Metta-Dhammayana-Vortrag

Seid gegrüßt!

Seit September diesen Jahres leite ich ja die Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe in Münster, und am Ende jeder Sitzung halte ich einen kleinen einstündigen Vortrag zu mehr oder weniger allgemeinen spirituellen Themen, die ich dann auch danach auf youtube stelle; Aufhänger ist jeweils die für Meditations-Seminare „klassische“ Lehrrede des Buddha über die 4 Grundlagen der Achtsamkeit. Heute möchte ich denjenigen vom vergangenen Sonntag einmal auch hier zur Verfügung stellen, denn sie enthält, wie ich finde, ganz interessante Aspekte, die mir während des Vortrags eingefallen sind. Viel Freude und Erbauung damit 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael

Advertisements

Übers Loslassen, Liebevolle Annahme und den „Kontrollfreak“

Ich möchte nach einer langen Blog-Pause heute einmal einen Artikel aus dem wirklichen Leben posten, nämlich eine Korrespondenz mit einem meiner Schüler, der eine Mail mit  sehr wichtigen Fragen stellte, die die buddhistische Vipâssana-Meditation angehen. Insbesondere geht es um das Thema „Loslassen“ und „Liebevolle Annahme“, Nicht-Ich (anatta) und den „Kontrollfreak“ in uns. Da diese Themen ganz fundamental für Meditation und Alltag sind, möchte ich sie mit der Öffentlichkeit teilen (schwarz sind die Fragen, lila meine Antworten).

Damit Ihr folgen könnt und wisst, worum es geht, hier noch einmal der BLESSED-Kreis, den es gilt, sowohl in der Meditation als auch im Alltag unablässig zu durchlaufen, sobald man merkt, dass man nicht „im Hier und Jetzt ist“. (Näheres zu diesem Kreis findet Ihr hier auf diesem Blog)

 BLESSED

 

Es begann mit einer Schilderung, wie F. (für Fragender) mit einigen schwierigen Alltagssituationen umgeht, indem er den BLESSED-Kreis durchläuft. Meine Antwort hierzu war:

 Es ist Klasse, wenn es Dir gelingt, den BLESSED-Kreis in solchen Momenten zu durchlaufen; denke nur auch immer daran, dass BLESSED keine „Schmerztablette“ ist. Betrachte, was in Dir geschieht, und was immer es ist, VERSUCHE NICHT ES LOSZUWERDEN. Versuche, es zu verstehen. Lass es da sein und betrachte ganz genau, wie (aus alter Gewohnheit heraus) Du dazu tendierst, Dich mit den Emotionen zu identifizieren. Schau, welche Gedanken durch sie ausgelöst werden, und welche Gedanken sie umgekehrt  auslösen – papanca! Schau, wie es sich körperlich anfühlt. Betrachte Deinen inneren „Kontrolleur“, der Dir sagen will, dass die Dinge anders zu sein haben, als sie sind, nämlich so, wie „er“ es will und für richtig hält. Und betrachte einmal dieses „er“ … und gehe dem auf den Grund, was „er“ ist. Nicht intellektuell, sondern durch Beobachtung. Und versuche ebenfalls nicht, diesem „er“ den Mund zu verbieten. Hör Dir LIEBEVOLL an, was er zu sagen hat … diskutiere nicht mit ihm, lass ihm seine Meinung – er kann nicht anders als so zu denken, wie er denkt. Aber wie er denkt, fügt Dir mentalen Schmerz zu – verzeih ihm dafür. Verzeih ihm aus dem Verständnis und der Einsicht heraus, WAS „er“ ist. Nimm ihn in den Arm und nimm ihn liebevoll an.
„Er“ wird sich fast zwangsläufig dagegen wehren, weil „er“ das Gefühl hat, nicht ernst genommen zu werden. Gestehe es ihm zu, hab Mitgefühl mit ihm. „Er“ wird Dich bombadieren mit Zweifeln – über Deine ganze Praxis. Lass ihn! Es ist ok! Vergib ihm, nimm ihn liebevoll in den Arm, schließe ihn in Dein Herz – mitfühlend und verständnisvoll.

Im Folgenden nun die Antwortmail von „F.“ und meine unmittelbaren Antworten:

Ich verstehe, dass der BLESSED-Kreislauf nicht als Schmerztablette einzusetzen ist, mit dem man die leidvollen Gedanken bzw. Emotionen eliminiert. Es geht darum, diese leiderzeugenden Vorgänge als solche zu erkennen und zu verstehen, nach welchen alten Mustern der eigene Geist arbeitet.

Hmmmm … Ja. Und Nein *smile*

Es geht darum klar zu sehen, dass da zunächst überhaupt erst einmal nur Vorgänge, Abläufe und Prozesse (erst im „Außen“ [Geräusch trifft auf Ohr], dann  in der Folge in uns [das Geräusch „kommt uns zu Bewusstsein“]) stattfinden.

 Wir befinden uns also im Bedingten Entstehen: Sinnesreiz + Sinnenbewusstsein sind Grundlage für das Entstehen von behaglichem oder unbehaglichem (oder neutralem) Gefühl; behagliches oder unbehagliches (und eigentlich auch neutrales) Gefühl ist die Voraussetzung für das Entstehen für Begehren; Begehren  ist die Voraussetzung für das Entstehen von Anhaftung.

Bis zum Begehren inklusive handelt es sich nicht um Muster im psychologischen Sinne, sondern um reine neurologische Vorgänge gemäß dem Reiz-Reaktions-Schema, also Reizübertragungen.

