Esoterik und Spiritualität

Vorbemerkung:

Ich möchte diesem Artikel vorausschicken, dass ich nicht beabsichtige, die Esoterik als solche herabzuwürdigen oder ihre Daseinsberechtigung anzuzweifeln. Mir ist einzig daran gelegen, das Verhältnis zwischen Esoterik und Spiritualität darzustellen, um zu verdeutlichen, dass man beides nicht durcheinander werfen sollte, wie es heute im Zeitalter der Verwässerungen allzu oft der Fall ist. Esoterik ist Esoterik, Spiritualität ist Spiritualität – und wenngleich es thematisch einige Berührungspunkte gibt, so ist die Herangehensweise eine gänzlich andere. Merkmale der Esoterik – wie beispielsweise das der „Beweisführung“ – finden sich nicht im Bereich Spiritualität, und wenn jemand von zB „beweisbarer Spiritualität“ spricht, handelt es sich um eine contradictio in se. Also: Keine von beiden ist besser oder schlechter, sie sind nur anders. Aber die Unterscheidung muss klar sein, ansonsten enden wir im Brackwasser spiritueller Beliebigkeit!

Es gibt Menschen, die beschäftigen sich ausschließlich mit den Belangen des alltäglichen Lebens; sie gehen zur Arbeit, kaufen ein, gehen ins Fußball-Stadion oder in die Techno-Disco und beschränken sich auch sonst auf das Weltliche, also auf all das, was wir mit unseren  fünf externen Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Geschmacks- und Tastsinn) erleben können. Das sinnlich Erfahrbare reicht ihnen völlig aus, und für sie besteht auch keine Veranlassung, nach Sinn oder Zweck des Daseins zu fragen. Unser Geist (Denken / Bewusstsein) als sechstes Sinnenorgan wird meist erst zum Objekt des Interesses, wenn (hirn)organische oder psychogene Störungen im psychischen Bereich auftreten (Demenzen, Schizophrenien, Ängste, Depressionen u.s.w.).

Dann gibt es Menschen, die befassen sich (überdies) mit Dingen, die mit dem Alltag erst einmal nichts zu tun haben. Es handelt sich dabei um Phänomene, die sich den sechs Sinnestüren zwar nicht oder nicht ganz verschließen, aber um Erscheinungen, die gern als paranormal, übernatürlich oder ähnliches bezeichnet werden; sie erschließen sich nicht so ohne weiteres für den ‚Normalbürger’, sind aber teilweise durchaus sichtbar vorhanden (wie zum Beispiel Kreise und Muster in Kornfeldern), beruhen auf Theorien (Stichwort Astrologie) oder aber haben die Existenz Außerirdischer zum Inhalt. Diese Menschen verbreiten gern ihre Ansichten und jene im Verborgenen liegenden Inhalte, machen sie den Menschen intellektuell zugänglich, die an diese Dinge nicht glauben, indem sie sie mit Hilfe von wie auch immer gearteten Belegen oder Beweisen zu überzeugen versuchen. Diese Menschen werden gemeinhin als Esoteriker bezeichnet.

Und schließlich gibt es die Menschen, die (über die Belange des Alltags hinaus) das Wahre-Wesen der Existenz ergründen wollen, jedoch nicht über Beweise oder Theorien oder Erklärungen, sondern durch Innehalten und Schauen – absichtslos, urteilslos, interpretationslos. Ein solcher gelangt dorthin durch Introspektion, d.h., er bemüht sich darum, jegliche  Phänomene / Erscheinungen nur als Prozesse unserer Wahrnehmung zu betrachten, indem er schaut, wie wir als „Rezeptoren unserer Umwelt“ (inklusiver unserer selbst) funktionieren. Durch das „reine Beobachten“ entledigt er sich des konditionierten diskursiven Denkens und schaut auf die Dinge wie ein weißes Blatt. Diese Menschen schließlich werden gemeinhin als Spirituelle bezeichnet.

Nun, bereits beim ersten Hinsehen fallen zwei Unterschiede zwischen dem Esoteriker und dem Spirituellen auf: Um es in einer Metapher auszudrücken, nimmt der Esoteriker ein Teleskop zur Hand und holt sich die entfernten Phänomene und Erscheinungen aus dem Außen heran, um sie dann zu erklären; der Spirituelle dreht das Teleskop gewissermaßen um und betrachtet sich selbst – er ist Betrachter und gleichzeitig Betrachteter, Beobachter und gleichzeitig Beobachteter.

Nun sind wir Menschen nun einmal so gestrickt, dass wir alles mit dem Verstand begreifen, alles analysieren und dem Intellekt zugänglich machen müssen. Wir sind süchtig nach Beweisen und Informationen, denn dies ist das Einzige, womit unser Gehirn etwas anfangen und umgehen kann. Wir sind süchtig danach, uns immer mehr anzureichern mit Wissen und danach, alles zu verstehen. (Es fällt mir in diesem Zusammenhang ein, dass „Sucht“ nicht von „suchen“ stammt, sondern von „siechen“ (!) – wir haben das Gefühl daran zu darben, wenn wir Dinge nicht erklären können). Hierfür gibt es viele interessante Gründe, aber auf sie möchte ich hier gar nicht eingehen.

Es gilt an dieser Stelle zunächst festzuhalten, dass alles, und seien es noch so paranormale Erscheinungen, noch so phantastische Theorien oder noch so heilige Ideen oder Gottesvorstellungen, ja sogar Erscheinungen von Engeln oder anderen Himmelswesen, samt und sonders der relativen Welt zuzuordnen sind, als einer Welt, die wir in irgendeiner Form denken können, und wenn es dafür noch so viel Phantasie bedarf. Alles aber, was wir denken, entstammt aus einem intellektuellen Kontext, jede Begrifflichkeit, jede Benennung ist lediglich die Ausgeburt intellektueller Parameter eines in Vorstellungen (Konzepten) denkenden und vor allem äußerst begrenzten Verstandes – wir erfassen nicht die (absolute) Wirklichkeit sondern immer nur das, was unserem Gehirn zugänglich ist; was wir also für die Wirklichkeit halten ist reine Illusion. Das gilt für ausnahmslos alles, was unseren Verstand durchlaufen hat, ob es die Vorstellung von Außerirdischen ist, die von Gott, die von Nirwana, die von der Kraft der Sterne … sobald irgendetwas durch unseren Verstand und unsere Interpretation gefiltert worden ist, erscheint es nicht mehr als das, was es wirklich (also auf der absoluten Ebene) ist[1]. Das jedoch bedeutet: Auch die Esoterik beschränkt sich darauf, Illusionen zu deuten und zu erklären. Das tut die anerkannte Wissenschaft im Übrigen auch, mit dem Unterschied allerdings, dass sie keinen spirituellen Anspruch hat. Das Ansinnen des Wissenschaftlers ist, Dinge zu erklären, wie wir sie in dieser relativen Welt erkennen können, mehr will er nicht und (wie ich es schon gelegentlich in Interviews mit Quantenphysikern und Schwingungstheoretikern mitbekommen habe) hält sich aus allem anderen dann auch heraus.

Würde nun der Esoteriker sagen: „Wir sind ebenfalls Wissenschaftler, lediglich in einem anderen Bereich als die herkömmliche Wissenschaft, und wir bemühen uns nicht um spirituelle sondern um beweisbare Inhalte“, dann hätte alles seinen Platz. Leider tut sie das nicht. Sie greift ein in Bereiche der Religion, der Moral, der Ethik, der Spiritualität, sieht sich im Zweifel gar als „neue Spiritualität“, stellt Dogmen auf und überschreitet damit nach meinem Empfinden weit ihre Kompetenzen. Ich möchte im Folgenden kurz darstellen, warum ich dies für bedenklich halte:

1) Das Problem der Beweise:

Alles, was durch unseren Verstand und unser konditioniertes Bewusstsein läuft, lässt nur ein schemenhaftes Abbild in uns von dem entstehen, was da wirklich ist, so wurde gesagt. Damit kann aber auch jeder Beweis nur in der relativen Welt Gültigkeit haben. Spirituell betrachtet – und damit meine ich immer „aus der Sicht des Absoluten“ – ist jeder Beweis, parawissenschafltich-esoterisch oder anerkannt-wissenschaftlich, nicht mehr und nicht weniger als eine gedankliche Spielerei. Selbst Thomas von Aquin besaß nicht die Arroganz einer ‚Beweisführung‘;  seine „Gottesbeweise“ nannte er nicht Gottesbeweise, sondern „Wege zur Gotteserkenntnis“.

Wie steht es nun mit der Esoterik? Nun, in dem Moment, da jemand eine Überzeugung vertritt und dieses mit Beweisen und rhetorischen Stilmitteln zu untermauern versucht und andere davon zu überzeugen versucht, greift er aktiv in ihr Leben ein, baut eine Trennmauer und überlässt es dem anderen, die Mauer von seiner Seite aus einzureißen, indem jener die Überzeugung übernimmt. Das war gängige Praxis in den meisten Religionen, und die Esoterik macht es nicht anders. Es handelt sich dabei um eine Form von Gewalt. Und da wirkt es bei genauem Hinsehen nicht mehr allzu glaubwürdig, wenn sich die Esoterik Toleranz gegenüber allen Religionen und Auffassungen auf die Fahne schreibt, aber im nächsten Atemzug von den „unbelehrbaren Skeptikern“ oder von „Ungläubigen“ spricht. Wäre Esoterik eine spirituelle Geisteshaltung, würde sie auf Beweise und Missionierungen verzichten. Nicht zuletzt, weil Beweise nicht nur nicht zur Befreiung von Leid führen, sondern sie sind auch geneigt, Leid zu verursachen, denn wenn der „Beweisende“ den Anderen nicht überzeugen kann, führt das vielfach zu Wut und Ärger beim „Beweisführenden“; und diesen Ärger trägt er (durch das Residuum an negativen Energien) nolens – volens hinaus ins Leben und verursacht damit auch Leid bei Dritten.

2) Das Problem der Freiheit:

Soviel zum Prinzip des Beweises. Aber wie sieht es aus mit Inhalten von „Beweisen“? Nun, mir selbst ist der Inhalt des „bewiesenen“ esoterischen Sachverhaltes in der Regel völlig gleichgültig, da sie mich als Spirituellen nicht anlangen. Wie würde Buddha sagen: „Ich sage nicht, dass es so ist, noch sage ich, dass es nicht so ist, noch sage ich, dass es weder so ist noch dass nicht so ist.“ Aber gilt das für jeden? Auch das, was bewiesen wird, sehe ich als nicht unproblematisch, sobald es nämlich in die autonome Lebensführung eines Menschen eingreift.

Nehmen wir als Beispiel die Reinkarnation. In dem Moment, da mir bewiesen (oder sagen wir besser „glaubhaft versichert“) wird, dass es beispielsweise eine Seele gibt, die nach meinem physischen Tod reinkarniert wird, dann werde ich mein Leben entsprechend ausrichten, damit mir im nächsten Leben nichts Schlimmes widerfährt. Dahinter verbirgt sich jene verfehlte Vorstellung von „Karma“, wie sie in vielen asiatischen Ländern verbreitet ist (und auch gern von den Religionen aufrechterhalten wird, sonst könnten die ihre Tempel nämlich dicht machen). Dadurch machen sich die Menschen selber der Religion hörig, sind unfrei in ihren Handlungen (da sie nur darauf abstellen, „nichts falsch zu machen“ und „gutes Karma zu erschaffen“) und leben in Angst (eben davor, dass ihnen das nicht gelingt). Da der einmal erbrachte Beweis ja über allem erhaben ist, muss ich mich dem auch fügen! An dieser Stelle unterscheidet sich der vermeintlich Wissende nicht vom überzeugt Gläubigen. Durch seine angebliche Beweisführung greift der Esoteriker also gewollt oder ungewollt in das Denken und Handeln der Menschen ein, umso mehr, wenn es um Aspekte der Moral und der Ethik geht; und das nicht unbedingt zu seinem Besten.

