Übers Loslassen, Liebevolle Annahme und den „Kontrollfreak“

Ich möchte nach einer langen Blog-Pause heute einmal einen Artikel aus dem wirklichen Leben posten, nämlich eine Korrespondenz mit einem meiner Schüler, der eine Mail mit  sehr wichtigen Fragen stellte, die die buddhistische Vipâssana-Meditation angehen. Insbesondere geht es um das Thema „Loslassen“ und „Liebevolle Annahme“, Nicht-Ich (anatta) und den „Kontrollfreak“ in uns. Da diese Themen ganz fundamental für Meditation und Alltag sind, möchte ich sie mit der Öffentlichkeit teilen (schwarz sind die Fragen, lila meine Antworten).

Damit Ihr folgen könnt und wisst, worum es geht, hier noch einmal der BLESSED-Kreis, den es gilt, sowohl in der Meditation als auch im Alltag unablässig zu durchlaufen, sobald man merkt, dass man nicht „im Hier und Jetzt ist“. (Näheres zu diesem Kreis findet Ihr hier auf diesem Blog)

 BLESSED

 

Es begann mit einer Schilderung, wie F. (für Fragender) mit einigen schwierigen Alltagssituationen umgeht, indem er den BLESSED-Kreis durchläuft. Meine Antwort hierzu war:

 Es ist Klasse, wenn es Dir gelingt, den BLESSED-Kreis in solchen Momenten zu durchlaufen; denke nur auch immer daran, dass BLESSED keine „Schmerztablette“ ist. Betrachte, was in Dir geschieht, und was immer es ist, VERSUCHE NICHT ES LOSZUWERDEN. Versuche, es zu verstehen. Lass es da sein und betrachte ganz genau, wie (aus alter Gewohnheit heraus) Du dazu tendierst, Dich mit den Emotionen zu identifizieren. Schau, welche Gedanken durch sie ausgelöst werden, und welche Gedanken sie umgekehrt  auslösen – papanca! Schau, wie es sich körperlich anfühlt. Betrachte Deinen inneren „Kontrolleur“, der Dir sagen will, dass die Dinge anders zu sein haben, als sie sind, nämlich so, wie „er“ es will und für richtig hält. Und betrachte einmal dieses „er“ … und gehe dem auf den Grund, was „er“ ist. Nicht intellektuell, sondern durch Beobachtung. Und versuche ebenfalls nicht, diesem „er“ den Mund zu verbieten. Hör Dir LIEBEVOLL an, was er zu sagen hat … diskutiere nicht mit ihm, lass ihm seine Meinung – er kann nicht anders als so zu denken, wie er denkt. Aber wie er denkt, fügt Dir mentalen Schmerz zu – verzeih ihm dafür. Verzeih ihm aus dem Verständnis und der Einsicht heraus, WAS „er“ ist. Nimm ihn in den Arm und nimm ihn liebevoll an.
„Er“ wird sich fast zwangsläufig dagegen wehren, weil „er“ das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden. Gestehe es ihm zu, hab Mitgefühl mit ihm. „Er“ wird Dich bombadieren mit Zweifeln – über Deine ganze Praxis. Lass ihn! Es ist ok! Vergib ihm, nimm ihn liebevoll in den Arm, schließe ihn in Dein Herz – mitfühlend und verständnisvoll.

Im Folgenden nun die Antwortmail von „F.“ und meine unmittelbaren Antworten:

Ich verstehe, dass der BLESSED-Kreislauf nicht als Schmerztablette einzusetzen ist, mit dem man die leidvollen Gedanken bzw. Emotionen eliminiert. Es geht darum, diese leiderzeugenden Vorgänge als solche zu erkennen und zu verstehen, nach welchen alten Mustern der eigene Geist arbeitet.

Hmmmm … Ja. Und Nein *smile*

Es geht darum klar zu sehen, dass da zunächst überhaupt erst einmal nur Vorgänge, Abläufe und Prozesse (erst im „Außen“ [Geräusch trifft auf Ohr], dann  in der Folge in uns [das Geräusch „kommt uns zu Bewusstsein“]) stattfinden.

 Wir befinden uns also im Bedingten Entstehen: Sinnesreiz + Sinnenbewusstsein sind Grundlage für das Entstehen von behaglichem oder unbehaglichem (oder neutralem) Gefühl; behagliches oder unbehagliches (und eigentlich auch neutrales) Gefühl ist die Voraussetzung für das Entstehen für Begehren; Begehren  ist die Voraussetzung für das Entstehen von Anhaftung.

