Die „Absichts-Falle“

Auch Meditationslehrer sind nicht ‚unfehlbar’. Und ich finde es wichtig, auch darüber zu berichten, wenn man als ein solcher einmal in eine Falle tappt, vor der man sonst immer warnt. Daher berichte ich heute einmal über die „Die Absichts-Falle“

Namasté 🙂

Heute möchte ich Euch von einer Erfahrung berichten, die vor allem für diejenigen unter Euch von Bedeutung sein mag, die regelmäßig vipâssana-Meditation praktizieren.

Wie Ihr ja wisst, habe ich eben einen etwa eineinhalbjährigen Lern-Marathon hinter mir, der vor 10 Tagen mit meiner „HP-Psych“-Prüfung endete. Und es wunderte mich nicht allzu sehr, dass mich drei Tage nach der Prüfung eine Erkältung niederstreckte, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe – Mandelentzündung, mittelschwere Bronchitis, schwere Stirn- und Nebenhöhlenentzündung und -vereiterung, all das begleitet von andauernden Kopfschmerzen. „Nun“, dachte ich bei mir, „das ist eine klare Reaktion auf die enorme Belastung – immerhin habe ich ja neben der Prüfungsvorbereitung ja auch noch gearbeitet. Also: Wofür bist Du Meditationslehrer – komm doch einfach wieder in die Entspannung, und damit hat sich das!“

Nun, während die Erkältungserscheinungen richtig heftig waren, war an methodische Meditation kaum zu denken; doch sobald ich wieder halbwegs durch die Nase atmen konnte, setzte ich mich auf mein Kissen. Die Meditationen waren zunächst von einer Tiefe eines Anfängers, aber mein Wissen und meine Erfahrung ließ mich darüber nicht verzweifeln, denn, so sage ich meinen Schülern immer wieder, „es ist wie mit einem D-Zug mit 100 Waggons: Wenn er in voller Fahrt ist, wirst Du ihn nicht innerhalb von 10 Metern zum Stehen bringen. Ebenso verhält es sich mit unserem Geist / Denken – gib ihm etwas Zeit, die Fahrt zu verlangsamen.“

Doch mir selbst gelang genau das nicht, was ich meinen Schülern immer sage. Ich bemühte mich zwar, diese Tatsache liebevoll anzunehmen und mir meine Vorwürfe hierzu zu vergeben. Doch aus das beruhigte meinen Geist nicht.

Was mich sehr irritierte war, dass meine Kopfschmerzen (die sicherlich teils organischen, aber sicherlich zu gleichen Teilen somatoformen Ursprungs waren) während der Meditation nicht – wie sonst – verschwanden; auch konnte ich sie während der Meditation nicht recht loslassen, und so verstärkten sie sich noch (was ganz normal ist, wenn man sich auf einen [physischen oder psychischen] Schmerz fokussiert). Die ganze Meditation über empfand ich zudem eine enorme Spannung in meinem Kopf, ganz so, als würde sich meine  Gehirnmembran mit aller Kraft zusammenziehen.

So auch vorhin. Also brach ich nach bereits einer dreiviertel Stunde die Meditation ab, kochte mir eine Tasse Kaffee, hüllte mich in eine warme Decke und setzte mich auf meinen Balkon. Und wie ich da so saß, merkte ich, wie meine Kopfschmerzen … verschwunden waren. Auch erfuhr ich plötzlich eine Erleichterung in meinem Kopf … die Spannung wich von Minute zu Minute. Und plötzlich wurde mir klar:

Ich hatte meditiert,

* um meine Kopfschmerzen los zu werden,

* um die Spannung in meinem Kopf zu lösen,

* um nach der Prüfungsphase wieder ‚zu mir zu kommen’,

* um möglichst schnell wieder in die höchsten jhânas (Meditationstiefen) zu gelangen

* um möglichst schnell wieder jenes Gefühl von Frieden und Liebe zu empfinden, welches mich bis vor einem Jahr etwa stets begleitet hatte,

