Silvester-Zeremonie

Für alle, die noch nicht wissen, wie sie den Übergang ins neue Jahr begehen

Tempelglocke

Tempelglocke

wollen, hier eine schöne buddhistische Zeremonie. Es ist die Zeremonie der 108 Glockenschläge.

Mit den 108 Glockenschlägen verhält es sich so:

Buddha lehrte,

Es gibt 6 Sinnentüren: Auge, Ohr, Nase, Zunge, Körper, Geist.

An jeder dieser 6 Sinnentüren können –  wenn sie auf die entsprechenden Sinnenobjekte (Form, Geräusch etc) treffen (wenn also Sinnenbewusstsein entsteht) – jeweils 3 Arten von Gefühl zum Entstehen gelangen: Behaglich, unbehaglich, weder behaglich noch unbehaglich (neutral). Damit hat man 3 x 6 = 18 „Leidenschaften“.

Diese lösen jeweils „Begehren“ aus, und zwar als „Habenwollen“, „Nichthabenwollen“ oder „weder Habenwollen noch Nichthabenwollen“; für jede Sinnentür macht das wieder 3 x 6 = 18.

Wir haben also 18 mögliche Gefühle PLUS 18 mögliche Begehren, das macht zusammen 36. Diese entstehen im ewigen Jetzt zusammengefasst aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Also 36 x 3 = 108.

Diese 108 Leid verursachenden Manifestationen werden zum neuen Jahr losgelassen, indem 107 Glockenschläge VOR dem Jahreswechsel und 1 Glockenschlag in der ersten Sekunde nach dem Jahreswechsel (0h00’01“) erfolgt.

Euch von ganzem Herzen ein gesundes, glückliches, liebvolles und  freudvolles Jahr 2014.

MAHA-METTA sendet

Kopie 2 von Bild 235

„Phra“ Michael

Metta-Dhammayana-Vortrag

Seid gegrüßt!

Seit September diesen Jahres leite ich ja die Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe in Münster, und am Ende jeder Sitzung halte ich einen kleinen einstündigen Vortrag zu mehr oder weniger allgemeinen spirituellen Themen, die ich dann auch danach auf youtube stelle; Aufhänger ist jeweils die für Meditations-Seminare „klassische“ Lehrrede des Buddha über die 4 Grundlagen der Achtsamkeit. Heute möchte ich denjenigen vom vergangenen Sonntag einmal auch hier zur Verfügung stellen, denn sie enthält, wie ich finde, ganz interessante Aspekte, die mir während des Vortrags eingefallen sind. Viel Freude und Erbauung damit 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael

Angeleitete Meditation

Nachdem ich ja nun recht viel zum Thema Meditation geschrieben habe – teils eher theoretisch, teils eher in der praktischen Umsetzung – möchte ich Euch eine angeleitete Meditation nicht „schuldig“ bleiben (wie man so schön (?) sagt).

Die Meditation, die Ihr Euch hier anhören und einfach mit-praktizieren könnt, ist eine Metta-Meditation, also eine Meditation der Liebenden-Güte. Es ist ein Live-Mitschnitt einer Sitzung im Rahmen der Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe Münster vom 27-10-2013 (daher auch die in den ersten Sekunden nicht so gute Tonqualität).

Viel Spaß beim Mit-Praktizieren – es sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro _/\_

Übers Loslassen, Liebevolle Annahme und den „Kontrollfreak“

Ich möchte nach einer langen Blog-Pause heute einmal einen Artikel aus dem wirklichen Leben posten, nämlich eine Korrespondenz mit einem meiner Schüler, der eine Mail mit  sehr wichtigen Fragen stellte, die die buddhistische Vipâssana-Meditation angehen. Insbesondere geht es um das Thema „Loslassen“ und „Liebevolle Annahme“, Nicht-Ich (anatta) und den „Kontrollfreak“ in uns. Da diese Themen ganz fundamental für Meditation und Alltag sind, möchte ich sie mit der Öffentlichkeit teilen (schwarz sind die Fragen, lila meine Antworten).

Damit Ihr folgen könnt und wisst, worum es geht, hier noch einmal der BLESSED-Kreis, den es gilt, sowohl in der Meditation als auch im Alltag unablässig zu durchlaufen, sobald man merkt, dass man nicht „im Hier und Jetzt ist“. (Näheres zu diesem Kreis findet Ihr hier auf diesem Blog)

 BLESSED

 

Es begann mit einer Schilderung, wie F. (für Fragender) mit einigen schwierigen Alltagssituationen umgeht, indem er den BLESSED-Kreis durchläuft. Meine Antwort hierzu war:

 Es ist Klasse, wenn es Dir gelingt, den BLESSED-Kreis in solchen Momenten zu durchlaufen; denke nur auch immer daran, dass BLESSED keine „Schmerztablette“ ist. Betrachte, was in Dir geschieht, und was immer es ist, VERSUCHE NICHT ES LOSZUWERDEN. Versuche, es zu verstehen. Lass es da sein und betrachte ganz genau, wie (aus alter Gewohnheit heraus) Du dazu tendierst, Dich mit den Emotionen zu identifizieren. Schau, welche Gedanken durch sie ausgelöst werden, und welche Gedanken sie umgekehrt  auslösen – papanca! Schau, wie es sich körperlich anfühlt. Betrachte Deinen inneren „Kontrolleur“, der Dir sagen will, dass die Dinge anders zu sein haben, als sie sind, nämlich so, wie „er“ es will und für richtig hält. Und betrachte einmal dieses „er“ … und gehe dem auf den Grund, was „er“ ist. Nicht intellektuell, sondern durch Beobachtung. Und versuche ebenfalls nicht, diesem „er“ den Mund zu verbieten. Hör Dir LIEBEVOLL an, was er zu sagen hat … diskutiere nicht mit ihm, lass ihm seine Meinung – er kann nicht anders als so zu denken, wie er denkt. Aber wie er denkt, fügt Dir mentalen Schmerz zu – verzeih ihm dafür. Verzeih ihm aus dem Verständnis und der Einsicht heraus, WAS „er“ ist. Nimm ihn in den Arm und nimm ihn liebevoll an.
„Er“ wird sich fast zwangsläufig dagegen wehren, weil „er“ das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden. Gestehe es ihm zu, hab Mitgefühl mit ihm. „Er“ wird Dich bombadieren mit Zweifeln – über Deine ganze Praxis. Lass ihn! Es ist ok! Vergib ihm, nimm ihn liebevoll in den Arm, schließe ihn in Dein Herz – mitfühlend und verständnisvoll.

Im Folgenden nun die Antwortmail von „F.“ und meine unmittelbaren Antworten:

Ich verstehe, dass der BLESSED-Kreislauf nicht als Schmerztablette einzusetzen ist, mit dem man die leidvollen Gedanken bzw. Emotionen eliminiert. Es geht darum, diese leiderzeugenden Vorgänge als solche zu erkennen und zu verstehen, nach welchen alten Mustern der eigene Geist arbeitet.

Hmmmm … Ja. Und Nein *smile*

Es geht darum klar zu sehen, dass da zunächst überhaupt erst einmal nur Vorgänge, Abläufe und Prozesse (erst im „Außen“ [Geräusch trifft auf Ohr], dann  in der Folge in uns [das Geräusch „kommt uns zu Bewusstsein“]) stattfinden.

 Wir befinden uns also im Bedingten Entstehen: Sinnesreiz + Sinnenbewusstsein sind Grundlage für das Entstehen von behaglichem oder unbehaglichem (oder neutralem) Gefühl; behagliches oder unbehagliches (und eigentlich auch neutrales) Gefühl ist die Voraussetzung für das Entstehen für Begehren; Begehren  ist die Voraussetzung für das Entstehen von Anhaftung.

Bis zum Begehren inklusive handelt es sich nicht um Muster im psychologischen Sinne, sondern um reine neurologische Vorgänge gemäß dem Reiz-Reaktions-Schema, also Reizübertragungen.

Dann erst – ab dem Anhaften – erkennen wir, wie aus einem unpersönlichen neurologischen Reiz plötzlich das entsteht, was wir Leid nennen. Leid ist das, was entsteht, wenn wir aus einem unpersönlich entstandenen Gefühl eine persönliche Story machen, indem wir

1 . über das entstandene Gefühl und über das, was es ausgelöst hat (und einiges mehr) nachdenken und

2 . diesem entstandenen Gefühl einen Namen geben, nämlich „Wut“, „Trauer“ u.s.w.; auf diese Weise wird aus einem real entstandenen Gefühl ein Konzept, also etwas Nicht-existentes!!! Dieses Konzept können wir in unser Selbst-Konzept integrieren. Da es dann als zu uns gehörig interpretiert wird, denken wir wiederum darüber nach.

Zudem sehen wir, wie in der Anhaftung aufgrund der gedanklich-emotionalen Beschäftigung  mit dem Gefühl Feedbacks entstehen, also zB neue Gedanken, die dann neue Gefühle auslösen und wieder Begehren, welches selbst als Spannung (= unangenehme Körperempfindung) wahrgenommen wird und darüber wieder zu Gefühlen führt und so weiter und so fort. Diese gesamten Feedbacks nennt der Buddhismus „papanca“.