Bis zum Begehren inklusive handelt es sich nicht um Muster im psychologischen Sinne, sondern um reine neurologische Vorgänge gemäß dem Reiz-Reaktions-Schema, also Reizübertragungen.

Dann erst – ab dem Anhaften – erkennen wir, wie aus einem unpersönlichen neurologischen Reiz plötzlich das entsteht, was wir Leid nennen. Leid ist das, was entsteht, wenn wir aus einem unpersönlich entstandenen Gefühl eine persönliche Story machen, indem wir

1 . über das entstandene Gefühl und über das, was es ausgelöst hat (und einiges mehr) nachdenken und

2 . diesem entstandenen Gefühl einen Namen geben, nämlich „Wut“, „Trauer“ u.s.w.; auf diese Weise wird aus einem real entstandenen Gefühl ein Konzept, also etwas Nicht-existentes!!! Dieses Konzept können wir in unser Selbst-Konzept integrieren. Da es dann als zu uns gehörig interpretiert wird, denken wir wiederum darüber nach.

Zudem sehen wir, wie in der Anhaftung aufgrund der gedanklich-emotionalen Beschäftigung  mit dem Gefühl Feedbacks entstehen, also zB neue Gedanken, die dann neue Gefühle auslösen und wieder Begehren, welches selbst als Spannung (= unangenehme Körperempfindung) wahrgenommen wird und darüber wieder zu Gefühlen führt und so weiter und so fort. Diese gesamten Feedbacks nennt der Buddhismus „papanca“.

Und wir sehen, dass wir auf all diese Vorgänge in ihrem ersten Entstehen keinen Einfluss haben. Der Versuch, Einfluss zu nehmen (nämlich in erster Linie auf das Gefühl), kommt erst im Rahmen der Anhaftung zum Tragen. Die Anhaftung ist also – wenn man so will – unser „Problemlösemodus“. Wir versuchen, über unsere Gedanken das Gefühl zu beseitigen, verstärken es aber nur, indem wir ihm Aufmerksamkeit schenken. Und da sitzen auch die alten (psychologischen) Muster: Wir glauben, durch Nachdenken und Analyse die Kontrolle über die Ursache des unangenehmen Gefühls gewinnen zu können. Das ist der „Kontrollfreak“ in uns. In der Realität aber können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns unangenehmes Gefühl beschert (oder angenehmes Gefühl „wegnimmt“) kontrollieren. In der vipâssana-Meditation lassen wir diesen Kontrollfreak so zu sagen ins Lehre laufen – wir reagieren nicht auf ihn, sondern lassen die Dinge, gegen die er sich auflehnt, auf sich beruhen.

Während die „papanca“ im Rahmen des Bedingten Entstehens vom Anhaften aus gesehen „rückwärts gewandt“ sind, erkennt man im weiteren Verlauf des Bedingten Entstehens nach dem Anhaften (also „vorwärts gewandt“), wie unser Selbstkonzept entsteht und dieses Konzept unterhalten und gestärkt wird. Hier (erst) kommen die alten Muster zum tragen, gemäß welcher wir auf bestimmte Situationen immer nach dem gleichen Prinzip re-agieren. Re-agieren, weil unser Handeln aufgrund der alten Muster automatisch abläuft, in Abgrenzung zu einem Agieren, welches wissensklar (vgl. das Satipatthâna-Sutta) einzig dem gegenwärtigen Moment Rechnung trägt. Dies stets gleiche Handeln erweckt in uns den Eindruck einer Stabilität, von etwas Statischem, eines unveränderlichen „ICH“. Nach welchen alten Mustern genau der Geist arbeitet spielt eine nur untergeordnete Rolle; entscheidend ist, DASS es nur Muster sind und wie sich das auf uns auswirkt, nämlich in der Illusion eines substanziellen „ICH“ (welches zusätzlich genährt wird durch die Identifikation mit dem Körper, den Gefühlen … kurz: den 5 Aggregaten).

Mir scheint es, als hätte AKZEPTANZ eine Schlüsselfunktion. Es geht darum, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie nunmal jetzt sind und nicht zu versuchen sie loszuwerden.

