Spirituelle Suche und spirituelle Praxis

„Für den Menschen der Formwelt ist ein Baum ein Baum; für den spirituell Suchenden ist der Baum kein Baum; für den spirituell Erwachten ist der Baum wieder ein Baum“

(Spruch aus dem Zen)

Es gibt eine große Falle, in die spirituell Suchende oft hinein tappen, und welche sie daran hindert, zu Spirituellen zu werden[1]. Es handelt sich um die Ego-Falle, jene, die uns gerne vorgaukelt, schon spirituell / bewusstseinstechnisch sehr weit gediehen zu sein, weiter, als wir es tatsächlich sind.

Ich möchte das deutlich machen am Beispiel der Beurteilung oder Bewertung: In der einschlägigen spirituellen Literatur stößt man immer wieder auf das Prinzip des Nicht-Bewertens, des Nicht-Beurteilens: „Die Dinge sind, wie sie sind, und sie sind dem Wesen nach nicht gut oder schlecht.“ Nun, zweifelsfrei ist das so[2]. Es ist relativ leicht intellektuell nachzuvollziehen, dass die Bewertungen, die wir abgeben, immer auf Maßstäben beruhen, die wir erlernt haben – Gesellschaft, Tradition, Religion, Philosophie u.v.m. . Und der spirituell Suchende gelangt dann zu dem Punkt, dass er einsieht: „Wenn ich bewerte, dann setze ich Grenzen, und ich polarisiere, setze Prägungen u.s.w., und dies widerspricht dem Gedanken des göttlichen «Alles ist Eins und alles ist gut», Wertung ist nicht authentisch.“ Auch dem ist nicht viel entgegenzuhalten.

Doch nun kommt die Falle: Der spirituell Suchende beschließt daraufhin seine Abkehr von jeglicher Wertung oder Beurteilung oder Einteilung und gut und schlecht, schön oder hässlich … Er übersieht aber dabei, dass dieser Beschluss Teil des intellektuell-diskursiven Denkvorganges ist, und was noch gefährlicher daran ist, das ist, dass sich dieser Vorsatz „Ich will nicht mehr bewerten“ in einem sehr angenehmen Gefühl (im Solarplexus) äußert, welches dann (wiederum intellektuell) gedeutet wird als „Authentizität“ – Ursache und Wirkung werden also vertauscht: „Ich fühle mich gut mit dem Nichtbewerten,  ich habe mich spirituell weiterentwickelt, jetzt bin ich authentisch.“ Dabei handelt es sich nur um einen Trick der Psyche: Das Belohnungssystem schüttet immer Glückshormone aus, die euphorisierend wirken, wenn wir Vorsätze fassen, die tief in sich stimmig scheinen. Das kennt jeder, der z.B. den Vorsatz fasst, an Silvester das Rauchen aufzugeben. Die Euphorie verfliegt aber leider – wie beim Aufgeben des Rauchens – sehr schnell, wenn es in die Umsetzung geht. Dann wird schnell ein „Ich darf nicht bewerten, ich muss mich davor hüten zu bewerten …“ Und man verkrampft und zwingt sich, wird vielleicht unzufrieden mit seinen Fortschritten und so weiter. Oder aber, es gelingt ganz gut; dann aber entsteht schnell so etwas wie stolz: „Ich bin der, der nicht mehr bewertet! Ich bin der, der die Einsheit des Göttlichen tief im Herzen fühlt! Ich bin der, der den spirituellen Pfad geht! Ich bin … ich bin … ich bin …!“ Das soll jedoch nicht bedeuten, dass sich (im Wege der ‚operanten Konditionierung‘, wie die Pychologie es nennt) nicht auch ein authentisches Nichtbewerten entwickeln kann. Dies führt aber über einen Stolperstein, ein bedeutsames Hindernis:

Wo also liegt hier das eigentliche Hindernis? Syntaktisch besteht der Satz „Ich bewerte“ aus einem Subjekt und einem Objekt. Was der spirituell Suchende tut – und das ist die eigentliche Falle – ist: Er transzendiert das Verb. Wenn ich das tue, transformiert sich das „Ich bewerte“ in ein „Ich bewerte nicht (mehr)“. Das ICH aber bleibt bestehen. Es geht aber darum, das Subjekt des Satzes zu transzendieren. Dann bleibt nur noch „bewerten“ als allein stehendes Verb übrig. Steht es aber allein, verliert es seine Kraft, denn es ist niemand mehr da, der bewertet. Auf die gleiche Weise ist zu verstehen, wenn es in den Visuddhi Magga (dem „Weg zur Reinheit“) heißt: «Taten gibt es, aber niemanden der handelt». Auf diese Weise kann das Bewerten oder Beurteilen ganz einfach losgelassen werden – es verschwindet gleichermaßen von allein.

