Metta-Dhammayana-Vortrag

Seid gegrüßt!

Seit September diesen Jahres leite ich ja die Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe in Münster, und am Ende jeder Sitzung halte ich einen kleinen einstündigen Vortrag zu mehr oder weniger allgemeinen spirituellen Themen, die ich dann auch danach auf youtube stelle; Aufhänger ist jeweils die für Meditations-Seminare „klassische“ Lehrrede des Buddha über die 4 Grundlagen der Achtsamkeit. Heute möchte ich denjenigen vom vergangenen Sonntag einmal auch hier zur Verfügung stellen, denn sie enthält, wie ich finde, ganz interessante Aspekte, die mir während des Vortrags eingefallen sind. Viel Freude und Erbauung damit 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael

Harmonische Kommunikation – gewaltfreie Kommunikation

Warum müssen die Menschen immer so viel reden? Sie labern und labern und labern. Können sie nicht einfach einmal still sein?

(frei zitiert nach dem Film Ben X, Belgien 2007)

Der neueste Artikel von Meike (dieser hier) hat mich dankenswerter Weise daran erinnert, dass ich schon seit Längerem einen Artikel in der Schublade liegen habe, den ich nun einmal posten werde. Es geht um Harmonische Kommunikation. Harmonische Kommunikation ist sowohl das Dritte Glied des Edlen Achtfachen Pfades (dem Pfad zum Erwachen, wie Buddha ihn lehrte), als auch die vierte von Buddha gelehrte Tugendregel (musāvādā veramani sikkhāpadaṃ samādiyāmi: Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen.) Hieran sieht man, dass Buddha großen Wert auf eine inhaltlich und auch sprachlich liebevolle Rede gelegt hat.

26. „Und was, Freunde, ist harmonische Rede? Enthaltung von unwahrer Rede, Enthaltung von böswilliger Rede, Enthaltung von groben Worten, und Enthaltung von sinnlosem Geschwätz – dies wird harmonische Rede genannt.“[1]

Zwei Dinge ziehen sich durch die gesamte buddhistischen Lehre: 1. liebevoll zu sich selbst zu sein, indem man innere Spannung durch innere Konflikte entspannt, und 2. liebevoll zu seinen Mitwesen zu sein. Letzteres zielt aber wiederum darauf ab, nicht in einen inneren Spannungszustand zu geraten, sondern weich, sanft und ruhig zu sein. Und natürlich ist das auch das Ziel der Harmonischen Kommunikation. Ich habe, nachdem ich über längere Zeit einmal die buddhistischen Grundsätze zur Harmonischen Kommunikation studiert habe, die entscheidenden Punkte zusammengefasst; wenn man diese einhält, vermeidet man Spannung im Innen und in Außen und praktiziert „gewaltfreie Kommunikation“:

Buddha lehrte die folgenden vier Punkte[2]:

Enthaltung von unwahrer Rede:

„Da, Cunda, ist einer ein Lügner: Befindet er sich in einer Gemeindeversammlung, in einer (anderen) Zusammenkunft, unter Verwandten, in der Gilde, oder wird er vor Gericht geladen und als Zeuge befragt: ‚Komm, lieber Mann, sage aus, was du weißt!‘, so sagt er, obwohl er nichts weiß: ‚Ich weiß es‘, oder wenn er etwas weiß: ‚Ich weiß es nicht‘. Obwohl er nichts gesehen hat, sagt er ‚Ich habe es gesehen‘, oder wenn er etwas gesehen hat: ‚Ich habe es nicht gesehen‘. So spricht er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder um irgendeines weltlichen Vorteils willen eine bewußte Lüge.“

Enthaltung von böswilliger Rede:

„Er ist ein Zwischenträger: Was er hier gehört hat, erzählt er dort wieder, um diese zu entzweien; und was er dort gehört hat, erzählt er hier wieder, um jene zu entzweien. So entzweit er die Einträchtigen, hetzt die Entzweiten auf, findet Freude, Lust und Gefallen an Zwietracht, und Zwietracht fördernde Worte spricht er.“

Enthaltung von groben Worten:

„Er bedient sich roher Worte: Worte, die scharf sind, hart und andere verbittern, die von Verwünschungen und Gehässigkeiten erfüllt sind und nicht zur Sammlung des Geistes führen: solcher Worte bedient er sich“,   und

Enthaltung von sinnlosem Geschwätz:

„Er ist ein Schwätzer: Er redet zur Unzeit, unsachlich, zwecklos, nicht im Sinne der Lehre und Zucht; er führt Reden, die wertlos sind, unangebracht, ungebildet, unangemessen und sinnlos.“

Hier geht es insgesamt aber nicht nur um eine liebenswerte Art, mit anderen zu kommunizieren, sondern auch mit uns selber, unseren „inneren Dialog“. Eine liebevolle Ansprache an uns selbst ist besonders dann hilfreich, wenn es darum geht, uns selbst zu vergeben.

Jede Art von Selbstkritik oder Ärger, Widerwillen, Sorge, Angst, Unlust, Ablehnung und jede Spielart von „Ich will die Dinge anders als sie jetzt-hier sind“, die wir in Bezug auf uns selber äußern, bedeutet: Herausfallen aus der inneren Harmonie des gegenwärtigen Momentes. Dies wiederum unterstützt uns in dem Glauben an daran, dass wir unser Ego, das Konzept, das wir von uns haben, sind und führt zu exzessivem Anhaften und Grübeln. Dadurch verhärtet sich unser Geist uns selbst gegenüber und auch gegenüber unserer Umwelt.

Meditation, d.h. die Praxis mentaler Höherentwicklung, ist das Erlernen, die Ereignisse des gegenwärtigen Momentes liebevoll anzunehmen, und diese liebevolle Annahme uns und jedweder Person, mit der wir grade zusammen sind, mitzuteilen. Und wer ist die Person, mit der wir am meisten Zeit verbringen? Wir selber! Also sollten wir wirklich beginnen, liebevoll und gütig zu uns selbst zu sein, unser „inneres Kind“ zu pflegen und lieb zu haben.

 „Niemand, der sich selbst wahrhaft liebt, wird je einem anderen Wesen Leid zufügen“ (Buddha)

 „Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst“ (Jesus)

Hier setzt auch wieder das von mir stets angepriesene Lächeln an: Dieses hilft, liebevolle und gütige Gedanken zu kultivieren.