* um schnellstmöglich wieder jene Klarheit und Achtsamkeit zu erlangen, die ich versuche, meinen Schülern zu vermitteln,

DSCF0622Lauter „um zu’s“!! Das war das Problem. Es mangelte mir in der Meditation schlicht und ergreifend an Absichtslosigkeit. Ich war in genau dieselbe Falle getappt, vor der ich meine Schüler immer warne! Hier nun, auf meinem Balkon, inmitten meiner kleinen Birken, umgeben vom Gayatri-Mantra, das ich vor Jahren an die Balkon-Brüstung gepinselt habe, und umgeben vom Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Blätter, dem Geruch von Frühling, dem blauen Himmel und dem Wind in meinem Gesicht … war Friede! Ich saß einfach nur so da, ohne jedes „um zu“.

Und mir wurde wieder bewusst, worum es letztendlich geht: Um einen liebevollen Umgang mit sich selbst, der sich in Wechselwirkung mit liebevoller Absichtslosigkeit ergibt! Es geht nicht ums Meditieren, noch geht es ums Nicht-Meditieren, noch geht es ums weder Meditieren noch Nicht-Meditieren, es geht einzig ums einfach nur so da sein!

In diesem Sinne werde ich mich jetzt wieder auf meinen Balkon setzen und weder meditieren noch nicht meditieren 😉

Einen schönen, sonnigen und absichtslosen Sonntag wünscht Euch und sendet von Herzen

METTA & SMILES

„Phra“ Michael

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Esoterik und Spiritualität

Vorbemerkung:

Ich möchte diesem Artikel vorausschicken, dass ich nicht beabsichtige, die Esoterik als solche herabzuwürdigen oder ihre Daseinsberechtigung anzuzweifeln. Mir ist einzig daran gelegen, das Verhältnis zwischen Esoterik und Spiritualität darzustellen, um zu verdeutlichen, dass man beides nicht durcheinander werfen sollte, wie es heute im Zeitalter der Verwässerungen allzu oft der Fall ist. Esoterik ist Esoterik, Spiritualität ist Spiritualität – und wenngleich es thematisch einige Berührungspunkte gibt, so ist die Herangehensweise eine gänzlich andere. Merkmale der Esoterik – wie beispielsweise das der „Beweisführung“ – finden sich nicht im Bereich Spiritualität, und wenn jemand von zB „beweisbarer Spiritualität“ spricht, handelt es sich um eine contradictio in se. Also: Keine von beiden ist besser oder schlechter, sie sind nur anders. Aber die Unterscheidung muss klar sein, ansonsten enden wir im Brackwasser spiritueller Beliebigkeit!

Es gibt Menschen, die beschäftigen sich ausschließlich mit den Belangen des alltäglichen Lebens; sie gehen zur Arbeit, kaufen ein, gehen ins Fußball-Stadion oder in die Techno-Disco und beschränken sich auch sonst auf das Weltliche, also auf all das, was wir mit unseren  fünf externen Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Geschmacks- und Tastsinn) erleben können. Das sinnlich Erfahrbare reicht ihnen völlig aus, und für sie besteht auch keine Veranlassung, nach Sinn oder Zweck des Daseins zu fragen. Unser Geist (Denken / Bewusstsein) als sechstes Sinnenorgan wird meist erst zum Objekt des Interesses, wenn (hirn)organische oder psychogene Störungen im psychischen Bereich auftreten (Demenzen, Schizophrenien, Ängste, Depressionen u.s.w.).

