (das ist nur da)! Auf diese Weise können wir uns, psychotherapeutisch gesagt, „gegenkonditionieren“, die alten, krankmachenden Strukturen loslassen und ersetzen durch neue, heilsame und liebevolle. Wir lassen das alte Flussbett austrocknen und lassen das Wasser durch ein neues fließen. Auf diese Weise können wir mit den Dämonen Frieden schließen, können zu unserem eigenen, liebevollen Exorzisten werden – wobei der Begriff nun nicht mehr stimmt, denn wir treiben nichts aus! Wir lassen einfach alles da sein, kontrollieren nicht unser Ego, sondern begegnen ihm liebevoll in verständnisvoller Würdigung seines Entstehens und seiner Daseinsberechtigung! Genau das hat Jesus auch gemacht: Er fragte nach dem Namen des Dämons. Nach dem Namen fragen bedeutet, verstehen, mit wem man es zu tun hat. Erkennen! Das ist ja auch Sinn und Zweck der vipâssana-Meditation, der „Erkenntnis-Meditation“.

Nur über die Erkenntnis unserer selbst können wir frei werden von den dämonischen Bedrängnissen, ihnen vergeben, indem wir sie ebenso ohne Widerstand sein lassen wie jede andere Manifestation (vom fallenden Herbstblatt bis zum Druck in unserer Blase), und Frieden schließen mit uns selbst, in Harmonie leben mit uns selbst und somit, ganz natürlich und von allein, leben in völligem Einklang, in Harmonie mit dem Kosmos, in dem alles seinen Platz hat, wo nichts zu viel ist und nichts zu wenig. Auf diese Weise entkommen wir der Hölle und gehen ein in Nibbâna, ins Paradies, in einen Zustand vollständiger liebevoller Annahme, frei von Dünkel und Begierde und von Angst, frei von Gier, Neid, Hass und Verblendung. Selbst-Vergebung und liebevolle Anerkennung der Daseinsberechtigung von allem, was Jetzt-HIER ist (auch der Dämonen) ist der Schlüssel zur Liebe, zur gefühlten Einheit mit dem Tao, in der wir uns doch alle eigentlich befinden.

Dies wünsche ich mir, Euch und allen Wesen!

MAHA-METTA sendet

„Phra“ Michael

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