Dann erst – ab dem Anhaften – erkennen wir, wie aus einem unpersönlichen neurologischen Reiz plötzlich das entsteht, was wir Leid nennen. Leid ist das, was entsteht, wenn wir aus einem unpersönlich entstandenen Gefühl eine persönliche Story machen, indem wir

1 . über das entstandene Gefühl und über das, was es ausgelöst hat (und einiges mehr) nachdenken und

2 . diesem entstandenen Gefühl einen Namen geben, nämlich „Wut“, „Trauer“ u.s.w.; auf diese Weise wird aus einem real entstandenen Gefühl ein Konzept, also etwas Nicht-existentes!!! Dieses Konzept können wir in unser Selbst-Konzept integrieren. Da es dann als zu uns gehörig interpretiert wird, denken wir wiederum darüber nach.

Zudem sehen wir, wie in der Anhaftung aufgrund der gedanklich-emotionalen Beschäftigung  mit dem Gefühl Feedbacks entstehen, also zB neue Gedanken, die dann neue Gefühle auslösen und wieder Begehren, welches selbst als Spannung (= unangenehme Körperempfindung) wahrgenommen wird und darüber wieder zu Gefühlen führt und so weiter und so fort. Diese gesamten Feedbacks nennt der Buddhismus „papanca“.

Und wir sehen, dass wir auf all diese Vorgänge in ihrem ersten Entstehen keinen Einfluss haben. Der Versuch, Einfluss zu nehmen (nämlich in erster Linie auf das Gefühl), kommt erst im Rahmen der Anhaftung zum Tragen. Die Anhaftung ist also – wenn man so will – unser „Problemlösemodus“. Wir versuchen, über unsere Gedanken das Gefühl zu beseitigen, verstärken es aber nur, indem wir ihm Aufmerksamkeit schenken. Und da sitzen auch die alten (psychologischen) Muster: Wir glauben, durch Nachdenken und Analyse die Kontrolle über die Ursache des unangenehmen Gefühls gewinnen zu können. Das ist der „Kontrollfreak“ in uns. In der Realität aber können wir nur einen Bruchteil dessen, was uns unangenehmes Gefühl beschert (oder angenehmes Gefühl „wegnimmt“) kontrollieren. In der vipâssana-Meditation lassen wir diesen Kontrollfreak so zu sagen ins Lehre laufen – wir reagieren nicht auf ihn, sondern lassen die Dinge, gegen die er sich auflehnt, auf sich beruhen.

Während die „papanca“ im Rahmen des Bedingten Entstehens vom Anhaften aus gesehen „rückwärts gewandt“ sind, erkennt man im weiteren Verlauf des Bedingten Entstehens nach dem Anhaften (also „vorwärts gewandt“), wie unser Selbstkonzept entsteht und dieses Konzept unterhalten und gestärkt wird. Hier (erst) kommen die alten Muster zum tragen, gemäß welcher wir auf bestimmte Situationen immer nach dem gleichen Prinzip re-agieren. Re-agieren, weil unser Handeln aufgrund der alten Muster automatisch abläuft, in Abgrenzung zu einem Agieren, welches wissensklar (vgl. das Satipatthâna-Sutta) einzig dem gegenwärtigen Moment Rechnung trägt. Dies stets gleiche Handeln erweckt in uns den Eindruck einer Stabilität, von etwas Statischem, eines unveränderlichen „ICH“. Nach welchen alten Mustern genau der Geist arbeitet spielt eine nur untergeordnete Rolle; entscheidend ist, DASS es nur Muster sind und wie sich das auf uns auswirkt, nämlich in der Illusion eines substanziellen „ICH“ (welches zusätzlich genährt wird durch die Identifikation mit dem Körper, den Gefühlen … kurz: den 5 Aggregaten).

Mir scheint es, als hätte AKZEPTANZ eine Schlüsselfunktion. Es geht darum, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie nunmal jetzt sind und nicht zu versuchen sie loszuwerden.

Ja, in der Tat. Indem wir versuchen, sie los zu werden, schenken wir ihnen Aufmerksamkeit und Energie – dadurch verstärken sie sich. Im Japanischen gibt es den etwas martialischen Ausdruck „Töten durch Nichtbeachten“ (weiß leider nicht mehr, wie es auf Japanisch heißt *smile*); das ist in etwa, was hier geschieht. Mit einer Besonderheit (und dies ist wirklich ganz fundamental für die gesamte buddhistische Lehre): Was lassen wir los? Nur die Gedanken an das Ereignis, nicht das Ereignis selbst. Warum? Weil wir ein Ereignis nicht loslassen KÖNNEN. Ein Schmerz, Geräusch, Duft … ist da. Das resultierende Gefühl … ist da. Das resultierende Begehren … ist da (erst in den höchsten meditativen Zuständen kann die Kette des Bedingten Entstehens bereits an einer dieser Stellen durchschnitten werden)

Ich denke, dass dem „Er“, von dem du sprichst, dadurch der Wind aus den Segeln genommen wird, da man auch das ganze Negative im jetzigen Moment annimmt und akzeptiert. 

Das Negative im jetzigen Moment Annehmen entspricht genau diesem oben beschriebenen Vorgang. Loslassen (und den Kontrollfreak „vor die Wand laufen lassen“ *smile*) IST gewissermaßen Liebevolle Annahme.

Ich habe das „Loslassen“ im BLESSED-Kreislauf in einigen Situationen falsch interpretiert im Sinne von „Nun lass es endlich los!“

Das ist in der Tat falsch interpretiert *smile*

Vielmehr ist damit wohl das Akzeptieren aber gleichzeitig NICHT Anhaften gemeint. 