Dann gibt es Menschen, die befassen sich (überdies) mit Dingen, die mit dem Alltag erst einmal nichts zu tun haben. Es handelt sich dabei um Phänomene, die sich den sechs Sinnestüren zwar nicht oder nicht ganz verschließen, aber um Erscheinungen, die gern als paranormal, übernatürlich oder ähnliches bezeichnet werden; sie erschließen sich nicht so ohne weiteres für den ‚Normalbürger’, sind aber teilweise durchaus sichtbar vorhanden (wie zum Beispiel Kreise und Muster in Kornfeldern), beruhen auf Theorien (Stichwort Astrologie) oder aber haben die Existenz Außerirdischer zum Inhalt. Diese Menschen verbreiten gern ihre Ansichten und jene im Verborgenen liegenden Inhalte, machen sie den Menschen intellektuell zugänglich, die an diese Dinge nicht glauben, indem sie sie mit Hilfe von wie auch immer gearteten Belegen oder Beweisen zu überzeugen versuchen. Diese Menschen werden gemeinhin als Esoteriker bezeichnet.

Und schließlich gibt es die Menschen, die (über die Belange des Alltags hinaus) das Wahre-Wesen der Existenz ergründen wollen, jedoch nicht über Beweise oder Theorien oder Erklärungen, sondern durch Innehalten und Schauen – absichtslos, urteilslos, interpretationslos. Ein solcher gelangt dorthin durch Introspektion, d.h., er bemüht sich darum, jegliche  Phänomene / Erscheinungen nur als Prozesse unserer Wahrnehmung zu betrachten, indem er schaut, wie wir als „Rezeptoren unserer Umwelt“ (inklusiver unserer selbst) funktionieren. Durch das „reine Beobachten“ entledigt er sich des konditionierten diskursiven Denkens und schaut auf die Dinge wie ein weißes Blatt. Diese Menschen schließlich werden gemeinhin als Spirituelle bezeichnet.

Nun, bereits beim ersten Hinsehen fallen zwei Unterschiede zwischen dem Esoteriker und dem Spirituellen auf: Um es in einer Metapher auszudrücken, nimmt der Esoteriker ein Teleskop zur Hand und holt sich die entfernten Phänomene und Erscheinungen aus dem Außen heran, um sie dann zu erklären; der Spirituelle dreht das Teleskop gewissermaßen um und betrachtet sich selbst – er ist Betrachter und gleichzeitig Betrachteter, Beobachter und gleichzeitig Beobachteter.

Nun sind wir Menschen nun einmal so gestrickt, dass wir alles mit dem Verstand begreifen, alles analysieren und dem Intellekt zugänglich machen müssen. Wir sind süchtig nach Beweisen und Informationen, denn dies ist das Einzige, womit unser Gehirn etwas anfangen und umgehen kann. Wir sind süchtig danach, uns immer mehr anzureichern mit Wissen und danach, alles zu verstehen. (Es fällt mir in diesem Zusammenhang ein, dass „Sucht“ nicht von „suchen“ stammt, sondern von „siechen“ (!) – wir haben das Gefühl daran zu darben, wenn wir Dinge nicht erklären können). Hierfür gibt es viele interessante Gründe, aber auf sie möchte ich hier gar nicht eingehen.

Es gilt an dieser Stelle zunächst festzuhalten, dass alles, und seien es noch so paranormale Erscheinungen, noch so phantastische Theorien oder noch so heilige Ideen oder Gottesvorstellungen, ja sogar Erscheinungen von Engeln oder anderen Himmelswesen, samt und sonders der relativen Welt zuzuordnen sind, als einer Welt, die wir in irgendeiner Form denken können, und wenn es dafür noch so viel Phantasie bedarf. Alles aber, was wir denken, entstammt aus einem intellektuellen Kontext, jede Begrifflichkeit, jede Benennung ist lediglich die Ausgeburt intellektueller Parameter eines in Vorstellungen (Konzepten) denkenden und vor allem äußerst begrenzten Verstandes – wir erfassen nicht die (absolute) Wirklichkeit sondern immer nur das, was unserem Gehirn zugänglich ist; was wir also für die Wirklichkeit halten ist reine Illusion. Das gilt für ausnahmslos alles, was unseren Verstand durchlaufen hat, ob es die Vorstellung von Außerirdischen ist, die von Gott, die von Nirwana, die von der Kraft der Sterne … sobald irgendetwas durch unseren Verstand und unsere Interpretation gefiltert worden ist, erscheint es nicht mehr als das, was es wirklich (also auf der absoluten Ebene) ist[1]. Das jedoch bedeutet: Auch die Esoterik beschränkt sich darauf, Illusionen zu deuten und zu erklären. Das tut die anerkannte Wissenschaft im Übrigen auch, mit dem Unterschied allerdings, dass sie keinen spirituellen Anspruch hat. Das Ansinnen des Wissenschaftlers ist, Dinge zu erklären, wie wir sie in dieser relativen Welt erkennen können, mehr will er nicht und (wie ich es schon gelegentlich in Interviews mit Quantenphysikern und Schwingungstheoretikern mitbekommen habe) hält sich aus allem anderen dann auch heraus.