Unter Harmonischer Kommunikation ist schließlich auch zu verstehen, achtsam darauf zu sein, den Anderen nicht mit dummem und sinnlosem Geschwätz zu belästigen oder von seiner eigenen Achtsamkeit abzulenken; zudem zu vermeiden, durch Erlebnisberichte wie den morgendlichen Stau, die eigene Ehekrise oder andere unangenehme Situationen andere Menschen an unserem Leid Teil haben zu lassen, ohne dass sie uns dazu eingeladen haben. Die moderne Psychologie weiß: Alles was uns zugetragen wird fasst unser Geist zunächst als eigenes Erleben auf! Das ist das Grundprinzip des Entstehens von Mitleid. So wenig jedoch, wie ich unter dem Leid eines anderen leiden möchte, möge der andere unter meinem Leid leiden. Wir alle wollen gar nicht leiden. Daher ist Harmonische Kommunikation so wichtig.

„Ich aber sage Euch, die Menschen müssen Rechenschaft ablegen am Jüngsten Tag über jedes unnütze Wort, das sie gesprochen haben. Aus Deinen Worten wirst Du gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst Du verdammt werden“ (Matth. 12, 36)

  „… denn Sankt Augustinus spricht: ‚Alle Gedanken und Worte, die ich rede, die weder mir noch meinem Nächsten zur ewigen Seligkeit nütze sind, weisen mich auf den Weg zur Hölle’.“ (Meister Eckhart)

 „Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte,denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen,denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten, denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter, denn er wird Dein Schicksal“. (Talmud)

In einer Übersicht könnte man die Harmonische Kommunikation wie folgt zusammenfassen:

Die folgenden Leitlinien beziehen sich immer auch auf die Kommunikation mit uns selbst (innerer Dialog)!

0] GRUNDSATZ: Halte Dich an das Gebot des Schweigens! Das bedeutet, schweige eigentlich erst einmal immer – und zwar nach Innen (in Gedanken) und nach Außen.

1] Erste Ausnahme zum Gebot des Schweigens:
Aber natürlich können wir nicht immerzu schweigen; darum ging es auch Buddha nicht! Deswegen mag man den Grundsatz erweitern auf: Sprich nur dann, wenn Du darum gebeten wirst; achte in diesem Fall auf eine liebevolle und Deinen Fähigkeiten gemäß niveauvolle Sprache, sprich in gemäßigtem und unaufdringlichem Tonfall.

Rückausnahme:
Es ist also in Ordnung, beizeiten zu reden, aber vermeide dabei persönliche Werturteile und Meinungskundgebungen! Sie können zu Streit führen und zu emotionaler Verwicklung. Halte Dich stattdessen an Fakten.

Rückausnahme von der Rückausnahme:
Aber auch Meinungsäußerungen können in Ordnung sein, wenn sie Deiner Liebe zum Dharma / dem Tao / dem Göttlichen (…) Ausdruck verleihen.

2] Zweite Ausnahme zum Gebot des Schweigens:
Es ist manchmal geboten, nicht nur zu sprechen, wenn wir selber angesprochen werden; es gilt auch manchmal, das Wort selbst zu ergreifen. Das ist jedenfalls der Fall, wenn

eine Aussage für den Adressaten von Belang oder Wichtigkeit ist; halte also keine wichtigen Informationen zurück (z.B. wenn Du weißt, auf der a§ ist Stau, und Dein Kollege fährt über sie nach Hause.)
Du selber eine Information dringend benötigst
Wenn für einen liebevollen Umgang mit den Mitmenschen Kommunikation angezeigt ist (Wenn Du zB jemanden siehst, der traurig ist, kannst Du ihn natürlich ansprechen)

3] Dritte Ausnahme zum Gebot des Schweigens:
Wenn Du mit Deiner Aussage zur allgemeinen Erheiterung beitragen kannst; Lachen und Freude ist immer gut, sie enthärtet unseren Geist.
 
Rückausnahme:
Der Spaß hat aber ein Ende, wenn die Erheiterung zynisch, bissig, gehässig oder sonst negativ ist oder auf Kosten anderer Menschen geht.

4] Vierte Ausnahme zum Gebot des Schweigens: Small-Talk in lockerer Runde.
Entspannte Kommunikation mit den Mitmenschen ist äußerst wichtig. Jedoch: Sei hier in besonderem Maße achtsam auf die Einhaltung der Grundsätze über die „Harmonische Kommunikation“, insbesondere darauf, dass Du

– Dich nicht selber in den Vordergrund spielst
– mit Deiner Aussage niemanden in Misskredit bringst
– nicht grob redest, insbesondere keine Fäkalsprache benutzt
– nach Möglichkeit nicht über negative Erlebnisse und Empfindungen sprichst

Bedenke auch die Grundsätze über nonverbale Kommunikation (Gestik, Sprechakte etc); der „Effenberg-Finger“ oder die herausgestreckte Zunge sollten ebenso vermieden werden wie boshafte Rede.

Sich an diese Grundsätze zu halten (und somit gewaltfreie Kommunikation zu üben) ist gleichzeitig wieder (wie alle Tugendregeln im Buddhismus) eine hervorragende Achtsamkeitsübung 🙂 – wir bleiben die ganze Zeit über in der Bebachtung unseres Geistes und lernen viel über seine Funktionsweise, vor allem, wie unheilsame Gedanken entstehen und wie es dann zu Ärger und bösen Worten kommt.

Versuche es einmal, es ist wirklich spannend und der Mühe wert.

METTA & SMILES 2 U

„Phra“ Michael

 


[1] MN 141

[2] AN (= Anguttara Nikaya = angereihte Lehrredensammlung) 10, 176

Die buddhistischen Vorsätze („Silas“)

Ich möchte an dieser Stelle einmal näher beleuchten, was die Inhalte der Silas eigentlich sind:

 

1. … kein fühlendes Wesen zu verletzen oder zu töten:

Liebevoller und fürsorglicher Umgang mit allen Wesen

„kein fühlendes Wesen“: schließt uns selber mit ein;

„verletzen“: gilt physisch wie auch psychisch; das beinhaltet auch: keine quälenden Selbstvorwürfe, kein Konsum toxischer Substanzen

„oder zu töten“: Suizid: unabhängig vom (buddh.) Glauben an eine unglückselige Wiedergeburt als Folge eines Suizid, geht es hier mehr noch um die Würdigung der Schöpfung, des Tao und somit unserer selbst. Zudem ist „nicht töten“ eine Konsequenz daraus, keinem anderen Wesen Leid zuzufügen. Die reine Unterlassung dessen würde aber dem buddhistischen Geist von metta (Liebende-Güte), karuna (Mitgefühl) und mudita (Mitfreude) widersprechen.