Und wir sehen, dass wir auf all diese Vorgänge in ihrem ersten Entstehen keinen Einfluss haben. Der Versuch, Einfluss zu nehmen (nämlich in erster Linie auf das Gefühl), kommt erst im Rahmen der Anhaftung zum Tragen. Die Anhaftung ist also – wenn man so will – unser „Problemlösemodus“. Wir versuchen, über unsere Gedanken das Gefühl zu beseitigen, verstärken es aber nur, indem wir ihm Aufmerksamkeit schenken. Und da sitzen auch die alten (psychologischen) Muster: Wir glauben, durch Nachdenken und Analyse die Kontrolle über die Ursache des unangenehmen Gefühls gewinnen zu können. Das ist der „Kontrollfreak“ in uns. In der Realität aber können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns unangenehmes Gefühl beschert (oder angenehmes Gefühl „wegnimmt“) kontrollieren. In der vipâssana-Meditation lassen wir diesen Kontrollfreak so zu sagen ins Lehre laufen – wir reagieren nicht auf ihn, sondern lassen die Dinge, gegen die er sich auflehnt, auf sich beruhen.

Während die „papanca“ im Rahmen des Bedingten Entstehens vom Anhaften aus gesehen „rückwärts gewandt“ sind, erkennt man im weiteren Verlauf des Bedingten Entstehens nach dem Anhaften (also „vorwärts gewandt“), wie unser Selbstkonzept entsteht und dieses Konzept unterhalten und gestärkt wird. Hier (erst) kommen die alten Muster zum tragen, gemäß welcher wir auf bestimmte Situationen immer nach dem gleichen Prinzip re-agieren. Re-agieren, weil unser Handeln aufgrund der alten Muster automatisch abläuft, in Abgrenzung zu einem Agieren, welches wissensklar (vgl. das Satipatthâna-Sutta) einzig dem gegenwärtigen Moment Rechnung trägt. Dies stets gleiche Handeln erweckt in uns den Eindruck einer Stabilität, von etwas Statischem, eines unveränderlichen „ICH“. Nach welchen alten Mustern genau der Geist arbeitet spielt eine nur untergeordnete Rolle; entscheidend ist, DASS es nur Muster sind und wie sich das auf uns auswirkt, nämlich in der Illusion eines substanziellen „ICH“ (welches zusätzlich genährt wird durch die Identifikation mit dem Körper, den Gefühlen … kurz: den 5 Aggregaten).

Mir scheint es, als hätte AKZEPTANZ eine Schlüsselfunktion. Es geht darum, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie nunmal jetzt sind und nicht zu versuchen sie loszuwerden.

Ja, in der Tat. Indem wir versuchen, sie los zu werden, schenken wir ihnen Aufmerksamkeit und Energie – dadurch verstärken sie sich. Im Japanischen gibt es den etwas martialischen Ausdruck „Töten durch Nichtbeachten“ (weiß leider nicht mehr, wie es auf Japanisch heißt *smile*); das ist in etwa, was hier geschieht. Mit einer Besonderheit (und dies ist wirklich ganz fundamental für die gesamte buddhistische Lehre): Was lassen wir los? Nur die Gedanken an das Ereignis, nicht das Ereignis selbst. Warum? Weil wir ein Ereignis nicht loslassen KÖNNEN. Ein Schmerz, Geräusch, Duft … ist da. Das resultierende Gefühl … ist da. Das resultierende Begehren … ist da (erst in den höchsten meditativen Zuständen kann die Kette des Bedingten Entstehens bereits an einer dieser Stellen durchschnitten werden)

Ich denke, dass dem „Er“, von dem du sprichst, dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, da man auch das ganze Negative im jetzigen Moment annimmt und akzeptiert. 

Das Negative im jetzigen Moment Annehmen entspricht genau diesem oben beschriebenen Vorgang. Loslassen (und den Kontrollfreak „vor die Wand laufen lassen“ *smile*) IST gewissermaßen Liebevolle Annahme.

Ich habe das „Loslassen“ im BLESSED-Kreislauf in einigen Situationen falsch interpretiert im Sinne von „Nun lass es endlich los!“

Das ist in der Tat falsch interpretiert *smile*

Vielmehr ist damit wohl das Akzeptieren aber gleichzeitig NICHT Anhaften gemeint. 

Ok, also: Loslassen ist das diametrale Gegenstück zum Anhaften. Das bedeutet: Wenn Anhaften das gedanklich-emotionale Sich-verwickeln-lassen in ein Ereignis ist, dann ist Loslassen eben das Nichtweiterdenken jenes Ereignisses. Mehr steckt nicht hinter dem vielgerühmten Loslassen. Die einfache Formel:

Loslassen ≙ Liebevolle Annahme ≙ Infriedenheit / Anhaften ≙ Widerstand ≙ Leid

Ich habe in letzter Zeit im Alltag häufig BLESSED angewendet. Habe im Anschluss immer noch einen Metta-Wunsch in mir zum entstehen gebracht. Gerade „Möge mein Geist ruhig und friedvoll sein“ erzeugt in mir gleich eine leichte Entspannung.

Das ist auf jeden Fall gut und richtig 🙂

Aber wenn ich das Gefühl von innerem Frieden und Lächeln in mir erzeuge lasse ich beispielsweise dem Gefühl „Angst“ oder „Wut“ weniger Platz in mir. Ist es nicht so, dass ich diese Gefühle dann im gewissen Maße verdränge und ihnen nicht ausreichend Platz einräume? Das widerspricht in meinen Augen dem Denkansatz „Wut ist da. Hey, es ist o.k.!! Wut darf das sein.“ Andererseits kann es ja auch nur gut sein, wenn ich über den Metta-Wunsch mehr Gelassenheit in mir verspüre…..!?

Nein, Du verdrängst gar nichts. Weil Du das Gefühl der Wut selbst ja gar nicht anlangst. Verdrängung bedeutet „Ins Unbewusste verschieben und verhindern, dass es wieder hervortritt“. Das geschieht, wenn man unmittelbar nach dem Feststellen eines negativen Gedanken zum Meditationsobjekt zurückkehrt und sich auf das Meditationsobjekt fokussiert und absorbiert. Wir hingegen machen uns im BLESSED einen Mechanismus des Gehirns zunutze: Beobachte einmal, was geschieht, wenn Du von einem Gedanken fortgetragen worden bist und Dir dessen bewusst wirst. Was geschieht in der Sekunde, da Du diesem Gedanken Auge in Auge gegenüberstehst? Der Gedanke kommt  für einen Augenblick zum Stoppen und die Aufmerksamkeit sucht sich etwas anderes, womit sie sich beschäftigen kann. Dies ist immer das Naheliegendste, was eben da ist, und zwar irgendetwas, was sich „bewegt“ im Sinne von verändert. In diesem Atemzuge kommt die Aufmerksamkeit ganz leicht und fast von allein wieder in den gegenwärtigen Moment und zieht sich von dem Gedanken zurück. Das geschieht – noch einmal – NICHT durch eine Aktion des Praktizierenden, sondern durch das alleinige Sichbewusstwerden des „Nicht auf dem Meditationsobjekt Seins“.

Das Entspannen und Lächeln hilft dabei (in der Art einer reziproken Hemmung), dass die negativen Gedanken erst einmal nicht wieder auftreten. Sitzen sie aber tief, werden sie trotzdem wiederkommen … und irgendwann sich auflösen. DANN sind sie verarbeitet.

Zudem motiviert das Entspannen und Lächeln dazu, dem alten Muster des „dem Gedanken Nachgebens und Weiterdenkens“ (= Anhaftens) nicht zu folgen, da der Organismus merkt: „Aha, es fühlt sich viel besser an, NICHT anzuhaften“ – das ist positive Konditionierung durch Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn.

In der vipâssana-Meditation lernen wir also systematisch, nicht anzuhaften. Das Aufgeben des Anhaftens ist aber eine enorm schwierige Übung, eben weil unsere alten Muster alte und eingefahrene Muster sind, die ja selbst auch Objekt der Anhaftung sind – indem wir uns mit ihnen identifizieren. Daher hat der Buddha als Grundlage des Aufgebens des Anhaftens die (zunächst rationale) Erkenntnis von Nicht-Ich (anatta) gesetzt. Denn diese Erkenntnis hebelt auch den letzten Widerstand aus. Selbst der verzweifeltste Depressive, der da sagt: „Das bringt doch alles nichts! Ich kann nicht loslassen! Ich bin und bleibe traurig!“ wird diese Ansicht aufgeben, wenn er sieht, dass dies nichts weiter als Ansichten sind, entstanden aus „papanca“, und die wiederum aus völlig unpersönlichen Vorgängen. Es steckt niemand „hinter“ diesen Ansichten – es sind nur bedingt entstandene Gedanken, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird er sich fragen: „WER leistet denn da Widerstand? WER ist denn da traurig? WER zweifelt denn da an der Lehre des Buddha? Es ist niemand zuhause. Ich kann Kummer, Klage, Sorge, Leid, Trübsal und Verzweiflung einfach loslassen, weil da unterm Strich niemand ist, der all das empfindet.“

Mmh, das ist mit so einem westlichen Gehirn echt nicht leicht zu verstehen! 😉 Man ist bis jetzt häufig darauf bedacht gewesen, sich vor negativen Gedanken und Emotionen zu schützen und jetzt soll man genau diese leidbringenden Objekte akzeptieren.

Noch einmal: Wir akzeptieren zunächst nicht die Erscheinungen, sondern unsere Reaktion auf sie, erkennen sie als Nicht-Ich, als reine Reaktions-Muster, die unser Leid erschaffen. Erst in der Konsequenz schließen wir Frieden mit den Erscheinungen, weil wir dann nämlich erkennen, dass es nicht die Erscheinungen sind, die uns Leid zufügen, sondern unsere Reaktion auf die Erscheinungen. Und die können wir loslassen, denn sie sind ja nicht ICH.

Ich meine langsam zu verstehen, dass sie sich genau dadurch auflösen, da der Geist irgendwann keine Lust mehr hat, wenn man nicht ständig mit ihm diskutiert und versucht zu widersprechen. 