Wie sieht das eigentlich der Buddhismus (den ich hier mal stellvertretend für die spirituelle Geisteshaltung wähle) mit dem Reinkarnationsbeweis? Der Buddhismus lehrt, dass ein Arahant, einer, der Erleuchtung erlangt hat, seine vorherigen Leben sieht. Ok! Ich bin aber kein Arahant, und solange ich keiner bin, muss ich mir über frühere Leben auch keine Gedanken machen! Wenn „der Kosmos“ meint, dass ich so weit bin, dann werde ich schon früh genug zur Erleuchtung kommen. Vorher gibt es dann wohl andere Baustellen, und wer diese liegen lässt, der mag sich auf seinen Lorbeeren intellektuellen Verständnis in Sachen Reinkarnation (oder auch Wiedergeburt, was übrigens etwas vollkommen anderes ist!!) und seiner vermeintlichen Weisheit ausruhen. Die Frage ist, was es ihm bringt, wohin es ihn führt.

Jeder erfährt die Dinge, wenn und sobald er sie für seine Höherentwicklung benötigt! Ich gehöre zB zu jenen Buddhisten, die sich mit der Reinkarnation schwer tun. Wenn es sie gibt, dann werde ich aus mir selber heraus erfahren, dass es sie gibt und wie sie sich gestaltet. Solange ich nur glaube, dass es sie gibt, weil mir vielleicht irgendjemand einen schlüssigen Beweis dafür vorzulegen meint, dann – und da mag er zufällig noch so richtig liegen mit seinem „Beweis“ – degradiere ich mich selbst zum „Menschen aus zweiter Hand“ (Formulierung nach Krishnamurti). Wir Menschen haben diese Krankheit, immer alles und sofort haben zu wollen. Das, was wir (noch) nicht über unsere eigene Erkenntnis (zB in der Meditation) erfahren und erleben, müssen wir uns halt anlesen oder uns erklären lassen, denn wir haben ja keine Zeit und keine Geduld darauf zu warten, bis wir selbst am Punkt der Erkenntnis stehen. Wer so unterwegs ist, läuft Gefahr, sich selbst die Sicht zu versperren für das, was gerade wirklich für ihn anliegt, wie Auflösung alter Strukturen, „Schattenarbeit“, „Innere Kind Arbeit“, Übung und Praxis der Meditation, Großzügigkeit in Sachen „Liebende Güte“ sich selbst und anderen gegenüber. Ich fange doch nicht an, Logarithmen zu lernen bevor ich den Dreisatz verstanden habe.

In der Spiritualität geht es um etwas ganz anderes: Es geht um Befreiung von Leid, um ein Leben in einer gefühlten Harmonie mit dem Kosmos, deren Wegbereiter hierzu nicht intellektuelle Analyse, sondern Geistesruhe und Klarschau waren; daher kann auch einzig Spiritualität die nachhaltige gefühlte Harmonie mit dem Kosmos / dem All-Einen / dem Göttlich … zum Entstehen gelangen lassen; wer sich mit Beweisen für die Existenz von Aliens herumschlägt, wird kaum hierzu gelangen und verschwendet insofern seine Zeit. Das führt mich zum nächsten Punkt:

3) Das Problem der Selbsterkenntnis:

Unglücklicher Weise ist der spirituelle Weg ein oft sehr mühseliger, manchmal auch schmerzhafter Weg. Denn man kommt nicht umhin, sich schonungslos mit sich selber auseinander zu setzen, mit seinen „Schatten“, seinen „Unzulänglichkeiten“, sich selbst aufs Genaueste zu untersuchen um all das zu überwinden und sich dann schließlich und endlich selbst loszulassen, nachdem man erkannt hat, dass alles das, wofür wir uns selber halten, nur ein Konzept ist, eine Interpretation, dass wir uns selbst erfinden – das ist wahrlich nicht immer angenehm und schon gar nicht einfach; zu sehr sind wir gefesselt an die Vorstellungen der materiellen Welt. In der Beschäftigung mit esoterischen Belangen sehe ich die Gefahr, dass man sich von sich selber ablenkt, sich nicht selbst ergründen will, weil man vielleicht Angst davor hat … das ist meistens der Grund. Aber der Weg der Selbsterkenntnis ist der Weg der Wahrheitsergründung, da ist kein Drumherumkommen. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, und es ist auch keineswegs verwerflich, wenn man sagt: „Nö, ich beschäftige mich lieber mit Aliens.“ Warum auch nicht? Aber das ist keine Spiritualität.

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über die Achtsamkeit, was soviel bedeutet wie „sich jederzeit über die Bewegungen seiner Aufmerksamkeit von einem Objekt zum nächsten und von einem Moment zum nächsten im Klaren zu sein“ – das ist die Definition für vipâssana-Achtsamkeit, also Achtsamkeit, die zur höheren Erkenntnis führt. Wann immer wir uns mit gehirnakrobatischen Themen befassen – so heilig sie sein mögen, so erhaben sie klingen mögen – sind wir nicht achtsam! Auch ich selbst bin in diesem Moment, da ich dies schreibe, nicht achtsam!

Fazit:

Mir scheint nach dem Gesagten, schlussendlich dient die Beschäftigung mit esoterischen Inhalten doch in vielen Fällen und hinsichtlich der meisten Themen der Befriedigung des Ego. Dabei sage ich nichts gegen diese Inhalte an sich – es geht um den Umgang mit ihnen, was wir aus ihnen machen, welche Bedeutung wir ihnen zukommen lassen. Esoterik bewegt sich also ausschließlich im Bereich der relativen Welt, der Konzepte! Das ist ganz hübsch, phasenweise ganz amüsant … in jedem Fall aber spirituell weitestgehend fruchtlos, es sei denn, man erlebe die Esoterik aufgrund ihrer Beschaffenheit als eben über das normal-weltliche hinausgehend als „Sprungbrett“, als „Initialzündung“ zur Beschäftigung mit „überweltlichen Dingen“ und schließlich vielleicht mit Spiritualität.

Noch einmal: Esoterik ist nicht für sich genommen schlecht; man muss nur wissen, was man von ihr zu erwarten hat. Wenn es einem Spaß macht, kann man sicherlich Dänikens Bücher über Außerirdische lesen – ein gewisser Unterhaltungswert ist diesem und anderen esoterischen Themen sicherlich nicht abzusprechen. Von spiritueller Erbauung aber kann hingegen kaum die Rede sein. Wer Esoterik im Sinne einer „Spiritualität“ versteht, geht deutlich in die Irre, verirrt sich im Wald der Konzepte und Illusionen und verbaut mindestens sich selbst den Weg zur Befreiung von Leid in diesem Leben.

Das war ein langer Artikel, und viele Freunde werde ich mir mit ihm nicht gemacht haben. Aber es bleibt die Frage: Worum geht es eigentlich? Wohin soll die Reise gehen? Geht es ums Recht haben? Um Beweise? Oder doch wieder einmal nur ums Ego? Die Antwort, die die Spiritualität hierauf gibt, ist eindeutig: Wer (durch vipâssana-Achtsamkeit) Geistesruhe und Klarheit in sich zum Entstehen gelangen lässt, gewinnt hierdurch Erkenntnis des Wahren-Wesens aller Erscheinungen; mit dieser Erkenntnis einher geht die Einsicht in die allumfassende kosmische Harmonie / der göttlichen Liebe (oder wie auch immer) jenseits der Worte; diese Einsicht wiederum führt zu innerem Frieden. Dies ist das  Fundament für das Entstehen von Liebender Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut, und Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind gleichzeitig das Fundament zur Entstehung von Achtsamkeit. Es geht nicht um intellektuelles Begreifen, um Beweisen, um Überzeugen oder was auch immer. Es geht nur um die Stille…

Das Einzige, was zählt, ist, im Jetzt-Hier achtsam und ganz präsent zu sein und den gegenwärtigen Moment liebevoll zu umarmen, und diese tief empfundene Liebe zum Sein weiterzugeben an alle Wesen. Alles andere führt von wirklicher Spiritualität meilenweit weg. Und wenn jemand ankommt und meint, es müsse eine neue, eine „beweisbare Spiritualität“ geben, dann untergräbt er alles, was sich in den letzten dreitausend Jahren an Spiritualität entwickelt hat. Es gibt überhaupt keine intellektuelle Spiritualität – das ist ein Widerspruch in sich. Wir können uns den Spaß machen, auf spiritueller Ebene wissenschaftlich zu argumentieren (zB mit der Schwingungstheorie u.ä.), aber es führt nirgendwo hin. Ich habe für mich dafür entschieden, den ganzen intellektuellen Ballast so weit es irgend geht über Bord zu werfen. Zum Preise eines Lebens aus dem tiefsten Herzen heraus. Ohne Beweise. Ohne Dogmen (auch keine buddhistischen!). Ohne Zwänge. Ohne Gewalt. Frieden finden – Liebe schenken.

„Wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘, kann das heilige Leben nicht gelebt werden; und wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘, kann das heilige Leben nicht gelebt
werden. [Gleichviel] ob nun die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘ oder die Ansicht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘- [sicher ist:] es gibt Geburt, es gibt Altern, es gibt Tod, es gibt Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung, deren Vernichtung ich hier und jetzt erkläre.“
(Buddha, MN 63 „
Cúlamàlunkya Sutta“)[2]

 Wer weiß, der redet nicht,

und wer redet, der weiß nicht (Laotse)

Mit Metta
„Phra“ Michael


[1] Ich erlaube mir, hier einmal auf meine Homepage www.rafananda.de hinzuweisen; dort habe ich einen seeehr langen Aufsatz dem sehr schwierigen Thema Anatta (also Nicht-Selbst) gewidmet.

[2] Übersetzung: Kai Zumwinkel; Die Lehrreden des Buddha Gautama, Majjhima Nikaya – Mittlere Sammlung, Band 2, Rede 51 – 100;  die Ergänzungen in [ ] sind von mir.

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Über das Weggehen und das Zurückkommen

Alles ist WEG!

 Wann beginnt eigentlich das Zurückkommen? Wenn wir auf eine Reise gehen, dann kommen wir ja (im Normalfall 😉 ) irgendwann wieder nach Hause. Aber: Wann beginnt der Rückweg?

 Auf der Hälfte der Reise? Und dann etwa zeitlich oder örtlich? Das setzt voraus, dass man diesen Punkt klar definieren kann. Einen solchen könnte man vielleicht durch Berechnungen eruieren, aber mutet es nicht praktisch unsinnig an?

 Wenn man die Hälfte einer Reise aber nicht definieren kann, dann ist es ja willkürlich, wo und wann  man vom Rückweg zu sprechen beginnt; dann beginnt der Rückweg womöglich bereits mit dem ersten Schritt der Reise? Oder vielleicht bereits mit dem ersten Impuls, den ersten Schritt zu tun? Oder bereits mit dem ersten Gedanken an die Reise? Ist das bereits der Rückweg? Das erscheint abwegig.

 Wenn aber der Weg keinen Punkt zu haben scheint, an dem der Rückweg beginnt, dann könnte der Rückweg also überall beginnen, demnach auch im Augenblick des Heimkehrens. Wie aber kann ich dorthin zurückkehren, wo ich bereits bin? Wann bin ich überhaupt wieder „daheim“?

 Es scheint, als sei der Rückweg eher „mental-emotional“ zu verstehen; an einem Punkt der Reise „wähnt oder fühlt man sich“ auf dem Rückweg befindlich. Aber auch das variiert, je nach Stimmungslage.

 Mit all dem Gesagten kommen wir also nicht weiter. Aber sehen wir es doch einmal so:

 Unsere Reise (auch und vor allem im metaphorischen Sinne) ist linear! Es gibt kein Hin, und es gibt auch kein Zurück. Es gibt nicht einmal Schlenker, auch wenn es manchmal so zu sein scheint – in der Wahrheit des gegenwärtigen Augenblickes verläuft der Weg tatsächlich immer nur linear, und er kann auch nicht anders verlaufen. Mit jeder Sekunde ändert sich die Verlaufsrichtung des Weges, und doch bleibt er in der Gesamtschau immer gerade. „Ungerade“ wird er nur im Lichte der möglichen Alternativen für die Vergangenheit oder Zukunft; aber das ist Illusion. In der alleinigen Betrachtung des Weges, den man tatsächlich gegangen ist, jetzt geht und gehen wird, ist und bleibt er linear.