Ok, also: Loslassen ist das diametrale Gegenstück zum Anhaften. Das bedeutet: Wenn Anhaften das gedanklich-emotionale Sich-verwickeln-lassen in ein Ereignis ist, dann ist Loslassen eben das Nichtweiterdenken jenes Ereignisses. Mehr steckt nicht hinter dem vielgerühmten Loslassen. Die einfache Formel:

Loslassen ≙ Liebevolle Annahme ≙ Infriedenheit / Anhaften ≙ Widerstand ≙ Leid

Ich habe in letzter Zeit im Alltag häufig BLESSED angewendet. Habe im Anschluss immer noch einen Metta-Wunsch in mir zum entstehen gebracht. Gerade „Möge mein Geist ruhig und friedvoll sein“ erzeugt in mir gleich eine leichte Entspannung.

Das ist auf jeden Fall gut und richtig 🙂

Aber wenn ich das Gefühl von innerem Frieden und Lächeln in mir erzeuge lasse ich beispielsweise dem Gefühl „Angst“ oder „Wut“ weniger Platz in mir. Ist es nicht so, dass ich diese Gefühle dann im gewissen Maße verdränge und ihnen nicht ausreichend Platz einräume? Das widerspricht in meinen Augen dem Denkansatz „Wut ist da. Hey, es ist o.k.!! Wut darf das sein.“ Andererseits kann es ja auch nur gut sein, wenn ich über den Metta-Wunsch mehr Gelassenheit in mir verspüre…..!?

Nein, Du verdrängst gar nichts. Weil Du das Gefühl der Wut selbst ja gar nicht anlangst. Verdrängung bedeutet „Ins Unbewusste verschieben und verhindern, dass es wieder hervortritt“. Das geschieht, wenn man unmittelbar nach dem Feststellen eines negativen Gedanken zum Meditationsobjekt zurückkehrt und sich auf das Meditationsobjekt fokussiert und absorbiert. Wir hingegen machen uns im BLESSED einen Mechanismus des Gehirns zunutze: Beobachte einmal, was geschieht, wenn Du von einem Gedanken fortgetragen worden bist und Dir dessen bewusst wirst. Was geschieht in der Sekunde, da Du diesem Gedanken Auge in Auge gegenüberstehst? Der Gedanke kommt  für einen Augenblick zum Stoppen und die Aufmerksamkeit sucht sich etwas anderes, womit sie sich beschäftigen kann. Dies ist immer das Naheliegendste, was eben da ist, und zwar irgendetwas, was sich „bewegt“ im Sinne von verändert. In diesem Atemzuge kommt die Aufmerksamkeit ganz leicht und fast von allein wieder in den gegenwärtigen Moment und zieht sich von dem Gedanken zurück. Das geschieht – noch einmal – NICHT durch eine Aktion des Praktizierenden, sondern durch das alleinige Sichbewusstwerden des „Nicht auf dem Meditationsobjekt Seins“.

Das Entspannen und Lächeln hilft dabei (in der Art einer reziproken Hemmung), dass die negativen Gedanken erst einmal nicht wieder auftreten. Sitzen sie aber tief, werden sie trotzdem wiederkommen … und irgendwann sich auflösen. DANN sind sie verarbeitet.

Zudem motiviert das Entspannen und Lächeln dazu, dem alten Muster des „dem Gedanken Nachgebens und Weiterdenkens“ (= Anhaftens) nicht zu folgen, da der Organismus merkt: „Aha, es fühlt sich viel besser an, NICHT anzuhaften“ – das ist positive Konditionierung durch Aktivierung des Belohnungszentrums im Gehirn.

In der vipâssana-Meditation lernen wir also systematisch, nicht anzuhaften. Das Aufgeben des Anhaftens ist aber eine enorm schwierige Übung, eben weil unsere alten Muster alte und eingefahrene Muster sind, die ja selbst auch Objekt der Anhaftung sind – indem wir uns mit ihnen identifizieren. Daher hat der Buddha als Grundlage des Aufgebens des Anhaftens die (zunächst rationale) Erkenntnis von Nicht-Ich (anatta) gesetzt. Denn diese Erkenntnis hebelt auch den letzten Widerstand aus. Selbst der verzweifeltste Depressive, der da sagt: „Das bringt doch alles nichts! Ich kann nicht loslassen! Ich bin und bleibe traurig!“ wird diese Ansicht aufgeben, wenn er sieht, dass dies nichts weiter als Ansichten sind, entstanden aus „papanca“, und die wiederum aus völlig unpersönlichen Vorgängen. Es steckt niemand „hinter“ diesen Ansichten – es sind nur bedingt entstandene Gedanken, die mit der Wirklichkeit nichts zu tun haben. Auf diese Weise wird er sich fragen: „WER leistet denn da Widerstand? WER ist denn da traurig? WER zweifelt denn da an der Lehre des Buddha? Es ist niemand zuhause. Ich kann Kummer, Klage, Sorge, Leid, Trübsal und Verzweiflung einfach loslassen, weil da unterm Strich niemand ist, der all das empfindet.“

Mmh, das ist mit so einem westlichen Gehirn echt nicht leicht zu verstehen! 😉 Man ist bis jetzt häufig darauf bedacht gewesen, sich vor negativen Gedanken und Emotionen zu schützen und jetzt soll man genau diese leidbringenden Objekte akzeptieren.

Noch einmal: Wir akzeptieren zunächst nicht die Erscheinungen, sondern unsere Reaktion auf sie, erkennen sie als Nicht-Ich, als reine Reaktions-Muster, die unser Leid erschaffen. Erst in der Konsequenz schließen wir Frieden mit den Erscheinungen, weil wir dann nämlich erkennen, dass es nicht die Erscheinungen sind, die uns Leid zufügen, sondern unsere Reaktion auf die Erscheinungen. Und die können wir loslassen, denn sie sind ja nicht ICH.