Die große Herausforderung besteht also im Lassen des Ego! „Wo immer Du Dich findest, da lass Dich los!“ Ich weiß nicht, wie viel tausendmal ich diesen Satz des Meister Eckhart bereits zitiert habe. Unglücklicherweise ist es nicht leicht, diese Ego-Falle als solche zu entlarven. Und noch bedauerlicher ist es, dass meiner Erfahrung nach vielleicht gefühlte 5% der spirituell Suchenden diese Falle erkennt und auch erkennen will; 95% reagieren auf diesen oder ähnliche Hinweise das Ego betreffend ignorant, verletzt, beleidigt, genervt, aggressiv oder gar beleidigend („Hör auf, mich zu belehren, Du Besserwisser!“) – ein weiteres Indiz dafür, dass das Ego hier noch sehr, sehr dominant ist. Denn das Selbstbewusstsein „Ich bin spirituell und kenne den Weg“ fühlt sich sehr gut an und man lässt ungern jemanden daran kratzen, aber es ist kein Selbst-Bewusst-Sein! Im Gegenteil, es wird nur ein Selbstbild (ein materielles) durch ein anderes (spirituelles) ausgetauscht – aber es bleibt ein Bild, ein Konzept. Damit ist der spirituell Suchende sicherlich dem Nichtsuchenden in Sachen Bewusstheit etwas voraus, aber Lichtjahre entfernt von dem, um das es letztlich geht: Die restlose Überwindung der Dominanz des Ego. Kaum jemand ist dazu bereit!

Dabei bemisst sich die Frage, ob man spirituell Suchender ist oder Spiritueller ja gar nicht danach, wie weit man das Ego transzendiert hat, sondern lediglich nach der Erkenntnis der Notwendigkeit und dem ernsthaften Bemühen darum.

Und noch ein letztes Wort zu der Frage, die sicherlich aufkommen wird, ob es überhaupt Not tut, zwischen „spirituell Suchendem“ und „Spirituellem“ zu unterscheiden, und ob nicht auch das wieder eine Wertung ist. Zu 1: Ja! Zu 2.: Nein! Diese Unterscheidung vermag demjenigen, der sich auf dem spirituellen Pfad befindet, eine Richtlinie dafür sein, wie weit er ist, ob er nicht vielleicht in eine Sackgasse rennt; sie dient dazu, sich selbst zu überprüfen. Das setzt natürlich Ehrlichkeit sich selbst gegenüber voraus, und auch diese kann man schön anhand dieser Frage überprüfen … Und das völlig wertfrei, denn jeder geht den Weg, den er nun einmal geht – der eine ist etwas heilsamer, da er weiter führt, der andere eben nicht. Nur sollte man sich dessen bewusst sein, und dann die viel gelobte Entscheidungsfreiheit nutzen um zu schauen, wohin die Reise gehen soll. Das ist jedem überlassen!

Mit Metta

„Phra“ Michael


[1] Ein spirituell Suchender ist nach meiner Definition jemand, der die Inhalte spiritueller Geisteshaltung zwar bereits intellektuell begriffen hat und auch tief in sich spürt, „dass da etwas Tieferes oder Höheres ist“, jedoch noch nicht dazu in der Lage ist zu erkennen, dass zum Erreichen jenes „Tieferen“ oder „Höheren“ die „Entselbstung“, die Transzendierung des Ego erforderlich ist oder es zwar erkannt hat, jedoch noch nicht wirklich darauf hin arbeitet, weil die Tiefe seiner Erkenntnis noch nicht dafür ausreicht. Der Spirituelle hat dies erkannt, und sein einziges Streben – wenn man es so bezeichnen kann – besteht darin, diese Entselbstung zu realisieren.

[2] Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen, denn das würde zu weit führen.

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2 Kommentare

  1. Hallo Phra Michael,

    mir verzwirbelt es bei dieser Frage das Hirn!

    „Wie wenig ist noch von meinem Ego übrig?“ 🙂 „Bin ich jetzt noch eine Suchende, oder gehöre ich schon zu den Echten?“

    Lustig, das.

    Ich schätze mal, für mich wird und darf es ein großes Mysterium bleiben, wie weit ich tatsächlich auf diesem Weg fortgeschritten bin. Ich denke mir: was wäre, wenn sich der Fortschritt einfach nur an mir selbst misst? Denn nur ich kenne das Ausmaß an Kraft, Hingabe und Überwindung, die es manchmal gekostet hat, meinem Innersten zu folgen.

    Im Endeffekt geht’s bei der ganzen Sache ja, so scheint es mir, um den Unterschied zwischen Selbst- und Fremd-Wahrnehmung (was auch immer da mit „fremd“ gemeint ist – ein neutrales Universum, ein Gott?). Angenommen, es gäbe sowas wie eine objektive Messlatte für spirituellen Fortschritt, so wollen wir wissen, wie „gut“ wir uns schlagen.