Ja, in der Tat. Indem wir versuchen, sie los zu werden, schenken wir ihnen Aufmerksamkeit und Energie – dadurch verstärken sie sich. Im Japanischen gibt es den etwas martialischen Ausdruck „Töten durch Nichtbeachten“ (weiß leider nicht mehr, wie es auf Japanisch heißt *smile*); das ist in etwa, was hier geschieht. Mit einer Besonderheit (und dies ist wirklich ganz fundamental für die gesamte buddhistische Lehre): Was lassen wir los? Nur die Gedanken an das Ereignis, nicht das Ereignis selbst. Warum? Weil wir ein Ereignis nicht loslassen KÖNNEN. Ein Schmerz, Geräusch, Duft … ist da. Das resultierende Gefühl … ist da. Das resultierende Begehren … ist da (erst in den höchsten meditativen Zuständen kann die Kette des Bedingten Entstehens bereits an einer dieser Stellen durchschnitten werden)

Ich denke, dass dem „Er“, von dem du sprichst, dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, da man auch das ganze Negative im jetzigen Moment annimmt und akzeptiert. 

Das Negative im jetzigen Moment Annehmen entspricht genau diesem oben beschriebenen Vorgang. Loslassen (und den Kontrollfreak „vor die Wand laufen lassen“ *smile*) IST gewissermaßen Liebevolle Annahme.

Ich habe das „Loslassen“ im BLESSED-Kreislauf in einigen Situationen falsch interpretiert im Sinne von „Nun lass es endlich los!“

Das ist in der Tat falsch interpretiert *smile*

Vielmehr ist damit wohl das Akzeptieren aber gleichzeitig NICHT Anhaften gemeint. 

Ok, also: Loslassen ist das diametrale Gegenstück zum Anhaften. Das bedeutet: Wenn Anhaften das gedanklich-emotionale Sich-verwickeln-lassen in ein Ereignis ist, dann ist Loslassen eben das Nichtweiterdenken jenes Ereignisses. Mehr steckt nicht hinter dem vielgerühmten Loslassen. Die einfache Formel:

Loslassen ≙ Liebevolle Annahme ≙ Infriedenheit / Anhaften ≙ Widerstand ≙ Leid

Ich habe in letzter Zeit im Alltag häufig BLESSED angewendet. Habe im Anschluss immer noch einen Metta-Wunsch in mir zum entstehen gebracht. Gerade „Möge mein Geist ruhig und friedvoll sein“ erzeugt in mir gleich eine leichte Entspannung.

Das ist auf jeden Fall gut und richtig 🙂

Aber wenn ich das Gefühl von innerem Frieden und Lächeln in mir erzeuge lasse ich beispielsweise dem Gefühl „Angst“ oder „Wut“ weniger Platz in mir. Ist es nicht so, dass ich diese Gefühle dann im gewissen Maße verdränge und ihnen nicht ausreichend Platz einräume? Das widerspricht in meinen Augen dem Denkansatz „Wut ist da. Hey, es ist o.k.!! Wut darf das sein.“ Andererseits kann es ja auch nur gut sein, wenn ich über den Metta-Wunsch mehr Gelassenheit in mir verspüre…..!?

Nein, Du verdrängst gar nichts. Weil Du das Gefühl der Wut selbst ja gar nicht anlangst. Verdrängung bedeutet „Ins Unbewusste verschieben und verhindern, dass es wieder hervortritt“. Das geschieht, wenn man unmittelbar nach dem Feststellen eines negativen Gedanken zum Meditationsobjekt zurückkehrt und sich auf das Meditationsobjekt fokussiert und absorbiert. Wir hingegen machen uns im BLESSED einen Mechanismus des Gehirns zunutze: Beobachte einmal, was geschieht, wenn Du von einem Gedanken fortgetragen worden bist und Dir dessen bewusst wirst. Was geschieht in der Sekunde, da Du diesem Gedanken Auge in Auge gegenüberstehst? Der Gedanke kommt  für einen Augenblick zum Stoppen und die Aufmerksamkeit sucht sich etwas anderes, womit sie sich beschäftigen kann. Dies ist immer das Naheliegendste, was eben da ist, und zwar irgendetwas, was sich „bewegt“ im Sinne von verändert. In diesem Atemzuge kommt die Aufmerksamkeit ganz leicht und fast von allein wieder in den gegenwärtigen Moment und zieht sich von dem Gedanken zurück. Das geschieht – noch einmal – NICHT durch eine Aktion des Praktizierenden, sondern durch das alleinige Sichbewusstwerden des „Nicht auf dem Meditationsobjekt Seins“.