Ich meine langsam zu verstehen, dass sie sich genau dadurch auflösen, da der Geist irgendwann keine Lust mehr hat, wenn man nicht ständig mit ihm diskutiert und versucht zu widersprechen. 

Hahaha …. Darauf würde ich mich nicht verlassen ;). Zunächst einmal diskutieren wir ja nicht mit unserem Geist. Das hieße den Teufel mit dem Belzebub austreiben. Wir beachten ihn einfach nicht mehr, wenn er „zickt“ oder böse oder eifersüchtig wird. Es ist für uns in dem hohen Stadium der Erkenntnis von Nicht-Ich, als würde sich all das, was sich in unserem Geist abspielt, auf einer Kinoleinwand abspielen – ich kann es wahrnehmen, aber es ist nur ein Film. Der Mörder, der aus der Kinoleinwand heraus auf mich schießt, kann mich nicht verletzen. Wir brauchen also nicht den Filmprojektor zu zerstören; es reicht völlig aus, den Film als das zu würdigen, was er ist: Ein Film. Ebenso verfahren wir mit unserem Geist. Lass den Film einfach laufen … macht doch nichts. Im Gegenteil: Auf diese Weise kann sogar ein Krimi oder Drama oder Ähnliches erheiternd sein. Und das wollte der Buddha! Schau Dir mit freudvollem und heiterem Interesse an, was sich in Deinem Oberstübchen abspielt – und mach Dir nichts draus (sprich: Mach nicht mehr daraus als es ist, nämlich ein Film).

Ich hoffe, Ihr konntet ein wenig aus diesem Artikel für Euch und Eure Meditation herausziehen.

Von Herzen sendet Euch METTA & SMILES

„Phra“ Atishakaro (Michael) _/\_

Hindernisse in der Meditation

Zen-Mudra

Zen-Mudra

Das Problem ist jedem Meditierenden wohlbekannt: Man sitzt auf seinem Meditationskissen, und die Gedanken wollen und wollen einfach nicht zur Ruhe kommen. Oder aber: Kaum hat man sich niedergesetzt, schon döst man weg. Von Meditation keine Spur! „Was kann man da machen?“, diese Frage bekomme ich oft zu hören, und sie ist nicht leicht zu beantworten.

Eines sollte man sich wirklich vor Augen halten: Unser Geist ist keine Maschine, die man an- und abschalten kann – unsere Gedanken machen erst einmal, was sie wollen, und das den lieben langen Tag. Wir haben keine dauerhafte Kontrolle über sie – nie wird das deutlicher als in solchen Meditationen. Das erste also ist: Nutze diese Erfahrung als Erkenntnis. Du bist nicht Deine Gedanken, und Deine Gedanken sind nicht Dein Selbst. Ein „Ich“ oder „Selbst“ ist ja immer „selbstbestimmt“, und so könnten Deine Gedanken dann quasi zu sich selbst sagen: „Die Gedanken sollen so sein oder die die Gedanken sollen so sein.“ Geht aber nicht. Also hast Du hier schon einmal einen Einblick in die buddhistische Lehre von „Nicht-Selbst“ ;).

Aber nun zur Praxis: Ich erarbeite gerade einen stufenweisen, methodischen Aufbau von vipâssana-Meditation; mit jeder Phase oder Stufe geht es etwas tiefer in die Meditation hinein. Und beim Erarbeiten dieser Meditationen fiel mir auf, dass man die Stufen nicht einfach nacheinander „abarbeiten“ kann; es gibt auch „Rückschritte“, die es dann natürlich liebevoll anzunehmen gilt! Hieran kann man ein weiteres Mal sehen, dass die Dinge laufen, wie sie wollen, nicht wie wir wollen. Eine wunderschöne Übung in liebevoller Annahme. Und zudem verhindert es das Entstehen „spiritueller Arroganz“ („Ich bin ja so ein toller Meditierender!“)

Und auf diesem Grundsatz beruht auch die „Erste Stufe“: Es gibt immer Phasen, in denen wir nicht meditieren wollen oder können; das kann die unterschiedlichsten Gründe haben, von beruflichem oder familiärem Stress bishin zum einfachen „Ich hab keinen Bock zurzeit“. Kommt dann wieder die Zeit, da man sich aufs Kissen setzen möchte oder kann, kommt die Quittung: Müdigkeit, Fahrigkeit, Benebeltheit, Unruhe, Rast- und Ruhelosigkeit, und damit einher gehend Ärger und Unzufriedenheit. Letzteres überwindet man in der weisen Betrachtung, 1. dass es nur Ärger ist, mehr nicht. Kein Grund ihn persönlich zu nehmen ;), 2. dass alles im Leben kommt und geht – auch Ärger und 3., dass Ärger im Rahmen der Anhaftungen entsteht, und darunter versteht man das Grübeln und Nachdenken darüber, warum die Dinge sind, wie sie sind – also hört man auf über den Ärger nachzudenken … und nimmt ihn liebevoll an, bis er von allein verschwindet.

Was aber bleibt ist die Rast- und Ruhelosigkeit oder die Müdigkeit und Schlappheit. An dieser Stelle kann ich nur dazu raten, diese Zustände als eine Art „zweites Meditationsobjekt“ zu wählen.