Würde nun der Esoteriker sagen: „Wir sind ebenfalls Wissenschaftler, lediglich in einem anderen Bereich als die herkömmliche Wissenschaft, und wir bemühen uns nicht um spirituelle sondern um beweisbare Inhalte“, dann hätte alles seinen Platz. Leider tut sie das nicht. Sie greift ein in Bereiche der Religion, der Moral, der Ethik, der Spiritualität, sieht sich im Zweifel gar als „neue Spiritualität“, stellt Dogmen auf und überschreitet damit nach meinem Empfinden weit ihre Kompetenzen. Ich möchte im Folgenden kurz darstellen, warum ich dies für bedenklich halte:

1) Das Problem der Beweise:

Alles, was durch unseren Verstand und unser konditioniertes Bewusstsein läuft, lässt nur ein schemenhaftes Abbild in uns von dem entstehen, was da wirklich ist, so wurde gesagt. Damit kann aber auch jeder Beweis nur in der relativen Welt Gültigkeit haben. Spirituell betrachtet – und damit meine ich immer „aus der Sicht des Absoluten“ – ist jeder Beweis, parawissenschafltich-esoterisch oder anerkannt-wissenschaftlich, nicht mehr und nicht weniger als eine gedankliche Spielerei. Selbst Thomas von Aquin besaß nicht die Arroganz einer ‚Beweisführung‘;  seine „Gottesbeweise“ nannte er nicht Gottesbeweise, sondern „Wege zur Gotteserkenntnis“.

Wie steht es nun mit der Esoterik? Nun, in dem Moment, da jemand eine Überzeugung vertritt und dieses mit Beweisen und rhetorischen Stilmitteln zu untermauern versucht und andere davon zu überzeugen versucht, greift er aktiv in ihr Leben ein, baut eine Trennmauer und überlässt es dem anderen, die Mauer von seiner Seite aus einzureißen, indem jener die Überzeugung übernimmt. Das war gängige Praxis in den meisten Religionen, und die Esoterik macht es nicht anders. Es handelt sich dabei um eine Form von Gewalt. Und da wirkt es bei genauem Hinsehen nicht mehr allzu glaubwürdig, wenn sich die Esoterik Toleranz gegenüber allen Religionen und Auffassungen auf die Fahne schreibt, aber im nächsten Atemzug von den „unbelehrbaren Skeptikern“ oder von „Ungläubigen“ spricht. Wäre Esoterik eine spirituelle Geisteshaltung, würde sie auf Beweise und Missionierungen verzichten. Nicht zuletzt, weil Beweise nicht nur nicht zur Befreiung von Leid führen, sondern sie sind auch geneigt, Leid zu verursachen, denn wenn der „Beweisende“ den Anderen nicht überzeugen kann, führt das vielfach zu Wut und Ärger beim „Beweisführenden“; und diesen Ärger trägt er (durch das Residuum an negativen Energien) nolens – volens hinaus ins Leben und verursacht damit auch Leid bei Dritten.