 Alles ist immer anders – von Moment zu Moment. Sehe ich auf dem „Hinweg“ einen Baum von der einen Seite, so sehe ich ihn auf dem „Rückweg“ von der anderen Seite. Meine Erfahrung des Baumes ist eine Neue. Und somit ist da nur WEG. Die Idee, das Konzept eines Rückweges existiert nur, weil wir nach Konstanten in unserem Leben suchen, etwas, auf das wir zurückgreifen können. In Wirklichkeit aber besteht das Leben nur aus der geradlinigen Bewegung – richtungslos und orientierungslos. Dem können wir nur Freund werden, wenn wir selber absichtslos werden und ohne Anhaftung an ein Ziel.

 Das ist der Sinn von: Der WEG ist das Ziel.

05.03.2013: Nachtrag zum Thema Umkehr, da ich es eben andernorts gepostet habe und es mir wichtig erscheint:

Wenn es z.B. in der Bibel heißt „Kehret um“, dann ist dies zu verstehen als Aufruf zur Rückbesinnung auf das Eigentliche, Wesentlich … die Liebe. Es ist also keine Umkehr im Sinn eines Rückweges, sondern eine Umkehr im Sinne einer Weiterentwicklung hin zum Ursprünglichen – somit wird der Weg der Umkehr zu einem Weg nach vorne 🙂 – ein „mystisches Paradoxon“ 🙂 Ist das nicht … schön?

Metta 2 U

„Phra“ Michael

„Wunder“ – eine Entmystifizierung

Namasté 🙂

Auf dem „vivendo“ – Blog stieß ich auf ein Thema, das mich dazu animiert hat, ein paar Zeilen zu schreiben: Es geht um Wunder. Oder auch darum, ob man an Wunder glaubt.

Was ist ein Wunder? In dem besagten Artikel wird hierzu einmal wikipedia bemüht, wo es unter anderem heißt:

Im engeren Sinn versteht man darunter ein Ereignis in Raum und Zeit, das menschlicher Vernunft und Erfahrung und den Gesetzlichkeiten von Natur und Geschichte scheinbar oder wirklich widerspricht.

Kann ein Ereignis den Gesetzlichkeiten der Natur „wirklich“ widersprechen? Sicher nicht. Wie soll sich die Natur selbst widersprechen? Wie sollte ein Naturgesetz dem anderen zuwider laufen, es aber gleichzeitig bestehen lassen. Denkbar ist das nur ein einer einzigen Form: Den beiden scheinbar zuwider laufenden Gesetzmäßigkeiten liegt eine Gesetzmäßigkeit auf einer tieferen Ebene zugrunde, welches die beiden in seiner Tiefe vereint; es ist eine Ebene, auf der sich die beiden Phänomene gar nicht wirklich widersprechen. Es handelt sich lediglich um eine Ebene, die sich unserem menschlichen Verstand entzieht. In der Konsequenz dessen stimmt die o.g. Definition also nur teilweise, nämlich insoweit, als ein scheinbarer Widerspruch vorliegt.

Alles unterliegt der universalen Gesetzmäßigkeit von Ursache und Wirkung:

 Wenn dieses ist, wird jenes; wenn dieses entsteht, entsteht jenes;

wenn dieses nicht ist, wird jenes nicht;

wenn dieses aufhört, hört jenes auf.

(Buddha, Samyutta-Nikaya II.12.2)

 Ob und wie  nun etwas zum Entstehen gelangt, dazu mag Marie von Ebner-Eschenbach Auskunft geben, wenn sie über den Zufall sagt: „Zufall ist in Schleier gehüllte Notwendigkeit.“ Angewandt auf das Wunder bedeutet das: In dem Moment, da sich uns  ausnahmslos alle Naturgesetze erschlossen haben und gleichwohl dann etwas geschieht, das sich jeder Nachvollziehbarkeit entzieht, wird man es wohl ein „Wunder“ nennen können. Ich glaube aber nicht, dass das je der Fall sein wird, und zwar weder das Eine noch das Andere! Insoweit glaube ich nicht an Wunder; alles entspringt der kosmischen Insichstimmigkeit und so verwunderlich das manchmal auch sein mag, mit „Wunder“ hat es nichts zu tun, und schon gar nicht mit etwas „Übernatürlichem“ – es gibt gar nichts „Übernatürliches“, wir können manches nur nicht erklären.

Auf einer etwas anderen Ebene können wir aber von „Wundern“ auch sprechen, wenn wir den „Wahrscheinlichkeitsfaktor“ mit einbeziehen. Wenn etwas mit „an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit und allgemeiner Lebenserfahrung“ nicht eintreffen wird, und es trifft doch ein, dann könnte man – gemäß einer etwas gelockerten Definition – von „Wunder“ sprechen. Wie wahrscheinlich aber ist etwas? Ist unsere allgemeine Lebenserfahrung das Maß der Dinge? Nur weil etwas als „unwahrscheinlich“ angesehen wird, ist es noch lange nicht unwahrscheinlich. Ich gehe sogar noch einen Schritt weiter und behaupte, dass aus kosmischer, universaler Sicht, auf der Ebene dessen, dass alles entsteht, weil die erforderlichen Umstände für das Entstehen vorlagen, jedes Entstehen gleich wahrscheinlich ist – ist es doch nur Konsequenz des Vorausgegangenen. Dinge können entweder zum Entstehen gelangen oder nicht. Wahrscheinlichkeitsrechnung ist vom Menschen gemacht, das ewige Werden und Vergehen hingegen von „Gott“.

Mir ist übrigens aufgefallen, dass der Begriff „Wunder“ immer mit etwas Positivem assoziiert wird. Nun, wenn ich es als „Wunder“ bezeichne, wenn etwas eintritt, womit niemand auf der Welt rechnen konnte, dann muss ich es auch als Wunder verstehen, wenn meinem Nachbarn ein Dachziegel auf den Kopf fällt. Ich stelle mir die Blicke der Umstehenden vor, wenn ich daneben stehe und ausrufe: „Oh, ein Wunder!“ Denn es ist ein „Wunder“, wenn man bedenkt, wie viele Bedingungen in den letzten 4,6 Milliarden Jahren (wenn man sich auf das Entstehen der Erde beschränkt) vorgelegen haben müssen, damit es zum Eintritt dieses Ereignisses kam. Daran sieht man, wie „menschlich“, wie „künstlich“ dieses Konzept „Wunder“ ist.

Wenn man nun fragt: „Glaubst Du an Wunder?“, dann würde vor dem Hintergrund des Gesagten diese Frage völlig sinnleer, denn übersetzt hieße sie: „Glaubst Du, dass Dinge geschehen können, mit denen nach allgemeiner Lebenserfahrung kein Mensch auf der Welt rechnen konnte?“ Fast jeder würde auf diese Frage wohl mit einem klaren „Ja“ antworten.

Spannend wird es in dem Moment, da wir die Frage stellen: „Können wir denn so etwas herbeiführen?“ „Können wir Wunder möglich machen?“ oder anders formuliert: „Haben wir Einfluss darauf, dass etwas zum Entstehen gelangt, obwohl nach allgemeiner Lebenserfahrung und dem ‚Gesetz der Wahrscheinlichkeit’ niemand auf der Welt damit rechnen konnte?“ Ich möchte diese Frage ebenfalls mit einem klaren „Ja“ beantworten. Aber anders gemeint, als dieses „Ja“ wohl gemeinhin ausgesprochen wird, nämlich nicht im Sinne eines „von oben Gemachten“, einer „göttlichen Intervention“. Heran ziehen möchte ich hierzu das Phänomen der „self-fulfilling prophecy“; hiernach können negative Dinge entstehen, wenn man nur fest genug davon überzeugt ist, dass sie geschehen. Dem zu Grunde liegt aber nichts weiter, als dass man durch sein Handeln immer tatsächliche Konsequenzen herbeiführt, das Geschehen um sich herum beeinflusst. Unbewusst öffnet man Türen, die das Entstehen von Ereignissen möglich machen (natürlich auch wieder nur als Folge von Ursache und Wirkung – mit etwas „Übernatürlichem“ hat auch das nichts zu tun) Das Unbewusste ist handlungsleitend, und so öffnen unser Handeln und unsere Wahrnehmungen wechselwirkend  besagte Türen. Warum soll das nicht auch für Positives gelten? Jeder kennt den Spruch: „Du musst nur fest daran glauben“, oder „Glaube versetzt Berge“. Das ist das „wesensgleiche Plus“ zur sich selbst erfüllenden Prophezeiung. Und auf diese Weise können wir „«Wunder» möglich machen“.

Aber“, so heißt von Meike im  Artikel, „um ein Bewusstsein für diese Art von «Wundern» zu kreieren, ist es wichtig, dass Menschen überhaupt erst einmal aufwachen.“ Ja, absolut. Es gibt sie, diese „Wunder“, und es gilt, dahin aufzuwachen, in jeder Kleinigkeit, in jedem Grashalm, in jeder Ameise, in jedem vorbei fliegenden Kometen, in jedem Windhauch, in jedem Atemzug und jedem Herzschlag das „Wunder der Natur“, das Unbegreifliche, das Göttliche zu erkennen und … es zu lieben! Das ist eine Bedeutung von „Zur Liebe erwachen“! Wir brauchen kein Konzept wie „Wunder“, wir brauchen nur allumfassende Liebe und Mitgefühl mit allen fühlenden Wesen; in dieser Liebe öffnen wir uns ganz von allein all dem, was geschehen kann und machen es damit möglich; was dann schlussendlich geschieht, können wir getrost „den Göttern“ überlassen – es wird in jedem Fall „gut“ sein. Und wieder komme ich auf Dschelalleddin Rumi: „Liebe, nur Liebe – wir haben sonst kein Werk!“

Ich also glaube nicht an Wunder, jenes künstliche Konzept, das uns Menschen eine Art Hoffnung geben kann (und zudem die Gefahr in sich birgt, tatenlos zu werden, denn „Ich weiß, es wird einmal ein Wunder geschehen [Zarah Leander]“).

Aber ich „glaube“ an Wunder im Sinne eines Staunens vor der unermesslichen Vielfalt und Insichstimmigkeit kosmischen Werdens und Vergehens, „jenseits von Gut und Böse“. An diese Wunder muss man nicht glauben, die kann man sehen, wenn man mit dem Herzen schaut. Und wer mit liebendem Blick auf diese Wunder schaut, schaut die Liebe selbst. Und ein solcher erschafft Wunder, und ein solcher erschafft Liebe!

Und auch, wenn da niemand oben im Himmel oder sonst wo sitzt, der sich irgendetwas „ausdenkt“, möchte ich doch mit dem Kommentar von Steffie unter dem besagten Artikel schließen, weil ich ihn so schön einfach und treffen fand (und auch vor meinem Fenster der Schnee tobt):

„Ich denke, wenn wir in allem, was wir sehen, ein Wunder sehen, werden wir bewusster für alles um uns herum. Gerade sehe ich zum Fenster hinaus und es schneit schon wieder ganz heftig – und ich denke so bei mir, welch ein Wunder doch Schneeflocken sind – keine einzige gleicht der anderen und jede einzelne bildet einen traumhaft schönen Kristall. Und obwohl ich weiß, wie eine Schneeflocke entsteht, empfinde ich sie doch immer wieder als Wunder – dass sich überhaupt jemand etwas so Schönes ausdenken kann!“

 Metta sendet von Herzen

„Phra“ Michael

Spirituelle Suche und spirituelle Praxis

„Für den Menschen der Formwelt ist ein Baum ein Baum; für den spirituell Suchenden ist der Baum kein Baum; für den spirituell Erwachten ist der Baum wieder ein Baum“

(Spruch aus dem Zen)

Es gibt eine große Falle, in die spirituell Suchende oft hinein tappen, und welche sie daran hindert, zu Spirituellen zu werden[1]. Es handelt sich um die Ego-Falle, jene, die uns gerne vorgaukelt, schon spirituell / bewusstseinstechnisch sehr weit gediehen zu sein, weiter, als wir es tatsächlich sind.