 

2. … nichts zu nehmen, was nicht freiwillig gegeben worden ist

Gleichmütiger Verzicht

„nehmen“: es geht hier neben dem Vorgang des Ergreifens sinnbildlich auch um das „Habenwollen“. Es geht hier nicht um asketischen Verzicht unter (wie in anderen Religionen absichtlich herbeigeführtem) Leid, sondern um ein sich bewusst Machen, dass es außer Kleidung, Nahrung, Obdach und menschlicher Zuwendung nichts Wesentlichem bedarf. Es gilt also durch gleichmütigen (lächelnden) Verzicht einer Dominanz des Ego[1] (entstehend aus Begehren, Anhaften, und alten Mustern),  also dem „’ICH’ will haben“,  entgegenzuwirken.

„nicht freiwillig gegeben“: stellt darauf ab nicht zu stehlen (Man beachte hier aber auch einen möglichen moralischen Affront der Ablehnung eines Geschenkes)

 

3. … mich nicht von sexueller Begierde mitreißen zu lassen

Befreiung von zwanghafter Suche nach sexueller Befriedigung

mitreißen zu lassen“: es geht nicht darum, überhaupt kein sexuelles Verlangen zu haben und vorhandenes sexuelles Verlangen um jeden Preis zu unterdrücken. Sexualität kann heilsam oder unheilsam sein: Unheilsam ist sie, wenn der Fokus so sehr auf sexuelle Befriedigung gelegt wird, dass unsere Achtsamkeit schwindet; unheilsam ist sie ferner, wenn sie anderen Dingen dient als lediglich dem körperlichen Ausleben oder Umsetzen emotionaler Nähe oder Liebe,  sondern der Aufwertung des Selbstwertgefühls (Ego); unheilsam ist sie ferner, wenn sie gegen oder ohne den Willen des Anderen, unter Beteiligung Minderjähriger oder in einer Beziehung / Ehe mit einer unbeteiligten Person ausgeübt wird[2]

Die regelmäßige Formulierung im Buddhismus lautet „Keine schädlichen (unheilsamen) sexuellen Handlungen“. Diese ist insoweit weiter  als die vorliegende Formulierung, als sie auf die Handlung abstellt; hier hingegen unter Berücksichtung des Bedingten Entstehens, bereits auf der Stufe des „Begehrens“.  Enger ist sie, da sie Selbstbefriedigung als sexuelle Handlung mit einschließt;  eine Schädlichkeit / Unheilsamkeit in Art und Umfang der Selbstbefriedigung ist in jedem Fall zu bedenken.

 

4. … nicht zu fluchen, keine Fäkalsprache zu verwenden

Pflege sanfter und liebevoller Sprache

Im Allgemeinen ist hierunter das zu fassen, was heute „gewaltfreie Kommunikation“ genannt wird. Durch Fluch und Schimpf zieht man seine unmittelbares Umfeld in „Mit-Leid-enschaft“; auch macht man seinem Ärger nur vorübergehend Luft; dass er bei Erinnerung immer wieder auftritt zeigt, dass man nur verdrängt, nicht verarbeitet hat.  Im Speziellen:

nicht zu fluchen“: Es wird gern vergessen, dass „fluchen“ von „verfluchen“ kommt; es werden beim Fluchen bewusst Schwingungen in die Welt gesetzt, die geeignet sind, negative Einflüsse entstehen zu lassen (NB: Das Gegenteil ist das Aussenden von Liebender-Güte)

„Fäkalsprache“: Schimpfworte aus dem Bereich der Fäkalsprache erzeugen unterbewusst Assoziationen mit dem benannten Gegenstand und somit Ekel; Ekel wiederum erzeugt unbehagliches Gefühl, es kommt zu Abneigung (Begehren),  und somit zu Verkrampfung und Verspannung. „Die Farbe Deiner Gedanken bestimmt über die Farbe Deiner Seele“ heißt es sinngemäß beim Buddha. Je mehr lächelnde und liebevolle Gedanken Du hast – die sich in Sprache ausdrücken -, desto heller, klarer und entspannter wird Dein Geist …

[Anm: Das Christentum kennt Zorn als Todsünde[3]]

 

 5. … nicht zu lügen

Hingabe an die Wahrheit

Die Unwahrheit zu sagen beinhaltet mehrere Dinge: 1. Die Anstrengung, sich etwas auszudenken, das für den Empfänger plausibel klingt und dies dauerhaft aufrecht zu erhalten 2. Die Angst davor, dass die Wahrheit ans Licht kommt (Bestrafung / soziale Ächtung) 3. Scham, wenn die Wahrheit ans Licht kommt 4. eventuell auch Unrechtsbewusstsein.

All dies erzeugt beim Lügenden Verspannungen und Verkrampfungen in Geist und Körper, Ursache für unbehagliches Gefühl, für Begehren, Anhaftung und somit Leid. Und Leid ist Ursache für Gewalt gegen uns selbst oder andere. Bemerkenswert: Selbst wenn das Unrechtsbewusstsein fehlt („Notlüge“ etc) bleiben noch 3 Leid begründende Komponenten übrig.

Der Geist ist hingegen sehr friedvoll und ruhig, wenn man sich stets „einfach nur“ der Wahrheit hingibt

6. …mich nicht über andere erheben / andere Wesen nicht herabwürdigen[4]

Weise Demut und Würdigung der gesamten Schöpfung

Eine sehr wichtige Empfehlung, denn wir begegnen unheilsamen Handlungen mit erstaunlicher Häufigkeit im täglichen Leben. Gemeint ist bereits das geringste Anzeichen von einer Überheblichkeit oder Nichtakzeptanz des Nächsten. Neben der Gefahr von Wut und Ärger, die hierdurch entstehen, nähren wir durch ein solches Verhalten in besonderem Maße die Illusion eines „Ich“ und pflegen all die Konzepte, die zu Werturteilen führen; es ist die diametrale Opposition zur Einheit aller Wesen in Gott / im Tao / in Allah.

