Auch solche Dinge geschehen …

Eine wahre Geschichte

Ein guter Freund von mir berichtete mir vor Jahren von einem Ereignis, das ich heute hier einmal wiedergeben möchte:

Mein Freund spielte in den 70er Jahren in einer Rockband, mit der er in Deutschland sehr erfolgreich war. Er sagte, es sei eine schon „heftige“ Zeit gewesen, wenngleich er sie rückblickend wohl als die Schönste seines Lebens betrachte. Diese wundervolle Zeit wurde noch dadurch gekrönt, dass die Frontfrau und Sängerin der Band und er sich unsterblich ineinander verliebten – sie wurde ein Paar. Er habe, so sagte mein Freund, weder vorher noch nachher je so sehr geliebt, wie er diese Frau geliebt habe.

Die 70er Jahre waren eine Zeit, in der bekanntlich auch Rauschmittel in oft nicht unerheblichem Umfang konsumiert wurden – das zog natürlich auch an der Band nicht vorbei. Als einzige jedoch ging die Freundin meines Freundes irgendwann dazu über, auch zu „drücken“. Mein Freund beobachtete das mit Sorge, war aber außerstande, sie davon abzubringen. Mit dem Ergebnis, dass sie einige Monate nach Beginn der Beziehung und einigen erfolgreichen Band-Tourneen mit Anfang Zwanzig an einer Überdosis Heroin verstarb.

Flag Bunting, TIbet Mein Freund fiel in eine schwere Depression, zog sich über ein Jahr lang vollständig von allem und jedem zurück und wollte sich schon das Leben nehmen. Doch dann erinnerte er sich, dass sich zu jener Zeit viele junge Leute nach Indien und Nepal begaben, um dort bei diversen Gurus „Erleuchtung und endgültige Befreiung vom Leid“ zu erlangen. So dachte er bei sich: „Ok, umbringen kann ich mich auch immer noch. So geht es jedenfalls nicht weiter! Ich mache mich auf den Weg nach Indien.“ Und so geschah es auch.

Nach einiger Zeit ziellosen Herumirrens in Indien machte er die Bekanntschaft eines „Hippies“, dem er von seinem Schicksalsschlag erzählte und von dem unermesslichen Leid, das er seither in sich trage. „Ich glaube“, sagte der Hippie, „ich kann Dir helfen. Es heißt, in Nepal wandere ein alter tibetischer Mönch, ein Schamane, von Dorf zu Dorf, um dort den Menschen mit seinen Weissagungen und Ratschlägen ihr Leid zu nehmen und Glück zu bringen. Vielleicht versuchst Du einfach einmal, ich zu finden. Er kann Dir sicher helfen.“

Also machte mein Freund sich auf den Weg nach Nepal. Da niemand wusste, wo der alte Mönch sich jeweils eben aufhielt, reiste er ihm über Wochen hinterher, bis er ihn schließlich und endlich in einem kleinen Bergdorf fand. Erleichtert und voller Freude reihte mein Freund sich in die Warteschlange vor dem auf dem Boden in der Dorfmitte sitzenden Mönch. Als er endlich an der Reihe war, berichtete er über einen Dolmetscher dem Mönch, was ihm widerfahren sei, wie schlecht es ihm gehe und bat ihn eindringlich und verzweifelt um Hilfe.

Der Mönch hatte aufmerksam zugehört, nahm ein kleines Ledersäckchen zur old monk nepalHand, schüttelte es lange, murmelte irgendwelche Formeln und schüttete den Inhalt des Säckchens schließlich auf seiner vor ihm ausgebreiteten Robe aus. Zum Vorschein kamen Knochen, Hölzchen, Steinchen, Zähne und mehr, von denen der Mönch immer einmal ein Teil in die Hand nahm, es begutachtete und wieder zurücklegte; dabei nickte er verständnisvoll und murmelte etwas Unverständliches. Nach einiger Zeit wurde mein Freund etwas ungeduldig und bat den Dolmetscher den Mönch zu fragen, ob er noch mit einer Antwort rechnen könne. Der Mönch atmete tief durch und sprach: „Du hast mich um Rat gefragt, und so soll es sein. Ich werde Dir mitteilen, was die Götter Dir ausrichten lassen.“ Meinem Freund schlug das Herz bis zum Hals. Der Mönch schaute ihm liebevoll lächelnd in die Augen und sprach: „Auch solche Dinge geschehen.“ Dann packte er eilig seine Sachen zusammen und verschwand. Das sollte es gewesen sein? Dafür war mein Freund diesem alten Mönch wochenlang hinterher gereist? Völlig frustriert und tief traurig ging er auf sein Hotelzimmer und schlief irgendwann an.

Am nächsten Morgen erwachte er auf merkwürdige Weise frisch und erholt. Und er erinnerte sich an die Worte des Alten: „Auch solche Dinge geschehen.“ Und plötzlich verstand er. „Ja natürlich“, dachte er, „das ist es! «Auch solche Dinge geschehen» … !“ Eilig und in einem Zustand höchsten Friedens und Glücks kehrte er umgehend nach Deutschland zurück, wo er ein buddhistisches Meditations-Zentrum aufbaute, das er bis heute betreibt.

Was war geschehen? Viel unspektakulärer hätte die Aussage des alten Mönches doch gar nicht mehr ausfallen können. Das hatte auch mein Freund zunächst gedacht. Doch plötzlich verstand er, dass all die Dinge, die im Universum geschehen – der Regen, die Sonne, die Wolken, das Blühen der Blumen, das Aufgehen des Mondes, Geburt und Tod, Liebe, Freude, Hass und Verzweiflung, Erhalt und Verlust – einfach geschehen. Sie geschehen, ohne dass dort irgendetwas zu erblicken sei, das mit uns „persönlich“ zu tun hätte. Es ist nicht „mein“ Sonnenaufgang, es ist nicht „mein“ Vollmond am Nachthimmel, und ebenso wenig ist es „meins“, wenn ein Mensch in mein Leben tritt, den ich liebe, und ebenso wenig ist es „meins“, wenn dieser Mensch wieder geht. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen“ – weil die Zeit dafür da war. Dies in Liebe anzuerkennen ist liebevolle Annahme. Den Dingen zu erlauben, da zu sein.

Ja, was immer geschieht: «Auch solche Dinge geschehen» 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael

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Ein Kommentar

  1. Ziemlich gut. Würde mir wünschen, dass diese Sicht auf die Dinge verbreiteter ist.

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