Ich möchte das deutlich machen am Beispiel der Beurteilung oder Bewertung: In der einschlägigen spirituellen Literatur stößt man immer wieder auf das Prinzip des Nicht-Bewertens, des Nicht-Beurteilens: „Die Dinge sind, wie sie sind, und sie sind dem Wesen nach nicht gut oder schlecht.“ Nun, zweifelsfrei ist das so[2]. Es ist relativ leicht intellektuell nachzuvollziehen, dass die Bewertungen, die wir abgeben, immer auf Maßstäben beruhen, die wir erlernt haben – Gesellschaft, Tradition, Religion, Philosophie u.v.m. . Und der spirituell Suchende gelangt dann zu dem Punkt, dass er einsieht: „Wenn ich bewerte, dann setze ich Grenzen, und ich polarisiere, setze Prägungen u.s.w., und dies widerspricht dem Gedanken des göttlichen «Alles ist Eins und alles ist gut», Wertung ist nicht authentisch.“ Auch dem ist nicht viel entgegenzuhalten.

Doch nun kommt die Falle: Der spirituell Suchende beschließt daraufhin seine Abkehr von jeglicher Wertung oder Beurteilung oder Einteilung und gut und schlecht, schön oder hässlich … Er übersieht aber dabei, dass dieser Beschluss Teil des intellektuell-diskursiven Denkvorganges ist, und was noch gefährlicher daran ist, das ist, dass sich dieser Vorsatz „Ich will nicht mehr bewerten“ in einem sehr angenehmen Gefühl (im Solarplexus) äußert, welches dann (wiederum intellektuell) gedeutet wird als „Authentizität“ – Ursache und Wirkung werden also vertauscht: „Ich fühle mich gut mit dem Nichtbewerten,  ich habe mich spirituell weiterentwickelt, jetzt bin ich authentisch.“ Dabei handelt es sich nur um einen Trick der Psyche: Das Belohnungssystem schüttet immer Glückshormone aus, die euphorisierend wirken, wenn wir Vorsätze fassen, die tief in sich stimmig scheinen. Das kennt jeder, der z.B. den Vorsatz fasst, an Silvester das Rauchen aufzugeben. Die Euphorie verfliegt aber leider – wie beim Aufgeben des Rauchens – sehr schnell, wenn es in die Umsetzung geht. Dann wird schnell ein „Ich darf nicht bewerten, ich muss mich davor hüten zu bewerten …“ Und man verkrampft und zwingt sich, wird vielleicht unzufrieden mit seinen Fortschritten und so weiter. Oder aber, es gelingt ganz gut; dann aber entsteht schnell so etwas wie stolz: „Ich bin der, der nicht mehr bewertet! Ich bin der, der die Einsheit des Göttlichen tief im Herzen fühlt! Ich bin der, der den spirituellen Pfad geht! Ich bin … ich bin … ich bin …!“ Das soll jedoch nicht bedeuten, dass sich (im Wege der ‚operanten Konditionierung‘, wie die Pychologie es nennt) nicht auch ein authentisches Nichtbewerten entwickeln kann. Dies führt aber über einen Stolperstein, ein bedeutsames Hindernis:

Wo also liegt hier das eigentliche Hindernis? Syntaktisch besteht der Satz „Ich bewerte“ aus einem Subjekt und einem Objekt. Was der spirituell Suchende tut – und das ist die eigentliche Falle – ist: Er transzendiert das Verb. Wenn ich das tue, transformiert sich das „Ich bewerte“ in ein „Ich bewerte nicht (mehr)“. Das ICH aber bleibt bestehen. Es geht aber darum, das Subjekt des Satzes zu transzendieren. Dann bleibt nur noch „bewerten“ als allein stehendes Verb übrig. Steht es aber allein, verliert es seine Kraft, denn es ist niemand mehr da, der bewertet. Auf die gleiche Weise ist zu verstehen, wenn es in den Visuddhi Magga (dem „Weg zur Reinheit“) heißt: «Taten gibt es, aber niemanden der handelt». Auf diese Weise kann das Bewerten oder Beurteilen ganz einfach losgelassen werden – es verschwindet gleichermaßen von allein.

Die große Herausforderung besteht also im Lassen des Ego! „Wo immer Du Dich findest, da lass Dich los!“ Ich weiß nicht, wie viel tausendmal ich diesen Satz des Meister Eckhart bereits zitiert habe. Unglücklicherweise ist es nicht leicht, diese Ego-Falle als solche zu entlarven. Und noch bedauerlicher ist es, dass meiner Erfahrung nach vielleicht gefühlte 5% der spirituell Suchenden diese Falle erkennt und auch erkennen will; 95% reagieren auf diesen oder ähnliche Hinweise das Ego betreffend ignorant, verletzt, beleidigt, genervt, aggressiv oder gar beleidigend („Hör auf, mich zu belehren, Du Besserwisser!“) – ein weiteres Indiz dafür, dass das Ego hier noch sehr, sehr dominant ist. Denn das Selbstbewusstsein „Ich bin spirituell und kenne den Weg“ fühlt sich sehr gut an und man lässt ungern jemanden daran kratzen, aber es ist kein Selbst-Bewusst-Sein! Im Gegenteil, es wird nur ein Selbstbild (ein materielles) durch ein anderes (spirituelles) ausgetauscht – aber es bleibt ein Bild, ein Konzept. Damit ist der spirituell Suchende sicherlich dem Nichtsuchenden in Sachen Bewusstheit etwas voraus, aber Lichtjahre entfernt von dem, um das es letztlich geht: Die restlose Überwindung der Dominanz des Ego. Kaum jemand ist dazu bereit!

Dabei bemisst sich die Frage, ob man spirituell Suchender ist oder Spiritueller ja gar nicht danach, wie weit man das Ego transzendiert hat, sondern lediglich nach der Erkenntnis der Notwendigkeit und dem ernsthaften Bemühen darum.

Und noch ein letztes Wort zu der Frage, die sicherlich aufkommen wird, ob es überhaupt Not tut, zwischen „spirituell Suchendem“ und „Spirituellem“ zu unterscheiden, und ob nicht auch das wieder eine Wertung ist. Zu 1: Ja! Zu 2.: Nein! Diese Unterscheidung vermag demjenigen, der sich auf dem spirituellen Pfad befindet, eine Richtlinie dafür sein, wie weit er ist, ob er nicht vielleicht in eine Sackgasse rennt; sie dient dazu, sich selbst zu überprüfen. Das setzt natürlich Ehrlichkeit sich selbst gegenüber voraus, und auch diese kann man schön anhand dieser Frage überprüfen … Und das völlig wertfrei, denn jeder geht den Weg, den er nun einmal geht – der eine ist etwas heilsamer, da er weiter führt, der andere eben nicht. Nur sollte man sich dessen bewusst sein, und dann die viel gelobte Entscheidungsfreiheit nutzen um zu schauen, wohin die Reise gehen soll. Das ist jedem überlassen!

Mit Metta

„Phra“ Michael


[1] Ein spirituell Suchender ist nach meiner Definition jemand, der die Inhalte spiritueller Geisteshaltung zwar bereits intellektuell begriffen hat und auch tief in sich spürt, „dass da etwas Tieferes oder Höheres ist“, jedoch noch nicht dazu in der Lage ist zu erkennen, dass zum Erreichen jenes „Tieferen“ oder „Höheren“ die „Entselbstung“, die Transzendierung des Ego erforderlich ist oder es zwar erkannt hat, jedoch noch nicht wirklich darauf hin arbeitet, weil die Tiefe seiner Erkenntnis noch nicht dafür ausreicht. Der Spirituelle hat dies erkannt, und sein einziges Streben – wenn man es so bezeichnen kann – besteht darin, diese Entselbstung zu realisieren.

[2] Ich will das an dieser Stelle nicht vertiefen, denn das würde zu weit führen.

Gedanken zum Advent

DSC00047Der Begriff „Advent“ stammt ja bekanntlich aus dem Lateinischen (Verb ‚advenire‘, Substantiv ‚adventus‘); es bezeichnet in der christlichen Tradition die „Ankunft des Herrn“, und so ist der Advent die Zeit vor Weihnachten, in der die Christenheit sich auf die Geburt Jesu, die „Menschwerdung Gottes“, einstimmt.

Die „Ankunft Gottes“ … nun, ich frage mich (alle Jahre wieder 🙂  ): Worin besteht die „Ankunft Gottes“, die alljährlich von so vielen Menschen begangen wird (obwohl unter dem Strich wohl nicht so viele Menschen übrig bleiben, die wirklich um dessentwillen feiern) ? Natürlich hat man allen Grund sich zu freuen, dass ein „Messias“, ein „Prophet“, ein „Sohn Gottes“ oder vielleicht einfach nur ein „Erleuchteter“ zu den Menschen gekommen ist, um ihnen den Weg aus ihrer ewigen Misere zu weisen – gleichviel, ob er Jesus heißt oder Buddha Gautama oder sonst wie. Gleichwohl befriedigt mich das allein nicht. Denn, so frage ich mich immer wieder: Ist es nicht vielmehr so, dass es an uns ist, zu Gott zu kommen denn Gott zu uns? Denn Gott, wie auch immer man ihn in den verschiedensten Religionen und Traditionen interpretiert, ob man überhaupt von Gott spricht oder nur von dem EINEN, dem kosmischen Bewusstsein oder wie auch immer, ist doch und war immer da und allgegenwärtig.

Und doch, so paradox es scheinen mag, müssen wir „IHN“ hereinlassen, damit er in uns wirken kann. Wir müssen die Tür unseres Herzens öffnen, im Gegensatz zu den Herbergsbetreibern, die Maria und Josef abgewiesen haben – die Tür vor ihnen verschlossen. Wir müssen ihn hineinlassen, um zu IHM kommen zu können.

Wie aber soll etwas zu mir kommen, wenn es schon da ist? Wie soll ich zu irgendetwas gelangen, wenn ich schon da bin? Zeigt sich hierin nicht die wechselseitige Durchdringung des Göttlichen mit dem Menschlichen, die bedeutet, dass es zwischen Gott und dem Menschen keine Trennung gibt?

 „So einige törichte Leute meinen, sie müssten Gott sehen ganz so, als

stünde er ihnen gegenüber. Doch das ist nicht so.

Gott und ich sind Eins in der Erkenntnis.“

(Meister Eckhart)

 

„Ich bin so groß wie Gott, er ist als ich so klein;

Er kann nicht über mir, ich unter ihm nicht sein.

 

Ich bin Gott’s ander ER, in mir find’t er allein,

was ihm in Ewigkeit wird gleich und ähnlich sein.“

(Angelus Silesius)

 

„Ich bin der, den ich liebe, und der, den ich liebe, bin ich.

Ich bin Allah, und Allah ist ich. Wer mich sieht, sieht uns.“

(Al-Halladsch)

Die mich in diesem Augenblick irgendwie berührende Konsequenz dieser recht spontan gekommenen Überlegung ist: Im Ergebnis müssen wir uns dann also selbst in uns hineinlassen, mit anderen Worten: „Zu uns kommen“. „Zu sich kommen“ wird ja regelmäßig gebraucht im Sinne von „das Bewusstsein wiedererlangen“. Und so kommt der Advents-  und Weihnachtszeit eine ganz interessante Bedeutung zu, auch für „atheistische“ Spirituelle: Der Advent als eine Zeit der Bewusstwerdung, des bewusst-WERDENS, das schließlich mündet im bewusst-SEIN, dem Moment der Geburt des Göttlichen in uns, der Einswerdung (unio mystica „auf christlich“, wudschud „auf islamisch“, Erwachen zur Wahren Natur der Dinge „auf buddhistisch“). Und dieser Bewusstwerdungsprozess ist immerwährend … womit auch immer Advent ist, und … von Moment zu Moment … auch immer Weihnachten.