Du kannst versuchen, Deinen Atem als Mittelpunkt der Betrachtung zu wählen, aber nur, um Dich überhaupt ein wenig zu zentrieren. Beobachte vor allem mit freudvollem Interesse und in heiterem Gewahrsein, wie Deine Gedanken zunächst sehr weite Kreise ziehen, bevor es Dir zu Bewusstsein kommt und Du wieder zum Atem zurück gelangst. Und kaum dort angelangt, bist Du schon wieder weg. Das mag eine ganze Meditationssitzung über so gehen, aber: Es ist nicht schlimm! Das ist das Entscheidende. Mein Tipp: Auch wenn Du gewohnt bist, vielleicht eine Stunde in Meditation zu sitzen – an dieser Stelle ist es besser, vielleicht nur eine halbe Stunde zu sitzen, dann steh auf, koch Dir einen Kaffee, und nach 10 Minuten oder so setzt Du Dich ein weiteres Mal eine halbe Stunde. Dann machst Du wieder 10 Minuten Pause, und dann setzt Du Dich noch einmal eine halbe Stunde. In der Regel wirst Du in dieser dritten Sitzung feststellen, dass Deine Gedanken nicht mehr wie ein dichter Nebel sind, sondern immer häufiger konkrete Gedanken zu einem Thema auftauchen. Die tragen Dich dann zwar immer noch weg, aber es ist ein Fortschritt, denn es ist ein Zeichen dafür, dass Du langsam in die Ruhe kommst, da Dein Geist nun wieder klare Gedanken fassen kann. Und klare Gedanken kann man leichter loslassen, somit werden die „Schleifen, die Du fliegst“ immer kleiner, und Dir wird vor allem klar, was Dich zurzeit besonders beschäftigt! Das ist wichtig und ein Sinn von Meditation.

Wichtig ist auch … das Lächeln! Wenn Du auf dem Atem bist, dann lächle in Deine Atemzüge hinein. Gut, das ist ohnehin im Sinne des Buddha, wenn er sagt „Freude empfindend will ich einatmen, Freude empfindend will ich ausatmen“ (Satipatthana-Sutta); aber es ist sehr nützlich, in alles, was Dir zu Bewusstsein gelangt, hinein zu lächeln. Wenn Du feststellst, dass Du mit Deinen Gedanken meilenweit weg warst, dann lächle in diese Tatsache hinein. Sag Dir: „Hey, das ist ja interessant, wo mein Geist mich wieder hingebracht hat … und es ist auch völlig in Ordnung … interessantes Thema auch … aber nicht jetzt, denn jetzt ist Meditation … :D“ und dann lächelst Du liebevoll und kehrst zurück zu Deinem Atem.

Wenn ich hier dauernd vom Atem spreche und nicht von Metta – der Praxis, die ich ja eigentlich lehre, dann deshalb, weil wir uns hier noch nicht in der „eigentlichen“ Meditation, sondern in einer Phase befinden, die von manchen Lehrern als „Zugangskonzentration“ beschrieben wird. Aber ich mag den Begriff nicht, denn wir konzentrieren und fokussieren unseren Geist nicht, zwingen ihn nicht, sondern lassen ihn sich von selbst beruhigen! Aber er tut das in seinem eigenen Tempo, und das ist das Wichtige. Worum geht es denn? So schnell wie möglich in die tiefsten Sphären der Meditation zu gelangen? Oder vielleicht doch eher um einen liebevollen und sanften Umgang mit uns und unseren grauen Zellen? Sie arbeiten hart, also lass sie runterkommen – es ist etwa, als würdest Du einem Leistungssportler dabei zuschauen, wie er nach einem Langstreckenlauf noch einige Runden um den Platz ausläuft, bis er endgültig zur Ruhe kommt. Was auf den Körper anwendbar ist, ist immer auch auf den Geist anwendbar, es ist wichtig das zu sehen.

Also: Keine Meditation ist schlecht, und sei sie noch so schlecht 😀 Es kommt nur darauf an, was Du aus der Situation machst – je mehr Freiheit Du Deinem Geist lässt, sich ganz natürlich zu verhalten, desto eher gelangst Du in die Ruhe und dann in tiefe Meditationen, und zwar ohne Kopfschmerzen!

So, das war mal wieder was zum Thema Meditation. Ich hoffe, diejenigen von Euch, die Meditation praktizieren, können etwas damit anfangen.

Ich sende Euch METTA & SMILES

„Phra“ Michael

Ent-Wicklung

DSC00119

In einer runden Zelle sitzen

aus schwerem Stein

nur vier kleine Fensterchen –

eins nach Norden, eins nach Osten,

eins nach Süden, eins nach Westen heraus.

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen 

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Farbe und Form.“

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und aufstehen und zum Fenster nach Norden gehen.

Und das Meer, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Osten gehen.

Und die Dünen, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Süden gehen.

Und weite Kornfelder, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

Und zum Fenster nach Westen gehen.

Und den Wald, den Himmel und die Wolken sehen.

Und denken: „Nichts da.“

 

Und sich setzen, die Beine kreuzen,

die Augen schließen

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen öffnen.

 

Und nicht aufstehen.

„Nichts da. Nichts da!“

 

Und die Augen schließen  

und eintreten in die Vertiefung.

 

Und nach einer Weile

austreten aus der Vertiefung

und die Augen nicht öffnen.

Und sich selber sehen …

Und sich seiner selbst bewusst sein.

Und fühlen: „Nichts da! Nichts da!“

 

Und aufstehen

und durch die Wand hinausgehen

in die Welt.