2) Das Problem der Freiheit:

Soviel zum Prinzip des Beweises. Aber wie sieht es aus mit Inhalten von „Beweisen“? Nun, mir selbst ist der Inhalt des „bewiesenen“ esoterischen Sachverhaltes in der Regel völlig gleichgültig, da sie mich als Spirituellen nicht anlangen. Wie würde Buddha sagen: „Ich sage nicht, dass es so ist, noch sage ich, dass es nicht so ist, noch sage ich, dass es weder so ist noch dass nicht so ist.“ Aber gilt das für jeden? Auch das, was bewiesen wird, sehe ich als nicht unproblematisch, sobald es nämlich in die autonome Lebensführung eines Menschen eingreift.

Nehmen wir als Beispiel die Reinkarnation. In dem Moment, da mir bewiesen (oder sagen wir besser „glaubhaft versichert“) wird, dass es beispielsweise eine Seele gibt, die nach meinem physischen Tod reinkarniert wird, dann werde ich mein Leben entsprechend ausrichten, damit mir im nächsten Leben nichts Schlimmes widerfährt. Dahinter verbirgt sich jene verfehlte Vorstellung von „Karma“, wie sie in vielen asiatischen Ländern verbreitet ist (und auch gern von den Religionen aufrechterhalten wird, sonst könnten die ihre Tempel nämlich dicht machen). Dadurch machen sich die Menschen selber der Religion hörig, sind unfrei in ihren Handlungen (da sie nur darauf abstellen, „nichts falsch zu machen“ und „gutes Karma zu erschaffen“) und leben in Angst (eben davor, dass ihnen das nicht gelingt). Da der einmal erbrachte Beweis ja über allem erhaben ist, muss ich mich dem auch fügen! An dieser Stelle unterscheidet sich der vermeintlich Wissende nicht vom überzeugt Gläubigen. Durch seine angebliche Beweisführung greift der Esoteriker also gewollt oder ungewollt in das Denken und Handeln der Menschen ein, umso mehr, wenn es um Aspekte der Moral und der Ethik geht; und das nicht unbedingt zu seinem Besten.

Wie sieht das eigentlich der Buddhismus (den ich hier mal stellvertretend für die spirituelle Geisteshaltung wähle) mit dem Reinkarnationsbeweis? Der Buddhismus lehrt, dass ein Arahant, einer, der Erleuchtung erlangt hat, seine vorherigen Leben sieht. Ok! Ich bin aber kein Arahant, und solange ich keiner bin, muss ich mir über frühere Leben auch keine Gedanken machen! Wenn „der Kosmos“ meint, dass ich so weit bin, dann werde ich schon früh genug zur Erleuchtung kommen. Vorher gibt es dann wohl andere Baustellen, und wer diese liegen lässt, der mag sich auf seinen Lorbeeren intellektuellen Verständnis in Sachen Reinkarnation (oder auch Wiedergeburt, was übrigens etwas vollkommen anderes ist!!) und seiner vermeintlichen Weisheit ausruhen. Die Frage ist, was es ihm bringt, wohin es ihn führt.

Jeder erfährt die Dinge, wenn und sobald er sie für seine Höherentwicklung benötigt! Ich gehöre zB zu jenen Buddhisten, die sich mit der Reinkarnation schwer tun. Wenn es sie gibt, dann werde ich aus mir selber heraus erfahren, dass es sie gibt und wie sie sich gestaltet. Solange ich nur glaube, dass es sie gibt, weil mir vielleicht irgendjemand einen schlüssigen Beweis dafür vorzulegen meint, dann – und da mag er zufällig noch so richtig liegen mit seinem „Beweis“ – degradiere ich mich selbst zum „Menschen aus zweiter Hand“ (Formulierung nach Krishnamurti). Wir Menschen haben diese Krankheit, immer alles und sofort haben zu wollen. Das, was wir (noch) nicht über unsere eigene Erkenntnis (zB in der Meditation) erfahren und erleben, müssen wir uns halt anlesen oder uns erklären lassen, denn wir haben ja keine Zeit und keine Geduld darauf zu warten, bis wir selbst am Punkt der Erkenntnis stehen. Wer so unterwegs ist, läuft Gefahr, sich selbst die Sicht zu versperren für das, was gerade wirklich für ihn anliegt, wie Auflösung alter Strukturen, „Schattenarbeit“, „Innere Kind Arbeit“, Übung und Praxis der Meditation, Großzügigkeit in Sachen „Liebende Güte“ sich selbst und anderen gegenüber. Ich fange doch nicht an, Logarithmen zu lernen bevor ich den Dreisatz verstanden habe.