Hahaha …. Darauf würde ich mich nicht verlassen ;). Zunächst einmal diskutieren wir ja nicht mit unserem Geist. Das hieße den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wir beachten ihn einfach nicht mehr, wenn er „zickt“ oder böse oder eifersüchtig wird. Es ist für uns in dem hohen Stadium der Erkenntnis von Nicht-Ich, als würde sich all das, was sich in unserem Geist abspielt, auf einer Kinoleinwand abspielen – ich kann es wahrnehmen, aber es ist nur ein Film. Der Mörder, der aus der Kinoleinwand heraus auf mich schießt, kann mich nicht verletzen. Wir brauchen also nicht den Filmprojektor zu zerstören; es reicht völlig aus, den Film als das zu würdigen, was er ist: Ein Film. Ebenso verfahren wir mit unserem Geist. Lass den Film einfach laufen … macht doch nichts. Im Gegenteil: Auf diese Weise kann sogar ein Krimi oder Drama oder Ähnliches erheiternd sein. Und das wollte der Buddha! Schau Dir mit freudvollem und heiterem Interesse an, was sich in Deinem Oberstübchen abspielt – und mach Dir nichts draus (sprich: Mach nicht mehr daraus als es ist, nämlich ein Film).

Ich hoffe, Ihr konntet ein wenig aus diesem Artikel für Euch und Eure Meditation herausziehen.

Von Herzen sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro (Michael) _/\_

Ent-Wicklung

DSC00119

In einer runden Zelle sitzen

aus schwerem Stein

nur vier kleine Fensterchen –

eins nach Norden, eins nach Osten,

eins nach Süden, eins nach Westen heraus.

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen 

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und nicht aufstehen.

„Nichts da. Nichts da!“

 

Und die Augen schließen  

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen nicht öffnen.

Und sich selber sehen …

Und sich seiner selbst bewusst sein.

Und fühlen: „Nichts da! Nichts da!“

 

Und aufstehen

und durch die Wand hinausgehen

in die Welt.

(K)eine Reise zu mir selbst

Alles, was hier ist, ist auch anderswo;

und was hier nicht ist, ist nirgendwo

(Saraha)

 

DSC00138Der Pauenhof am Niederrhein. Eigentlich Pfauenhof, weil hier in früherer Zeit Pfauen gezüchtet wurden. Wie wurde aus „Pfauenhof“ der „Pauenhof“? So genau weiß man es nicht. Aber eines ist sicher: Es ist ein besonderer Ort, DSC00137dieser, wenn man an ihm vorbei fährt,  unscheinbare Hof. Und viel weiß man nicht wirklich über ihn. Im zweiten Weltkrieg haben die damaligen Betreiber vielen jüdischen Bewohnern aus dem Umland erfolgreich Versteck und Schutz vor der Nazi-Verfolgung gewährt. Was nach dem Krieg geschah, ist mir nicht bekannt. Vor etwa zwanzig Jahren übernahm „Michel“ den Hof, damals zurückgekehrt von einer Reise aus Indien und Nepal, wo er mit dem buddhistischen „Glauben“ und insbesondere dem tibetischen Buddhismus in Berührung kam. Er gründete zusammen mit einem tibetischen Lama das Meditationszentrum „Dharmasala“.

 Mythologisch wird der Pfau als ein Tier beschrieben, das weniger an den Schönheiten des Waldes als an den Giftpflanzen interessiert ist. Diese sucht er und nimmt sie zu sich. Das Besondere ist, dass der Pfau, indem er Gift frisst, immer noch schöner wird, da er in der Lage ist, die schädliche Substanz umzuwandeln und für sich zu nutzen. Das ist die besondere Eigenschaft des Pfauen, und sie wird als Symbol für den Bodhisattva und seinen Umgang mit Leiden gewählt. Ein Bodhisattva ist ein Mensch, der sich auf dem Weg zur

Bodhisattva-Statue

Bodhisattva-Statue

Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen befindet. Eine solche Person ist in ihrem Geist so eingestellt, dass sie eigene Leiden an Körper und Geist als etwas Geringes auffasst, als etwas nicht weiter Beachtenswertes. Die Leiden der anderen dagegen empfindet sie als unerträglich, und sie sieht es als ihre hauptsächliche Verantwortung an, diese Leiden zu beheben. Der Geist eines Bodhisattva ist sehr weit. Er hat ein großes Verantwortungsgefühl und nichts anderes im Sinn, als die Wesen von ihren Qualen zu erlösen. Deshalb setzt er das Glück der anderen über das eigene Wohl. Wenn eine Person mit einer solchen altruistischen Motivation selbst Schwierigkeiten erlebt, benutzt sie diese als Mittel, um das Leiden der anderen zu verringern.

 Für mich ist der Pauenhof der Ort, an dem ich meinen ersten buddhistischen

*smile*

*smile*

Lehrer traf, der meinem Weg – bis dahin dem Soto-Zen gewidmet – eine neue Richtung verlieh: Die des Theravada. Und es ist erstaunlich, welche Veränderung sich hierdurch in meinem Leben manifestierte. Das „Umswitchen“ von der Strenge des Zazen und den peinlichst genau einzuhaltenden Ritualen des japanischen (und spürbar von der Samurai-Tradition geprägten) Zen, in welchem alles, aber auch wirklich alles haargenau strukturiert ist, und der dem Geist keine Chance lässt, sich vom gegenwärtigen Moment zu entfernen, hin zur Meditation der Liebenden-Güte und der Einsichtsmeditation, mit Mönchen als Lehrern, die teilweise sogar ihre Roben einfach nur „irgendwie“ anlegen (obwohl es durchaus auch da bestimmte Formen einzuhalten gäbe, die aber zugunsten der achtsamen Entfaltung des Geistes und im Sinne der Befreiung von Anhaftungen an Regeln geflissentlich vernachlässigt werden), und die – im Gegensatz z.B. zur thailändischen Tradition (die ich als Mönch vor Ort erleben durfte) sogar auf Niederwerfungen und Rezitationen verzichten … alles im Dienste der wohlverstandenen Achtsamkeit. Diese wirklich aufrecht zu erhalten erfordert Disziplin und Hingabe genug – da bedarf es keiner Rituale mehr – im Gegenteil werden sie allenthalben lästig.

Ein Hauch von Tibet

Ein Hauch von Tibet

Dies ist also der Ort, an den ich immer wieder einmal zurückkehre, regelmäßig ein oder zwei Mal im Jahr, und nun, aufgrund meiner Zeit im Kloster in Thailand und der Prüfung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker, zum ersten Mal wieder nach fast zwei Jahren. Früher kam ich für Retreats (= „Exerzitien auf buddhistisch“), heute, um – ohne Lehrer – für einige Zeit in Klausur (seclusion) zu gehen – 10 Tage ohne Internet (jedenfalls weitgehend), ohne Telefon, ohne Musik, ohne sinnloses Geschwätz (mit Ausnahme von dem in meinem Kopf *smile*) – nur Sitzmeditation, etwas Sport, Taichi / Qi Gong, Gehmeditation, gelegentlich etwas Zen-Flöte spielen, einfach nur so dasitzen, kochen essen, urinieren, defäkieren, schlafen. Und es ist immer

Tibetische Gebetsmühlen

Tibetische Gebetsmühlen

wieder ein wenig wie ein nach Hause kommen. Die Reise dorthin ist lang, 3 Stunden mit dem Zug, dann noch einmal fast 45 Minuten mit dem Rad. Und dann: Ankommen … sich auf die Bank im Innenhof setzen, eine Pfeife rauchen und die Atmosphäre und – vor allem – die Stille wirken lassen.

 Es ist eine merkwürdige Form gespannten Friedens, die mich ein jedes Mal durchdringt. Gespannter Friede … augenscheinlich ein Widerspruch, und doch: Es ist ein Gefühl von Frieden, DSC00123eines Friedens, der nichts erwartet, und eine Gespanntheit, ob es gelingen wird, diese erwartungsfreie Absichtslosigkeit aufrecht zu erhalten. Was erwartet mich? Werde ich in liebevoller Annahme (weiter) verweilen können, auch wenn plötzlich eine Großgruppe hier eintrifft, um ein Wochenend-Seminar abzuhalten? Denn das passiert beizeiten – und ist auf der Homepage nicht angekündigt, sodass es für mich immer wieder eine Überraschung ist. So auch dieses Mal: Eine Gruppe von etwa 30 Gestalttherapeuten trifft am Samstag ein. Eine Art „Supervisionsgruppe“, die aber mit Spiritualität nichts zu tun hat. Stattdessen verbreiten sie eine große Unruhe und sind sehr laut – nicht zuletzt, weil sie abends draußen nett beisammen sitzen, literweise Wein in sich hineinschütten und zur Gitarre das Lied von den Moorsoldaten „singen“ (es sei erwähnt, dass auf dem Hof grundsätzlich Alkohol- und Drogenverbot herrscht …). Für mich eine erste Herausforderung … bin ich doch dorthin gekommen, um Stille zu genießen. Und es erscheint fast mottohaft, wenn man unweigerlich x-Mal am Tag folgendes Schild passiert:

"Es ist nicht der Lärm, der Dich stört - Du bist es, der den Lärm stört!" (Ajahn Chah)

„Es ist nicht der Lärm, der Dich stört – Du bist es, der den Lärm stört!“ (Ajahn Chah)

Kaum ein Satz begleitet mich intensiver auch in meinem Alltag. Denn so ist es: Dinge welcher Art auch immer geschehen aufgrund einer inneren Stimmigkeit, im Rahmen einer kosmischen Harmonie. Was immer jetzt ist, hat seine Berechtigung aus sich selbst heraus, da zu sein – Geräusche, Düfte, Schmerz, Emotionen. Sie entstehen, weil ihre Entstehensbedingungen vorlagen. Erst mein Widerstand „stört“ diese kosmische Ordnung, weil „Ich“ die Dinge anders haben will, als das ewige Prinzip von Ursache und Wirkung es vorsehen. Und auf eine merkwürdige Weise durchdrang mich dieses Mal diese Erkenntnis, erreichte das im Kopf Verstandene mein Herz … und ich spürte keinen Widerstand gegen die lärmende Gruppe. Ich ließ sie gut sein.