(K)eine Reise zu mir selbst

Alles, was hier ist, ist auch anderswo;

und was hier nicht ist, ist nirgendwo

(Saraha)

 

DSC00138Der Pauenhof am Niederrhein. Eigentlich Pfauenhof, weil hier in früherer Zeit Pfauen gezüchtet wurden. Wie wurde aus „Pfauenhof“ der „Pauenhof“? So genau weiß man es nicht. Aber eines ist sicher: Es ist ein besonderer Ort, DSC00137dieser, wenn man an ihm vorbei fährt,  unscheinbare Hof. Und viel weiß man nicht wirklich über ihn. Im zweiten Weltkrieg haben die damaligen Betreiber vielen jüdischen Bewohnern aus dem Umland erfolgreich Versteck und Schutz vor der Nazi-Verfolgung gewährt. Was nach dem Krieg geschah, ist mir nicht bekannt. Vor etwa zwanzig Jahren übernahm „Michel“ den Hof, damals zurückgekehrt von einer Reise aus Indien und Nepal, wo er mit dem buddhistischen „Glauben“ und insbesondere dem tibetischen Buddhismus in Berührung kam. Er gründete zusammen mit einem tibetischen Lama das Meditationszentrum „Dharmasala“.

 Mythologisch wird der Pfau als ein Tier beschrieben, das weniger an den Schönheiten des Waldes als an den Giftpflanzen interessiert ist. Diese sucht er und nimmt sie zu sich. Das Besondere ist, dass der Pfau, indem er Gift frisst, immer noch schöner wird, da er in der Lage ist, die schädliche Substanz umzuwandeln und für sich zu nutzen. Das ist die besondere Eigenschaft des Pfauen, und sie wird als Symbol für den Bodhisattva und seinen Umgang mit Leiden gewählt. Ein Bodhisattva ist ein Mensch, der sich auf dem Weg zur

Bodhisattva-Statue

Bodhisattva-Statue

Buddhaschaft zum Wohle aller Wesen befindet. Eine solche Person ist in ihrem Geist so eingestellt, dass sie eigene Leiden an Körper und Geist als etwas Geringes auffasst, als etwas nicht weiter Beachtenswertes. Die Leiden der anderen dagegen empfindet sie als unerträglich, und sie sieht es als ihre hauptsächliche Verantwortung an, diese Leiden zu beheben. Der Geist eines Bodhisattva ist sehr weit. Er hat ein großes Verantwortungsgefühl und nichts anderes im Sinn, als die Wesen von ihren Qualen zu erlösen. Deshalb setzt er das Glück der anderen über das eigene Wohl. Wenn eine Person mit einer solchen altruistischen Motivation selbst Schwierigkeiten erlebt, benutzt sie diese als Mittel, um das Leiden der anderen zu verringern.

 Für mich ist der Pauenhof der Ort, an dem ich meinen ersten buddhistischen

*smile*

*smile*

Lehrer traf, der meinem Weg – bis dahin dem Soto-Zen gewidmet – eine neue Richtung verlieh: Die des Theravada. Und es ist erstaunlich, welche Veränderung sich hierdurch in meinem Leben manifestierte. Das „Umswitchen“ von der Strenge des Zazen und den peinlichst genau einzuhaltenden Ritualen des japanischen (und spürbar von der Samurai-Tradition geprägten) Zen, in welchem alles, aber auch wirklich alles haargenau strukturiert ist, und der dem Geist keine Chance lässt, sich vom gegenwärtigen Moment zu entfernen, hin zur Meditation der Liebenden-Güte und der Einsichtsmeditation, mit Mönchen als Lehrern, die teilweise sogar ihre Roben einfach nur „irgendwie“ anlegen (obwohl es durchaus auch da bestimmte Formen einzuhalten gäbe, die aber zugunsten der achtsamen Entfaltung des Geistes und im Sinne der Befreiung von Anhaftungen an Regeln geflissentlich vernachlässigt werden), und die – im Gegensatz z.B. zur thailändischen Tradition (die ich als Mönch vor Ort erleben durfte) sogar auf Niederwerfungen und Rezitationen verzichten … alles im Dienste der wohlverstandenen Achtsamkeit. Diese wirklich aufrecht zu erhalten erfordert Disziplin und Hingabe genug – da bedarf es keiner Rituale mehr – im Gegenteil werden sie allenthalben lästig.

Ein Hauch von Tibet

Ein Hauch von Tibet

Dies ist also der Ort, an den ich immer wieder einmal zurückkehre, regelmäßig ein oder zwei Mal im Jahr, und nun, aufgrund meiner Zeit im Kloster in Thailand und der Prüfung zum psychotherapeutischen Heilpraktiker, zum ersten Mal wieder nach fast zwei Jahren. Früher kam ich für Retreats (= „Exerzitien auf buddhistisch“), heute, um – ohne Lehrer – für einige Zeit in Klausur (seclusion) zu gehen – 10 Tage ohne Internet (jedenfalls weitgehend), ohne Telefon, ohne Musik, ohne sinnloses Geschwätz (mit Ausnahme von dem in meinem Kopf *smile*) – nur Sitzmeditation, etwas Sport, Taichi / Qi Gong, Gehmeditation, gelegentlich etwas Zen-Flöte spielen, einfach nur so dasitzen, kochen essen, urinieren, defäkieren, schlafen. Und es ist immer

Tibetische Gebetsmühlen

Tibetische Gebetsmühlen

wieder ein wenig wie ein nach Hause kommen. Die Reise dorthin ist lang, 3 Stunden mit dem Zug, dann noch einmal fast 45 Minuten mit dem Rad. Und dann: Ankommen … sich auf die Bank im Innenhof setzen, eine Pfeife rauchen und die Atmosphäre und – vor allem – die Stille wirken lassen.

