Die „Absichts-Falle“

Auch Meditationslehrer sind nicht ‚unfehlbar’. Und ich finde es wichtig, auch darüber zu berichten, wenn man als ein solcher einmal in eine Falle tappt, vor der man sonst immer warnt. Daher berichte ich heute einmal über die „Die Absichts-Falle“

Namasté 🙂

Heute möchte ich Euch von einer Erfahrung berichten, die vor allem für diejenigen unter Euch von Bedeutung sein mag, die regelmäßig vipâssana-Meditation praktizieren.

Wie Ihr ja wisst, habe ich eben einen etwa eineinhalbjährigen Lern-Marathon hinter mir, der vor 10 Tagen mit meiner „HP-Psych“-Prüfung endete. Und es wunderte mich nicht allzu sehr, dass mich drei Tage nach der Prüfung eine Erkältung niederstreckte, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe – Mandelentzündung, mittelschwere Bronchitis, schwere Stirn- und Nebenhöhlenentzündung und -vereiterung, all das begleitet von andauernden Kopfschmerzen. „Nun“, dachte ich bei mir, „das ist eine klare Reaktion auf die enorme Belastung – immerhin habe ich ja neben der Prüfungsvorbereitung ja auch noch gearbeitet. Also: Wofür bist Du Meditationslehrer – komm doch einfach wieder in die Entspannung, und damit hat sich das!“

Nun, während die Erkältungserscheinungen richtig heftig waren, war an methodische Meditation kaum zu denken; doch sobald ich wieder halbwegs durch die Nase atmen konnte, setzte ich mich auf mein Kissen. Die Meditationen waren zunächst von einer Tiefe eines Anfängers, aber mein Wissen und meine Erfahrung ließ mich darüber nicht verzweifeln, denn, so sage ich meinen Schülern immer wieder, „es ist wie mit einem D-Zug mit 100 Waggons: Wenn er in voller Fahrt ist, wirst Du ihn nicht innerhalb von 10 Metern zum Stehen bringen. Ebenso verhält es sich mit unserem Geist / Denken – gib ihm etwas Zeit, die Fahrt zu verlangsamen.“

Doch mir selbst gelang genau das nicht, was ich meinen Schülern immer sage. Ich bemühte mich zwar, diese Tatsache liebevoll anzunehmen und mir meine Vorwürfe hierzu zu vergeben. Doch aus das beruhigte meinen Geist nicht.

Was mich sehr irritierte war, dass meine Kopfschmerzen (die sicherlich teils organischen, aber sicherlich zu gleichen Teilen somatoformen Ursprungs waren) während der Meditation nicht – wie sonst – verschwanden; auch konnte ich sie während der Meditation nicht recht loslassen, und so verstärkten sie sich noch (was ganz normal ist, wenn man sich auf einen [physischen oder psychischen] Schmerz fokussiert). Die ganze Meditation über empfand ich zudem eine enorme Spannung in meinem Kopf, ganz so, als würde sich meine  Gehirnmembran mit aller Kraft zusammenziehen.

So auch vorhin. Also brach ich nach bereits einer dreiviertel Stunde die Meditation ab, kochte mir eine Tasse Kaffee, hüllte mich in eine warme Decke und setzte mich auf meinen Balkon. Und wie ich da so saß, merkte ich, wie meine Kopfschmerzen … verschwunden waren. Auch erfuhr ich plötzlich eine Erleichterung in meinem Kopf … die Spannung wich von Minute zu Minute. Und plötzlich wurde mir klar:

Ich hatte meditiert,

* um meine Kopfschmerzen los zu werden,

* um die Spannung in meinem Kopf zu lösen,

* um nach der Prüfungsphase wieder ‚zu mir zu kommen’,

* um möglichst schnell wieder in die höchsten jhânas (Meditationstiefen) zu gelangen

* um möglichst schnell wieder jenes Gefühl von Frieden und Liebe zu empfinden, welches mich bis vor einem Jahr etwa stets begleitet hatte,

* um schnellstmöglich wieder jene Klarheit und Achtsamkeit zu erlangen, die ich versuche, meinen Schülern zu vermitteln,

DSCF0622Lauter „um zu’s“!! Das war das Problem. Es mangelte mir in der Meditation schlicht und ergreifend an Absichtslosigkeit. Ich war in genau dieselbe Falle getappt, vor der ich meine Schüler immer warne! Hier nun, auf meinem Balkon, inmitten meiner kleinen Birken, umgeben vom Gayatri-Mantra, das ich vor Jahren an die Balkon-Brüstung gepinselt habe, und umgeben vom Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Blätter, dem Geruch von Frühling, dem blauen Himmel und dem Wind in meinem Gesicht … war Friede! Ich saß einfach nur so da, ohne jedes „um zu“.

Und mir wurde wieder bewusst, worum es letztendlich geht: Um einen liebevollen Umgang mit sich selbst, der sich in Wechselwirkung mit liebevoller Absichtslosigkeit ergibt! Es geht nicht ums Meditieren, noch geht es ums Nicht-Meditieren, noch geht es ums weder Meditieren noch Nicht-Meditieren, es geht einzig ums einfach nur so da sein!

In diesem Sinne werde ich mich jetzt wieder auf meinen Balkon setzen und weder meditieren noch nicht meditieren 😉

Einen schönen, sonnigen und absichtslosen Sonntag wünscht Euch und sendet von Herzen

METTA & SMILES

„Phra“ Michael

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4 Kommentare

  1. Lieber Michael, was Du da schreibst, kann ich so gut nachvollziehen! Ganz oft meditiere ich „um zu“ usw., um dann immer wieder festzustellen, dass so eine Meditation viel weniger tief ist, als wenn ich absichtslos bin. Und doch tappe ich immer wieder in diese Falle – weil ich so viel will … Wie war das noch mit dem Ego? 😉
    Danke, dass Du diese Erfahrung geteilt hast!

    Antwort
  2. Ein wirklich schöner Artikel. ♥
    Liebe Grüße!
    Meike

    Antwort
  3. Ja das kann ich auch verstehen – Erkenntnisse erreichen uns manchmal auch, wenn wir sie „Nicht erwarten“
    Danke Dir für das vermitteln Deiner Erfahrung, so als kleine Erinnerung – ganz absichtslos hast Du mich erreicht.
    Liebe Grüsse zentao

    Antwort
  4. g e n a u
    s o !
    wertvolle gedanken!
    und weiter so – nein, das ist ja schon wieder absicht;…einfach….sein….:) !
    MM – arminanda

    Antwort

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