 Zur Wand sitzen

Die ersten Meditationen verliefen mäßig. Erwartungsgemäß. Denn nach all dem, was sich in den letzten 15 Monaten bei mir ereignet hatte, war es klar, dass mein Geist ein wenig Zeit benötigte, zur Ruhe zu kommen. Und sind es nicht zuletzt die „schlechten“ Meditationen, die uns am meisten lehren? Vipâssana-Meditation bedeutet, sich selber zu erkennen. Und die vielen Gedanken, die uns scheinbar von der tiefen Meditation abhalten, sind unsere Lehrmeister. Sie zeigen uns, wo unsere Anhaftungen liegen, was wir nicht loslassen können (denn es ist Unsinn zu sagen, dass uns etwas „nicht loslässt“ – es sind immer wir, die die Dinge nicht loslassen *smile*). Vipâssana-Meditation beginnt nicht mit dem Erreichen von jhânas (Meditationstiefen), mit dem Aufkommen eines Gefühls von Freude, Glückseligkeit und Frieden; vipâssana beginnt mit der bewussten Wahrnehmung der so genannten Hindernisse, die uns davon, in die tiefe Versenkung zu kommen, abhalten. Insoweit gibt es in der vipâssana keine schlechte Meditation! Wenn man in diesem Bewusstsein (und vor allem ohne die Absicht oder Erwartung, in tiefe jhânas zu gelangen) sich auf das Kissen setzt, beruhigt sich der Geist irgendwann von allein. Überhaupt geschieht alles in der Meditation von allein – nichts wird produziert, nichts herbeigeführt … die Geistesruhe kommt, oder sie kommt nicht … der Widerstand gegen die Unruhe erzeugt Unruhe, der Gleichmut gegenüber der Unruhe erschafft Gleichmut.

DSC00111Und so verbrachte ich den gesamten dritten Tag meiner

Amithaba-Buddha - der Buddha unendlichen Mitgefühls

Amithaba-Buddha – der Buddha unendlichen Mitgefühls

seclusion in einer kleinen runden, von Bambus umgebenen Nische des Hofes vor dem Bildnis des Amitabah-Buddha vor einer weißen Wand. Ganz, wie es im Zen üblich ist. Und nachdem ich mir nach einigen Stunden auch im Herzen darüber klar wurde, dass es um nichts dabei geht, hier zu sitzen, dass es nichts zu erreichen gilt und den Buddha betrachtete in einem Bewusstsein, dass das „einfach nur so da und sein Selbstzweck ist“, ja, dass es gar keine Meditation gibt und niemanden, der meditiert, und auch keinen Bambus und keinen Buddha und keine Fliegen und keine Mücken und keinen Schmerz und keine Emotionen … schloss ich die Augen und war angelangt im … „Jenseits“. Nichts mehr da. Nur Erscheinungen ohne Namen, nur noch Begriffe ohne Inhalt, nur noch Empfindungen ohne jede Bedeutung – sogar die sagenhaft tief empfundene Freude war nicht von geringstem Belang. Den Rest des Tages verweilte ich in dieser wundervollen Stimmung. Und dann, am nächsten Morgen, setzte ich mich in der Gewissheit auf mein Kissen, dass der heutige Tag sich ebenso gestalten würde. Und damit saß ich … mit dem Kissen in der Falle: Anhaftung! *laaaach* Nur mit Mühe konnte man das, was ich da betrieb, als Meditation bezeichnen. „Nun, lass es gut sein!“

 „Offene Weite …“

Meine kaputten Bandscheiben machten sich kurz darauf wieder bemerkbar. Und im Nachhinein frage ich mich, ob das völlig ausgelegene Lattenrost meines Bettes dafür verantwortlich zeichnete, oder … mein Kopf. Meditationen von einer Stunde Länge ohne auch nur die kleinste Bewegung waren nach bereits vier Tagen kaum mehr möglich, was mich verdross. Und je mehr ich mich meiner Ungeneigtheit hingab, desto größer wurde auch der Schmerz in meinem Rücken. Da waren sie wieder, meine alten Muster und Strukturen, der „Widerstand gegen das, was ist“. Es half naturgemäß wenig mir zu sagen: „Es sind nur Gedanken … ich vergebe mir und nehme mich liebevoll an.“ Eines meiner Ziele des Aufenthaltes auf dem Pauenhof war es freilich, die Meditationsform der „Vergebungsmeditation“ so weit zu ergründen, dass ich sie auch weitergeben kann (denn diese Form der Meditation ist von ungeheurer Kraft und geeignet, psychisch labile Menschen in schwere Depressionen zu stürzen. Sie bricht alles auf, sprengt alte Muster und Strukturen und zurück bleibt ein Gefühl völliger Leere. Nur in Begleitung eines erfahrenen Lehrers kann diese Leere dann in etwas Positives transformiert werden und ein sanfter Übergang stattfinden zur Meditation der Liebenden-Güte.) Die beste Meditationsform aber bringt nicht weiter, wenn sie nicht im Herzen spürbar ist. Und so legte ich sie beiseite und verlegte mich aufs Schauen. Nur sitzen und schauen, und den beizeitenDSC00107 heftigen Gewittern mit Blitz und Donner beim Geschehen zusehen. Und den Duft von nassen Kornfeldern und Kuhdung wahrnehmen … mich bezaubern lassen – oder besser (wie es Dr. Wolf-Dieter Storl treffend sagt): Mich entzaubern lassen, frei von Konzepten die Dinge so-sein lassen. Mich begeistern lassen von der Natur. Nur sitzen und schauen. Es war sicherlich keine klassische Meditation, wie ich sie an meine Schüler weitergeben würde, die ich da praktizierte, und gleichwohl war es eine Art von Meditation – eine, die mich in eine etwas andere Stille führte, die die Stimmen in meinem Kopf klar und deutlich werden ließ, wenn sie kamen, so dass ich sie verstand. Und eine, die Tränen fließen ließ.

 „Wer noch niemals in der Meditation geweint hat,

der hat auch noch nie meditiert“

(Ajahn Chah)

Offene Weite

Offene Weite

Shikantaza - einfach nur so sitzen

Shikantaza – einfach nur so sitzen

Mein neuer Lehrer

Darf ich vorstellen? Mein neuer Lehrer: „Ajahn“ Raphael *smile*

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Einer meiner häufigsten „Lehr“sätze lautet: „Wer weiß, wofür es gut ist?“ Und so begab es sich aufgrund meines Rückens, dass ich weitaus weniger Zeit auf dem Kissen verbrachte, als einfach nur damit, in Gehmeditation durch den Garten des Hofes zu lustwandeln, inmitten von Buddhas und Stupas, Obstbäumen und Brennnesseln (die übrigens auch frisch gepflückt sehr lecker schmecken *smile*).

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Kein Kommentar *smile*

Kein Kommentar *smile*

Und oft begegnete ich dabei einer der festen Bewohnerinnen des Hofes, Yana (was amüsanter Weise auf Pali „Der Weg“ bedeutet), und ihrem Sohn Raphael, der während meines Aufenthaltes ein Jahr alt wurde. Und es zeigte sich, was geschehen kann, wenn man den Dingen einfach ihren Lauf lässt.

Die Vier Edlen Wahrheiten habe ich verstanden. Das Bedingte Entstehen habe ich verstanden. Die drei universellen Charakteristika anatta (Nicht-Selbst), anicca (Vergänglichkeit) und dukkha (das Wesen des Leids) habe ich verstanden. Ich verstehe mich auf Meditation und auf vieles mehr. Aber: Verstehe ich mich auch darauf, einen Grashalm oder einen Legostein 10 Minuten lang zu begutachten und zu erforschen? Verstehe ich mich darauf, was immer ich in meinen Händen halte, einem fremden Menschen darzureichen? Ihn an der Neuentdeckung teilhaben zu lassen? Verstehe ich mich darauf, alles immer wieder als neu und unbekannt zu betrachten; allem zu erlauben, mich immer wieder auf’s Neue zu verzücken und zu faszinieren? Kann ein Kieselstein mich in seinen Bann ziehen? Oder eine Fliege? Verstehe ich mich darauf, zu lachen, wenn ich fröhlich bin? Und zu weinen, wenn ich traurig bin?

 „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch:  Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Ev. nach Markus, Kapitel 10.13-16)

 Die Erlebnisse mit „Ajahn“ (so nennt man eigentlich anerkannte buddhistische Lehrer *smile*) Raphael brachten mir auf eine sehr subtile Weise eine Art Heilung. Und es rührte mein Herz an, als ich erfuhr, was der Name Raphael bedeutet: „Gott heilt“.

 Wohin geht die Reise?

Sicher nicht dahin, wohin wir glauben, dass sie führt; und schon gar nicht

Treppen, die ins Leere führen ...

Treppen, die ins Leere führen …

dorthin, wohin wir wollen. Brücken führen ins Nichts, Treppen steigen auf in die Leere … und nur, wenn wir verstehen, dass das Nichts und die Leere unser Ziel ist, haben wir eine Chance, es zu erreichen.

Brücken, die ins Nichts führen ...