    Wozu? Vielleicht hat es doch was mit der Angst vor „Strafen“ oder zumindest negativen Konsequenzen zu tun, sollten wir (also die Sucher) unterdurchschnittlich abschneiden? Ich vermute mal, dass diese Furcht mit reinspielt. Und das ist doch schon mal unbeschreiblich amüsant – wie gut sich so ein Ängstlein im Verborgenen halten kann!

    Oder ist es einfach Neugierde? Die Neugierde zu wissen, ob ich mit meinen Impulsen am richtigen Weg bin und mehr Gutes als Schmerzhaftes hinterlasse? Ob ich an meinem Lebenswandel etwas verbessern könnte?

    Wenn ich, im Sinne der objektiven Rückmeldung, einen Wunsch äußern darf: am Ende dieses Lebens hätte ich schon gern so ein kleines Resumé mit Diagrammen und Flow-Charts. Um mir ein Bild machen zu können von der Erfolgsquote dieser Inkarnation. 🙂

    Ein schöner Artikel, danke.

    Herzlich, Lily

    Antwort
  2. Liebe Lilly,
    zunächst einen ganz herzlichen Dank für’s Teilen Deiner Gedanken zum Thema – freue mich sehr 🙂

    “Bin ich jetzt noch eine Suchende, oder gehöre ich schon zu den Echten?” hihi … ja, irgendwie tatsächlich lustig, vor allem so formuliert 😉

    Aber im Ernst: Ich denke, das Schwierigste am spirituellen Weg sind wohl diese oftmals als widersprüchlich erscheinenden „Leitlinien“: Man soll „suchen, aber ohne zu suchen“, das „Ego loslassen, aber ohne es zu verleugnen“, „Handeln im Nichthandeln“ und nicht zuletzt: „Sterben (wie ein Weizenkorn), sterben um zu leben!“. Ich fürchte, solange man nicht tief in seinem Herzen erfühlt, dass es sich hierbei keineswegs um Widersprüche handelt, sondern einfach nur um eine andere Spielart des „In dieser Welt, aber nicht von dieser Welt“, solange das nicht klar erkannt wird, und zwar im Herzen, nicht im Kopf, wird man Schwierigkeiten haben, sich wirklich fallen zu lassen. Sich fallen lassen, ohne dass es aber dabei um etwas ginge – zum Erfolg kommen, ohne aber auf ihn abzuzielen.

    Wie soll man wissen, wie „weit“ man gediehen ist? Kann man es ? Muss man es? Und wieder: Ja und Nein *grins. Wenn es uns gelingt, uns „unkritisch zu kritisieren“, also liebevoll und vor allem „erfühlt“ und nicht intellektuell (!), dann ist die kritische Selbstbeobachtung auf dem WEG sehr wichtig. Und weiter denke ich, kommt es weniger darauf an, den Erfolg kritisch zu beobachten, sondern das Bemühen. Jenes „Sterben des mystischen Todes“ oder „Sterben wie ein Weizenkorn“ oder „Transzendieren des Ego“ oder wie auch immer kann als schöner Indikator gesehen werden: Bin ich wirklich dazu bereit, zu sterben um zu leben?

    Und: Wichtig ist mir auch noch zu sagen, dass es völlig in Ordnung ist zu sagen: „Ich gehe einen spirituellen Weg, aber ich gehe nicht so weit, dass ich mich selber völlig loslassen will!“ Nach meiner Erfahrung ist es nicht möglich, auf diese Weise in die höchsten Ebenen der Spiritualität vorzudringen; aber deswegen ist diese gewählte Lebensweise nicht verwerflich!

    Überhaupt ist, so meine ich, die Sanftheit des Umganges mit sich selbst ein ganz bedeutsamer Punkt – man kann sich nicht zur Erleuchtung treiben. Man kann sich nur üben, und sich lieben, und sich vergeben, wenn das Ego mal wieder dominant und die Bewusstheit rezessiv ist. Überhaupt kehr man zur Bewusstheit automatisch zurück, wenn man sich seine Unbewusstheit vergibt – denn vorher muss man sich ja seiner Unbewusstheit bewusst werden *g.

    Und spätestens hier mag man wieder sehen, wie viel Psychologie in dieser ganzen Spiritualität steckt. Aus meiner Sicht (und damit gehe ich zu 100% d’accord mit Buddha Gautama) ist das Verstehen unserer Psyche nahezu unabdingbare Voraussetzung dafür, zur „höchsten Spiritualität“ vorzudringen.

    Oh Man, so viel wollte ich eigentlich gar nicht schreiben, aber daran sieht man, wie sehr Dein Kommi mich inspiriert hat 😉

    Vielen Dank dafür!

    Von Herzen eine weiterhin schöne Weihnachtszeit Dir (und Deinem „schwarzhumorigen“ Mann *gg)

    Mit METTA
    „Phra“ Michael _/\_

    Antwort

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