Das Entspannen und Lächeln hilft dabei (in der Art einer reziproken Hemmung), dass die negativen Gedanken erst einmal nicht wieder auftreten. Sitzen sie aber tief, werden sie trotzdem wiederkommen … und irgendwann sich auflösen. DANN sind sie verarbeitet.

Zudem motiviert das Entspannen und Lächeln dazu, dem alten Muster des „dem Gedanken Nachgebens und Weiterdenkens“ (= Anhaftens) nicht zu folgen, da der Organismus merkt: „Aha, es fühlt sich viel besser an, NICHT anzuhaften“ – das ist positive Konditionierung durch Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn.

In der vipâssana-Meditation lernen wir also systematisch, nicht anzuhaften. Das Aufgeben des Anhaftens ist aber eine enorm schwierige Übung, eben weil unsere alten Muster alte und eingefahrene Muster sind, die ja selbst auch Objekt der Anhaftung sind – indem wir uns mit ihnen identifizieren. Daher hat der Buddha als Grundlage des Aufgebens des Anhaftens die (zunächst rationale) Erkenntnis von Nicht-Ich (anatta) gesetzt. Denn diese Erkenntnis hebelt auch den letzten Widerstand aus. Selbst der verzweifeltste Depressive, der da sagt: „Das bringt doch alles nichts! Ich kann nicht loslassen! Ich bin und bleibe traurig!“ wird diese Ansicht aufgeben, wenn er sieht, dass dies nichts weiter als Ansichten sind, entstanden aus „papanca“, und die wiederum aus völlig unpersönlichen Vorgängen. Es steckt niemand „hinter“ diesen Ansichten – es sind nur bedingt entstandene Gedanken, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird er sich fragen: „WER leistet denn da Widerstand? WER ist denn da traurig? WER zweifelt denn da an der Lehre des Buddha? Es ist niemand zuhause. Ich kann Kummer, Klage, Sorge, Leid, Trübsal und Verzweiflung einfach loslassen, weil da unterm Strich niemand ist, der all das empfindet.“

Mmh, das ist mit so einem westlichen Gehirn echt nicht leicht zu verstehen! 😉 Man ist bis jetzt häufig darauf bedacht gewesen, sich vor negativen Gedanken und Emotionen zu schützen und jetzt soll man genau diese leidbringenden Objekte akzeptieren.

Noch einmal: Wir akzeptieren zunächst nicht die Erscheinungen, sondern unsere Reaktion auf sie, erkennen sie als Nicht-Ich, als reine Reaktions-Muster, die unser Leid erschaffen. Erst in der Konsequenz schließen wir Frieden mit den Erscheinungen, weil wir dann nämlich erkennen, dass es nicht die Erscheinungen sind, die uns Leid zufügen, sondern unsere Reaktion auf die Erscheinungen. Und die können wir loslassen, denn sie sind ja nicht ICH.

Ich meine langsam zu verstehen, dass sie sich genau dadurch auflösen, da der Geist irgendwann keine Lust mehr hat, wenn man nicht ständig mit ihm diskutiert und versucht zu widersprechen. 

Hahaha …. Darauf würde ich mich nicht verlassen ;). Zunächst einmal diskutieren wir ja nicht mit unserem Geist. Das hieße den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wir beachten ihn einfach nicht mehr, wenn er „zickt“ oder böse oder eifersüchtig wird. Es ist für uns in dem hohen Stadium der Erkenntnis von Nicht-Ich, als würde sich all das, was sich in unserem Geist abspielt, auf einer Kinoleinwand abspielen – ich kann es wahrnehmen, aber es ist nur ein Film. Der Mörder, der aus der Kinoleinwand heraus auf mich schießt, kann mich nicht verletzen. Wir brauchen also nicht den Filmprojektor zu zerstören; es reicht völlig aus, den Film als das zu würdigen, was er ist: Ein Film. Ebenso verfahren wir mit unserem Geist. Lass den Film einfach laufen … macht doch nichts. Im Gegenteil: Auf diese Weise kann sogar ein Krimi oder Drama oder Ähnliches erheiternd sein. Und das wollte der Buddha! Schau Dir mit freudvollem und heiterem Interesse an, was sich in Deinem Oberstübchen abspielt – und mach Dir nichts draus (sprich: Mach nicht mehr daraus als es ist, nämlich ein Film).