Brücken, die ins Nichts führen …

Wer nicht suchet, der findet. Der Rückweg ist der Hinweg, der Hinweg ist der Rückweg. Der Aufbruch ist das Ankommen, das Ankommen der Aufbruch. Kaum eines der Ziele, die ich mir für die 10 Tage gesetzt hatte, hatte ich erreicht. Und doch habe ich vermutlich mehr gelernt, als ich mir „erhofft“ hatte. Das Wetter war so unbeschreiblich wechselhaft wie meine Stimmungen und Emotionen – in 10 Tagen gab es Sturm, Gewitter, Dauerregen, strahlenden Sonnenschein mit über 30°C, fast tropisch anmutende drückende Schwüle … eigentlich alles, was man sich vorstellen kann,  bis auf Schnee *smile*. So ist das Leben. So ist der Weg.

 Auf einen abgerissenen Zettel, den ich in meiner Jackentasche auf der Rückfahrt im Zug fand, notierte ich:

„Blick auf die Klemme einer Halterung am Fahrrad. In der Peripherie: Bewegung und Geräusch – einfach nur so. Warum sollte die Zugfahrt  so bald wie möglich enden? Sie könnte meinethalben noch Stunden dauern – lass mir nur den Blick auf diese Klemme … dann kann sie Ewigkeiten überdauern. Auf ihre Weise tut sie das ja ohnehin. Die Kunst, so scheint mir, ist, sich zu freuen auf das Ende, und den Weg zu würdigen, und sich zu erfreuen am Weg, ohne sein Ende zu verdrängen. Leben ist Sterben. Sterben ist Geburt – welch freudvolle Harmonie im Frieden der Vergänglichkeit.“

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Wer kein Ziel hat, der kann sich auch nicht verlaufen …

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Die „Absichts-Falle“

Auch Meditationslehrer sind nicht ‚unfehlbar’. Und ich finde es wichtig, auch darüber zu berichten, wenn man als ein solcher einmal in eine Falle tappt, vor der man sonst immer warnt. Daher berichte ich heute einmal über die „Die Absichts-Falle“

Namasté 🙂

Heute möchte ich Euch von einer Erfahrung berichten, die vor allem für diejenigen unter Euch von Bedeutung sein mag, die regelmäßig vipâssana-Meditation praktizieren.

Wie Ihr ja wisst, habe ich eben einen etwa eineinhalbjährigen Lern-Marathon hinter mir, der vor 10 Tagen mit meiner „HP-Psych“-Prüfung endete. Und es wunderte mich nicht allzu sehr, dass mich drei Tage nach der Prüfung eine Erkältung niederstreckte, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe – Mandelentzündung, mittelschwere Bronchitis, schwere Stirn- und Nebenhöhlenentzündung und -vereiterung, all das begleitet von andauernden Kopfschmerzen. „Nun“, dachte ich bei mir, „das ist eine klare Reaktion auf die enorme Belastung – immerhin habe ich ja neben der Prüfungsvorbereitung ja auch noch gearbeitet. Also: Wofür bist Du Meditationslehrer – komm doch einfach wieder in die Entspannung, und damit hat sich das!“

Nun, während die Erkältungserscheinungen richtig heftig waren, war an methodische Meditation kaum zu denken; doch sobald ich wieder halbwegs durch die Nase atmen konnte, setzte ich mich auf mein Kissen. Die Meditationen waren zunächst von einer Tiefe eines Anfängers, aber mein Wissen und meine Erfahrung ließ mich darüber nicht verzweifeln, denn, so sage ich meinen Schülern immer wieder, „es ist wie mit einem D-Zug mit 100 Waggons: Wenn er in voller Fahrt ist, wirst Du ihn nicht innerhalb von 10 Metern zum Stehen bringen. Ebenso verhält es sich mit unserem Geist / Denken – gib ihm etwas Zeit, die Fahrt zu verlangsamen.“

Doch mir selbst gelang genau das nicht, was ich meinen Schülern immer sage. Ich bemühte mich zwar, diese Tatsache liebevoll anzunehmen und mir meine Vorwürfe hierzu zu vergeben. Doch aus das beruhigte meinen Geist nicht.

Was mich sehr irritierte war, dass meine Kopfschmerzen (die sicherlich teils organischen, aber sicherlich zu gleichen Teilen somatoformen Ursprungs waren) während der Meditation nicht – wie sonst – verschwanden; auch konnte ich sie während der Meditation nicht recht loslassen, und so verstärkten sie sich noch (was ganz normal ist, wenn man sich auf einen [physischen oder psychischen] Schmerz fokussiert). Die ganze Meditation über empfand ich zudem eine enorme Spannung in meinem Kopf, ganz so, als würde sich meine  Gehirnmembran mit aller Kraft zusammenziehen.

So auch vorhin. Also brach ich nach bereits einer dreiviertel Stunde die Meditation ab, kochte mir eine Tasse Kaffee, hüllte mich in eine warme Decke und setzte mich auf meinen Balkon. Und wie ich da so saß, merkte ich, wie meine Kopfschmerzen … verschwunden waren. Auch erfuhr ich plötzlich eine Erleichterung in meinem Kopf … die Spannung wich von Minute zu Minute. Und plötzlich wurde mir klar:

Ich hatte meditiert,

* um meine Kopfschmerzen los zu werden,

* um die Spannung in meinem Kopf zu lösen,

* um nach der Prüfungsphase wieder ‚zu mir zu kommen’,

* um möglichst schnell wieder in die höchsten jhânas (Meditationstiefen) zu gelangen

* um möglichst schnell wieder jenes Gefühl von Frieden und Liebe zu empfinden, welches mich bis vor einem Jahr etwa stets begleitet hatte,

* um schnellstmöglich wieder jene Klarheit und Achtsamkeit zu erlangen, die ich versuche, meinen Schülern zu vermitteln,

DSCF0622Lauter „um zu’s“!! Das war das Problem. Es mangelte mir in der Meditation schlicht und ergreifend an Absichtslosigkeit. Ich war in genau dieselbe Falle getappt, vor der ich meine Schüler immer warne! Hier nun, auf meinem Balkon, inmitten meiner kleinen Birken, umgeben vom Gayatri-Mantra, das ich vor Jahren an die Balkon-Brüstung gepinselt habe, und umgeben vom Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Blätter, dem Geruch von Frühling, dem blauen Himmel und dem Wind in meinem Gesicht … war Friede! Ich saß einfach nur so da, ohne jedes „um zu“.

Und mir wurde wieder bewusst, worum es letztendlich geht: Um einen liebevollen Umgang mit sich selbst, der sich in Wechselwirkung mit liebevoller Absichtslosigkeit ergibt! Es geht nicht ums Meditieren, noch geht es ums Nicht-Meditieren, noch geht es ums weder Meditieren noch Nicht-Meditieren, es geht einzig ums einfach nur so da sein!

In diesem Sinne werde ich mich jetzt wieder auf meinen Balkon setzen und weder meditieren noch nicht meditieren 😉

Einen schönen, sonnigen und absichtslosen Sonntag wünscht Euch und sendet von Herzen

METTA & SMILES

„Phra“ Michael

Esoterik und Spiritualität

Vorbemerkung:

Ich möchte diesem Artikel vorausschicken, dass ich nicht beabsichtige, die Esoterik als solche herabzuwürdigen oder ihre Daseinsberechtigung anzuzweifeln. Mir ist einzig daran gelegen, das Verhältnis zwischen Esoterik und Spiritualität darzustellen, um zu verdeutlichen, dass man beides nicht durcheinander werfen sollte, wie es heute im Zeitalter der Verwässerungen allzu oft der Fall ist. Esoterik ist Esoterik, Spiritualität ist Spiritualität – und wenngleich es thematisch einige Berührungspunkte gibt, so ist die Herangehensweise eine gänzlich andere. Merkmale der Esoterik – wie beispielsweise das der „Beweisführung“ – finden sich nicht im Bereich Spiritualität, und wenn jemand von zB „beweisbarer Spiritualität“ spricht, handelt es sich um eine contradictio in se. Also: Keine von beiden ist besser oder schlechter, sie sind nur anders. Aber die Unterscheidung muss klar sein, ansonsten enden wir im Brackwasser spiritueller Beliebigkeit!

Es gibt Menschen, die beschäftigen sich ausschließlich mit den Belangen des alltäglichen Lebens; sie gehen zur Arbeit, kaufen ein, gehen ins Fußball-Stadion oder in die Techno-Disco und beschränken sich auch sonst auf das Weltliche, also auf all das, was wir mit unseren  fünf externen Sinnesorganen (Augen, Ohren, Nase, Geschmacks- und Tastsinn) erleben können. Das sinnlich Erfahrbare reicht ihnen völlig aus, und für sie besteht auch keine Veranlassung, nach Sinn oder Zweck des Daseins zu fragen. Unser Geist (Denken / Bewusstsein) als sechstes Sinnenorgan wird meist erst zum Objekt des Interesses, wenn (hirn)organische oder psychogene Störungen im psychischen Bereich auftreten (Demenzen, Schizophrenien, Ängste, Depressionen u.s.w.).

Dann gibt es Menschen, die befassen sich (überdies) mit Dingen, die mit dem Alltag erst einmal nichts zu tun haben. Es handelt sich dabei um Phänomene, die sich den sechs Sinnestüren zwar nicht oder nicht ganz verschließen, aber um Erscheinungen, die gern als paranormal, übernatürlich oder ähnliches bezeichnet werden; sie erschließen sich nicht so ohne weiteres für den ‚Normalbürger’, sind aber teilweise durchaus sichtbar vorhanden (wie zum Beispiel Kreise und Muster in Kornfeldern), beruhen auf Theorien (Stichwort Astrologie) oder aber haben die Existenz Außerirdischer zum Inhalt. Diese Menschen verbreiten gern ihre Ansichten und jene im Verborgenen liegenden Inhalte, machen sie den Menschen intellektuell zugänglich, die an diese Dinge nicht glauben, indem sie sie mit Hilfe von wie auch immer gearteten Belegen oder Beweisen zu überzeugen versuchen. Diese Menschen werden gemeinhin als Esoteriker bezeichnet.