Auf dass wir alle mehr und mehr zu uns kommen mögen, das wünsche ich uns dieses Jahr zu Weihnachten … an 365 Tagen 🙂

Mit METTA

„Phra“ Michael

Angst verstehen – Frieden finden

Namasté 🙂

Das Thema Angst ist eines, auf das ich beim Durchblättern von Blogs immer wieder stoße. Und es überrascht nicht, denn dieses Thema beherrscht unseren Alltag wie kaum ein Zweites. Begriffspaare sind hier wohl Angst und Sorge, Angst und Mut, aber auch Angst und Wut.

Maria Yakunchikova: „Angst“

Klären sollte man an dieser Stelle vorab, dass Angst und Furcht zwei verschiedene Dinge sind. Furcht ist eine „Realangst“, eine Angst vor einer konkreten äußerlichen Bedrohung in einer Gefahrensituation. Von Angst spricht man also, wenn eben keine akute Gefahrensituation vorliegt. Dieser kleine Exkurs macht bereits deutlich, dass Angst, um die es hier gehen soll, immer nur im Kopf statt findet. Sie hat, aus spiritueller Sicht, keinerlei Realitätsbezug, denn real ist lediglich das, was jetzt-hier ist.

Nähern wir uns der Angst einmal an, indem wir fragen: Gibt es eigentlich verschiedene Ängste, oder gibt es nur Angst? Ich las kürzlich in einem Buch eines spirituellen Lehrers, es gebe drei Hauptkategorien von Angst: Angst vor Verlust (inklusive des Verlusts von Gesundheit und Leben), die Angst, was Andere über uns denken und schließlich die Angst vor psychischem Schmerz. Damit bin ich nicht ganz glücklich. Mir scheint, es gebe eher nur eine Art von Angst, und das ist die vor Verlust. Die Angst davor, was andere über einen denken ist die Angst vor dem Verlust von Status und Ansehen (hier nicht negativ gemeint; das schließt die soziale Akzeptanz mit ein und ist somit auch die Angst vor Isolation), welche somit den (in meinen Augen allem zugrunde liegenden) Art- und Selbsterhaltungstrieb anlangt, und die Angst vor physischem Schmerz ist die Angst vor Verlust von relativem Wohlbefinden.

Es gibt also nur eine Angst. Das zu wissen, macht sie aber nicht angenehmer ;). Angst hemmt, paralysiert manchmal sogar, hindert uns daran, Dinge zu tun, von denen unser Herz sagt, wir sollten sie tun. Sie kann sogar physisch krank machen. Das klingt alles nicht schön, und wirft die Frage auf, ob man Angst dann nicht überwinden sollte – das wäre ja die einfachste Lösung. Nun, natürlich ist dem so, die Frage ist nur die, die sich Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten seit Ewigkeiten stellen WIE? Ich möchte hier einmal einen Ansatz darstellen, der mir am Meisten Sinn zu machen scheint. Es ist ein transpersonal-kognitiver Ansatz.

Diese Angst, wie entsteht sie? Ich habe oben bereits angedeutet, sie entsteht in unserem Kopf, ohne dass eine konkrete Bedrohungssituation bestünde. Sie entspringt der (in vielen Fällen sehr vagen oder gänzlich unkonkreten) Vorstellung, dass etwas passieren könnte, das uns schadet. Das führt mich zu folgender Frage: Was schadet uns eigentlich? Nach dem oben Gesagten: jeder Verlust. Betrachten wir aber einmal Verlust, dann stellen wir fest: Verlust setzt immer voraus, dass wir es vorher hatten. Weiter denken wir in der Regel nicht. Tun wir es doch, dann müssen wir sagen: Verlust ist die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand, also in die Situation, bevor wir erlangt haben. Verliere ich also etwas, dann stehe ich nicht schlechter da, als ich vorher gestanden habe, sondern genau so!! Diese Überlegung macht unser Ego aber nicht mit, so rational stimmig sie auch sein mag. Moderne kognitive Verhaltenstherapie greift meist genau an diesem rationalen Punkt an, und übersieht dabei, dass das Problem nicht die Logik ist, sondern das Gesamtkonzept „Ego“. Dem trägt „mein“ transpersonaler Ansatz Rechnung: Indem wir das Ego transzendieren, erledigt sich die Vorstellung, dass „Ich“ etwas verlieren könnte. Ist das Ego transzendiert, bleibt nur der Bewusstseinsstatus des Status quo – also des Jetzt-Hier. Wenn „ich“ aber nichts mehr zu verlieren habe, dann entfällt natürlich die Angst vor dem Verlust. Das führt mich zu folgender Feststellung:

Es geht nicht darum, die Angst zu überwinden, sondern zu verstehen, wo ihre Ursache liegt. Die Ursache ist das Ego mit seinen Vorstellungen, wie die Dinge gefälligst zu sein haben. Es geht also darum, das Ego zu überwinden (zu transzendieren); dann überwinden wir gleichzeitig unsere Angst.

In welchem Zusammenhang steht dann Mut? Ich las kürzlich hier: „Warum benötige ich Mut mich meinen Ängsten zu stellen? Ich könnte es auch mit Gelassenheit oder Neugier probieren, mich der Angst zu nähern“. Diese Aussage ist ein wenig irreführend, denn sie suggeriert, dass zwischen „Mir“ und der „Angst“ eine Trennung vorliegt. Dass das nicht sein kann zeigt sich deutlich darin, dass die Angst in dem Moment verschwindet, wenn ich nicht mehr da bin – sie kann nicht unabhängig von mir weiter existieren, wenn ich zB sterbe.

Etwas Richtiges beinhaltet diese Aussage aber dennoch: Wenn wir gelernt haben, objektiver Beobachter all dessen zu sein, was sich an Erscheinungen erhebt (Gedanken, Emotionen, aber eben auch Ängste), dann können wir als „reiner Beobachter“ auf eine Distanz zu dieser Angst gehen, die es uns erlaubt, uns nicht mehr mit ihr zu identifizieren, sie nicht mehr persönlich zu nehmen, an ihr anzuhaften. Wo spielt da der Mut eine Rolle? Exakt hier! Es bedarf eines enormen Mutes, sich selbst loszulassen, und dieser Mut kann nicht kognitiv erlernt werden; er muss aus der vipâssana-Erfahrung heraus entstehen, dass alles, was wir für „Das bin ICH“ halten, lediglich völlig unpersönliche, ich- und substanzlose Vorgänge im Rahmen eines kosmischen Gesamtvorganges handelt, in welchem das vom Baum fallende Blatt ebenso wenig „Ich“ ist wie ein Gedanke, der in mir erscheint. „Wo immer Du Dich findest, da lass Dich los“, sagt Meister Eckhart. Anders gesagt: Hör auf, Verknüpfungen zwischen „Dir“ und dem Rest der Welt herzustellen – lass die Existenz in Ruhe vor sich hin existieren, ohne ihr ständig Deinen Willen aufzwingen zu wollen. Das im Übrigen ist Gleichmut. Gleichmut kann einzig entstehen in der Erkenntnis, dass das Bild, das ich von mir habe nicht identisch ist mit dem, was ich BIN. Gleichmut ist der Mut zu sehen, dass in der Essenz alles gleich ist 😉

Das Phantastische daran ist: Dieses Prinzip gilt für sämtliche Bereiche negativer Emotionen wie eben Angst, aber auch Eifersucht, Wut, Neid oder Gier. Sie alle stellen einen Bezug, oder besser, eine „Beziehung“ zwischen einem Zustand oder Tatbestand und „mir“, eine Art Bindeglied her. Fehlt das „Ich“, das „Ego“, dann bleibt der Zustand oder Tatbestand für sich allein und wird damit, was er eigentlich ist: völlig neutral. Es entfällt somit also auch noch zusätzlich die Bewertung von Umständen – sie sind einfach nur, wie sie sind.

Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, ein wenig Licht in das Thema „Angst“ zu bringen, auch wenn dies natürlich nur ein kurzer Abriss eines sehr umfangreichen Themas war.

Metta sendet Euch von Herzen

„Phra“ Michael

… oder so herum:

„Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen“ …

Namasté

Ich habe kürzlich ein Coaching gegeben, in welchem ein Herr mich bat ihm Tipps zu geben, was er tun könne, um seine vor dem Zerbrechen stehende Ehe zu retten. Im Verlauf des Gespräches wies ich ihn darauf hin, dass ich kein Eheberater sei, sondern Coach, und dass es einem buddhistischen Coach nicht darum gehe, Dinge hin- oder wieder geradezubiegen, sondern dem Einzelnen eine Perspektive zu eröffnen, wie er/sie die Dinge so annehmen kann, wie sie sind. Ich habe mir dann überlegt, dieses Gespräch einmal zum Anlass zu nehmen, zu diesem Thema ein wenig zu schreiben.

Beim „Kleinen Prinzen“ heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Und das Eheversprechen vor dem Traualtar wird abgeschlossen durch den Hinweis des Priesters:

 „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“.

 Was ist eigentlich die tiefere Bedeutung dessen? Wenn die kosmische Ordnung gemäß ihres für uns nicht nachvollziehbaren „Großen Plans“ zwei Menschen zusammenführt, dann haben diese beiden die Möglichkeit, dies zu erkennen, anzuerkennen und dann danach zu handeln, oder aber, sie können sich von ihren Äbgsten und Erfahrungen leiten lassen, und zwar in der Form, dass sie zum Beispiel zweifeln. Zweifel hat immer etwas mit dem Ego zu tun, denn er entstammt stets dem Verstand. Wir alle haben wohl Erfahrungen im Bereich Beziehung und Partnerschaft gemacht, und kennen es, wenn der Zweifler in uns sagt: „Du musst aufpassen, Du hast schon einmal etwas Ähnliches erlebt, hast Dein Herz verschenkt und unglaublich viel investiert, und schließlich ließ man Dich fallen und Du hast gelitten wie ein Hund. Das kann Dir jederzeit wieder passieren. Bleib besser allein!“ Hier will der Verstand uns schützen, und daran sieht man deutlich: Er will uns nichts Böses, er greift nur auf die Mittel zurück, die ihm zur Verfügung stehen, nämlich Erfahrungen. Nur zu oft sind diese aber unangebracht. Der Zweifel geht hier einher mit Misstrauen. „In dem Korb, den Du mir gegeben hast“, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, „war auch Misstrauen“. Und wie entsteht Misstrauen? Wir fragen uns vor unserem Erfahrungshintergrund: „Soll ich mich auf die Beziehung einlassen oder nicht?“ Und daraufhin tendieren wir dazu, darüber nachzugrübeln und dabei nach unserem alten gedanklichen Strickmuster zu verfahren. Krishnamurti sagt:

 „Alles, was aus dem Gedächtnis resultiert, ist alt (…) Das Denken ist niemals

neu, denn es ist die Antwort des Gedächtnisses, der Erfahrung, des Wissens.“

 Und so reagieren wir auf eine vollkommen neue Situation und einen vollkommen unvergleichlichen Menschen vor dem Hintergrund unserer alten Strukturen, die mit der Situation und dem Menschen, um den es geht, nichts zu tun haben. Wir bilden ein Vor-Urteil. Und auf diese Weise gelingt es uns, etwas zu zerstören, bevor es überhaupt zur Entstehung gelangen konnte, oder aber, wenn eine Partnerschaft bereits zum Entstehen gelangt ist, sie durch unsere Erwartungen und unsere Vorstellungen, wie diese Beziehung zu sein hat, wieder zunichte zu machen. Doch: Was Gott, die kosmische Intelligenz, zusammengefügt hat, soll die menschliche, begrenzte Intelligenz nicht trennen. Hier finden wir eine Struktur unseres Ego, uns nachhaltig der Möglichkeit einer glücklichen Partnerschaft zu berauben.