 Es ist eine merkwürdige Form gespannten Friedens, die mich ein jedes Mal durchdringt. Gespannter Friede … augenscheinlich ein Widerspruch, und doch: Es ist ein Gefühl von Frieden, DSC00123eines Friedens, der nichts erwartet, und eine Gespanntheit, ob es gelingen wird, diese erwartungsfreie Absichtslosigkeit aufrecht zu erhalten. Was erwartet mich? Werde ich in liebevoller Annahme (weiter) verweilen können, auch wenn plötzlich eine Großgruppe hier eintrifft, um ein Wochenend-Seminar abzuhalten? Denn das passiert beizeiten – und ist auf der Homepage nicht angekündigt, sodass es für mich immer wieder eine Überraschung ist. So auch dieses Mal: Eine Gruppe von etwa 30 Gestalttherapeuten trifft am Samstag ein. Eine Art „Supervisionsgruppe“, die aber mit Spiritualität nichts zu tun hat. Stattdessen verbreiten sie eine große Unruhe und sind sehr laut – nicht zuletzt, weil sie abends draußen nett beisammen sitzen, literweise Wein in sich hineinschütten und zur Gitarre das Lied von den Moorsoldaten „singen“ (es sei erwähnt, dass auf dem Hof grundsätzlich Alkohol- und Drogenverbot herrscht …). Für mich eine erste Herausforderung … bin ich doch dorthin gekommen, um Stille zu genießen. Und es erscheint fast mottohaft, wenn man unweigerlich x-Mal am Tag folgendes Schild passiert:

"Es ist nicht der Lärm, der Dich stört - Du bist es, der den Lärm stört!" (Ajahn Chah)

„Es ist nicht der Lärm, der Dich stört – Du bist es, der den Lärm stört!“ (Ajahn Chah)

Kaum ein Satz begleitet mich intensiver auch in meinem Alltag. Denn so ist es: Dinge welcher Art auch immer geschehen aufgrund einer inneren Stimmigkeit, im Rahmen einer kosmischen Harmonie. Was immer jetzt ist, hat seine Berechtigung aus sich selbst heraus, da zu sein – Geräusche, Düfte, Schmerz, Emotionen. Sie entstehen, weil ihre Entstehensbedingungen vorlagen. Erst mein Widerstand „stört“ diese kosmische Ordnung, weil „Ich“ die Dinge anders haben will, als das ewige Prinzip von Ursache und Wirkung es vorsehen. Und auf eine merkwürdige Weise durchdrang mich dieses Mal diese Erkenntnis, erreichte das im Kopf Verstandene mein Herz … und ich spürte keinen Widerstand gegen die lärmende Gruppe. Ich ließ sie gut sein.

 Zur Wand sitzen

Die ersten Meditationen verliefen mäßig. Erwartungsgemäß. Denn nach all dem, was sich in den letzten 15 Monaten bei mir ereignet hatte, war es klar, dass mein Geist ein wenig Zeit benötigte, zur Ruhe zu kommen. Und sind es nicht zuletzt die „schlechten“ Meditationen, die uns am meisten lehren? Vipâssana-Meditation bedeutet, sich selber zu erkennen. Und die vielen Gedanken, die uns scheinbar von der tiefen Meditation abhalten, sind unsere Lehrmeister. Sie zeigen uns, wo unsere Anhaftungen liegen, was wir nicht loslassen können (denn es ist Unsinn zu sagen, dass uns etwas „nicht loslässt“ – es sind immer wir, die die Dinge nicht loslassen *smile*). Vipâssana-Meditation beginnt nicht mit dem Erreichen von jhânas (Meditationstiefen), mit dem Aufkommen eines Gefühls von Freude, Glückseligkeit und Frieden; vipâssana beginnt mit der bewussten Wahrnehmung der so genannten Hindernisse, die uns davon, in die tiefe Versenkung zu kommen, abhalten. Insoweit gibt es in der vipâssana keine schlechte Meditation! Wenn man in diesem Bewusstsein (und vor allem ohne die Absicht oder Erwartung, in tiefe jhânas zu gelangen) sich auf das Kissen setzt, beruhigt sich der Geist irgendwann von allein. Überhaupt geschieht alles in der Meditation von allein – nichts wird produziert, nichts herbeigeführt … die Geistesruhe kommt, oder sie kommt nicht … der Widerstand gegen die Unruhe erzeugt Unruhe, der Gleichmut gegenüber der Unruhe erschafft Gleichmut.

DSC00111Und so verbrachte ich den gesamten dritten Tag meiner

Amithaba-Buddha - der Buddha unendlichen Mitgefühls

Amithaba-Buddha – der Buddha unendlichen Mitgefühls

seclusion in einer kleinen runden, von Bambus umgebenen Nische des Hofes vor dem Bildnis des Amitabah-Buddha vor einer weißen Wand. Ganz, wie es im Zen üblich ist. Und nachdem ich mir nach einigen Stunden auch im Herzen darüber klar wurde, dass es um nichts dabei geht, hier zu sitzen, dass es nichts zu erreichen gilt und den Buddha betrachtete in einem Bewusstsein, dass das „einfach nur so da und sein Selbstzweck ist“, ja, dass es gar keine Meditation gibt und niemanden, der meditiert, und auch keinen Bambus und keinen Buddha und keine Fliegen und keine Mücken und keinen Schmerz und keine Emotionen … schloss ich die Augen und war angelangt im … „Jenseits“. Nichts mehr da. Nur Erscheinungen ohne Namen, nur noch Begriffe ohne Inhalt, nur noch Empfindungen ohne jede Bedeutung – sogar die sagenhaft tief empfundene Freude war nicht von geringstem Belang. Den Rest des Tages verweilte ich in dieser wundervollen Stimmung. Und dann, am nächsten Morgen, setzte ich mich in der Gewissheit auf mein Kissen, dass der heutige Tag sich ebenso gestalten würde. Und damit saß ich … mit dem Kissen in der Falle: Anhaftung! *laaaach* Nur mit Mühe konnte man das, was ich da betrieb, als Meditation bezeichnen. „Nun, lass es gut sein!“