In der Spiritualität geht es um etwas ganz anderes: Es geht um Befreiung von Leid, um ein Leben in einer gefühlten Harmonie mit dem Kosmos, deren Wegbereiter hierzu nicht intellektuelle Analyse, sondern Geistesruhe und Klarschau waren; daher kann auch einzig Spiritualität die nachhaltige gefühlte Harmonie mit dem Kosmos / dem All-Einen / dem Göttlich … zum Entstehen gelangen lassen; wer sich mit Beweisen für die Existenz von Aliens herumschlägt, wird kaum hierzu gelangen und verschwendet insofern seine Zeit. Das führt mich zum nächsten Punkt:

3) Das Problem der Selbsterkenntnis:

Unglücklicher Weise ist der spirituelle Weg ein oft sehr mühseliger, manchmal auch schmerzhafter Weg. Denn man kommt nicht umhin, sich schonungslos mit sich selber auseinander zu setzen, mit seinen „Schatten“, seinen „Unzulänglichkeiten“, sich selbst aufs Genaueste zu untersuchen um all das zu überwinden und sich dann schließlich und endlich selbst loszulassen, nachdem man erkannt hat, dass alles das, wofür wir uns selber halten, nur ein Konzept ist, eine Interpretation, dass wir uns selbst erfinden – das ist wahrlich nicht immer angenehm und schon gar nicht einfach; zu sehr sind wir gefesselt an die Vorstellungen der materiellen Welt. In der Beschäftigung mit esoterischen Belangen sehe ich die Gefahr, dass man sich von sich selber ablenkt, sich nicht selbst ergründen will, weil man vielleicht Angst davor hat … das ist meistens der Grund. Aber der Weg der Selbsterkenntnis ist der Weg der Wahrheitsergründung, da ist kein Drumherumkommen. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, und es ist auch keineswegs verwerflich, wenn man sagt: „Nö, ich beschäftige mich lieber mit Aliens.“ Warum auch nicht? Aber das ist keine Spiritualität.

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über die Achtsamkeit, was soviel bedeutet wie „sich jederzeit über die Bewegungen seiner Aufmerksamkeit von einem Objekt zum nächsten und von einem Moment zum nächsten im Klaren zu sein“ – das ist die Definition für vipâssana-Achtsamkeit, also Achtsamkeit, die zur höheren Erkenntnis führt. Wann immer wir uns mit gehirnakrobatischen Themen befassen – so heilig sie sein mögen, so erhaben sie klingen mögen – sind wir nicht achtsam! Auch ich selbst bin in diesem Moment, da ich dies schreibe, nicht achtsam!

Fazit:

Mir scheint nach dem Gesagten, schlussendlich dient die Beschäftigung mit esoterischen Inhalten doch in vielen Fällen und hinsichtlich der meisten Themen der Befriedigung des Ego. Dabei sage ich nichts gegen diese Inhalte an sich – es geht um den Umgang mit ihnen, was wir aus ihnen machen, welche Bedeutung wir ihnen zukommen lassen. Esoterik bewegt sich also ausschließlich im Bereich der relativen Welt, der Konzepte! Das ist ganz hübsch, phasenweise ganz amüsant … in jedem Fall aber spirituell weitestgehend fruchtlos, es sei denn, man erlebe die Esoterik aufgrund ihrer Beschaffenheit als eben über das normal-weltliche hinausgehend als „Sprungbrett“, als „Initialzündung“ zur Beschäftigung mit „überweltlichen Dingen“ und schließlich vielleicht mit Spiritualität.