Aber wie erfahre ich, ob es ‚Gott’ war, der uns zusammengefügt hat, und nicht vielleicht auch das Ego? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“, sagt Schiller in der „Glocke“. Und wie tue ich das? Hör in Dich hinein, fühle in Dich hinein. Bringe Deinen Geist zur Ruhe, der Dich in seinem Drang nach Sicherheit immer nur zu einem „What-iffer“ macht, zu einem, der immer nur ängstlich fragt „Was aber, wenn …?“. Und dann fließe mit dem, was kommt, lass Dich fallen – das hat viel mit Vertrauen auf Gott zu tun – und sei ganz rein und frisch. Das ist die Bedeutung von ‚im gefühlten Einklang mit dem Tao sein’. Du kannst nichts falsch machen. Du kannst Dir höchstens Unannehmlichkeiten herbeiführen, aber diese Unannehmlichkeiten sind immer nur Auswüchse der falschen Vorstellung, dass die Dinge so zu sein haben, wie ICH sie haben will. Und wir wollen Sicherheit. Unser Sicherheitsdenken ist auch eine Form der Bequemlichkeit; wir wünschen nicht, immer mit neuen Situationen konfrontiert zu werden, wir wollen unsere Ruhe haben. Aber wie soll das gehen? Jede Sekunde ist neu.

Woran also zerbrechen Beziehungen? Es sind Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Der Partner soll dies und das im Haushalt oder sonst wo leisten, und tut es nicht zu genüge. Der Partner soll mir die mir gebührende Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbringen, und tut es nicht. Was es auch immer sei, der Partner erfüllt die Erwartungen nicht oder nicht ausreichend. Und dann streitet man sich und macht sich Vorwürfe und ist enttäuscht und leidet – immerhin diese Gemeinsamkeit bleibt dann noch. Doch all diese Erwartungen entstammen wieder nur unserer Selbstsucht. Man will den Partner formen, macht sich gleichsam zu „Gott“, und will den Partner nach seinem Bild schaffen. Das geht natürlich schief. Das führt mich zu der Frage:

„Wenn man ein spirituelles, also bewusstes Leben führt, kann eine Beziehung dann überhaupt noch Gefahren in sich bergen? Ich meine, Eifersucht oder Verlustangst oder Ähnliches, fällt das alles völlig weg, wenn man bewusst lebt?“

 „Das, was man vor dem Erwachen Hass aus Habgier nennt,

wird nach dem Erwachen zur Weisheit Buddhas.

Deshalb ist der heute erwachte Mensch nicht anders als vorher.

Der einzige Unterschied liegt in seinem Handeln.“

(Zen-Meister Hyakujo)

 Was bedeutet das? Das bedeutet, wir bleiben immer die gleichen Menschen, ob vor dem Erwachen oder nach dem Erwachen. Die Strukturen in unseren Köpfen sind da – sie sind einmal geknüpft worden, und wir werden sie nicht wieder los. Es handelt sich nicht weniger um Manifestierungen, um grobstoffliche Erscheinungen, wie unsere Augen- oder Haarfarbe. So, wie die Augenfarbe bestimmt ist durch die Gene, ist jeder einzelne Gedanke und jede sich aus den Erfahrungen etabliert habende Gedankenstruktur bestimmt durch die Konditionierungen, die wir erfahren haben. Es ist also genau so unsinnig, gegen seine gedanklichen Strukturen, gegen sein Ego anzukämpfen wie gegen seine Augenfarbe – wir können nicht sozusagen ‚entkonditioniert’ werden.

Was wir aber tun können ist, über die Meditation zu einer, wie es in der Psychotherapie heißt, Gegenkonditionierung zu gelangen; wenn man den immer wieder gleichen Gedankenstrom mit einem Fluss vergleicht, leiten wir sozusagen das Flussbett um und legen das Alte trocken. Das alte Flussbett bleibt, nur führt es kein Wasser mehr.

Wir haben nun gesehen, dass wir uns für eine beginnende Partnerschaft nicht von unseren alten erlernten Angst-Strukturen leiten lassen und eine Vermeidungshaltung einnehmen sollten, sondern „auf das Herz hören“ und der Einzigartigkeit des Anderen Rechnung tragen. Für eine bestehende Partnerschaft bedeutet das, in der Beziehung „Selbst-los“ zu sein, den anderen Menschen nicht so hinbiegen zu wollen, wie wir meinen, dass er zu sein hat, oder wie sich die Lebensgemeinschaft zu gestalten hat. Das Zauberwort ist „Loslassen“ – Loslassen des Wunsches nach Kontrolle, Loslassen von Erwartungen. Den Anderen sein lassen, wie er ist – das und nur das ist zwischenmenschliche Liebe.

Kommen wir schließlich zum „worst-case-scenario“: Dem Zerbrechen der Beziehung. Wenn wir sagen: „Was Gott gefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“, müssen wir dann nicht auch sagen:

 Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen!

 Da verliebt sich ein Mensch in einen anderen. Aber irgendetwas steht einer Beziehung im Wege oder aber die Beziehung besteht bereits, aber „irgendwie passt es nicht“, man versteht sich nicht (mehr). Niemand kann vielleicht genau (be)greifen, was eigentlich nicht passt, aber es passt halt nicht. Und wir neigen dazu zu sagen: „Wir haben doch so viele Gemeinsamkeiten, wir haben so vieles miteinander erlebt, denken, empfinden, fühlen doch fast gleich – wir sind doch füreinander geschaffen!“, und können und wollen nicht begreifen, dass es nicht sein soll. Und wir kämpfen um die Beziehung, machen allerhand Unsinn um sie zum Entstehen zu bringen oder sie zu retten, und wenn wir merken, dass es nicht fruchtet, werden wir ärgerlich, wütend vielleicht, eifersüchtig … und machen damit alles nur noch schlimmer. Und wenn wir uns dessen gewahr werden, folgt die Depression auf dem Fuß.

Doch auch hier gilt: „Hör auf Dein Herz!“ Aber das ist in diesen Fällen die wohl schwierigste Aufgabe. Denn unser Ego ist stark, unser Ego akzeptiert nicht, was nicht sein darf. Und wer bestimmt, was sein darf? Unser Ego! Und so entsteht in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen Leid, ein Leid, das uns erspart bliebe, wenn wir auf ‚Gott’ auch vertrauen würden, wenn er ‚sagt’: „Ihr seid nicht füreinander geschaffen.“ Wenn der Kosmos / das Tao … nicht vorgesehen hat, dass es passt, dann können wir uns auf den Kopf stellen – wir kommen gegen die Wahrheit nicht an! Wir können nur … loslassen. Die geliebte Person, die Verzweiflung, die Angst vor dem Alleinsein, das Unbehagen der Erkenntnis, dass „alles, was ich voller Hingabe in die Beziehung habe einfließen lassen, umsonst war.“ Jedes Loslassen eröffnet neue Türen – wer einen Medizinball umklammert kann den Ball nicht fangen, den das Leben ihm zuwirft.

Doch bei aller Weisheit, die in diesen Worten stecken mag, können wir unseren Schmerz nicht mit dem Verstand kontrollieren; es bleibt schlussendlich doch bei dem Spruch: „Es ist eine uralte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei“. Willkommen zurück in der Lebenswirklichkeit! Oder?

Zum Abschluss einige Zeilen aus dem Song „Someone up there“ von Joe Jackson

 „Someone up there made the sun and sea

Someone up there brought my girl to me

Someone up there made the wind and rain

Someone up there took her back again

And just for once: You can’t fight back!

No messing with the hands of fate … oh no!

(Joe Jackson “Someone up there” – hier der Song: )

„Wayseer“ oder „Waygoer“? – Ein alternatives Manifest

Namasté!

Ich las vor einigen Tagen das so genannte „Wayseer-Manifest“ von Garret John LoPorto. Es handelt sich um ein Manifest, das (in erster Linie wohl) spirituelle Menschen und Menschen mit politischem und Engagement für eine bessere Welt anspricht. Es hat seinerzeit weltweit in höchstem Maße Zuspruch gefunden, und das hat mich sehr nachdenklich gemacht. In meinen Augen sind Inhalt und Sprache (Aufruf zu Revolution und Staatsstreich / die faschistische Diktatur unseres Gehirns) höchst bedenklich und scheinen mir einzig darauf abzuzielen, Menschen in instabilen (psychischen) Lebenslagen für sich selbst (LoPorto) und LoPortos Sache zu gewinnen. Zahlen und neuropsychologische Ausführungen sind nicht belegt und Letztere inhaltlich verzerrt. Im Kern mag das, worum es ihm geht, ganz nachvollziehbar sein. Aber ich bin im Zweifel, ob es sich nicht doch um ein werbewirksames Mittel handelt, sich in der Welt bekannt zu machen und – guru-gleich – Anhänger zu werben, unter Ausnutzung ihrer vielleicht psychisch oder gesellschafltich misslichen Lage. Unter dem Deckmantel von Spiritualität und Nächstenliebe wird polarisiert und subtil zum Kampf gegen die Herrschenden aufgerufen. Aber das ist nur meine Ansicht; macht Euch hier selbst ein Bild, und wenn Ihr mögt, lest mal parallel die unten stehende Alternativ-Version, die ich bewusst nicht „Wegbereiter-Manifest“ sondern „WayGoer (Weg-Geher) – Manifest“) genannt habe.

The „WayGOer Manifest“

 An alle, die Ihr mühselig und beladen seid – die Ihr Altern und Tod, Schmerz und Klagen, Leid, Betrübnis und Verzweiflung erfahrt; Ihr, die Ihr verstanden habt, dass es kein „richtig“ oder „falsch“ gibt, aber Euer Vertrauen und Eure Erkenntnis noch nicht stark genug sind, ganz im gefühlten Einklang mit dem Tao zu leben, ohne zu polarisieren oder gewaltsam Veränderung herbei führen zu wollen.

Du siehst Dinge, die andere nicht sehen; das ist eine Gnade, die es Dir ermöglicht, im Göttlichen Frieden zu finden und so Liebe unter die Menschen zu bringen: Auf diese Weise kannst Du die Welt verändern!

Anders als die meisten Menschen hast Du die Chance, durchlässig zu werden für die Inakzeptanz und den Druck und die Normen, die die Gesellschaft Dir aufzuzwängen versucht. Du wurdest geboren, dem Kaiser zu geben, was des Kaisers ist, und Gott, was Gottes ist, in Gleichmut und innerem Frieden, und hierdurch sanft und gewaltlos Veränderung durch Liebe herbeizuführen. Denn jedes Aufzwängen der eigenen Geisteshaltung ist Gewalt, egal welchem Ziel sie dient.

Bilde Dir nicht ein, es gäbe ein Establishment, das Dich bedroht – lass Dir so etwas nicht einreden! Glaube weder der einen, noch der anderen Autorität, keinem Guru, keinem politischen Führer, nicht einmal der eigenen, der inneren Autorität. Dein Geist ist der Schöpfer dieser Welt, und aus Deinem Geist entsteht Dein Leid – nur ihn kannst Du zähmen. Die Menschen kannst Du nicht verändern, sondern nur Dich selbst – hin zu einer Geisteshaltung der Liebenden-Güte. Dieser Verzicht auf inneren Widerstand mag Dir als Schwäche ausgelegt werden, doch niemand ist stärker als der, der sich nicht von seinen wütenden oder traurigen Emotionen mitreißen lässt. Aus der tiefen Liebe inneren Friedens heraus bist Du in der Lage, Dinge zu bewegen – denn keinen Widerstand zu leisten bedeutet nicht, nichts zu verändern!! Es bedeutet nur, den gegenwärtigen Moment in Liebe anzunehmen und hieraus Kraft zu schöpfen. Doch mit jedem Engagement für Natur oder Politik, in welchem Dein EGO auch nur im Geringsten eine Rolle spielt, sitzt Du in der Falle und erfährst Leid … und hieraus entsteht Gewalt und Leid!