Und schließlich gibt es die Menschen, die (über die Belange des Alltags hinaus) das Wahre-Wesen der Existenz ergründen wollen, jedoch nicht über Beweise oder Theorien oder Erklärungen, sondern durch Innehalten und Schauen – absichtslos, urteilslos, interpretationslos. Ein solcher gelangt dorthin durch Introspektion, d.h., er bemüht sich darum, jegliche  Phänomene / Erscheinungen nur als Prozesse unserer Wahrnehmung zu betrachten, indem er schaut, wie wir als „Rezeptoren unserer Umwelt“ (inklusiver unserer selbst) funktionieren. Durch das „reine Beobachten“ entledigt er sich des konditionierten diskursiven Denkens und schaut auf die Dinge wie ein weißes Blatt. Diese Menschen schließlich werden gemeinhin als Spirituelle bezeichnet.

Nun, bereits beim ersten Hinsehen fallen zwei Unterschiede zwischen dem Esoteriker und dem Spirituellen auf: Um es in einer Metapher auszudrücken, nimmt der Esoteriker ein Teleskop zur Hand und holt sich die entfernten Phänomene und Erscheinungen aus dem Außen heran, um sie dann zu erklären; der Spirituelle dreht das Teleskop gewissermaßen um und betrachtet sich selbst – er ist Betrachter und gleichzeitig Betrachteter, Beobachter und gleichzeitig Beobachteter.

Nun sind wir Menschen nun einmal so gestrickt, dass wir alles mit dem Verstand begreifen, alles analysieren und dem Intellekt zugänglich machen müssen. Wir sind süchtig nach Beweisen und Informationen, denn dies ist das Einzige, womit unser Gehirn etwas anfangen und umgehen kann. Wir sind süchtig danach, uns immer mehr anzureichern mit Wissen und danach, alles zu verstehen. (Es fällt mir in diesem Zusammenhang ein, dass „Sucht“ nicht von „suchen“ stammt, sondern von „siechen“ (!) – wir haben das Gefühl daran zu darben, wenn wir Dinge nicht erklären können). Hierfür gibt es viele interessante Gründe, aber auf sie möchte ich hier gar nicht eingehen.

Es gilt an dieser Stelle zunächst festzuhalten, dass alles, und seien es noch so paranormale Erscheinungen, noch so phantastische Theorien oder noch so heilige Ideen oder Gottesvorstellungen, ja sogar Erscheinungen von Engeln oder anderen Himmelswesen, samt und sonders der relativen Welt zuzuordnen sind, als einer Welt, die wir in irgendeiner Form denken können, und wenn es dafür noch so viel Phantasie bedarf. Alles aber, was wir denken, entstammt aus einem intellektuellen Kontext, jede Begrifflichkeit, jede Benennung ist lediglich die Ausgeburt intellektueller Parameter eines in Vorstellungen (Konzepten) denkenden und vor allem äußerst begrenzten Verstandes – wir erfassen nicht die (absolute) Wirklichkeit sondern immer nur das, was unserem Gehirn zugänglich ist; was wir also für die Wirklichkeit halten ist reine Illusion. Das gilt für ausnahmslos alles, was unseren Verstand durchlaufen hat, ob es die Vorstellung von Außerirdischen ist, die von Gott, die von Nirwana, die von der Kraft der Sterne … sobald irgendetwas durch unseren Verstand und unsere Interpretation gefiltert worden ist, erscheint es nicht mehr als das, was es wirklich (also auf der absoluten Ebene) ist[1]. Das jedoch bedeutet: Auch die Esoterik beschränkt sich darauf, Illusionen zu deuten und zu erklären. Das tut die anerkannte Wissenschaft im Übrigen auch, mit dem Unterschied allerdings, dass sie keinen spirituellen Anspruch hat. Das Ansinnen des Wissenschaftlers ist, Dinge zu erklären, wie wir sie in dieser relativen Welt erkennen können, mehr will er nicht und (wie ich es schon gelegentlich in Interviews mit Quantenphysikern und Schwingungstheoretikern mitbekommen habe) hält sich aus allem anderen dann auch heraus.

Würde nun der Esoteriker sagen: „Wir sind ebenfalls Wissenschaftler, lediglich in einem anderen Bereich als die herkömmliche Wissenschaft, und wir bemühen uns nicht um spirituelle sondern um beweisbare Inhalte“, dann hätte alles seinen Platz. Leider tut sie das nicht. Sie greift ein in Bereiche der Religion, der Moral, der Ethik, der Spiritualität, sieht sich im Zweifel gar als „neue Spiritualität“, stellt Dogmen auf und überschreitet damit nach meinem Empfinden weit ihre Kompetenzen. Ich möchte im Folgenden kurz darstellen, warum ich dies für bedenklich halte:

1) Das Problem der Beweise:

Alles, was durch unseren Verstand und unser konditioniertes Bewusstsein läuft, lässt nur ein schemenhaftes Abbild in uns von dem entstehen, was da wirklich ist, so wurde gesagt. Damit kann aber auch jeder Beweis nur in der relativen Welt Gültigkeit haben. Spirituell betrachtet – und damit meine ich immer „aus der Sicht des Absoluten“ – ist jeder Beweis, parawissenschafltich-esoterisch oder anerkannt-wissenschaftlich, nicht mehr und nicht weniger als eine gedankliche Spielerei. Selbst Thomas von Aquin besaß nicht die Arroganz einer ‚Beweisführung‘;  seine „Gottesbeweise“ nannte er nicht Gottesbeweise, sondern „Wege zur Gotteserkenntnis“.

Wie steht es nun mit der Esoterik? Nun, in dem Moment, da jemand eine Überzeugung vertritt und dieses mit Beweisen und rhetorischen Stilmitteln zu untermauern versucht und andere davon zu überzeugen versucht, greift er aktiv in ihr Leben ein, baut eine Trennmauer und überlässt es dem anderen, die Mauer von seiner Seite aus einzureißen, indem jener die Überzeugung übernimmt. Das war gängige Praxis in den meisten Religionen, und die Esoterik macht es nicht anders. Es handelt sich dabei um eine Form von Gewalt. Und da wirkt es bei genauem Hinsehen nicht mehr allzu glaubwürdig, wenn sich die Esoterik Toleranz gegenüber allen Religionen und Auffassungen auf die Fahne schreibt, aber im nächsten Atemzug von den „unbelehrbaren Skeptikern“ oder von „Ungläubigen“ spricht. Wäre Esoterik eine spirituelle Geisteshaltung, würde sie auf Beweise und Missionierungen verzichten. Nicht zuletzt, weil Beweise nicht nur nicht zur Befreiung von Leid führen, sondern sie sind auch geneigt, Leid zu verursachen, denn wenn der „Beweisende“ den Anderen nicht überzeugen kann, führt das vielfach zu Wut und Ärger beim „Beweisführenden“; und diesen Ärger trägt er (durch das Residuum an negativen Energien) nolens – volens hinaus ins Leben und verursacht damit auch Leid bei Dritten.

2) Das Problem der Freiheit:

Soviel zum Prinzip des Beweises. Aber wie sieht es aus mit Inhalten von „Beweisen“? Nun, mir selbst ist der Inhalt des „bewiesenen“ esoterischen Sachverhaltes in der Regel völlig gleichgültig, da sie mich als Spirituellen nicht anlangen. Wie würde Buddha sagen: „Ich sage nicht, dass es so ist, noch sage ich, dass es nicht so ist, noch sage ich, dass es weder so ist noch dass nicht so ist.“ Aber gilt das für jeden? Auch das, was bewiesen wird, sehe ich als nicht unproblematisch, sobald es nämlich in die autonome Lebensführung eines Menschen eingreift.

Nehmen wir als Beispiel die Reinkarnation. In dem Moment, da mir bewiesen (oder sagen wir besser „glaubhaft versichert“) wird, dass es beispielsweise eine Seele gibt, die nach meinem physischen Tod reinkarniert wird, dann werde ich mein Leben entsprechend ausrichten, damit mir im nächsten Leben nichts Schlimmes widerfährt. Dahinter verbirgt sich jene verfehlte Vorstellung von „Karma“, wie sie in vielen asiatischen Ländern verbreitet ist (und auch gern von den Religionen aufrechterhalten wird, sonst könnten die ihre Tempel nämlich dicht machen). Dadurch machen sich die Menschen selber der Religion hörig, sind unfrei in ihren Handlungen (da sie nur darauf abstellen, „nichts falsch zu machen“ und „gutes Karma zu erschaffen“) und leben in Angst (eben davor, dass ihnen das nicht gelingt). Da der einmal erbrachte Beweis ja über allem erhaben ist, muss ich mich dem auch fügen! An dieser Stelle unterscheidet sich der vermeintlich Wissende nicht vom überzeugt Gläubigen. Durch seine angebliche Beweisführung greift der Esoteriker also gewollt oder ungewollt in das Denken und Handeln der Menschen ein, umso mehr, wenn es um Aspekte der Moral und der Ethik geht; und das nicht unbedingt zu seinem Besten.

Wie sieht das eigentlich der Buddhismus (den ich hier mal stellvertretend für die spirituelle Geisteshaltung wähle) mit dem Reinkarnationsbeweis? Der Buddhismus lehrt, dass ein Arahant, einer, der Erleuchtung erlangt hat, seine vorherigen Leben sieht. Ok! Ich bin aber kein Arahant, und solange ich keiner bin, muss ich mir über frühere Leben auch keine Gedanken machen! Wenn „der Kosmos“ meint, dass ich so weit bin, dann werde ich schon früh genug zur Erleuchtung kommen. Vorher gibt es dann wohl andere Baustellen, und wer diese liegen lässt, der mag sich auf seinen Lorbeeren intellektuellen Verständnis in Sachen Reinkarnation (oder auch Wiedergeburt, was übrigens etwas vollkommen anderes ist!!) und seiner vermeintlichen Weisheit ausruhen. Die Frage ist, was es ihm bringt, wohin es ihn führt.