Noch einmal: Esoterik ist nicht für sich genommen schlecht; man muss nur wissen, was man von ihr zu erwarten hat. Wenn es einem Spaß macht, kann man sicherlich Dänikens Bücher über Außerirdische lesen – ein gewisser Unterhaltungswert ist diesem und anderen esoterischen Themen sicherlich nicht abzusprechen. Von spiritueller Erbauung aber kann hingegen kaum die Rede sein. Wer Esoterik im Sinne einer „Spiritualität“ versteht, geht deutlich in die Irre, verirrt sich im Wald der Konzepte und Illusionen und verbaut mindestens sich selbst den Weg zur Befreiung von Leid in diesem Leben.

Das war ein langer Artikel, und viele Freunde werde ich mir mit ihm nicht gemacht haben. Aber es bleibt die Frage: Worum geht es eigentlich? Wohin soll die Reise gehen? Geht es ums Recht haben? Um Beweise? Oder doch wieder einmal nur ums Ego? Die Antwort, die die Spiritualität hierauf gibt, ist eindeutig: Wer (durch vipâssana-Achtsamkeit) Geistesruhe und Klarheit in sich zum Entstehen gelangen lässt, gewinnt hierdurch Erkenntnis des Wahren-Wesens aller Erscheinungen; mit dieser Erkenntnis einher geht die Einsicht in die allumfassende kosmische Harmonie / der göttlichen Liebe (oder wie auch immer) jenseits der Worte; diese Einsicht wiederum führt zu innerem Frieden. Dies ist das  Fundament für das Entstehen von Liebender Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut, und Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind gleichzeitig das Fundament zur Entstehung von Achtsamkeit. Es geht nicht um intellektuelles Begreifen, um Beweisen, um Überzeugen oder was auch immer. Es geht nur um die Stille…

Das Einzige, was zählt, ist, im Jetzt-Hier achtsam und ganz präsent zu sein und den gegenwärtigen Moment liebevoll zu umarmen, und diese tief empfundene Liebe zum Sein weiterzugeben an alle Wesen. Alles andere führt von wirklicher Spiritualität meilenweit weg. Und wenn jemand ankommt und meint, es müsse eine neue, eine „beweisbare Spiritualität“ geben, dann untergräbt er alles, was sich in den letzten dreitausend Jahren an Spiritualität entwickelt hat. Es gibt überhaupt keine intellektuelle Spiritualität – das ist ein Widerspruch in sich. Wir können uns den Spaß machen, auf spiritueller Ebene wissenschaftlich zu argumentieren (zB mit der Schwingungstheorie u.ä.), aber es führt nirgendwo hin. Ich habe für mich dafür entschieden, den ganzen intellektuellen Ballast so weit es irgend geht über Bord zu werfen. Zum Preise eines Lebens aus dem tiefsten Herzen heraus. Ohne Beweise. Ohne Dogmen (auch keine buddhistischen!). Ohne Zwänge. Ohne Gewalt. Frieden finden – Liebe schenken.

„Wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘, kann das heilige Leben nicht gelebt werden; und wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘, kann das heilige Leben nicht gelebt
werden. [Gleichviel] ob nun die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘ oder die Ansicht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘- [sicher ist:] es gibt Geburt, es gibt Altern, es gibt Tod, es gibt Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung, deren Vernichtung ich hier und jetzt erkläre.“
(Buddha, MN 63 „
Cúlamàlunkya Sutta“)[2]

 Wer weiß, der redet nicht,

und wer redet, der weiß nicht (Laotse)

Mit Metta
„Phra“ Michael


[1] Ich erlaube mir, hier einmal auf meine Homepage www.rafananda.de hinzuweisen; dort habe ich einen seeehr langen Aufsatz dem sehr schwierigen Thema Anatta (also Nicht-Selbst) gewidmet.

[2] Übersetzung: Kai Zumwinkel; Die Lehrreden des Buddha Gautama, Majjhima Nikaya – Mittlere Sammlung, Band 2, Rede 51 – 100;  die Ergänzungen in [ ] sind von mir.