„mich nicht über andere erheben“: umfasst jeden Gedanken wie: ‚Wie kann man nur so doof sein?’ (= ICH hingegen bin ja intelligent) / ‚wie läuft der denn rum?’ (= ICH hingegen habe Stil) / ‚Wo hat der denn den Führerschein gemacht?’ (=ICH weiß, wie man Auto fährt) … und jede weitere Spielart von negativer emotionaler (nicht sachgerechter!) Kritik.

andere Wesen nicht herabwürdigen: bezieht sich natürlich auf alles Vorgenannte, da das eine regelmäßig das andere nach sich zieht.

NB: In diesem Zusammenhang überdenke man auch die Haltung sich selbst gegenüber: Es besser zu wissen aber nicht danach zu handeln ist sicher nicht heilsam, aber sich dafür zu kritisieren und selbst herab zu würdigen ist noch schlimmer und widerspricht dem Geist von Vergebung und Liebender Güte – auch sich selbst gegenüber!

Weise Demut: Begegne anderen Menschen immer eingedenk Deiner eigenen Würde! Merksatz: „Erhobenes Haupt – gesenkter Blick“

 

7. …mich keinem Einfluss auszusetzen, der das Bewusstsein trüben kann

Klarheit des Geistes

Hier geht es in erster Linie um die Übung von ununterbrochener und uneingeschränkter Achtsamkeit und Präsenz im Jetzt-Hier.

„keinem Einfluss“: das beinhaltet sowohl physische als auch mentale Intoxikation, also 1. jede Form von Alkohol und Drogen (Beachte vor allem die Gefahrneigung, es – unter z.B. Alkoholeinfluss – mit den anderen Empfehlungen [insbesondere bzgl. Sexualität] nicht mehr so genau zu nehmen) 2. übermäßige Nutzung von Internet, TV / Video,  Spielhöllen-„Spiele“ und desgleichen. Auch suchtartige sexuelle Betätigung ist ein das Bewusstsein eintrübender Einfluss.

 

8. … mich nicht von negativen Emotionen (Trauer, Wut, Hass, Sorge, Eifersucht) mitreißen zu lassen

Liebevolle Annahme und Vergebung

Emotionen im hier gemeinten Sinne sind diejenigen, die in der Anhaftung (vgl. Bedingtes Entstehen) auftauchen; es ist das sich nicht abfinden können damit, dass die Dinge nicht so laufen, wie „ICH“ es mir vorstelle. Es gilt, der Tatsache Rechnung zu tragen, dass alle Ereignisse ausnahmslos geschehen, weil die dafür erforderlichen Umstände vorlagen. Das Ereignis hat für sich genommen mit „MIR“ nichts zu tun, es geschieht nur, und zwar aus einem inneren Zusammenhang heraus, der für uns Menschen nicht nachvollziehbar ist. Daher sagt Jesus „Nicht mein, sondern Dein Wille geschehe!“. Wie kann man dieser kosmischen Insichstimmigkeit nicht mit einem liebevollen Lächeln begegnen?

„mitreißen zu lassen“: Dass diese Emotionen auftreten, ist im Alltag kaum zu vermeiden. Es geht auch nicht darum, dies zu vermeiden; der Tenor liegt vielmehr auf „mitreißen lassen“, sich nicht von ihnen aus dem Gleichgewicht und durcheinander bringen zu lassen (NB: „Teufel“ = giech. „Diabolos“ = wörtl. Durcheinanderwerfer)

 


[1] Alter und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung jarāmāranam sokaparidevadukkhadomanassupāyāsā

[2] So, wie bei allen Verfehlungen gegenüber anderen Menschen ist natürlich immer zu bedenken, dass eine solche idR zu großer psychischer Anspannung auf Seiten des Täters führt (vgl. die Erleichterung der Beichte); dieses Gefühl ist Verkrampfung und Verspannung, die sich entladen will, und dies tut sie meist in aggressiven Handlungen. In der Summer wechselseitig-kausaler Bedingungen verstärkt sich auch hier wieder das Ego-Bewusstsein

[3] s. Fn. 2

[4] vgl hierzu auch Matth 23, 12

Harmonische Sammlung (Meditation)

31. „Und was, Freunde, ist Harmonische Sammlung? Da tritt ein Mönch  ganz abgeschieden von Sinnesvergnügen, abgeschieden von unheilsamen Geisteszuständen, in die erste Vertiefung ein, die von anfänglicher und anhaltender Hinwendung des Geistes begleitet ist, und verweilt darin, mit Verzückung und Glückseligkeit, die aus der Abgeschiedenheit entstanden sind.

Mit der Stillung der anfänglichen und anhaltenden Hinwendung des Geistes (zum Meditationsobjekt) tritt er in die zweite Vertiefung ein, die innere Beruhigung und Einheit des Herzens ohne anfängliche und anhaltende Hinwendung des Geistes enthält, und verweilt darin, mit Verzückung und Glückseligkeit, die aus der Konzentration entstanden sind.

Mit dem Verblassen der Verzückung, in Gleichmut verweilend, achtsam und wissensklar, voll körperlich erlebter Glückseligkeit, tritt er in die dritte Vertiefung ein, von der die Edlen sagen: ,Glückselig verweilt derjenige, der voll Gleichmut und Achtsamkeit ist’, und verweilt darin.

Mit dem Überwinden von Glück und Schmerz und dem schon früheren Verschwinden von Freude und Trauer, tritt er in die vierte Vertiefung ein, die aufgrund von Gleichmut Weder-Schmerzhaftes-noch-Angenehmes und Reinheit der Achtsamkeit in sich hat, und verweilt darin. Dies wird Harmonische Sammlung genannt.“[1]

In diesem letzten Glied geht es um die so genannten jhânas, die Vertiefungszustände. Es gibt Meditationslehrer, die sich ausgiebig mit diesem Thema beschäftigen und sog. „jhâna-Praxis“ betreiben. Problem: Man neigt dazu, den Fokus zu sehr auf das Erlangen von Jhânas zu legen – und ist damit in der Falle. Ich meine, Jhâna-Erfahrung macht jeder für sich oder auch nicht – es ist nicht so wichtig.

Etwas anderes ist hier wesentlich wichtiger: Man kann seinen Geist ruhig und stabil auf ein Objekt gerichtet halten, oder wie ein Besessener an ihm haften. Ist man, wie im letzten Fall, nicht gewillt, das Objekt der Betrachtung gehen zu lassen, ist dies Anhaftungskonzentration und somit disharmonische Konzentration. Richtet man aber seinen Geist harmonisch auf das Objekt, klar und friedvoll und dennoch sehr fest und stabil, so ist dies harmonische Konzentration oder Sammlung. Dies ist Konzentration, die von Achtsamkeit begleitet ist.