Ich hoffe, Ihr konntet ein wenig aus diesem Artikel für Euch und Eure Meditation herausziehen.

Von Herzen sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro (Michael) _/\_

Advertisements

… oder so herum:

„Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen“ …

Namasté

Ich habe kürzlich ein Coaching gegeben, in welchem ein Herr mich bat ihm Tipps zu geben, was er tun könne, um seine vor dem Zerbrechen stehende Ehe zu retten. Im Verlauf des Gespräches wies ich ihn darauf hin, dass ich kein Eheberater sei, sondern Coach, und dass es einem buddhistischen Coach nicht darum gehe, Dinge hin- oder wieder geradezubiegen, sondern dem Einzelnen eine Perspektive zu eröffnen, wie er/sie die Dinge so annehmen kann, wie sie sind. Ich habe mir dann überlegt, dieses Gespräch einmal zum Anlass zu nehmen, zu diesem Thema ein wenig zu schreiben.

Beim „Kleinen Prinzen“ heißt es: „Man sieht nur mit dem Herzen gut“. Und das Eheversprechen vor dem Traualtar wird abgeschlossen durch den Hinweis des Priesters:

 „Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“.

 Was ist eigentlich die tiefere Bedeutung dessen? Wenn die kosmische Ordnung gemäß ihres für uns nicht nachvollziehbaren „Großen Plans“ zwei Menschen zusammenführt, dann haben diese beiden die Möglichkeit, dies zu erkennen, anzuerkennen und dann danach zu handeln, oder aber, sie können sich von ihren Äbgsten und Erfahrungen leiten lassen, und zwar in der Form, dass sie zum Beispiel zweifeln. Zweifel hat immer etwas mit dem Ego zu tun, denn er entstammt stets dem Verstand. Wir alle haben wohl Erfahrungen im Bereich Beziehung und Partnerschaft gemacht, und kennen es, wenn der Zweifler in uns sagt: „Du musst aufpassen, Du hast schon einmal etwas Ähnliches erlebt, hast Dein Herz verschenkt und unglaublich viel investiert, und schließlich ließ man Dich fallen und Du hast gelitten wie ein Hund. Das kann Dir jederzeit wieder passieren. Bleib besser allein!“ Hier will der Verstand uns schützen, und daran sieht man deutlich: Er will uns nichts Böses, er greift nur auf die Mittel zurück, die ihm zur Verfügung stehen, nämlich Erfahrungen. Nur zu oft sind diese aber unangebracht. Der Zweifel geht hier einher mit Misstrauen. „In dem Korb, den Du mir gegeben hast“, heißt es in einem Gedicht von Erich Fried, „war auch Misstrauen“. Und wie entsteht Misstrauen? Wir fragen uns vor unserem Erfahrungshintergrund: „Soll ich mich auf die Beziehung einlassen oder nicht?“ Und daraufhin tendieren wir dazu, darüber nachzugrübeln und dabei nach unserem alten gedanklichen Strickmuster zu verfahren. Krishnamurti sagt:

 „Alles, was aus dem Gedächtnis resultiert, ist alt (…) Das Denken ist niemals

neu, denn es ist die Antwort des Gedächtnisses, der Erfahrung, des Wissens.“

 Und so reagieren wir auf eine vollkommen neue Situation und einen vollkommen unvergleichlichen Menschen vor dem Hintergrund unserer alten Strukturen, die mit der Situation und dem Menschen, um den es geht, nichts zu tun haben. Wir bilden ein Vor-Urteil. Und auf diese Weise gelingt es uns, etwas zu zerstören, bevor es überhaupt zur Entstehung gelangen konnte, oder aber, wenn eine Partnerschaft bereits zum Entstehen gelangt ist, sie durch unsere Erwartungen und unsere Vorstellungen, wie diese Beziehung zu sein hat, wieder zunichte zu machen. Doch: Was Gott, die kosmische Intelligenz, zusammengefügt hat, soll die menschliche, begrenzte Intelligenz nicht trennen. Hier finden wir eine Struktur unseres Ego, uns nachhaltig der Möglichkeit einer glücklichen Partnerschaft zu berauben.

Aber wie erfahre ich, ob es ‚Gott’ war, der uns zusammengefügt hat, und nicht vielleicht auch das Ego? „Drum prüfe, wer sich ewig bindet, ob sich das Herz zum Herzen findet“, sagt Schiller in der „Glocke“. Und wie tue ich das? Hör in Dich hinein, fühle in Dich hinein. Bringe Deinen Geist zur Ruhe, der Dich in seinem Drang nach Sicherheit immer nur zu einem „What-iffer“ macht, zu einem, der immer nur ängstlich fragt „Was aber, wenn …?“. Und dann fließe mit dem, was kommt, lass Dich fallen – das hat viel mit Vertrauen auf Gott zu tun – und sei ganz rein und frisch. Das ist die Bedeutung von ‚im gefühlten Einklang mit dem Tao sein’. Du kannst nichts falsch machen. Du kannst Dir höchstens Unannehmlichkeiten herbeiführen, aber diese Unannehmlichkeiten sind immer nur Auswüchse der falschen Vorstellung, dass die Dinge so zu sein haben, wie ICH sie haben will. Und wir wollen Sicherheit. Unser Sicherheitsdenken ist auch eine Form der Bequemlichkeit; wir wünschen nicht, immer mit neuen Situationen konfrontiert zu werden, wir wollen unsere Ruhe haben. Aber wie soll das gehen? Jede Sekunde ist neu.

Woran also zerbrechen Beziehungen? Es sind Erwartungen, die nicht erfüllt werden. Der Partner soll dies und das im Haushalt oder sonst wo leisten, und tut es nicht zu genüge. Der Partner soll mir die mir gebührende Aufmerksamkeit und Achtung entgegenbringen, und tut es nicht. Was es auch immer sei, der Partner erfüllt die Erwartungen nicht oder nicht ausreichend. Und dann streitet man sich und macht sich Vorwürfe und ist enttäuscht und leidet – immerhin diese Gemeinsamkeit bleibt dann noch. Doch all diese Erwartungen entstammen wieder nur unserer Selbstsucht. Man will den Partner formen, macht sich gleichsam zu „Gott“, und will den Partner nach seinem Bild schaffen. Das geht natürlich schief. Das führt mich zu der Frage:

„Wenn man ein spirituelles, also bewusstes Leben führt, kann eine Beziehung dann überhaupt noch Gefahren in sich bergen? Ich meine, Eifersucht oder Verlustangst oder Ähnliches, fällt das alles völlig weg, wenn man bewusst lebt?“

 „Das, was man vor dem Erwachen Hass aus Habgier nennt,

wird nach dem Erwachen zur Weisheit Buddhas.

Deshalb ist der heute erwachte Mensch nicht anders als vorher.

Der einzige Unterschied liegt in seinem Handeln.“

(Zen-Meister Hyakujo)

 Was bedeutet das? Das bedeutet, wir bleiben immer die gleichen Menschen, ob vor dem Erwachen oder nach dem Erwachen. Die Strukturen in unseren Köpfen sind da – sie sind einmal geknüpft worden, und wir werden sie nicht wieder los. Es handelt sich nicht weniger um Manifestierungen, um grobstoffliche Erscheinungen, wie unsere Augen- oder Haarfarbe. So, wie die Augenfarbe bestimmt ist durch die Gene, ist jeder einzelne Gedanke und jede sich aus den Erfahrungen etabliert habende Gedankenstruktur bestimmt durch die Konditionierungen, die wir erfahren haben. Es ist also genau so unsinnig, gegen seine gedanklichen Strukturen, gegen sein Ego anzukämpfen wie gegen seine Augenfarbe – wir können nicht sozusagen ‚entkonditioniert’ werden.

Was wir aber tun können ist, über die Meditation zu einer, wie es in der Psychotherapie heißt, Gegenkonditionierung zu gelangen; wenn man den immer wieder gleichen Gedankenstrom mit einem Fluss vergleicht, leiten wir sozusagen das Flussbett um und legen das Alte trocken. Das alte Flussbett bleibt, nur führt es kein Wasser mehr.

Wir haben nun gesehen, dass wir uns für eine beginnende Partnerschaft nicht von unseren alten erlernten Angst-Strukturen leiten lassen und eine Vermeidungshaltung einnehmen sollten, sondern „auf das Herz hören“ und der Einzigartigkeit des Anderen Rechnung tragen. Für eine bestehende Partnerschaft bedeutet das, in der Beziehung „Selbst-los“ zu sein, den anderen Menschen nicht so hinbiegen zu wollen, wie wir meinen, dass er zu sein hat, oder wie sich die Lebensgemeinschaft zu gestalten hat. Das Zauberwort ist „Loslassen“ – Loslassen des Wunsches nach Kontrolle, Loslassen von Erwartungen. Den Anderen sein lassen, wie er ist – das und nur das ist zwischenmenschliche Liebe.

Kommen wir schließlich zum „worst-case-scenario“: Dem Zerbrechen der Beziehung. Wenn wir sagen: „Was Gott gefügt hat, soll der Mensch nicht trennen“, müssen wir dann nicht auch sagen:

 Was Gott getrennt hat, soll der Mensch nicht fügen!

 Da verliebt sich ein Mensch in einen anderen. Aber irgendetwas steht einer Beziehung im Wege oder aber die Beziehung besteht bereits, aber „irgendwie passt es nicht“, man versteht sich nicht (mehr). Niemand kann vielleicht genau (be)greifen, was eigentlich nicht passt, aber es passt halt nicht. Und wir neigen dazu zu sagen: „Wir haben doch so viele Gemeinsamkeiten, wir haben so vieles miteinander erlebt, denken, empfinden, fühlen doch fast gleich – wir sind doch füreinander geschaffen!“, und können und wollen nicht begreifen, dass es nicht sein soll. Und wir kämpfen um die Beziehung, machen allerhand Unsinn um sie zum Entstehen zu bringen oder sie zu retten, und wenn wir merken, dass es nicht fruchtet, werden wir ärgerlich, wütend vielleicht, eifersüchtig … und machen damit alles nur noch schlimmer. Und wenn wir uns dessen gewahr werden, folgt die Depression auf dem Fuß.

Doch auch hier gilt: „Hör auf Dein Herz!“ Aber das ist in diesen Fällen die wohl schwierigste Aufgabe. Denn unser Ego ist stark, unser Ego akzeptiert nicht, was nicht sein darf. Und wer bestimmt, was sein darf? Unser Ego! Und so entsteht in vielen zwischenmenschlichen Beziehungen Leid, ein Leid, das uns erspart bliebe, wenn wir auf ‚Gott’ auch vertrauen würden, wenn er ‚sagt’: „Ihr seid nicht füreinander geschaffen.“ Wenn der Kosmos / das Tao … nicht vorgesehen hat, dass es passt, dann können wir uns auf den Kopf stellen – wir kommen gegen die Wahrheit nicht an! Wir können nur … loslassen. Die geliebte Person, die Verzweiflung, die Angst vor dem Alleinsein, das Unbehagen der Erkenntnis, dass „alles, was ich voller Hingabe in die Beziehung habe einfließen lassen, umsonst war.“ Jedes Loslassen eröffnet neue Türen – wer einen Medizinball umklammert kann den Ball nicht fangen, den das Leben ihm zuwirft.

Doch bei aller Weisheit, die in diesen Worten stecken mag, können wir unseren Schmerz nicht mit dem Verstand kontrollieren; es bleibt schlussendlich doch bei dem Spruch: „Es ist eine uralte Geschichte, doch bleibt sie immer neu. Und wem sie just passieret, dem bricht das Herz entzwei“. Willkommen zurück in der Lebenswirklichkeit! Oder?

Zum Abschluss einige Zeilen aus dem Song „Someone up there“ von Joe Jackson

 „Someone up there made the sun and sea

Someone up there brought my girl to me

Someone up there made the wind and rain

Someone up there took her back again

And just for once: You can’t fight back!

No messing with the hands of fate … oh no!

(Joe Jackson “Someone up there” – hier der Song: )

Frieden, Frieden … einfach nur Frieden

Es geht nicht darum,

das Handeln in der Welt abzulehnen und die Stille zu suchen.

Sei weit und offen wie der Himmel

und bring Dich in Übereinstimmung mit dem Äußeren.

Dann wirst Du auch in der Hektik dieser Welt in Frieden sein.

(Zen-Meister Yüan-wu)

Rast- und Ruhelosigkeit – wer von uns kennt sie nicht? Wer kennte nicht diesen Hetzhund, der uns immer weiter vorantreibt, immer auf der Suche. Suche wonach? Wenn ich mich umschaue, denke ich oft: Wer weiß schon, was er sucht – was er eigentlich sucht? Vielleicht ahnen Einige, dass es eine verzweifelte Suche nach Ruhe ist. Sie sagen: „Wenn ich das erst erreicht hab, hab ich meine Ruhe, dann kann ich mich zurücklehnen, dann ist alles gut.“ Doch es funktioniert nicht … weder Prestige noch Reichtum, noch Anerkennung, noch Macht, noch Einfluss setzen der Suche final ein Ende. Wir können heiraten und Kinder zeugen, die Welt umsegeln oder was auch immer – schlussendlich führt es zu gar nichts. Die Gefahr liegt dabei – fast amüsanter Weise – lediglich in unseren Glückshormonen, die immer dann produziert werden, wenn wir etwas erlangt haben, was wir angestrebt haben; aber alles ist vergänglich, und auch Glückshormone werden irgendwann vom Körper abgebaut. Was bleibt? Die Sucht nach einer neuen Befriedigung – „Sucht“ kommt nicht von Suchen, sondern von Siechen! Und in diesem Siechtum des ewigen Dranges nach Befriedigung und Produktion von Glückshormonen leben die meisten von uns.

Frieden, ein für alle Mal Frieden ist nur zu erlangen, wenn wir die Suche nach all diesen weltlichen Dingen endgültig drangeben. Dabei ist nicht einmal das „Haben“ selbst das Problem, sondern die Gedanken, die stets nur kreisen um das Habenwollen und um das Behaltenwollen. „Und wehe, es will mir jemand etwas streitig machen“ – so entsteht Hass.

„Wenn sich die Gedanken erheben, erheben sich alle Dinge. Schweigen die Gedanken, so schweigen alle Dinge“. All unsere Motivationen, Antriebe, ja auch die Emotionen, die Ideen, Vorstellungen, all das entsteht aus den Gedanken. Und wir nehmen sie mit, wo immer wir uns hin bewegen. „You always take the weather with you“, ob im Kloster in Thailand, auf einer einsamen Insel, oder im tiefsten Wald.

Frieden aber ist im Innen. Er muss weder hergestellt werden, noch muss man ihn groß suchen. Er ist da – er ist unser Wesenskern. Er kann nur unser Wesenskern sein, weil er Eins ist mit dem Alles, in welchem alles seine „Insichstimmigkeit“ besitzt – jenseits unseres Verstehens. Im Alles gibt es keine Dualität, keine Religion, keine Kasten, kein Spiel von „guter Gott – böser Gott“, da ist nur der letztendliche Urgrund des Einen. Und jeder von uns kann jederzeit dorthin gelangen. Nur, durch das Schweigen der Gedanken. Durch das ruhige, selbst-lose Beobachten der Vorgänge, wie sie um uns herum und in uns geschehen. Die Dinge nicht zu beurteilen, sondern sie in ihrer Existenz zu würdigen, wie sie sich eben zutragen, das ist Liebe zu allen Dingen. In diesem Moment der Liebe nähert man sich der Ewigkeit, wird selbst zur Ewigkeit in jenem jetzigen Moment, in dem Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges miteinander verschmelzen und das Göttliche sich offenbart. Wenn wir selbst dem hasserfülltesten Gedanken erlauben, zu erscheinen ohne irgendeinen Widerwillen, ohne irgendetwas verändern oder kontrollieren zu wollen, wissend: NICHTS KANN SEIN, WENN ES NICHT GOTTES WILLE IST“, dann gehen wir nach und nach ein in Gott – das ist „unio mystica“, wie es die Christen nennen. oder „wudschud“, wie es der Islam nennt.

Alle, was es für uns dabei zu tun gilt, ist zu beobachten, wie sich unsere Aufmerksamkeit zu den Erscheinungen hin bewegt, versucht an ihnen anzudocken; daraus entsteht Gefühl, aus Gefühl wird Habenwollen, aus Habenwollen wird Ich-Identifikation, und nur, wo ein Ich ist, da ist wiederum ein Habenwollen. Diese Kette ohne Unterbrechung zu beobachten, ist wohl verstandene Achtsamkeit. Und sie führt uns hin zum Frieden und zur Liebe.

Friede ist Liebe – Liebe ist Friede … in der Einheit des Einen Geistes.

Ich wünsche uns allen, dass wir irgendwann einfließen in die unendliche Liebe des Tao, des Kosmos, des … es ist nicht wichtig, wie man es nennt – am Besten gar nicht 😉

Eine gute Woche wünscht Euch

Mit Metta

„Phra“ Michael