Jeder erfährt die Dinge, wenn und sobald er sie für seine Höherentwicklung benötigt! Ich gehöre zB zu jenen Buddhisten, die sich mit der Reinkarnation schwer tun. Wenn es sie gibt, dann werde ich aus mir selber heraus erfahren, dass es sie gibt und wie sie sich gestaltet. Solange ich nur glaube, dass es sie gibt, weil mir vielleicht irgendjemand einen schlüssigen Beweis dafür vorzulegen meint, dann – und da mag er zufällig noch so richtig liegen mit seinem „Beweis“ – degradiere ich mich selbst zum „Menschen aus zweiter Hand“ (Formulierung nach Krishnamurti). Wir Menschen haben diese Krankheit, immer alles und sofort haben zu wollen. Das, was wir (noch) nicht über unsere eigene Erkenntnis (zB in der Meditation) erfahren und erleben, müssen wir uns halt anlesen oder uns erklären lassen, denn wir haben ja keine Zeit und keine Geduld darauf zu warten, bis wir selbst am Punkt der Erkenntnis stehen. Wer so unterwegs ist, läuft Gefahr, sich selbst die Sicht zu versperren für das, was gerade wirklich für ihn anliegt, wie Auflösung alter Strukturen, „Schattenarbeit“, „Innere Kind Arbeit“, Übung und Praxis der Meditation, Großzügigkeit in Sachen „Liebende Güte“ sich selbst und anderen gegenüber. Ich fange doch nicht an, Logarithmen zu lernen bevor ich den Dreisatz verstanden habe.

In der Spiritualität geht es um etwas ganz anderes: Es geht um Befreiung von Leid, um ein Leben in einer gefühlten Harmonie mit dem Kosmos, deren Wegbereiter hierzu nicht intellektuelle Analyse, sondern Geistesruhe und Klarschau waren; daher kann auch einzig Spiritualität die nachhaltige gefühlte Harmonie mit dem Kosmos / dem All-Einen / dem Göttlich … zum Entstehen gelangen lassen; wer sich mit Beweisen für die Existenz von Aliens herumschlägt, wird kaum hierzu gelangen und verschwendet insofern seine Zeit. Das führt mich zum nächsten Punkt:

3) Das Problem der Selbsterkenntnis:

Unglücklicher Weise ist der spirituelle Weg ein oft sehr mühseliger, manchmal auch schmerzhafter Weg. Denn man kommt nicht umhin, sich schonungslos mit sich selber auseinander zu setzen, mit seinen „Schatten“, seinen „Unzulänglichkeiten“, sich selbst aufs Genaueste zu untersuchen um all das zu überwinden und sich dann schließlich und endlich selbst loszulassen, nachdem man erkannt hat, dass alles das, wofür wir uns selber halten, nur ein Konzept ist, eine Interpretation, dass wir uns selbst erfinden – das ist wahrlich nicht immer angenehm und schon gar nicht einfach; zu sehr sind wir gefesselt an die Vorstellungen der materiellen Welt. In der Beschäftigung mit esoterischen Belangen sehe ich die Gefahr, dass man sich von sich selber ablenkt, sich nicht selbst ergründen will, weil man vielleicht Angst davor hat … das ist meistens der Grund. Aber der Weg der Selbsterkenntnis ist der Weg der Wahrheitsergründung, da ist kein Drumherumkommen. Natürlich ist das nicht jedermanns Sache, und es ist auch keineswegs verwerflich, wenn man sagt: „Nö, ich beschäftige mich lieber mit Aliens.“ Warum auch nicht? Aber das ist keine Spiritualität.

Der Weg zur Selbsterkenntnis führt über die Achtsamkeit, was soviel bedeutet wie „sich jederzeit über die Bewegungen seiner Aufmerksamkeit von einem Objekt zum nächsten und von einem Moment zum nächsten im Klaren zu sein“ – das ist die Definition für vipâssana-Achtsamkeit, also Achtsamkeit, die zur höheren Erkenntnis führt. Wann immer wir uns mit gehirnakrobatischen Themen befassen – so heilig sie sein mögen, so erhaben sie klingen mögen – sind wir nicht achtsam! Auch ich selbst bin in diesem Moment, da ich dies schreibe, nicht achtsam!

Fazit:

Mir scheint nach dem Gesagten, schlussendlich dient die Beschäftigung mit esoterischen Inhalten doch in vielen Fällen und hinsichtlich der meisten Themen der Befriedigung des Ego. Dabei sage ich nichts gegen diese Inhalte an sich – es geht um den Umgang mit ihnen, was wir aus ihnen machen, welche Bedeutung wir ihnen zukommen lassen. Esoterik bewegt sich also ausschließlich im Bereich der relativen Welt, der Konzepte! Das ist ganz hübsch, phasenweise ganz amüsant … in jedem Fall aber spirituell weitestgehend fruchtlos, es sei denn, man erlebe die Esoterik aufgrund ihrer Beschaffenheit als eben über das normal-weltliche hinausgehend als „Sprungbrett“, als „Initialzündung“ zur Beschäftigung mit „überweltlichen Dingen“ und schließlich vielleicht mit Spiritualität.

Noch einmal: Esoterik ist nicht für sich genommen schlecht; man muss nur wissen, was man von ihr zu erwarten hat. Wenn es einem Spaß macht, kann man sicherlich Dänikens Bücher über Außerirdische lesen – ein gewisser Unterhaltungswert ist diesem und anderen esoterischen Themen sicherlich nicht abzusprechen. Von spiritueller Erbauung aber kann hingegen kaum die Rede sein. Wer Esoterik im Sinne einer „Spiritualität“ versteht, geht deutlich in die Irre, verirrt sich im Wald der Konzepte und Illusionen und verbaut mindestens sich selbst den Weg zur Befreiung von Leid in diesem Leben.

Das war ein langer Artikel, und viele Freunde werde ich mir mit ihm nicht gemacht haben. Aber es bleibt die Frage: Worum geht es eigentlich? Wohin soll die Reise gehen? Geht es ums Recht haben? Um Beweise? Oder doch wieder einmal nur ums Ego? Die Antwort, die die Spiritualität hierauf gibt, ist eindeutig: Wer (durch vipâssana-Achtsamkeit) Geistesruhe und Klarheit in sich zum Entstehen gelangen lässt, gewinnt hierdurch Erkenntnis des Wahren-Wesens aller Erscheinungen; mit dieser Erkenntnis einher geht die Einsicht in die allumfassende kosmische Harmonie / der göttlichen Liebe (oder wie auch immer) jenseits der Worte; diese Einsicht wiederum führt zu innerem Frieden. Dies ist das  Fundament für das Entstehen von Liebender Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut, und Liebende Güte, Mitgefühl, Mitfreude und Gleichmut sind gleichzeitig das Fundament zur Entstehung von Achtsamkeit. Es geht nicht um intellektuelles Begreifen, um Beweisen, um Überzeugen oder was auch immer. Es geht nur um die Stille…

Das Einzige, was zählt, ist, im Jetzt-Hier achtsam und ganz präsent zu sein und den gegenwärtigen Moment liebevoll zu umarmen, und diese tief empfundene Liebe zum Sein weiterzugeben an alle Wesen. Alles andere führt von wirklicher Spiritualität meilenweit weg. Und wenn jemand ankommt und meint, es müsse eine neue, eine „beweisbare Spiritualität“ geben, dann untergräbt er alles, was sich in den letzten dreitausend Jahren an Spiritualität entwickelt hat. Es gibt überhaupt keine intellektuelle Spiritualität – das ist ein Widerspruch in sich. Wir können uns den Spaß machen, auf spiritueller Ebene wissenschaftlich zu argumentieren (zB mit der Schwingungstheorie u.ä.), aber es führt nirgendwo hin. Ich habe für mich dafür entschieden, den ganzen intellektuellen Ballast so weit es irgend geht über Bord zu werfen. Zum Preise eines Lebens aus dem tiefsten Herzen heraus. Ohne Beweise. Ohne Dogmen (auch keine buddhistischen!). Ohne Zwänge. Ohne Gewalt. Frieden finden – Liebe schenken.

„Wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘, kann das heilige Leben nicht gelebt werden; und wenn die Ansicht besteht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘, kann das heilige Leben nicht gelebt
werden. [Gleichviel] ob nun die Ansicht besteht, ‚die Seele ist das gleiche wie der Körper‘ oder die Ansicht, ‚die Seele ist eine Sache und der Körper eine andere‘- [sicher ist:] es gibt Geburt, es gibt Altern, es gibt Tod, es gibt Kummer, Klagen, Schmerz, Trauer und Verzweiflung, deren Vernichtung ich hier und jetzt erkläre.“
(Buddha, MN 63 „
Cúlamàlunkya Sutta“)[2]

 Wer weiß, der redet nicht,

und wer redet, der weiß nicht (Laotse)

Mit Metta
„Phra“ Michael


[1] Ich erlaube mir, hier einmal auf meine Homepage www.rafananda.de hinzuweisen; dort habe ich einen seeehr langen Aufsatz dem sehr schwierigen Thema Anatta (also Nicht-Selbst) gewidmet.

[2] Übersetzung: Kai Zumwinkel; Die Lehrreden des Buddha Gautama, Majjhima Nikaya – Mittlere Sammlung, Band 2, Rede 51 – 100;  die Ergänzungen in [ ] sind von mir.