Es ist also weitaus wichtiger, Achtsamkeit zu entwickeln, die es erlaubt, die Dinge so zu betrachten, wie sie im jetzigen Moment geschehen, als einen besonders ruhigen Geist zu haben; ein ruhiger und friedvoller Geist entwickelt sich im Zuge der Achtsamkeits-Übung von allein. Irgendwann bleibt dann er Geist (respektive die Aufmerksamkeit des Geistes) von allein für lange Zeit auf dem Meditationsobjekt, von dem aus (wie von einem Beobachtungsposten aus) sämtliche Prozesse und Veränderungen beobachtbar werden, ohne dass der Geist ins Schlindern gerät. Auf diese Weise gerät man zwar nicht in jene Zustände, die sich anfühlen, als sei man in Baumwolle gepackt; jedoch schreitet man so und nur so auf dem Pfade der Einsicht voran.


[1] MN 141

Harmonische Achtsamkeit

30. „Und was, Freunde, ist harmonische Achtsamkeit? Da verweilt ein Bhikkhu, indem er den Körper als einen Körper betrachtet, eifrig, völlig achtsam und wissensklar, und überwindet so Habgier und Trauer gegenüber der Welt. Er verweilt, indem er Gefühle als Gefühle betrachtet, eifrig, völlig achtsam und  wissensklar, und überwindet so Habgier und Trauer gegenüber der Welt. Er verweilt, indem er Geist als Geist betrachtet, eifrig, völlig achtsam und wissensklar, und überwindet so Habgier und Trauer gegenüber der Welt. Er verweilt, indem er Geistesobjekte als Geistesobjekte betrachtet, eifrig, völlig achtsam und wissensklar, und überwindet so Habgier und Trauer gegenüber der Welt. Dies wird Richtige Achtsamkeit genannt.“[1]

„Achtsamkeit“ ist DAS Schlagwort sämtlicher spiritueller Richtungen. Kaum jemand aber ist dazu in der Lage, eine klare und eindeutige Definition von Achtsamkeit zu geben. Einige reden von Wachsamkeit, andere von Aufmerksamkeit, dritte von Wachheit … und alles stimmt irgendwie. Jedoch beziehen sich insbesondere die letzten drei Glieder des Achtfachen Pfades konkret auf die Praxis der Meditation. Und Buddha lehrte vipâssana-Meditation, das bedeutet „Einsichts- oder Erkenntnismeditation“. Man kann aber durchaus Wachsam oder Aufmerksam sein, ohne zu Erkenntnis zu gelangen.

Wenn ich von Achtsamkeit spreche, spreche ich immer von „vipâssana-Achtsamkeit“ (und folge damit dem ehrw. Bhante Sujiva sowie dem ehrw. Bhante Vimalaramsi), unter welcher zu verstehen ist, dass

 man daran denkt zu beobachten, wie die Aufmerksamkeit unseres Geistes sich von Moment zu Moment von einem Thema zum nächsten bewegt

ganz von allein und ohne, dass wir dies verhindern könnten. Wir wollen das auch nicht verhindern, sondern aus der Bewegung des Geistes und den Inhalten der Gedanken lernen. Und nicht zuletzt uns darin zu schulen, aufkommende Gedanken ganz bewusst sofort zu erkennen und blitzschnell zu entscheiden: „Will ich diesen Gedanken jetzt denken oder nicht?“ Wir haben in jeder Sekunde die Wahl, uns von einem Gedanken forttragen zu lassen, uns von ihm mitreißen und gefangen nehmen zu lassen, oder ihn los zu lassen; und genau diese Entscheidungsfreiheit ist wahre Freiheit. Wenn wir unsere Achtsamkeit dahin gehend schulen, kann uns im Alltag nichts mehr so schnell aus dem Gleichgewicht bringen; wir werden mit der Zeit so vertraut mit den Prozessen in unserem Kopf und unserem Körper, dass wir unmittelbar loslassen können, sobald uns etwas Leidhaftes begegnet.

Diese vipâssana-Achtsamkeit gilt es somit aufrecht zu erhalten bei allem was man im gegenwärtigen Moment tut, fühlt oder denkt. Anders ausgedrückt:

Vipâssana-Achtsamkeit bedeutet:

* Sich aller Dinge, die im gegenwärtigen Moment an unseren Sinnestüren erscheinen,

– bewusst zu sein und

– ihnen erlauben da zu sein,

* Zu beobachten, wie unsere Aufmerksamkeit sich von ganz allein zu ihnen hin bewegt und sie von allein auch wieder verlässt

* Zu beobachten, was eine jede sinnliche Wahrnehmung in uns auslöst

* Dabei ist die Beobachtung selbst frei von allen Konzepten, Urteilen und anderen Färbungen

* Die Wahre-Natur (anatta, anicca und dukkha) aller Erscheinungen zu sehen und verstehen

Kurz: Achtsamkeit gerichtet auf Wissen und Schauung des Bedingten Entstehens

Näheres auch hierzu unter der Kategorie „Meditation“


[1] MN 141

Harmonisches Sich-Bemühen

MN 77 (Die Großen Vierzig)

16. „Wiederum, Udàyin, habe ich meinen Schülern den Weg zur Entfaltung der vier harmonischen Anstrengungen verkündet. Da erweckt ein Bhikkhu

Eifer um das Nichtentstehen noch nicht entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände,

und er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt seinen Geist an und setzt sich ein. Er erweckt

Eifer um das Überwinden bereits entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände,

und er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt seinen Geist an und setzt sich ein. Er erweckt

Eifer um das Entstehen noch nicht entstandener heilsamer Geisteszustände, und er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt seinen Geist an und setzt sich ein. Er erweckt

Eifer um das Beibehalten, das Nicht-Verschwinden, die Stärkung, das Anwachsen, die Entfaltung und Vervollkommnung bereits entstandener heilsamer Geisteszustände,

und er bemüht sich, bringt Energie hervor, strengt seinen Geist an und setzt sich ein.

Und dadurch verweilen viele meiner Schüler, nachdem sie die Krönung und Vervollkommnung der höheren Geisteskraft erreicht haben.“

Auf diese vier Punkte möchte ich näher erst im Rahmen der methodischen Meditation eingehen. Grundsätzlich kann man sicher sagen, es ist hierunter der wirklich ganz reale Energieaufwand verstehen, den es braucht, um sich auf dem spirituellen Weg vorwärts zu bewegen; hierunter fallen Motivation, Begeisterung, Interesse, Freude, aber auch Ausgeruhtheit und gute Ernährung als körperliche Faktoren.

Konkreter (und das ist der Aspekt, der in der Meditation so sehr trainiert werden soll, dass er während der gesamten Wachzeit eben auch im Alltag angewandt werden kann) geht es darum, stets und immerzu so achtsam und wachsam zu sein, dass wir sofort erkennen, wenn ein unheilsamer / negativer Gedanke in uns aufsteigt, ihn dann nicht weiterdenken (= loslassen), uns kurz entspannen, da Gedanken (zB an die Steuererklärung oder an eine bevorstehende Prüfung oder was auch immer) immer eine Spannung und somit ein unbehagliches Gefühl in uns auslösen (vgl. das Bedingte Entstehen) und wieder zu der Aufgabe oder Tätigkeit zurück kommen, die der gegenwärtige Moment für uns bereit hält. In einer Übersicht sieht das so aus:

Harmonische Anstrengung                        Meditative  Umsetzung

Eifer um das Überwinden bereits entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände

(= Überwindung von Negativem)

Bemerken und Loslassen dessen, was uns vom Gegenstand der Betrachtung (= Meditationsobjekt) ablenkt
Eifer um das Entstehen noch nicht entstandener heilsamer Geisteszustände,

(= Hervorbringen von Postitivem)

Wir entspannen Geist und Körper und Lächeln; damit öffnen wir uns für das sanfte Zurückkehren zum Gegenstand der Betrachtung
Eifer um das Beibehalten, das Nicht-Verschwinden, die Stärkung, das Anwachsen, die Entfaltung und Vervollkommnung bereits entstandener heilsamer Geisteszustände

(= Erhaltung des Positivem)

Wir kommen zum Objekt der Betrachtung zurück, welches uns ganz im Jetzt-Hier verweilen lässt. Heiterkeit unterstützt diesen Vorgang
Eifer um das Nichtentstehen noch nicht entstandener übler, unheilsamer Geisteszustände

(Negatives gar nicht erst entstehen lassen)

Wir verweilen in Achtsamkeit in der reinen Betrachtung der Ereignisse des gegenwärtigen Momentes und bemühen uns sanft, im Zustand der Erkenntnis zu verweilen.

Tritt eine Störung auf (etwas Unheilsames), beginnen wir von vorn.

Auf all das gehe ich – wie gesagt – unter „Meditation“ sehr präzise ein.

Harmonische Lebensweise

Zu diesem Punkt gibt es nicht viel zu sagen – er erklärt sich selbst. Fünf leiderzeugende Arten der Lebensführungen werden in den Schriften angeführt: 1. Schlächterei und Handel mit Schlachttieren; 2. Handel mit alkoholischen Getränken; 3. Handel mit Gift; 4. Handel mit Waffen und Mordwerkzeugen; 5. Handel mit Menschen (Sklavenhandel, Mädchenhandel, Kuppelei)

Eine positive Formulierung Harmonischer Lebensweise findet sich in der thailändischen Tradition. Auf Englisch gern wiedergegeben mit „rightness“ bevorzuge ich in diesem Zusammenhang das etwas altmodische Wort „Redlichkeit“:

1. Redlichkeit hinsichtlich Handlungen:

Arbeiter sollten ihre Aufgaben redlich und gewissenhaft ausführen, nicht faulenzen, nicht behaupten länger gearbeitet zu haben, als sie es taten und keine Dinge einstecken, die dem Arbeitgeber respektive der Firma gehören (das beinhaltet auch private Kopien, Faxe etc.)

2. Redlichkeit bezüglich Personen:

Gebührender Respekt und Achtung sollten gezeigt werden gegenüber dem Arbeitgeber, Angestellten, Kollegen und Kunden. Ein Arbeitgeber solle z.B. seinen Angestellten Aufgaben zuweisen, die ihren Fähigkeiten entsprechen du sie angemessen entlohnen, sie fördern und ihnen gelegentlich Urlaub und Boni gewähren. Kollegen sollten versuchen zusammenzuarbeiten statt in Konkurrenz zu stehen, Kaufleute sollten mit ihren Kunden fair und gerecht umgehen.

3. Redlichkeit bezüglich Dingen:

In Geschäftstransaktionen und Verkäufen soll die Handelsware wahrheitsgetreu dargestellt werden; irreführende Werbung ist zu vermeiden, ebenso falsche und ungenaue Angaben hinsichtlich Art und Umfang der Kaufgegenstandes und betrügerische Handlungen.

Harmonisches Handeln

27. Und was, Freunde, ist Harmonisches Handeln? Enthaltung vom Töten lebender Wesen, Enthaltung vom Nehmen von dem, was nicht gegeben wurde, und Enthaltung vom Fehlverhalten bei Sinnesvergnügen – dies wird Richtiges Handeln genannt.“[1]

An dieser Stelle möchte ich einen kleinen Überblick über die buddhistischen Tugendregeln (Silas) geben, denn sie fassen „harmonische Rede“ und „harmonisches Handeln“ zusammen.

Vorab sei bemerkt, dass „Regeln“ hier nicht im Sinne einer Vorschrift zu verstehen ist. Es ist von grundlegender Bedeutung zu verstehen, dass es sich um Empfehlungen handelt, deren Einhaltung dazu dient, den Geist weich, geschmeidig, unbelastet und offen zu halten. Statt also von einem „Du darfst nicht …“ zu sprechen, ist hier viel eher die Formulierung „Wenn Du dies oder das tust, dann wirkt sich das negativ auf Dich aus“ nahe liegend. Man könnte also sagen, dass es sich um Ratschläge handelt, wie man vermeiden kann, karmisch[2] unheilsame Ursachen in die Welt zu bringen, die auf uns zurückwirken, indem wir darüber nachgrübeln, was wir gemacht haben, ein schlechtes Gewissen entwickeln, Angst und Sorge vor Entdeckung haben u.s.f. Noch einmal: Dreh- und Angelpunkt ist 1. das Vermeiden von Entstehung einer inneren Spannung und 2. das Auflösen von vorhandener innerer Spannung. In diesem Lichte sind die Tugendregeln zu verstehen, nicht als Verhaltensvorschriften.

Die Theravada-Tradition und die Mahayana-Tradition[3] unterscheiden sich ein wenig in den Silas, die ersten fünf werden allerdings als die Grundlegenden von beiden beobachtet; 6-10 werden im Theravada nur von Novizen (oder von Laien auf Retreats) gesprochen. Vollordinierte Theravada-Mönche haben 227 (!) Regeln zu befolgen:

Theravada

Mahayana

1. Ich gelobe, mich darin zu üben, kein Lebewesen zu töten oder zu verletzen.2. Ich gelobe, mich darin zu üben, nichts zu nehmen, was mir nicht gegeben wird.

3. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine ausschweifenden sinnlichen Handlungen auszuüben.

4. Ich gelobe, mich darin zu üben, nicht zu lügen und wohlwollend zu sprechen.

5. Ich gelobe, mich darin zu üben, keine Substanzen zu konsumieren, die den Geist verwirren und das Bewusstsein trüben.

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6. Ich gelobe, zur „verbotenen Zeit“ nichts mehr zu essen (nach 11 Uhr bis Sonnenaufgang ca. 5 Uhr).

7. Ich gelobe, keine Tanz-, Musik-, Gesangs-, und Theateraufführungen zu besuchen, keine Blumen, Duftstoffe, Kosmetika, Schmuck und andere Verschönerungsmittel benutzen.

8. Ich gelobe, nicht auf hohen und üppigen (weichen) Betten zu schlafen

9. Ich gelobe, kein Gold oder Silber (Geld) anzunehmen.

 

(Anm.: Nr. 7 wird meist in zwei verschiedene aufgeteilt)

1. Regel: Bejahe das Leben und töte nicht.2. Regel: Übe Freigebigkeit und nimm nichts, was        nicht gegeben wurde.

3. Regel: Die Sexualität nicht missbrauchen.

4. Regel: Übe Aufrichtigkeit und sprich keine Unwahrheiten.

5. Regel: Halte Deinen Geist klar und trübe ihn nicht durch Alkohol oder Drogen.

6. Regel: Sieh die Perfektion und sprich nicht über die Fehler anderer.

7. Regel: Realisiere selbst und andere als eins. Setze andere nicht herab.

8. Regel: Sei freigiebig und nicht zurückhaltend im      Weitergeben des Dharma.

9. Regel: Verwirkliche Harmonie und vermeide den Zorn.

10. Regel: Erkenne die Einheit und äußere dich nicht abfällig über die Drei Juwelen.

 

 


[1] MN 117

[2] Unter Karma ist die Ursachenkette zu verstehen: Denn dies ist, entsteht jenes, wenn dieses nicht ist, entsteht auch nicht jenes.

[3] Theravada ist verbreitet in Sri Lanka, Burma, Thailand, Laos und Kambodscha; Mahayana findet sich vornehmlich in  Vietnam, Japan (Zen), Tibet, Bhutan, Taiwan, der Volksrepublik China und Korea

Harmonische Rede (Kommunikation)

26. „Und was, Freunde, ist harmonische Rede? Enthaltung von unwahrer Rede, Enthaltung von böswilliger Rede, Enthaltung von groben Worten, und Enthaltung von sinnlosem Geschwätz – dies wird Richtige Rede genannt.“[1]

Dem Grundsatz nach geht es hier um die vier Punkte[2]:

Enthaltung von unwahrer Rede:

„Da, Cunda, ist einer ein Lügner. Befindet er sich in einer Gemeindeversammlung, in einer (anderen) Zusammenkunft, unter Verwandten, in der Gilde, oder wird er vor Gericht geladen und als Zeuge befragt: ‚Komm, lieber Mann, sage aus, was du weißt!‘, so sagt er, obwohl er nichts weiß: ‚Ich weiß es‘, oder wenn er etwas weiß: ‚Ich weiß es nicht‘. Obwohl er nichts gesehen hat, sagt er ‚Ich habe es gesehen‘, oder wenn er etwas gesehen hat: ‚Ich habe es nicht gesehen‘. So spricht er um seinetwillen oder um eines anderen willen oder um irgendeines weltlichen Vorteils willen eine bewußte Lüge.“

Enthaltung von böswilliger Rede:

„Er ist ein Zwischenträger: was er hier gehört hat, erzählt er dort wieder, um diese zu entzweien; und was er dort gehört hat, erzählt er hier wieder, um jene zu entzweien. So entzweit er die Einträchtigen, hetzt die Entzweiten auf, findet Freude, Lust und Gefallen an Zwietracht, und Zwietracht fördernde Worte spricht er.“

Enthaltung von groben Worten:

„Er bedient sich roher Worte; Worte, die scharf sind, hart und andere verbittern, die von Verwünschungen und Gehässigkeiten erfüllt sind und nicht zur Sammlung des Geistes führen: solcher Worte bedient er sich“,   und

Enthaltung von sinnlosem Geschwätz:

„Er ist ein Schwätzer, redet zur Unzeit, unsachlich, zwecklos, nicht im Sinne der Lehre und Zucht; er führt Reden, die wertlos sind, unangebracht, ungebildet, unangemessen und sinnlos.“

Hier geht es jedoch nicht nur um eine liebenswerte Art, mit anderen zu kommunizieren, sondern auch mit uns selber, unseren „inneren Dialog“. Eine liebevolle Ansprache an uns selbst ist besonders dann hilfreich wenn es darum geht, uns selbst zu vergeben.

Jede Art von Selbstkritik oder Ärger, Widerwillen, Sorge, Angst, Unlust, Ablehnung und jede Spielart von „Ich will die Dinge anders als sie jetzt-hier sind“, die wir in Bezug auf uns selber äußern, bedeutet: Herausfallen aus der inneren Harmonie des gegenwärtigen Momentes. Dies wiederum unterstützt uns in dem Glauben an daran, dass wir unser Ego, das Konzept, das wir von uns haben, sind und führt zu exzessivem Anhaften und Grübeln. Dadurch verhärtet sich unser Geist uns selbst gegenüber und auch gegenüber unserer Umwelt.

Meditation, d.h. die Praxis mentaler Höherentwicklung, ist das Erlernen, die Ereignisse des gegenwärtigen Momentes liebevoll anzunehmen, und diese liebevolle Annahme uns und jedweder Person, mit der wir grade zusammen sind, mitzuteilen. Und wer ist die Person, mit der wir am meisten Zeit verbringen? Wir selber! Also sollten wir wirklich beginnen, liebevoll und gütig zu uns selbst zu sein, unser „inneres Kind“ zu pflegen und lieb zu haben.

„Niemand, der sich selbst wahrhaft liebt,

wird je einem anderen Wesen Leid zufügen“ (Buddha)

 

„Liebe Deinen nächsten wie Dich selbst“ (Jesus)

 Unter Harmonischer Kommunikation ist schließlich auch zu verstehen, achtsam darauf zu sein, den Anderen nicht mit dummem und sinnlosem Geschwätz zu belästigen oder von seiner eigenen Achtsamkeit abzulenken; zudem zu vermeiden, durch Erlebnisberichte wie den morgendlichen Stau, die eigene Ehekrise oder andere unangenehme Situationen andere Menschen an unserem Leid Teil haben zu lassen, ohne dass sie uns dazu eingeladen haben. Die moderne Psychologie weiß: Alles was uns zugetragen wird fasst unser Geist zunächst als eigenes Erleben auf! Das ist das Grundprinzip von Mitleid. So wenig jedoch, wie ich unter dem Leid eines anderen leiden möchte, möge der andere unter meinem Leid leiden. Wir alle wollen gar nicht leiden. Daher ist Harmonische Kommunikation so wichtig.

„Ich aber sage Euch, die Menschen müssen Rechenschaft ablegen am Jüngsten Tag

über jedes unnütze Wort, das sie gesprochen haben. Aus Deinen Worten wirst Du

gerechtfertigt werden, und aus deinen Worten wirst Du verdammt werden“

(Matth. 12, 36)

 „… denn Sankt Augustinus spricht: ‚Alle Gedanken und Worte, die ich rede,

die weder mir noch meinem Nächsten zur ewigen Seligkeit nütze sind,

weisen mich auf den Weg zur Hölle’.“

(Meister Eckhart)

 

„Achte auf Deine Gedanken, denn sie werden Worte. Achte auf Deine Worte,

denn sie werden Handlungen. Achte auf Deine Handlungen,

denn sie werden Gewohnheiten. Achte auf Deine Gewohnheiten,

denn sie werden Dein Charakter. Achte auf Deinen Charakter,

denn er wird Dein Schicksal“.

(Talmud)


[1] MN 141

[2] AN (= Anguttara Nikaya = angereihte Lehrredensammlung) 10, 176

Harmonische Absicht

11. „Und was, ihr Mönche, ist disharmonische  Absicht? Die Absicht der Sinnesbegierde, die Absicht des Übelwollens und die Absicht der Grausamkeit: dies ist disharmonische Absicht.“ [1]

 25. „Und was, Freunde, ist harmonische Absicht? Absicht der Entsagung, Absicht des Nicht-Übelwollens und Absicht der Nicht-Grausamkeit – dies wird harmonische Absicht genannt.“[2]

 Wer also (auf Grundlage der harmonischen Anstrengung [6. Glied] und harmonischer Achtsamkeit [7. Glied – siehe hierzu unten) harmonische Sichtweise (Ansicht) erlangt hat, wird harmonische Absicht entwickeln. Es entsteht in ihm gleichsam automatisch das Verlangen, sich der hohen Spiritualität zu öffnen und sich von weltlichen Begierden zurück zu ziehen. Wir entwickeln das Bestreben der Wahren-Natur der Dinge auf den Grund zu gehen.

1. Entsagung:

Es ging dem Buddha nicht darum, alle sinnlichen Freuden auf der Stelle dran zu geben. Fundamental aber ist, sich von (positivem oder negativem) Begehren zu befreien (also von der Geisteshaltung eines „Ich will die Dinge anders haben als sie jetzt-hier sind“), und dies gelingt umso mehr, als man sich davon befreit, seinen Sehnsüchten ausgeliefert zu sein.

In dieser Welt geht es um Sehnsüchte, und wir alle leben in dem Glauben, dass wir Erfüllung finden, wenn wir nur dem Strom unsere Sehnsüchte folgen und sie befriedigen. Buddha lehrt das Gegenteil, nämlich dem Sog der Sehnsüchte zu widerstehen und sie schließlich zu überwinden, nicht weil sie unmoralisch wären, sondern weil sie uns in die Spannungslage zwischen dem Ist- und dem Soll-Zustand bringen; das ist Begehren und somit der Ursprung von Leid. Die Abkehr hiervon und von unserem Drang nach Befriedigung ist der Schlüssel zur Überwindung unserer Anhaftungen.

Die Lösung liegt aber nicht in der Unterdrückung der Sehnsüchte, ihrer Verteufelung auf dem Nährboden der Angst oder des Ekels; ein solcher Ansatz kann zu neurotischen Störungen führen.[3] Buddha schlägt vor, sich die Dinge einmal genau anzuschauen, die in uns vorgehen, sie zu verstehen und die Perspektive zu ändern von „Das bin ich“ hin zu „Es ist nur dies oder das“; durch genaues Verstehen der Natur von Sehnsucht, Begierde u.s.w. fällt sie ganz automatisch von uns ab, ganz ohne Kampf.

2. Nicht-Übelwollen und Absicht der Nicht-Grausamkeit

Auch hier liegt die Lösung hinsichtlich der Abkehr von Übelwollen und Grausamkeit nicht in deren Unterdrückung; bereits vor 2500 Jahren „erfand“ der Buddha das, was die moderne Verhaltenstherapie als „Gegenkonditionierung“ kennt. So heißt es in den Heiligen Lehrdichtungen des Buddhismus (den Dhammapada):

 5] In dieser Welt wird Hass niemals durch Hass überwunden;

Hass kann nur durch Liebe überwunden werden.

Dies ist ein ewiges Gesetz.

 Es geht hier nach herrschender Meinung ganz wesentlich um die Praxis der Liebenden-Güte (Metta). Wohlgemerkt gibt der Buddhist sich nicht damit zufrieden, unheilsame Taten zu unterlassen, sondern es ist von herausragender Bedeutung, Liebende-Güte zu schenken! Metta-Meditation ist also nicht einfach irgendeine nette Wohlfühlmeditation, die man mal macht, wenn man keine Lust auf Atembetrachtung hat; wenn wir Liebende-Güte praktizieren, dann befinden wir uns unmittelbar auf dem zweiten Glied des Achtfachen Pfades!

„Ziel“ harmonischer Absicht ist also, einen reinen und liebevollen Geist zu ent-wickeln (d.h., er ist da, er ist nur in unsere Vorstellungen und Konzepte ver-wickelt), um dann alle Wesen daran Teil haben zu lassen.


[1] MN 117

[2] MN 141

[3] (vgl. Sigmund Freud)