Es mag sein, dass Du eine psychische Unregelmäßigkeit aufweist. Die unerleuchtete Gesellschaft bezeichnet es als Krankheit, aber nicht, weil sie Dir etwas Böses will, sondern nur, weil sie nicht weiß, wie sie mit etwas umgehen soll, was sie nicht kennt – das macht ihr Angst. Dein Anderssein (sofern es keine hirnorganische Erkrankung ist) ist ein Portal, da Du weitaus sensibler bist für Dein Leid und das Leid Deiner Mitwesen – aber es macht Dich auch angreifbar und sehr verletzlich für Menschen, die Dich stigmatisieren. Bist Du abhängig von irgendwelchen Substanzen, Drogen, Alkohol oder was auch immer, zeitigt dies, dass Du lediglich die unverschuldete Unwissenheit und Torheit der Gesellschaft noch zu persönlich nimmst; werde durchlässig dafür; verurteile sie nicht, sondern hab Mitgefühl mit denen, die Dich abstempeln, denn die psychische Gewalt, die sie gegen Dich ausüben, richtet sich in Wirklichkeit nicht gegen Dich persönlich, sondern ist ein Zeichen von Angst, Unverständnis und Hilflosigkeit. Ein Phänomen, das jedem Rassismus zugrunde liegt. Nimm es nicht persönlich, sondern vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! Das ist besonnenes Handeln. Mit dem Finger auf die Gesellschaft zu zeigen, nur weil sie auf Dich zeigt, ist unbesonnen!

Lass Dich nicht von irgendwelchen Gurus hinreißen zu heldenhaftem Verhalten; wir brauchen keine Helden! Sei einfach nur Du selbst. Du magst viele Gemeinsamkeiten haben mit Menschen, die vor Dir schon Großes in Sachen Liebe und liebevoller Veränderung geleistet haben. Aber vergleiche Dich nicht mit den großen Pionieren und Visionären, Innovatoren und schon gar nicht mit Revolutionären (!), denn es gibt kaum einen Revolutionär, durch dessen Hand nicht das Blut des Feindes geflossen wäre! Und auch nicht mit Heiligen, Buddhas oder Religionsgründern! Vorbilder sind auch nur Bilder … Konzepte. Bleib einfach ganz bei Dir, sei Dir selbst treu in liebevoller Selbstannahme.

Dem Wesen nach sind wir alle gleich! Alle Menschen! Glaube nicht und lass Dir nicht einreden, Du seiest irgendetwas Besseres als die, die den WEG noch nicht gefunden haben oder die Augen vor ihm verschließen. Tief in uns wissen wir alle, nicht nur wir Menschen, sondern alle Wesen (da es kein intellektuelles Wissen ist):

Alles, was im Kosmos seit jeher geschieht, jedes noch so kleinste Ereignis, die Bewegung jedes Sonnenstäubchens und jeder Schwingung ist entstanden, weil die Voraussetzungen für ihr Entstehen gegeben war! Somit ist  alles, was entsteht, in sich stimmig. Diese vollendete Insichstimmigkeit ist  vollendete Harmonie. Und vollendete Harmonie ist reine und absichtslose Liebe, die nichts bezweckt und auf nichts abzielt außer auf ihr Sein selbst. In diesem Bewusstsein zu leben führt zu Frieden. Dieses Bewusstsein selbst IST Friede! DAS IST DER WEG. Und diesem Weg kann sich niemand entziehen – wir alle sind in der kosmischen / göttlichen … Liebe, ob wir es wollen oder nicht!

Wenn aber alles seine Insichstimmigkeit hat, alles in Liebe ist, dann gehören unsere „Unzulänglichkeiten“ und „Fehler“ mit dazu! Denn nichts kann sein, was nicht Gottes / des Kosmos … „Wille“ ist. Lass Dir nicht von irgendwelchen Propheten einreden, es gäbe eine „Gestapo des Gehirns“, eine „faschistische Diktatur des präfrontalen Kortex“. Dieser Teil des Gehirns hat wie alles, was existiert, seinen Sinn; hätte er ihn nicht, hätte er sich in der Evolution nicht durchgesetzt. Gegen seine Funktion Widerstand zu leisten kommt einer Kritik an der Schöpfung selbst gleich! Dann ist der Schöpfer ein faschistischer Diktator!

Funktioniert diese Hirnregion nicht, so kann es zum Zerfall des Kurzzeitgedächtnisses oder der Langzeitplanung, zu emotionaler Verflachung [= Gleichgültigkeit], Anhedonie [Freudlosigkeit], Störung des sexuellen Antriebs und sozialwidrigem [also: den Interessen der Mitmenschen entgegenstehendem] Verhalten kommen.[1] Alles Dinge, die uns als Menschen ausmachen! Unser Gehirn ist weder böse noch funktioniert es falsch! Auch wenn Laien im Bereich Psychologie etwas anderes postulieren.

Eine Hand kann schlagen und eine Hand kann streicheln; ein Mund kann sagen „Ich hasse Dich“ und ein Mund kann sagen „Ich liebe Dich“; ein Körper kann Wohlgefühl in Dir erzeugen und auch Schmerz. Dieses Prinzip von Yin und Yang gilt für alles, inklusive dem präfrontalen Kortex – er macht uns manchmal das Leben schwer, aber er macht uns ebenso als Menschen aus. Lass Dir nicht einreden, dass irgendetwas an oder in uns „falsch“ wäre. Gehe nur besonnen mit dem um, was IST! Wir alle sind konditioniert und programmiert, aber einzig durch das „persönlich Nehmen“ dieser Strukturen, jener Vermutung „Mein Denken BIN ich“ und wenn wir sie deshalb festhalten, können sie uns gefährlich werden. Wenn wir sie einfach nur betrachten, brauchen wir sie nicht zu verurteilen und schon gar nicht verdrängen. Wir entscheiden in jeder Sekunde, ob wir ihnen nachgeben wollen oder nicht. Das ist Willensfreiheit, die zu einem liebevollen Umgang mit uns selbst führt!

Waygoer (Menschen, die den WEG gehen) sind diejenigen, die ihre eigenen Strukturen und Denkmuster erkennen, verstehen,  liebevoll annehmen und hierdurch Erkenntnis des All-Einen erlangen – denn sie sehen deutlich das kosmische Prinzip von „Nicht-Selbst“ [nichts, was geschieht, hat mit mir ‚persönlich zu tun], Vergänglichkeit [jedes Entstehen ist abhängig von dem, was vorher war] und Leid [nur, wenn ich „Nicht-Selbst“ und  „Vergänglichkeit“ nicht als kosmische Wahrheit annehme, leide ich unter ihnen]. Waygoer sind Erkennende, die in der Erkenntnis Frieden finden, und aus dem Frieden die Kraft, Dinge gewaltfrei zu verändern – ohne Revolution, ohne Rebellion!

Waygoer sind keine „alte Linie“ von besonders begnadeten Menschen, Priestern oder Ähnlichem! Wer so etwas behauptet, polarisiert und versucht, indem er das Selbstwertgefühl eines Verzweifelten aufwertet, ihn für seine Sache zu gewinnen … aber das ist bloße Marktschreierei und erinnert an den Rattenfänger von Hameln. Ein solcher polarisiert, erschafft künstlich Dualität durch Bewertung und das erzeugt Mauern! Und jede Mauer ist Gewalt! Niemand ist etwas Besseres! Spiel das Spiel von „good guy – bad guy“ nicht mit … und wenn es Dir noch so plausibel erscheint und noch so sehr Dein Herz anrührt. Alle großen Führer, die die Menschen schlussendlich ins Verderben geführt haben, versuchten geschickt, die Herzen der Verzweifelten anzusprechen – sie waren immer und sind noch immer leichte Beute. Nur die Besonnenen liefen nicht mit der Herde und heulten nicht mit den Wölfen!

Lenin sagte: „Die Philosophen haben die Welt nur unterschiedlich interpretiert; es geht aber darum, sie zu verändern.“ Doch er irrte! Es geht zu allererst darum, uns selbst zu verändern, und zwar hin zur Liebe! Die Veränderung der Welt folgt dann automatisch, weil die Welt sich der Liebe nicht entziehen kann. Licht ist immer stärker als Dunkelheit. Man kann Dunkelheit definieren durch Abwesenheit von Licht. Wer aber käme auf die Idee, Licht als die Abwesenheit von Dunkelheit zu definieren? Das liegt daran, dass Licht das Ursprüngliche ist. Erst wenn man es wegnimmt, entsteht Dunkelheit. Waygoer führen keine Revolutionen oder Staatsstreiche durch, weil sie wissen, dass hierdurch nur wieder Köpfe rollen, wie in Frankreich zwischen 1792–1794, als zum Wohle der Demokratie 16.594 Menschen auf der Guillotine den Tod fanden[2]. Solange wir uns nicht im Innersten verändern, kann niemand garantieren, dass sich die Geschichte nicht wiederholt! Zu Revolution und Staatsstreich aufzurufen ist aus dieser Sicht grob fahrlässig; wir sind noch nicht so weit!

Und nun: Glaube nichts von dem, was Du soeben gelesen hast! So sehr es Dich auch anrühren mag, so plausibel es Dir auch erscheinen mag! Fühle in Dich hinein und prüfe, ob es anklingt, ob es so sein könnte. Prüfe kritisch und glaube mir kein Wort!

„Ehi-passiko“ – KOMM UND SIEH SELBST!

Liebende-Güte wünscht und sendet Euch von Herzen

 

„Phra“ Michael


[1] zur (dringend angeratenen) Vertiefung, einfach einmal hier klicken

[2] Opferzahl der franz. Revolution nach wikipedia unter Berufung auf Donald Greer

Frieden, Frieden … einfach nur Frieden

Es geht nicht darum,

das Handeln in der Welt abzulehnen und die Stille zu suchen.

Sei weit und offen wie der Himmel

und bring Dich in Übereinstimmung mit dem Äußeren.

Dann wirst Du auch in der Hektik dieser Welt in Frieden sein.

(Zen-Meister Yüan-wu)

Rast- und Ruhelosigkeit – wer von uns kennt sie nicht? Wer kennte nicht diesen Hetzhund, der uns immer weiter vorantreibt, immer auf der Suche. Suche wonach? Wenn ich mich umschaue, denke ich oft: Wer weiß schon, was er sucht – was er eigentlich sucht? Vielleicht ahnen Einige, dass es eine verzweifelte Suche nach Ruhe ist. Sie sagen: „Wenn ich das erst erreicht hab, hab ich meine Ruhe, dann kann ich mich zurücklehnen, dann ist alles gut.“ Doch es funktioniert nicht … weder Prestige noch Reichtum, noch Anerkennung, noch Macht, noch Einfluss setzen der Suche final ein Ende. Wir können heiraten und Kinder zeugen, die Welt umsegeln oder was auch immer – schlussendlich führt es zu gar nichts. Die Gefahr liegt dabei – fast amüsanter Weise – lediglich in unseren Glückshormonen, die immer dann produziert werden, wenn wir etwas erlangt haben, was wir angestrebt haben; aber alles ist vergänglich, und auch Glückshormone werden irgendwann vom Körper abgebaut. Was bleibt? Die Sucht nach einer neuen Befriedigung – „Sucht“ kommt nicht von Suchen, sondern von Siechen! Und in diesem Siechtum des ewigen Dranges nach Befriedigung und Produktion von Glückshormonen leben die meisten von uns.

Frieden, ein für alle Mal Frieden ist nur zu erlangen, wenn wir die Suche nach all diesen weltlichen Dingen endgültig drangeben. Dabei ist nicht einmal das „Haben“ selbst das Problem, sondern die Gedanken, die stets nur kreisen um das Habenwollen und um das Behaltenwollen. „Und wehe, es will mir jemand etwas streitig machen“ – so entsteht Hass.

„Wenn sich die Gedanken erheben, erheben sich alle Dinge. Schweigen die Gedanken, so schweigen alle Dinge“. All unsere Motivationen, Antriebe, ja auch die Emotionen, die Ideen, Vorstellungen, all das entsteht aus den Gedanken. Und wir nehmen sie mit, wo immer wir uns hin bewegen. „You always take the weather with you“, ob im Kloster in Thailand, auf einer einsamen Insel, oder im tiefsten Wald.

Frieden aber ist im Innen. Er muss weder hergestellt werden, noch muss man ihn groß suchen. Er ist da – er ist unser Wesenskern. Er kann nur unser Wesenskern sein, weil er Eins ist mit dem Alles, in welchem alles seine „Insichstimmigkeit“ besitzt – jenseits unseres Verstehens. Im Alles gibt es keine Dualität, keine Religion, keine Kasten, kein Spiel von „guter Gott – böser Gott“, da ist nur der letztendliche Urgrund des Einen. Und jeder von uns kann jederzeit dorthin gelangen. Nur, durch das Schweigen der Gedanken. Durch das ruhige, selbst-lose Beobachten der Vorgänge, wie sie um uns herum und in uns geschehen. Die Dinge nicht zu beurteilen, sondern sie in ihrer Existenz zu würdigen, wie sie sich eben zutragen, das ist Liebe zu allen Dingen. In diesem Moment der Liebe nähert man sich der Ewigkeit, wird selbst zur Ewigkeit in jenem jetzigen Moment, in dem Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges miteinander verschmelzen und das Göttliche sich offenbart. Wenn wir selbst dem hasserfülltesten Gedanken erlauben, zu erscheinen ohne irgendeinen Widerwillen, ohne irgendetwas verändern oder kontrollieren zu wollen, wissend: NICHTS KANN SEIN, WENN ES NICHT GOTTES WILLE IST“, dann gehen wir nach und nach ein in Gott – das ist „unio mystica“, wie es die Christen nennen. oder „wudschud“, wie es der Islam nennt.

Alle, was es für uns dabei zu tun gilt, ist zu beobachten, wie sich unsere Aufmerksamkeit zu den Erscheinungen hin bewegt, versucht an ihnen anzudocken; daraus entsteht Gefühl, aus Gefühl wird Habenwollen, aus Habenwollen wird Ich-Identifikation, und nur, wo ein Ich ist, da ist wiederum ein Habenwollen. Diese Kette ohne Unterbrechung zu beobachten, ist wohl verstandene Achtsamkeit. Und sie führt uns hin zum Frieden und zur Liebe.

Friede ist Liebe – Liebe ist Friede … in der Einheit des Einen Geistes.

Ich wünsche uns allen, dass wir irgendwann einfließen in die unendliche Liebe des Tao, des Kosmos, des … es ist nicht wichtig, wie man es nennt – am Besten gar nicht 😉

Eine gute Woche wünscht Euch

Mit Metta

„Phra“ Michael

„Jetzt-Hier“ ist noch zu relativ!

 „Lass Raum (los), lass Zeit (los)

auch Bildlichkeit;

Geh ohne Weg

Den schmalen Steg.

So kommst Du

an der Leerheit Spur“

 (Lied „Granum Sinapis“, 14. Jh.)

Beginnen wir einmal damit zu betrachten, welche Sichtweisen es zur „Zeit“ gibt. Ich möchte hierfür zunächst gern kurz Begriffe aufnehmen, die Krishnamurti geprägt hat: Die psychologische Zeit und die chronologische Zeit. Lass mich das wie folgt darstellen:

Die psychologische Zeit ist die Zeit in unserer Wahrnehmung. Hier gibt es Realität in der Vergangenheit und auch in der Zukunft, da wir diese Zeiten denken können. Wir wissen zwar, dass das, was vergangen ist, nicht mehr da ist, und dass die Zukunft noch nicht da ist (übrigens keine Erfindung von Herrn Tolle, sondern eines der ersten Dinge, die der Buddha gelehrt hat). Diese psychologische Zeit ist daher für uns so bedeutsam, weil unser Ego – also das Bild, das wir selbst von uns haben, wie wir uns interpretieren – genau davon abhängt. Wir machen eine Erfahrung, lernen aus dieser Erfahrung, und dieses Erlernte machen wir zu einem Teil von uns – wir identifizieren uns damit. In der Wissenschaft spricht man hier von dem ‚autobiographischen Gedächtnis’. „Ich bin meine Vergangenheit und meine Erfahrung“. Die Tatsache, dass das Lernen eng mit unserer (evolutionären) Weiterentwicklung verknüpft ist, zeitigt, dass hier das Problem auch nicht liegt, denn das tut auch jeder Hund und jede Katze. Das Problem ist, dass wir vergangene Ereignisse „emotionalisieren“, das heißt, mit den Erinnerungen holen wir gleichzeitig auch die mit ihr verknüpften Emotionen wieder hervor. Das gleiche passiert im Rahmen „antezipatorischer (= vorwegnehmender) Transferleistungen“: Wir übertragen etwas Gelerntes auf eine zu erwartende Situation – ohne freilich zu wissen, ob sie je eintritt, denn vielleicht fällt uns 10 Sekunden später ein Ziegelstein auf den Kopf. Und auch hier holen wir ein nicht gegenwärtiges Ereignis in die Gegenwart hinein, in der wir dann Angst oder Furcht entwickeln. Noch einmal und etwas anders: Das planerische Denken oder auch die Erinnerung selbst an ein Ereignis ist aus evolutionärer Sicht sinnvoll; die Emotionalisierung dessen begründet Leid.

Die chronologische Zeit hingegen ist das, was tatsächlich vorliegt. Wir interpretieren sie als das, was von der Uhr ablesbar ist, aber im Grunde genommen ist die chronologische, tatsächlich existierende Zeit etwas anderes:

Vergessen wir einfach einmal den Begriff Zeit, und ersetzen wir ihn durch ‚Metamorphose allen Seins’. Dann können wir beginnen, uns mit dem Vorgang „Zeit“ zu „identifizieren“. Wir sind die Zeit, sie ist nichts Getrenntes von uns. Nichts gibt es, das sich nicht unablässig verändert. Auch ich bin nicht mehr der, der vor zwei Sekunden eingeatmet hat. Alles ist Metamorphose. Das eine Ding schwindet, und aus ihm heraus entsteht etwas Neues. Das Schwinden des Einen ist gleichermaßen die Bedingung für das aus ihm entstehende Neue.

Wenn ich also von einer Metamorphose allen Seins spreche, dann ergibt sich, dass Zeit nichts anderes ist, als ein absoluter Vorgang, die Gesamtheit aller Vorgänge, die jemals geschehen sind, die jetzt-hier geschehen und die jemals geschehen werden. Somit ist Zeit zeitlos, aber, und das ist noch wichtiger für das Verständnis, eben diese Vorgänge sind ebenfalls zeitlos. Die Metamorphose allen Seins hat also keinen Anfang und auch kein Ende, und sie hat auch nichts zum Gegenstand, denn jeder Gegenstand ist selbst Vorgang; diese Metamorphose ist somit die Zeit selber! Das Phantastische daran ist, dass wir ja selbst mittendrin stecken. Alles ist Eins, somit sind wir, jeder Einzelne von uns die gesamte Metamorphose allen Seins; somit sind wir, jeder Einzelne von uns, ohne Anfang und ohne Ende. Ich bin Zeit … Du bist Zeit. Wir alle sind ohne Anfang und ohne Ende! Dies wird eigentlich nur „Gott“ zugesprochen. Aber betrachten wir einmal in diesem Lichte den Satz des Sufi-Meisters Al-Halladsch: „Gott ist ich, und ich bin Gott“.

Der Status quo dieser Vorgänge ist immer „Jetzt“. Und so postulieren moderne Spirituelle wie Tolle „Sei JETZT!“ Und dem Grundsatz nach ist das ja auch gar nicht falsch, denn wer im JETZT-HIER ist, hebelt die Emotionalisierung der zeitlichen Vorgänge aus. (Das ist natürlich wieder keine Erfindung von Tolle, sondern eine Erkenntnis, die Buddha Gautama vor 2500 Jahren hatte). Nun begeben wir uns aber mit diesem „Sei JETZT“ auf sehr dünnes Eis, denn die Gefahr ist 1], dass wir uns nur noch auf den gegenwärtigen Moment konzentrieren und fokussieren, womit wir aber die Peripherie „ausschalten“. Wir befinden uns zwar im Jetzt-Hier, aber mit Tunnelblick, und das führt zu geistiger Abstumpfung (Leider wird meist Meditation so gelehrt …); und 2], dass (wie bereits in der Schmerzkörpertheorie von Tolle) auch hier wieder nur ein Konzept durch ein anderes ersetzt wird. Denn: Das Jetzt-Hier ist – wenngleich nur sehr subtil – immer noch vorstellbar. Das ist etwas, was Meister Eckhart erkannt hat, wenn er sagt (Predigt 36):

„Der Himmel (zu verstehen auch als ‚das Tao’) berührt weder Zeit noch Raum. Alle körperlichen Dinge haben darin keine Stätte. (…) Sein Lauf ist zeitlos, von seinem Laufe aber kommt die Zeit. Nichts hindert die Seele so sehr an der Erkenntnis Gottes wie Zeit und Raum.“

Und an anderer Stelle (Predigt 39):

«Jetzt», das ist Zeit, und «Hier» – das ist Stätte, ist die Stätte, an der ich jetzt stehe.“

Und in Predigt 40:

„Dieses Wort sprach der Herr zu seinen Jüngern: «Wenn etwas noch so Kleines an der Seele haftet, so sehet Ihr mich nicht!» (Joh. 16, 16). (…) Solange noch irgendetwas an Kreatur (= gedanklicher Vorstellung) in Dich leuchtet, solange siehst Du Gott nicht, wie klein es auch sein mag.“

Schließlich Predigt 37:

„Seht, über dieses «Kleine» muss man hinaus schreiten und muss alle Beifügungen abziehen und Gott als EINS erkennen.“

Meister Eckhart ist damit (zutreffend) auch das „Hier und jetzt“ noch zu relativ, erfasst nicht das Absolute. Und damit komme ich zum letzten wichtigen Punkt: Buddha lehrte vier meditative Vertiefungs-Stufen, die jhânas. Wenn man auch die vierte Stufe noch überschreitet, gelangt man in die Erkenntnis der Raumunendlichkeit (MN 25):

 16. „Wiederum, mit dem völligen Überwinden der Formwahrnehmung, mit dem Verschwinden der Wahrnehmung der Sinneseinwirkung, mit Nichtbeachtung der Vielheitswahrnehmung, indem sich der Praktizierende vergegenwärtigt ,Raum ist unendlich‘, tritt er in das Gebiet der Raumunendlichkeit ein und verweilt darin.“

17. „Wiederum, mit dem völligen Überwinden des Gebiets der Raumunendlichkeit, indem sich der Bhikkhu vergegenwärtigt, Bewußtsein ist unendlich‘, tritt er in das Gebiet der Bewußtseinsunendlichkeit ein und verweilt darin (…)

18. „Wiederum, mit dem völligen Überwinden des Gebiets der Bewußtseinsunendlichkeit, indem sich der Bhikkhu vergegenwärtigt ,da ist nichts‘, tritt er in das Gebiet der Nichtsheit ein und verweilt darin. (…)“

19. „Wiederum, mit dem völligen Überwinden des Gebiets der Nichtsheit tritt der Bhikkhu in das Gebiet von Weder-Wahrnehmung-Noch-Nichtwahrnehmung ein und verweilt darin (…)“

 Erst hier, mit dem Eintritt in diese höchsten Vertiefungs- und Erkenntnisstufen, beginnen wir zu einzusehen, was „Zeit“ ist – nämlich nichts. Ebenso, wie alles dem Wesen nach nichts ist, und dieses Nichts doch alles ist – „Form ist Leere, Leere ist Form“.

Metta sendet

„Phra“ Michael

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