Getting lost …

Kürzlich war ich in meiner Heimatstadt unterwegs mit dem Fahrrad. Und obwohl ich sie nach 45 Jahren kenne wie meine Westentasche, ergab es sich, dass ich mich verfuhr. Ich befand mich auf vollkommen unbekanntem Terrain und hatte nicht die geringste Ahnung, wie ich wieder in Richtung Stadtzentrum gelangen würde. Ich fuhr und fuhr, mal nach Norden, mal nach Süden, mal nach Westen, mal nach Osten – aber nichts von dem, was ich sah, kam mir im Entferntesten bekannt vor. Irgendwann blieb ich stehen und überlegte, was ich denn nun tun sollte. Und wie ich da so mit meinem Fahrrad stand, sah ich eine Frau und einen Mann in einiger Entfernung, die sich unterhielten, und ich dachte darüber nach, sie einfach nach dem Weg zu fragen. Aber irgendetwas hielt mich noch davon ab. Doch plötzlich sah ich da fünf buddhistische Mönche, die, sehr eiligen Schrittes (fast schon im Laufschritt), eine Straße in Richtung eines Gebäudes überquerten. Ich dachte bei mir: „Ok, die werde ich jetzt nach dem Weg fragen.“ Ich fuhr zu ihnen hin, bat sie kurz anzuhalten, sie blieben etwas unwillig stehen, und ich fragte sie – da sie offensichtlich Asiaten waren auf Englisch – nach dem Weg. Einer von ihnen begann in erstaunlich gutem Englisch, mir den Weg zu beschreiben. Die Sache hatte nur einen Haken: Er beschrieb mir den Weg rein theoretisch, so, als habe er aus einem Reiseführer auswendig gelernt, wie man ins Stadtzentrum gelangt, nannte die Straßennamen, erklärte, an welchen Gebäuden und Parks man vorbei käme … alles hoch präzise. Nicht aber sagte er mir, wo genau wir uns überhaupt befänden und in welche Richtung ich mich von hier aus auf den Weg machen müsse. Nach seinen Ausführungen eilten die Mönche in das Gebäude – und ich stand wieder da … so schlau wie vorher. Und auch der Mann und die Frau waren inzwischen verschwunden. In diesem Moment erwachte ich aus meinem Traum.

Kopie von DSCF0533 Das Weltliche (der Mann und die Frau) wird mir keine befriedigenden Antworten auf meine   Fragen geben können – hier brauche ich nicht zu suchen. Aber die Religion (hier der Buddhismus, repräsentiert von den Mönchen), die viele (richtige) Antworten geben kann, hilft ebenfalls nicht weiter, solange man sich nur nach den Dogmen und Theorien richtet. (Dass die Mönche so schnell verschwanden bedeutet, dass es auch nicht ihre Absicht war, mir einen eindeutigen Weg aufzuzeigen). Letzten Endes müssen wir den WEG gehen – selbst, jeder für sich und unter Umständen mit vielen Umwegen. Und letzten Endes kennen wir den WEG, denn wir alle befinden uns in unserer Heimatstadt … immer.

Hatte der Mönch im Traum mir also gar nicht weitergeholfen? Doch! Denn wenn ich auf dem richtigen WEG sein würde, würde ich es daran erkennen, dass das, was ich erfahre, übereinstimmen wird mit dem, was der Mönch mir beschrieb.

Was für ein schöner Traum.

Mit METTA

„Phra“ Michael

Auch solche Dinge geschehen …

Eine wahre Geschichte

Ein guter Freund von mir berichtete mir vor Jahren von einem Ereignis, das ich heute hier einmal wiedergeben möchte:

Mein Freund spielte in den 70er Jahren in einer Rockband, mit der er in Deutschland sehr erfolgreich war. Er sagte, es sei eine schon „heftige“ Zeit gewesen, wenngleich er sie rückblickend wohl als die Schönste seines Lebens betrachte. Diese wundervolle Zeit wurde noch dadurch gekrönt, dass die Frontfrau und Sängerin der Band und er sich unsterblich ineinander verliebten – sie wurde ein Paar. Er habe, so sagte mein Freund, weder vorher noch nachher je so sehr geliebt, wie er diese Frau geliebt habe.

Die 70er Jahre waren eine Zeit, in der bekanntlich auch Rauschmittel in oft nicht unerheblichem Umfang konsumiert wurden – das zog natürlich auch an der Band nicht vorbei. Als einzige jedoch ging die Freundin meines Freundes irgendwann dazu über, auch zu „drücken“. Mein Freund beobachtete das mit Sorge, war aber außerstande, sie davon abzubringen. Mit dem Ergebnis, dass sie einige Monate nach Beginn der Beziehung und einigen erfolgreichen Band-Tourneen mit Anfang Zwanzig an einer Überdosis Heroin verstarb.

Flag Bunting, TIbet Mein Freund fiel in eine schwere Depression, zog sich über ein Jahr lang vollständig von allem und jedem zurück und wollte sich schon das Leben nehmen. Doch dann erinnerte er sich, dass sich zu jener Zeit viele junge Leute nach Indien und Nepal begaben, um dort bei diversen Gurus „Erleuchtung und endgültige Befreiung vom Leid“ zu erlangen. So dachte er bei sich: „Ok, umbringen kann ich mich auch immer noch. So geht es jedenfalls nicht weiter! Ich mache mich auf den Weg nach Indien.“ Und so geschah es auch.

Nach einiger Zeit ziellosen Herumirrens in Indien machte er die Bekanntschaft eines „Hippies“, dem er von seinem Schicksalsschlag erzählte und von dem unermesslichen Leid, das er seither in sich trage. „Ich glaube“, sagte der Hippie, „ich kann Dir helfen. Es heißt, in Nepal wandere ein alter tibetischer Mönch, ein Schamane, von Dorf zu Dorf, um dort den Menschen mit seinen Weissagungen und Ratschlägen ihr Leid zu nehmen und Glück zu bringen. Vielleicht versuchst Du einfach einmal, ich zu finden. Er kann Dir sicher helfen.“

Also machte mein Freund sich auf den Weg nach Nepal. Da niemand wusste, wo der alte Mönch sich jeweils eben aufhielt, reiste er ihm über Wochen hinterher, bis er ihn schließlich und endlich in einem kleinen Bergdorf fand. Erleichtert und voller Freude reihte mein Freund sich in die Warteschlange vor dem auf dem Boden in der Dorfmitte sitzenden Mönch. Als er endlich an der Reihe war, berichtete er über einen Dolmetscher dem Mönch, was ihm widerfahren sei, wie schlecht es ihm gehe und bat ihn eindringlich und verzweifelt um Hilfe.

Der Mönch hatte aufmerksam zugehört, nahm ein kleines Ledersäckchen zur old monk nepalHand, schüttelte es lange, murmelte irgendwelche Formeln und schüttete den Inhalt des Säckchens schließlich auf seiner vor ihm ausgebreiteten Robe aus. Zum Vorschein kamen Knochen, Hölzchen, Steinchen, Zähne und mehr, von denen der Mönch immer einmal ein Teil in die Hand nahm, es begutachtete und wieder zurücklegte; dabei nickte er verständnisvoll und murmelte etwas Unverständliches. Nach einiger Zeit wurde mein Freund etwas ungeduldig und bat den Dolmetscher den Mönch zu fragen, ob er noch mit einer Antwort rechnen könne. Der Mönch atmete tief durch und sprach: „Du hast mich um Rat gefragt, und so soll es sein. Ich werde Dir mitteilen, was die Götter Dir ausrichten lassen.“ Meinem Freund schlug das Herz bis zum Hals. Der Mönch schaute ihm liebevoll lächelnd in die Augen und sprach: „Auch solche Dinge geschehen.“ Dann packte er eilig seine Sachen zusammen und verschwand. Das sollte es gewesen sein? Dafür war mein Freund diesem alten Mönch wochenlang hinterher gereist? Völlig frustriert und tief traurig ging er auf sein Hotelzimmer und schlief irgendwann an.

Am nächsten Morgen erwachte er auf merkwürdige Weise frisch und erholt. Und er erinnerte sich an die Worte des Alten: „Auch solche Dinge geschehen.“ Und plötzlich verstand er. „Ja natürlich“, dachte er, „das ist es! «Auch solche Dinge geschehen» … !“ Eilig und in einem Zustand höchsten Friedens und Glücks kehrte er umgehend nach Deutschland zurück, wo er ein buddhistisches Meditations-Zentrum aufbaute, das er bis heute betreibt.

Was war geschehen? Viel unspektakulärer hätte die Aussage des alten Mönches doch gar nicht mehr ausfallen können. Das hatte auch mein Freund zunächst gedacht. Doch plötzlich verstand er, dass all die Dinge, die im Universum geschehen – der Regen, die Sonne, die Wolken, das Blühen der Blumen, das Aufgehen des Mondes, Geburt und Tod, Liebe, Freude, Hass und Verzweiflung, Erhalt und Verlust – einfach geschehen. Sie geschehen, ohne dass dort irgendetwas zu erblicken sei, das mit uns „persönlich“ zu tun hätte. Es ist nicht „mein“ Sonnenaufgang, es ist nicht „mein“ Vollmond am Nachthimmel, und ebenso wenig ist es „meins“, wenn ein Mensch in mein Leben tritt, den ich liebe, und ebenso wenig ist es „meins“, wenn dieser Mensch wieder geht. „Der Herr hat es gegeben, der Herr hat es genommen“ – weil die Zeit dafür da war. Dies in Liebe anzuerkennen ist liebevolle Annahme. Den Dingen zu erlauben, da zu sein.

Ja, was immer geschieht: «Auch solche Dinge geschehen» 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael