Angeleitete Meditation

Nachdem ich ja nun recht viel zum Thema Meditation geschrieben habe – teils eher theoretisch, teils eher in der praktischen Umsetzung – möchte ich Euch eine angeleitete Meditation nicht „schuldig“ bleiben (wie man so schön (?) sagt).

Die Meditation, die Ihr Euch hier anhören und einfach mit-praktizieren könnt, ist eine Metta-Meditation, also eine Meditation der Liebenden-Güte. Es ist ein Live-Mitschnitt einer Sitzung im Rahmen der Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe Münster vom 27-10-2013 (daher auch die in den ersten Sekunden nicht so gute Tonqualität).

Viel Spaß beim Mit-Praktizieren – es sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro _/\_

Übers Loslassen, Liebevolle Annahme und den „Kontrollfreak“

Ich möchte nach einer langen Blog-Pause heute einmal einen Artikel aus dem wirklichen Leben posten, nämlich eine Korrespondenz mit einem meiner Schüler, der eine Mail mit  sehr wichtigen Fragen stellte, die die buddhistische Vipâssana-Meditation angehen. Insbesondere geht es um das Thema „Loslassen“ und „Liebevolle Annahme“, Nicht-Ich (anatta) und den „Kontrollfreak“ in uns. Da diese Themen ganz fundamental für Meditation und Alltag sind, möchte ich sie mit der Öffentlichkeit teilen (schwarz sind die Fragen, lila meine Antworten).

Damit Ihr folgen könnt und wisst, worum es geht, hier noch einmal der BLESSED-Kreis, den es gilt, sowohl in der Meditation als auch im Alltag unablässig zu durchlaufen, sobald man merkt, dass man nicht „im Hier und Jetzt ist“. (Näheres zu diesem Kreis findet Ihr hier auf diesem Blog)

 BLESSED

 

Es begann mit einer Schilderung, wie F. (für Fragender) mit einigen schwierigen Alltagssituationen umgeht, indem er den BLESSED-Kreis durchläuft. Meine Antwort hierzu war:

 Es ist Klasse, wenn es Dir gelingt, den BLESSED-Kreis in solchen Momenten zu durchlaufen; denke nur auch immer daran, dass BLESSED keine „Schmerztablette“ ist. Betrachte, was in Dir geschieht, und was immer es ist, VERSUCHE NICHT ES LOSZUWERDEN. Versuche, es zu verstehen. Lass es da sein und betrachte ganz genau, wie (aus alter Gewohnheit heraus) Du dazu tendierst, Dich mit den Emotionen zu identifizieren. Schau, welche Gedanken durch sie ausgelöst werden, und welche Gedanken sie umgekehrt  auslösen – papanca! Schau, wie es sich körperlich anfühlt. Betrachte Deinen inneren „Kontrolleur“, der Dir sagen will, dass die Dinge anders zu sein haben, als sie sind, nämlich so, wie „er“ es will und für richtig hält. Und betrachte einmal dieses „er“ … und gehe dem auf den Grund, was „er“ ist. Nicht intellektuell, sondern durch Beobachtung. Und versuche ebenfalls nicht, diesem „er“ den Mund zu verbieten. Hör Dir LIEBEVOLL an, was er zu sagen hat … diskutiere nicht mit ihm, lass ihm seine Meinung – er kann nicht anders als so zu denken, wie er denkt. Aber wie er denkt, fügt Dir mentalen Schmerz zu – verzeih ihm dafür. Verzeih ihm aus dem Verständnis und der Einsicht heraus, WAS „er“ ist. Nimm ihn in den Arm und nimm ihn liebevoll an.
„Er“ wird sich fast zwangsläufig dagegen wehren, weil „er“ das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden. Gestehe es ihm zu, hab Mitgefühl mit ihm. „Er“ wird Dich bombadieren mit Zweifeln – über Deine ganze Praxis. Lass ihn! Es ist ok! Vergib ihm, nimm ihn liebevoll in den Arm, schließe ihn in Dein Herz – mitfühlend und verständnisvoll.

Im Folgenden nun die Antwortmail von „F.“ und meine unmittelbaren Antworten:

Ich verstehe, dass der BLESSED-Kreislauf nicht als Schmerztablette einzusetzen ist, mit dem man die leidvollen Gedanken bzw. Emotionen eliminiert. Es geht darum, diese leiderzeugenden Vorgänge als solche zu erkennen und zu verstehen, nach welchen alten Mustern der eigene Geist arbeitet.

Hmmmm … Ja. Und Nein *smile*

Es geht darum klar zu sehen, dass da zunächst überhaupt erst einmal nur Vorgänge, Abläufe und Prozesse (erst im „Außen“ [Geräusch trifft auf Ohr], dann  in der Folge in uns [das Geräusch „kommt uns zu Bewusstsein“]) stattfinden.

 Wir befinden uns also im Bedingten Entstehen: Sinnesreiz + Sinnenbewusstsein sind Grundlage für das Entstehen von behaglichem oder unbehaglichem (oder neutralem) Gefühl; behagliches oder unbehagliches (und eigentlich auch neutrales) Gefühl ist die Voraussetzung für das Entstehen für Begehren; Begehren  ist die Voraussetzung für das Entstehen von Anhaftung.

Bis zum Begehren inklusive handelt es sich nicht um Muster im psychologischen Sinne, sondern um reine neurologische Vorgänge gemäß dem Reiz-Reaktions-Schema, also Reizübertragungen.

Dann erst – ab dem Anhaften – erkennen wir, wie aus einem unpersönlichen neurologischen Reiz plötzlich das entsteht, was wir Leid nennen. Leid ist das, was entsteht, wenn wir aus einem unpersönlich entstandenen Gefühl eine persönliche Story machen, indem wir

1 . über das entstandene Gefühl und über das, was es ausgelöst hat (und einiges mehr) nachdenken und

2 . diesem entstandenen Gefühl einen Namen geben, nämlich „Wut“, „Trauer“ u.s.w.; auf diese Weise wird aus einem real entstandenen Gefühl ein Konzept, also etwas Nicht-existentes!!! Dieses Konzept können wir in unser Selbst-Konzept integrieren. Da es dann als zu uns gehörig interpretiert wird, denken wir wiederum darüber nach.

Zudem sehen wir, wie in der Anhaftung aufgrund der gedanklich-emotionalen Beschäftigung  mit dem Gefühl Feedbacks entstehen, also zB neue Gedanken, die dann neue Gefühle auslösen und wieder Begehren, welches selbst als Spannung (= unangenehme Körperempfindung) wahrgenommen wird und darüber wieder zu Gefühlen führt und so weiter und so fort. Diese gesamten Feedbacks nennt der Buddhismus „papanca“.

Und wir sehen, dass wir auf all diese Vorgänge in ihrem ersten Entstehen keinen Einfluss haben. Der Versuch, Einfluss zu nehmen (nämlich in erster Linie auf das Gefühl), kommt erst im Rahmen der Anhaftung zum Tragen. Die Anhaftung ist also – wenn man so will – unser „Problemlösemodus“. Wir versuchen, über unsere Gedanken das Gefühl zu beseitigen, verstärken es aber nur, indem wir ihm Aufmerksamkeit schenken. Und da sitzen auch die alten (psychologischen) Muster: Wir glauben, durch Nachdenken und Analyse die Kontrolle über die Ursache des unangenehmen Gefühls gewinnen zu können. Das ist der „Kontrollfreak“ in uns. In der Realität aber können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns unangenehmes Gefühl beschert (oder angenehmes Gefühl „wegnimmt“) kontrollieren. In der vipâssana-Meditation lassen wir diesen Kontrollfreak so zu sagen ins Lehre laufen – wir reagieren nicht auf ihn, sondern lassen die Dinge, gegen die er sich auflehnt, auf sich beruhen.

Während die „papanca“ im Rahmen des Bedingten Entstehens vom Anhaften aus gesehen „rückwärts gewandt“ sind, erkennt man im weiteren Verlauf des Bedingten Entstehens nach dem Anhaften (also „vorwärts gewandt“), wie unser Selbstkonzept entsteht und dieses Konzept unterhalten und gestärkt wird. Hier (erst) kommen die alten Muster zum tragen, gemäß welcher wir auf bestimmte Situationen immer nach dem gleichen Prinzip re-agieren. Re-agieren, weil unser Handeln aufgrund der alten Muster automatisch abläuft, in Abgrenzung zu einem Agieren, welches wissensklar (vgl. das Satipatthâna-Sutta) einzig dem gegenwärtigen Moment Rechnung trägt. Dies stets gleiche Handeln erweckt in uns den Eindruck einer Stabilität, von etwas Statischem, eines unveränderlichen „ICH“. Nach welchen alten Mustern genau der Geist arbeitet spielt eine nur untergeordnete Rolle; entscheidend ist, DASS es nur Muster sind und wie sich das auf uns auswirkt, nämlich in der Illusion eines substanziellen „ICH“ (welches zusätzlich genährt wird durch die Identifikation mit dem Körper, den Gefühlen … kurz: den 5 Aggregaten).

Mir scheint es, als hätte AKZEPTANZ eine Schlüsselfunktion. Es geht darum, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie nunmal jetzt sind und nicht zu versuchen sie loszuwerden.

Ja, in der Tat. Indem wir versuchen, sie los zu werden, schenken wir ihnen Aufmerksamkeit und Energie – dadurch verstärken sie sich. Im Japanischen gibt es den etwas martialischen Ausdruck „Töten durch Nichtbeachten“ (weiß leider nicht mehr, wie es auf Japanisch heißt *smile*); das ist in etwa, was hier geschieht. Mit einer Besonderheit (und dies ist wirklich ganz fundamental für die gesamte buddhistische Lehre): Was lassen wir los? Nur die Gedanken an das Ereignis, nicht das Ereignis selbst. Warum? Weil wir ein Ereignis nicht loslassen KÖNNEN. Ein Schmerz, Geräusch, Duft … ist da. Das resultierende Gefühl … ist da. Das resultierende Begehren … ist da (erst in den höchsten meditativen Zuständen kann die Kette des Bedingten Entstehens bereits an einer dieser Stellen durchschnitten werden)

Ich denke, dass dem „Er“, von dem du sprichst, dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, da man auch das ganze Negative im jetzigen Moment annimmt und akzeptiert. 

Das Negative im jetzigen Moment Annehmen entspricht genau diesem oben beschriebenen Vorgang. Loslassen (und den Kontrollfreak „vor die Wand laufen lassen“ *smile*) IST gewissermaßen Liebevolle Annahme.

Ich habe das „Loslassen“ im BLESSED-Kreislauf in einigen Situationen falsch interpretiert im Sinne von „Nun lass es endlich los!“

Das ist in der Tat falsch interpretiert *smile*

Vielmehr ist damit wohl das Akzeptieren aber gleichzeitig NICHT Anhaften gemeint. 

Ok, also: Loslassen ist das diametrale Gegenstück zum Anhaften. Das bedeutet: Wenn Anhaften das gedanklich-emotionale Sich-verwickeln-lassen in ein Ereignis ist, dann ist Loslassen eben das Nichtweiterdenken jenes Ereignisses. Mehr steckt nicht hinter dem vielgerühmten Loslassen. Die einfache Formel:

Loslassen ≙ Liebevolle Annahme ≙ Infriedenheit / Anhaften ≙ Widerstand ≙ Leid

Ich habe in letzter Zeit im Alltag häufig BLESSED angewendet. Habe im Anschluss immer noch einen Metta-Wunsch in mir zum entstehen gebracht. Gerade „Möge mein Geist ruhig und friedvoll sein“ erzeugt in mir gleich eine leichte Entspannung.

Das ist auf jeden Fall gut und richtig 🙂

Aber wenn ich das Gefühl von innerem Frieden und Lächeln in mir erzeuge lasse ich beispielsweise dem Gefühl „Angst“ oder „Wut“ weniger Platz in mir. Ist es nicht so, dass ich diese Gefühle dann im gewissen Maße verdränge und ihnen nicht ausreichend Platz einräume? Das widerspricht in meinen Augen dem Denkansatz „Wut ist da. Hey, es ist o.k.!! Wut darf das sein.“ Andererseits kann es ja auch nur gut sein, wenn ich über den Metta-Wunsch mehr Gelassenheit in mir verspüre…..!?

Nein, Du verdrängst gar nichts. Weil Du das Gefühl der Wut selbst ja gar nicht anlangst. Verdrängung bedeutet „Ins Unbewusste verschieben und verhindern, dass es wieder hervortritt“. Das geschieht, wenn man unmittelbar nach dem Feststellen eines negativen Gedanken zum Meditationsobjekt zurückkehrt und sich auf das Meditationsobjekt fokussiert und absorbiert. Wir hingegen machen uns im BLESSED einen Mechanismus des Gehirns zunutze: Beobachte einmal, was geschieht, wenn Du von einem Gedanken fortgetragen worden bist und Dir dessen bewusst wirst. Was geschieht in der Sekunde, da Du diesem Gedanken Auge in Auge gegenüberstehst? Der Gedanke kommt  für einen Augenblick zum Stoppen und die Aufmerksamkeit sucht sich etwas anderes, womit sie sich beschäftigen kann. Dies ist immer das Naheliegendste, was eben da ist, und zwar irgendetwas, was sich „bewegt“ im Sinne von verändert. In diesem Atemzuge kommt die Aufmerksamkeit ganz leicht und fast von allein wieder in den gegenwärtigen Moment und zieht sich von dem Gedanken zurück. Das geschieht – noch einmal – NICHT durch eine Aktion des Praktizierenden, sondern durch das alleinige Sichbewusstwerden des „Nicht auf dem Meditationsobjekt Seins“.

Das Entspannen und Lächeln hilft dabei (in der Art einer reziproken Hemmung), dass die negativen Gedanken erst einmal nicht wieder auftreten. Sitzen sie aber tief, werden sie trotzdem wiederkommen … und irgendwann sich auflösen. DANN sind sie verarbeitet.

Zudem motiviert das Entspannen und Lächeln dazu, dem alten Muster des „dem Gedanken Nachgebens und Weiterdenkens“ (= Anhaftens) nicht zu folgen, da der Organismus merkt: „Aha, es fühlt sich viel besser an, NICHT anzuhaften“ – das ist positive Konditionierung durch Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn.

In der vipâssana-Meditation lernen wir also systematisch, nicht anzuhaften. Das Aufgeben des Anhaftens ist aber eine enorm schwierige Übung, eben weil unsere alten Muster alte und eingefahrene Muster sind, die ja selbst auch Objekt der Anhaftung sind – indem wir uns mit ihnen identifizieren. Daher hat der Buddha als Grundlage des Aufgebens des Anhaftens die (zunächst rationale) Erkenntnis von Nicht-Ich (anatta) gesetzt. Denn diese Erkenntnis hebelt auch den letzten Widerstand aus. Selbst der verzweifeltste Depressive, der da sagt: „Das bringt doch alles nichts! Ich kann nicht loslassen! Ich bin und bleibe traurig!“ wird diese Ansicht aufgeben, wenn er sieht, dass dies nichts weiter als Ansichten sind, entstanden aus „papanca“, und die wiederum aus völlig unpersönlichen Vorgängen. Es steckt niemand „hinter“ diesen Ansichten – es sind nur bedingt entstandene Gedanken, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird er sich fragen: „WER leistet denn da Widerstand? WER ist denn da traurig? WER zweifelt denn da an der Lehre des Buddha? Es ist niemand zuhause. Ich kann Kummer, Klage, Sorge, Leid, Trübsal und Verzweiflung einfach loslassen, weil da unterm Strich niemand ist, der all das empfindet.“

Mmh, das ist mit so einem westlichen Gehirn echt nicht leicht zu verstehen! 😉 Man ist bis jetzt häufig darauf bedacht gewesen, sich vor negativen Gedanken und Emotionen zu schützen und jetzt soll man genau diese leidbringenden Objekte akzeptieren.

Noch einmal: Wir akzeptieren zunächst nicht die Erscheinungen, sondern unsere Reaktion auf sie, erkennen sie als Nicht-Ich, als reine Reaktions-Muster, die unser Leid erschaffen. Erst in der Konsequenz schließen wir Frieden mit den Erscheinungen, weil wir dann nämlich erkennen, dass es nicht die Erscheinungen sind, die uns Leid zufügen, sondern unsere Reaktion auf die Erscheinungen. Und die können wir loslassen, denn sie sind ja nicht ICH.

Ich meine langsam zu verstehen, dass sie sich genau dadurch auflösen, da der Geist irgendwann keine Lust mehr hat, wenn man nicht ständig mit ihm diskutiert und versucht zu widersprechen. 

Hahaha …. Darauf würde ich mich nicht verlassen ;). Zunächst einmal diskutieren wir ja nicht mit unserem Geist. Das hieße den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wir beachten ihn einfach nicht mehr, wenn er „zickt“ oder böse oder eifersüchtig wird. Es ist für uns in dem hohen Stadium der Erkenntnis von Nicht-Ich, als würde sich all das, was sich in unserem Geist abspielt, auf einer Kinoleinwand abspielen – ich kann es wahrnehmen, aber es ist nur ein Film. Der Mörder, der aus der Kinoleinwand heraus auf mich schießt, kann mich nicht verletzen. Wir brauchen also nicht den Filmprojektor zu zerstören; es reicht völlig aus, den Film als das zu würdigen, was er ist: Ein Film. Ebenso verfahren wir mit unserem Geist. Lass den Film einfach laufen … macht doch nichts. Im Gegenteil: Auf diese Weise kann sogar ein Krimi oder Drama oder Ähnliches erheiternd sein. Und das wollte der Buddha! Schau Dir mit freudvollem und heiterem Interesse an, was sich in Deinem Oberstübchen abspielt – und mach Dir nichts draus (sprich: Mach nicht mehr daraus als es ist, nämlich ein Film).

Ich hoffe, Ihr konntet ein wenig aus diesem Artikel für Euch und Eure Meditation herausziehen.

Von Herzen sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro (Michael) _/\_

(K)eine Reise zu mir selbst

Alles, was hier ist, ist auch anderswo;

und was hier nicht ist, ist nirgendwo

(Saraha)

 

DSC00138Der Pauenhof am Niederrhein. Eigentlich Pfauenhof, weil hier in früherer Zeit Pfauen gezüchtet wurden. Wie wurde aus „Pfauenhof“ der „Pauenhof“? So genau weiß man es nicht. Aber eines ist sicher: Es ist ein besonderer Ort, DSC00137dieser, wenn man an ihm vorbei fährt,  unscheinbare Hof. Und viel weiß man nicht wirklich über ihn. Im zweiten Weltkrieg haben die damaligen Betreiber vielen jüdischen Bewohnern aus dem Umland erfolgreich Versteck und Schutz vor der Nazi-Verfolgung gewährt. Was nach dem Krieg geschah, ist mir nicht bekannt. Vor etwa zwanzig Jahren übernahm „Michel“ den Hof, damals zurückgekehrt von einer Reise aus Indien und Nepal, wo er mit dem buddhistischen „Glauben“ und insbesondere dem tibetischen Buddhismus in Berührung kam. Er gründete zusammen mit einem tibetischen Lama das Meditationszentrum „Dharmasala“.

 Mythologisch wird der Pfau als ein Tier beschrieben, das weniger an den Schönheiten des Waldes als an den Giftpflanzen interessiert ist. Diese sucht er und nimmt sie zu sich. Das Besondere ist, dass der Pfau, indem er Gift frisst, immer noch schöner wird, da er in der Lage ist, die schädliche Substanz umzuwandeln und für sich zu nutzen. Das ist die besondere Eigenschaft des Pfauen, und sie wird als Symbol für den Bodhisattva und seinen Umgang mit Leiden gewählt. Ein Bodhisattva ist ein Mensch, der sich auf dem Weg zur

Bodhisattva-Statue

Bodhisattva-Statue

Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen befindet. Eine solche Person ist in ihrem Geist so eingestellt, dass sie eigene Leiden an Körper und Geist als etwas Geringes auffasst, als etwas nicht weiter Beachtenswertes. Die Leiden der anderen dagegen empfindet sie als unerträglich, und sie sieht es als ihre hauptsächliche Verantwortung an, diese Leiden zu beheben. Der Geist eines Bodhisattva ist sehr weit. Er hat ein großes Verantwortungsgefühl und nichts anderes im Sinn, als die Wesen von ihren Qualen zu erlösen. Deshalb setzt er das Glück der anderen über das eigene Wohl. Wenn eine Person mit einer solchen altruistischen Motivation selbst Schwierigkeiten erlebt, benutzt sie diese als Mittel, um das Leiden der anderen zu verringern.

 Für mich ist der Pauenhof der Ort, an dem ich meinen ersten buddhistischen

*smile*

*smile*

Lehrer traf, der meinem Weg – bis dahin dem Soto-Zen gewidmet – eine neue Richtung verlieh: Die des Theravada. Und es ist erstaunlich, welche Veränderung sich hierdurch in meinem Leben manifestierte. Das „Umswitchen“ von der Strenge des Zazen und den peinlichst genau einzuhaltenden Ritualen des japanischen (und spürbar von der Samurai-Tradition geprägten) Zen, in welchem alles, aber auch wirklich alles haargenau strukturiert ist, und der dem Geist keine Chance lässt, sich vom gegenwärtigen Moment zu entfernen, hin zur Meditation der Liebenden-Güte und der Einsichtsmeditation, mit Mönchen als Lehrern, die teilweise sogar ihre Roben einfach nur „irgendwie“ anlegen (obwohl es durchaus auch da bestimmte Formen einzuhalten gäbe, die aber zugunsten der achtsamen Entfaltung des Geistes und im Sinne der Befreiung von Anhaftungen an Regeln geflissentlich vernachlässigt werden), und die – im Gegensatz z.B. zur thailändischen Tradition (die ich als Mönch vor Ort erleben durfte) sogar auf Niederwerfungen und Rezitationen verzichten … alles im Dienste der wohlverstandenen Achtsamkeit. Diese wirklich aufrecht zu erhalten erfordert Disziplin und Hingabe genug – da bedarf es keiner Rituale mehr – im Gegenteil werden sie allenthalben lästig.

Ein Hauch von Tibet

Ein Hauch von Tibet

Dies ist also der Ort, an den ich immer wieder einmal zurückkehre, regelmäßig ein oder zwei Mal im Jahr, und nun, aufgrund meiner Zeit im Kloster in Thailand und der Prüfung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker, zum ersten Mal wieder nach fast zwei Jahren. Früher kam ich für Retreats (= „Exerzitien auf buddhistisch“), heute, um – ohne Lehrer – für einige Zeit in Klausur (seclusion) zu gehen – 10 Tage ohne Internet (jedenfalls weitgehend), ohne Telefon, ohne Musik, ohne sinnloses Geschwätz (mit Ausnahme von dem in meinem Kopf *smile*) – nur Sitzmeditation, etwas Sport, Taichi / Qi Gong, Gehmeditation, gelegentlich etwas Zen-Flöte spielen, einfach nur so dasitzen, kochen essen, urinieren, defäkieren, schlafen. Und es ist immer

Tibetische Gebetsmühlen

Tibetische Gebetsmühlen

wieder ein wenig wie ein nach Hause kommen. Die Reise dorthin ist lang, 3 Stunden mit dem Zug, dann noch einmal fast 45 Minuten mit dem Rad. Und dann: Ankommen … sich auf die Bank im Innenhof setzen, eine Pfeife rauchen und die Atmosphäre und – vor allem – die Stille wirken lassen.

 Es ist eine merkwürdige Form gespannten Friedens, die mich ein jedes Mal durchdringt. Gespannter Friede … augenscheinlich ein Widerspruch, und doch: Es ist ein Gefühl von Frieden, DSC00123eines Friedens, der nichts erwartet, und eine Gespanntheit, ob es gelingen wird, diese erwartungsfreie Absichtslosigkeit aufrecht zu erhalten. Was erwartet mich? Werde ich in liebevoller Annahme (weiter) verweilen können, auch wenn plötzlich eine Großgruppe hier eintrifft, um ein Wochenend-Seminar abzuhalten? Denn das passiert beizeiten – und ist auf der Homepage nicht angekündigt, sodass es für mich immer wieder eine Überraschung ist. So auch dieses Mal: Eine Gruppe von etwa 30 Gestalttherapeuten trifft am Samstag ein. Eine Art „Supervisionsgruppe“, die aber mit Spiritualität nichts zu tun hat. Stattdessen verbreiten sie eine große Unruhe und sind sehr laut – nicht zuletzt, weil sie abends draußen nett beisammen sitzen, literweise Wein in sich hineinschütten und zur Gitarre das Lied von den Moorsoldaten „singen“ (es sei erwähnt, dass auf dem Hof grundsätzlich Alkohol- und Drogenverbot herrscht …). Für mich eine erste Herausforderung … bin ich doch dorthin gekommen, um Stille zu genießen. Und es erscheint fast mottohaft, wenn man unweigerlich x-Mal am Tag folgendes Schild passiert:

"Es ist nicht der Lärm, der Dich stört - Du bist es, der den Lärm stört!" (Ajahn Chah)

„Es ist nicht der Lärm, der Dich stört – Du bist es, der den Lärm stört!“ (Ajahn Chah)

Kaum ein Satz begleitet mich intensiver auch in meinem Alltag. Denn so ist es: Dinge welcher Art auch immer geschehen aufgrund einer inneren Stimmigkeit, im Rahmen einer kosmischen Harmonie. Was immer jetzt ist, hat seine Berechtigung aus sich selbst heraus, da zu sein – Geräusche, Düfte, Schmerz, Emotionen. Sie entstehen, weil ihre Entstehensbedingungen vorlagen. Erst mein Widerstand „stört“ diese kosmische Ordnung, weil „Ich“ die Dinge anders haben will, als das ewige Prinzip von Ursache und Wirkung es vorsehen. Und auf eine merkwürdige Weise durchdrang mich dieses Mal diese Erkenntnis, erreichte das im Kopf Verstandene mein Herz … und ich spürte keinen Widerstand gegen die lärmende Gruppe. Ich ließ sie gut sein.

 Zur Wand sitzen

Die ersten Meditationen verliefen mäßig. Erwartungsgemäß. Denn nach all dem, was sich in den letzten 15 Monaten bei mir ereignet hatte, war es klar, dass mein Geist ein wenig Zeit benötigte, zur Ruhe zu kommen. Und sind es nicht zuletzt die „schlechten“ Meditationen, die uns am meisten lehren? Vipâssana-Meditation bedeutet, sich selber zu erkennen. Und die vielen Gedanken, die uns scheinbar von der tiefen Meditation abhalten, sind unsere Lehrmeister. Sie zeigen uns, wo unsere Anhaftungen liegen, was wir nicht loslassen können (denn es ist Unsinn zu sagen, dass uns etwas „nicht loslässt“ – es sind immer wir, die die Dinge nicht loslassen *smile*). Vipâssana-Meditation beginnt nicht mit dem Erreichen von jhânas (Meditationstiefen), mit dem Aufkommen eines Gefühls von Freude, Glückseligkeit und Frieden; vipâssana beginnt mit der bewussten Wahrnehmung der so genannten Hindernisse, die uns davon, in die tiefe Versenkung zu kommen, abhalten. Insoweit gibt es in der vipâssana keine schlechte Meditation! Wenn man in diesem Bewusstsein (und vor allem ohne die Absicht oder Erwartung, in tiefe jhânas zu gelangen) sich auf das Kissen setzt, beruhigt sich der Geist irgendwann von allein. Überhaupt geschieht alles in der Meditation von allein – nichts wird produziert, nichts herbeigeführt … die Geistesruhe kommt, oder sie kommt nicht … der Widerstand gegen die Unruhe erzeugt Unruhe, der Gleichmut gegenüber der Unruhe erschafft Gleichmut.

DSC00111Und so verbrachte ich den gesamten dritten Tag meiner

Amithaba-Buddha - der Buddha unendlichen Mitgefühls

Amithaba-Buddha – der Buddha unendlichen Mitgefühls

seclusion in einer kleinen runden, von Bambus umgebenen Nische des Hofes vor dem Bildnis des Amitabah-Buddha vor einer weißen Wand. Ganz, wie es im Zen üblich ist. Und nachdem ich mir nach einigen Stunden auch im Herzen darüber klar wurde, dass es um nichts dabei geht, hier zu sitzen, dass es nichts zu erreichen gilt und den Buddha betrachtete in einem Bewusstsein, dass das „einfach nur so da und sein Selbstzweck ist“, ja, dass es gar keine Meditation gibt und niemanden, der meditiert, und auch keinen Bambus und keinen Buddha und keine Fliegen und keine Mücken und keinen Schmerz und keine Emotionen … schloss ich die Augen und war angelangt im … „Jenseits“. Nichts mehr da. Nur Erscheinungen ohne Namen, nur noch Begriffe ohne Inhalt, nur noch Empfindungen ohne jede Bedeutung – sogar die sagenhaft tief empfundene Freude war nicht von geringstem Belang. Den Rest des Tages verweilte ich in dieser wundervollen Stimmung. Und dann, am nächsten Morgen, setzte ich mich in der Gewissheit auf mein Kissen, dass der heutige Tag sich ebenso gestalten würde. Und damit saß ich … mit dem Kissen in der Falle: Anhaftung! *laaaach* Nur mit Mühe konnte man das, was ich da betrieb, als Meditation bezeichnen. „Nun, lass es gut sein!“

 „Offene Weite …“

Meine kaputten Bandscheiben machten sich kurz darauf wieder bemerkbar. Und im Nachhinein frage ich mich, ob das völlig ausgelegene Lattenrost meines Bettes dafür verantwortlich zeichnete, oder … mein Kopf. Meditationen von einer Stunde Länge ohne auch nur die kleinste Bewegung waren nach bereits vier Tagen kaum mehr möglich, was mich verdross. Und je mehr ich mich meiner Ungeneigtheit hingab, desto größer wurde auch der Schmerz in meinem Rücken. Da waren sie wieder, meine alten Muster und Strukturen, der „Widerstand gegen das, was ist“. Es half naturgemäß wenig mir zu sagen: „Es sind nur Gedanken … ich vergebe mir und nehme mich liebevoll an.“ Eines meiner Ziele des Aufenthaltes auf dem Pauenhof war es freilich, die Meditationsform der „Vergebungsmeditation“ so weit zu ergründen, dass ich sie auch weitergeben kann (denn diese Form der Meditation ist von ungeheurer Kraft und geeignet, psychisch labile Menschen in schwere Depressionen zu stürzen. Sie bricht alles auf, sprengt alte Muster und Strukturen und zurück bleibt ein Gefühl völliger Leere. Nur in Begleitung eines erfahrenen Lehrers kann diese Leere dann in etwas Positives transformiert werden und ein sanfter Übergang stattfinden zur Meditation der Liebenden-Güte.) Die beste Meditationsform aber bringt nicht weiter, wenn sie nicht im Herzen spürbar ist. Und so legte ich sie beiseite und verlegte mich aufs Schauen. Nur sitzen und schauen, und den beizeitenDSC00107 heftigen Gewittern mit Blitz und Donner beim Geschehen zusehen. Und den Duft von nassen Kornfeldern und Kuhdung wahrnehmen … mich bezaubern lassen – oder besser (wie es Dr. Wolf-Dieter Storl treffend sagt): Mich entzaubern lassen, frei von Konzepten die Dinge so-sein lassen. Mich begeistern lassen von der Natur. Nur sitzen und schauen. Es war sicherlich keine klassische Meditation, wie ich sie an meine Schüler weitergeben würde, die ich da praktizierte, und gleichwohl war es eine Art von Meditation – eine, die mich in eine etwas andere Stille führte, die die Stimmen in meinem Kopf klar und deutlich werden ließ, wenn sie kamen, so dass ich sie verstand. Und eine, die Tränen fließen ließ.

 „Wer noch niemals in der Meditation geweint hat,

der hat auch noch nie meditiert“

(Ajahn Chah)

Offene Weite

Offene Weite

Shikantaza - einfach nur so sitzen

Shikantaza – einfach nur so sitzen

Mein neuer Lehrer

Darf ich vorstellen? Mein neuer Lehrer: „Ajahn“ Raphael *smile*

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Einer meiner häufigsten „Lehr“sätze lautet: „Wer weiß, wofür es gut ist?“ Und so begab es sich aufgrund meines Rückens, dass ich weitaus weniger Zeit auf dem Kissen verbrachte, als einfach nur damit, in Gehmeditation durch den Garten des Hofes zu lustwandeln, inmitten von Buddhas und Stupas, Obstbäumen und Brennnesseln (die übrigens auch frisch gepflückt sehr lecker schmecken *smile*).

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Kein Kommentar *smile*

Kein Kommentar *smile*

Und oft begegnete ich dabei einer der festen Bewohnerinnen des Hofes, Yana (was amüsanter Weise auf Pali „Der Weg“ bedeutet), und ihrem Sohn Raphael, der während meines Aufenthaltes ein Jahr alt wurde. Und es zeigte sich, was geschehen kann, wenn man den Dingen einfach ihren Lauf lässt.

Die Vier Edlen Wahrheiten habe ich verstanden. Das Bedingte Entstehen habe ich verstanden. Die drei universellen Charakteristika anatta (Nicht-Selbst), anicca (Vergänglichkeit) und dukkha (das Wesen des Leids) habe ich verstanden. Ich verstehe mich auf Meditation und auf vieles mehr. Aber: Verstehe ich mich auch darauf, einen Grashalm oder einen Legostein 10 Minuten lang zu begutachten und zu erforschen? Verstehe ich mich darauf, was immer ich in meinen Händen halte, einem fremden Menschen darzureichen? Ihn an der Neuentdeckung teilhaben zu lassen? Verstehe ich mich darauf, alles immer wieder als neu und unbekannt zu betrachten; allem zu erlauben, mich immer wieder auf’s Neue zu verzücken und zu faszinieren? Kann ein Kieselstein mich in seinen Bann ziehen? Oder eine Fliege? Verstehe ich mich darauf, zu lachen, wenn ich fröhlich bin? Und zu weinen, wenn ich traurig bin?

 „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch:  Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Ev. nach Markus, Kapitel 10.13-16)

 Die Erlebnisse mit „Ajahn“ (so nennt man eigentlich anerkannte buddhistische Lehrer *smile*) Raphael brachten mir auf eine sehr subtile Weise eine Art Heilung. Und es rührte mein Herz an, als ich erfuhr, was der Name Raphael bedeutet: „Gott heilt“.

 Wohin geht die Reise?

Sicher nicht dahin, wohin wir glauben, dass sie führt; und schon gar nicht

Treppen, die ins Leere führen ...

Treppen, die ins Leere führen …

dorthin, wohin wir wollen. Brücken führen ins Nichts, Treppen steigen auf in die Leere … und nur, wenn wir verstehen, dass das Nichts und die Leere unser Ziel ist, haben wir eine Chance, es zu erreichen.

Brücken, die ins Nichts führen ...

Brücken, die ins Nichts führen …

Wer nicht suchet, der findet. Der Rückweg ist der Hinweg, der Hinweg ist der Rückweg. Der Aufbruch ist das Ankommen, das Ankommen der Aufbruch. Kaum eines der Ziele, die ich mir für die 10 Tage gesetzt hatte, hatte ich erreicht. Und doch habe ich vermutlich mehr gelernt, als ich mir „erhofft“ hatte. Das Wetter war so unbeschreiblich wechselhaft wie meine Stimmungen und Emotionen – in 10 Tagen gab es Sturm, Gewitter, Dauerregen, strahlenden Sonnenschein mit über 30°C, fast tropisch anmutende drückende Schwüle … eigentlich alles, was man sich vorstellen kann,  bis auf Schnee *smile*. So ist das Leben. So ist der Weg.

 Auf einen abgerissenen Zettel, den ich in meiner Jackentasche auf der Rückfahrt im Zug fand, notierte ich:

„Blick auf die Klemme einer Halterung am Fahrrad. In der Peripherie: Bewegung und Geräusch – einfach nur so. Warum sollte die Zugfahrt  so bald wie möglich enden? Sie könnte meinethalben noch Stunden dauern – lass mir nur den Blick auf diese Klemme … dann kann sie Ewigkeiten überdauern. Auf ihre Weise tut sie das ja ohnehin. Die Kunst, so scheint mir, ist, sich zu freuen auf das Ende, und den Weg zu würdigen, und sich zu erfreuen am Weg, ohne sein Ende zu verdrängen. Leben ist Sterben. Sterben ist Geburt – welch freudvolle Harmonie im Frieden der Vergänglichkeit.“

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Wer kein Ziel hat, der kann sich auch nicht verlaufen …

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Selbst-Reflexion

„Die Seele nährt sich nämlich von dem, wovon sie isst,

entweder von dieser Welt oder vom Geist Gottes“

(Makarios, christlicher Mystiker)

 Einige Tage ist es nun bereits her, dass ich schließlich jene wichtige Prüfung absolviert habe, die mich so lange Monate in Atem gehalten hatte. Es war eine Zeit, in der mein gesamter Fokus sich darauf ausrichtete, psychiatrische Erkrankungen zu erkennen, zu benennen, woran man sie erkennt, ob ihre Ursache hirnorganisch oder „reaktiv“ ist, wie man sie behandelt – psychotherapeutisch (und wenn, mit welcher Methode) oder pharmakologisch oder beides, welche Wirkung Psychopharmaka haben, welche Gefahren sie bergen und … und … und …

Und nun? Noch immer spüre ich die Nachwirkungen dieser vielen Monate, noch immer erwische ich mich dabei, wie ich beim Kaffeekochen in Gedanken das Neurosenmodell von Freud durchgehe oder woran man ein Alkoholentzugssyndrom erkennt. Noch immer bin ich getrieben und fühle mich gehetzt vom viel zu schnellen Zeitablauf, der es nie erlaubt, alles zu erledigen, was man sich zu erledigen vorgenommen hat. Von Freude oder Entspanntheit nach einer bestandenen Prüfung keine Spur. Vielmehr kommt mir in den Erinnerung – und der Sinn ist mir selten so offensichtlich geworden wie jetzt – was Goethe seinen Faust hat sagen lassen:

 Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor

 Amüsanter Weise trifft alles hiervon auf mich zu. Und nun? Ich habe meinen Geist mit viel, viel Wissen ange“reich“ert, aber wo ist meine Geistesruhe hin? Wo das tiefe Empfinden für das All-Eine, die allumfassende Liebe, das Wesen der Dreifaltigkeit, das Spüren der wortlosen Wurzel des Tao in mir, des Wahren-Wesens der zehntausend Erscheinungen? Wo ist all das hin, was ich in meinen Blogeinträgen ebenso aus tiefstem Herzen wie in meinen Kursen zu Meditation und meinen Broschüren und meinem Buch den Menschen zugänglich zu machen versuche?

Zwei Tage habe ich diese Fragen mit mir herumgetragen, und auch dieses Gefühl von Zerrissenheit, fast Traurigkeit – ich hatte gewissermaßen meine Seele an den Teufel, den Diabolos, den „Durcheinanderbringer“ (das ist ja die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Teufel) verkauft. Vielleicht ist das der Grund, warum keine rechte Freude aufkommen will in mir. Ich habe über Jahre hinweg erlebt, wie es ist, weitgehend losgelöst von Luxus, Geld, Prestige und Ehre zu leben, mich zu bescheiden, habe meinen Schülern immer wieder gesagt: „Sammelt nicht zu viel Wissen an – es führt zu nichts“. Damit war ich in eine wundervolle gleichmütige Grundhaltung gelangt. Doch die Beschäftigung mit den Ausbildungsinhalten hat mich dort völlig herausgerissen. Mein Ego jauchst und jubiliert und tanzt in meinem Bauch und meinem Kopf und stampft dabei wie Rumpelstilzchen all das Glück und den Frieden und die Freude, die ich in der Formlosigkeit gefunden hatte, in den Boden. Ja, sogar jetzt, in diesem Augenblick, da ich dieses hier schreibe, schreibt mein Ego und lässt mich glauben, es wäre der Michael, der tief erkannt hat und wieder einmal seinem Ego auf die Schliche gekommen ist. So perfide funktioniert unser Ego, dass es um des Selbsterhaltes Willen sogar vortäuscht, besiegt zu sein und stellt sich tot. „Der „Phra“  Michael, der ehemalige buddhistische Mönch Michael, der Lehrer für Meditation und Buddhismus hat mich überwunden – ich strecke die Waffen“. Solange aber noch ein Hauch von „Phra“ oder Meditationslehrer oder Lehrer für Buddhismus in mir ist, hält das Ego das Zepter in der Hand!! Und des Ego Fahne hat einen neuen Stern erhalten, mit dem Namen „psychotherapeutischer Heilpraktiker“…

Es ist eine enorm wichtige Erkenntnis zu sehen, wie sehr unser Geist wieder zurückfällt in die alten Strukturen und Muster des „Formweltlichen“. Und wie geht man damit um? Nun, ich nehme alsbald die Arbeit an meiner Broschüre über die Vergebungsmeditation wieder auf, die ich jahrelang praktiziert habe. Und genau an dieser Stelle sollte ich anknüpfen: Die Art, wie mein Geist auf die Ereignisse der letzten 12 oder 15 Monate nun reagiert, ist normal. Er reagiert, wie er es gelernt hat, er frisst, was man ihm zu fressen gibt – gibt man ihm Weltliches, nährt er sich von Weltlichem, gibt man ihm Geistiges, so nährt er sich von Geistigem. Es ist unser Überlebenstrieb, der Drang, uns zu behaupten in der Gesellschaft, der uns immer und immer wieder dahin treibt, uns selbst vor Augen zu halten, wie toll, wertvoll, wichtig, gelehrt, gebildet, gut aussehend, erfolgreich etc wir sind. Sollen wir unser Ego für diesen Überlebenstrieb verurteilen? Oder wollen wir ihm verzeihen?

Ich habe mich für Letzteres entschieden – ich werde loslassen den Stolz auf und die Freude über die bestandene Prüfung, werde nicht wieder anbeten das goldene Kalb, sondern mich einfach wieder auf mein Meditationskissen niedersetzen, mit verschränkten Beinen, den Köper gerade aufgerichtet, die Achtsamkeit mir gegenwärtig haltend, und achtsam eben einatmen und ausatmen. Lang einatmend, wissen: «Ich atme lang ein»; lang ausatmend, wissen: «Ich atme lang aus». Kurz einatmend, wissen: «Ich atme kurz ein»; kurz ausatmend, wissen: «Ich atme kurz aus». «Den ganzen (Atem-)Körper empfindend, mag ich einatmen», (…) ; «Den ganzen (Atem-)Körper empfindend, mag ich ausatmen», (…). «Die (Atem-)Körper-Funktion beruhigend, mag ich einatmen», (…);«Die (Atem-)Körper-Funktion beruhigend, mag ich ausatmen», (…) Ebenso wie (…) ein geschickter Drechsler oder Drechslergeselle, wenn er lang anzieht, weiß: «Ich ziehe lang an»; wenn er kurz anzieht, weiß: «Ich ziehe kurz an», – ebenso, (…), weiß da der Mönch, wenn er lang einatmet: «Ich atme lang ein»; lang ausatmend wissen: «Ich atme lang aus». (…) Die zehntausend Dinge betrachtend in ihrem Werden, die zehntausend Dinge betrachten in ihrem Vergehen. Unabhängig, und ohne an irgendetwas anzuhaften“ (frei nach der Lehrrede des Buddha über die Atemachtsamkeit in der Übersetzung vom ehrw. Nyanaponika)

Und ich sehe mit Freude meiner Wiedergeburt ins Formlose entgegen – inshallah

Mit Metta

„Phra“ Michael

Der Buddha mit dem Puderzuckerhut :)

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So sah es gestern auf meinem kleinen Balkon aus. So sieht es eigentlich jedes Jahr irgendwann einmal auf meinem Balkon aus. Und jedes Jahr mache ich erneut ein Foto davon, weil dieser Anblick immer wieder auf’s Neue  mein Herz erwärmt.

Vielleicht ist es das Gefühl, absoluter und bedingungsloser Annahme, das der Buddha in solchen Momenten auszustrahlen scheint – er sitzt einfach da, sommers wie winters, unberührt von Hitze, Kälte, Schnee, Regen, Sturm und Hagel … Stund‘ um Stund‘ … gleichviel ob man ihn wahrnimmt oder nicht.

Es ist dies übrigens nicht der „historische“ Buddha Gautama, sondern der Amithaba Buddha (aus der chinesischen Ch’an-Tradition), der Buddha des „Reinen Landes„, der Buddha der unendlichen Liebe und des unendlichen Mitgefühls. Und es drängt sich die rhetorische Frage auf: „Wer voll von Liebe und Mitgefühl ist, kann einen solchen jemals frieren?“ Insoweit ist dieses Bild von einem besonderen Symbolcharakter, denn ist es nicht auch an uns, in einer oft sich so kalt und unerbittlich darstellenden Welt ein warmes Herz zu bewahren? Ein warmes Herz, das uns in die Lage versetzt, unseren Mitwesen von dieser Liebe und Wärme einen Großteil abzugeben? Ja, einen Großteil, denn wenn es uns gelingt, vollends in uns zu ruhen, dann sind wir in der Liebe und brauchen sie nicht mehr … wir brauchen nicht mehr die Liebe, nach der man gesucht hat, denn man hat die Liebe erlangt, die da ist. Kingt komisch, ist aber so 😉

Der vorherige Artikel handelte von „Wundern“, und hier möchte ich das Sätzlein bringen: „Liebe bewirkt Wunder.“ Und so wundert es mich nicht, wenn es buddhistischen Mönchen gelingt, im Schnee des Himalya „oben ohne“ und behängt mit nassen Tüchern zu meditieren. Wen die Liebe bis in die kleinste Körperzelle durchdringt, der kennt keine Kälte mehr.

Auf dass uns stets ein warmes Herz beschieden sei!

Es sendet Euch METTA – Namo Amidha Butsu _/\_

„Phra“ Michael

Nada Brahma – Die Welt ist Klang

Namasté, Ihr Lieben!

Ich habe vorgestern ein recht meditatives Video produziert und möchte es nun mit Euch teilen 🙂

Ich wünsche Euch viel Spaß und Erbauung damit!