 „Offene Weite …“

Meine kaputten Bandscheiben machten sich kurz darauf wieder bemerkbar. Und im Nachhinein frage ich mich, ob das völlig ausgelegene Lattenrost meines Bettes dafür verantwortlich zeichnete, oder … mein Kopf. Meditationen von einer Stunde Länge ohne auch nur die kleinste Bewegung waren nach bereits vier Tagen kaum mehr möglich, was mich verdross. Und je mehr ich mich meiner Ungeneigtheit hingab, desto größer wurde auch der Schmerz in meinem Rücken. Da waren sie wieder, meine alten Muster und Strukturen, der „Widerstand gegen das, was ist“. Es half naturgemäß wenig mir zu sagen: „Es sind nur Gedanken … ich vergebe mir und nehme mich liebevoll an.“ Eines meiner Ziele des Aufenthaltes auf dem Pauenhof war es freilich, die Meditationsform der „Vergebungsmeditation“ so weit zu ergründen, dass ich sie auch weitergeben kann (denn diese Form der Meditation ist von ungeheurer Kraft und geeignet, psychisch labile Menschen in schwere Depressionen zu stürzen. Sie bricht alles auf, sprengt alte Muster und Strukturen und zurück bleibt ein Gefühl völliger Leere. Nur in Begleitung eines erfahrenen Lehrers kann diese Leere dann in etwas Positives transformiert werden und ein sanfter Übergang stattfinden zur Meditation der Liebenden-Güte.) Die beste Meditationsform aber bringt nicht weiter, wenn sie nicht im Herzen spürbar ist. Und so legte ich sie beiseite und verlegte mich aufs Schauen. Nur sitzen und schauen, und den beizeitenDSC00107 heftigen Gewittern mit Blitz und Donner beim Geschehen zusehen. Und den Duft von nassen Kornfeldern und Kuhdung wahrnehmen … mich bezaubern lassen – oder besser (wie es Dr. Wolf-Dieter Storl treffend sagt): Mich entzaubern lassen, frei von Konzepten die Dinge so-sein lassen. Mich begeistern lassen von der Natur. Nur sitzen und schauen. Es war sicherlich keine klassische Meditation, wie ich sie an meine Schüler weitergeben würde, die ich da praktizierte, und gleichwohl war es eine Art von Meditation – eine, die mich in eine etwas andere Stille führte, die die Stimmen in meinem Kopf klar und deutlich werden ließ, wenn sie kamen, so dass ich sie verstand. Und eine, die Tränen fließen ließ.

 „Wer noch niemals in der Meditation geweint hat,

der hat auch noch nie meditiert“

(Ajahn Chah)

Offene Weite

Offene Weite

Shikantaza - einfach nur so sitzen

Shikantaza – einfach nur so sitzen

Mein neuer Lehrer

Darf ich vorstellen? Mein neuer Lehrer: „Ajahn“ Raphael *smile*

DSC00141

Einer meiner häufigsten „Lehr“sätze lautet: „Wer weiß, wofür es gut ist?“ Und so begab es sich aufgrund meines Rückens, dass ich weitaus weniger Zeit auf dem Kissen verbrachte, als einfach nur damit, in Gehmeditation durch den Garten des Hofes zu lustwandeln, inmitten von Buddhas und Stupas, Obstbäumen und Brennnesseln (die übrigens auch frisch gepflückt sehr lecker schmecken *smile*).

DSC00122DSC00124

Kein Kommentar *smile*

Kein Kommentar *smile*

Und oft begegnete ich dabei einer der festen Bewohnerinnen des Hofes, Yana (was amüsanter Weise auf Pali „Der Weg“ bedeutet), und ihrem Sohn Raphael, der während meines Aufenthaltes ein Jahr alt wurde. Und es zeigte sich, was geschehen kann, wenn man den Dingen einfach ihren Lauf lässt.

Die Vier Edlen Wahrheiten habe ich verstanden. Das Bedingte Entstehen habe ich verstanden. Die drei universellen Charakteristika anatta (Nicht-Selbst), anicca (Vergänglichkeit) und dukkha (das Wesen des Leids) habe ich verstanden. Ich verstehe mich auf Meditation und auf vieles mehr. Aber: Verstehe ich mich auch darauf, einen Grashalm oder einen Legostein 10 Minuten lang zu begutachten und zu erforschen? Verstehe ich mich darauf, was immer ich in meinen Händen halte, einem fremden Menschen darzureichen? Ihn an der Neuentdeckung teilhaben zu lassen? Verstehe ich mich darauf, alles immer wieder als neu und unbekannt zu betrachten; allem zu erlauben, mich immer wieder auf’s Neue zu verzücken und zu faszinieren? Kann ein Kieselstein mich in seinen Bann ziehen? Oder eine Fliege? Verstehe ich mich darauf, zu lachen, wenn ich fröhlich bin? Und zu weinen, wenn ich traurig bin?

 „Lasst die Kinder zu mir kommen; hindert sie nicht daran! Denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes. Amen, das sage ich euch:  Wer das Reich Gottes nicht so annimmt, wie ein Kind, der wird nicht hineinkommen.“ (Ev. nach Markus, Kapitel 10.13-16)

 Die Erlebnisse mit „Ajahn“ (so nennt man eigentlich anerkannte buddhistische Lehrer *smile*) Raphael brachten mir auf eine sehr subtile Weise eine Art Heilung. Und es rührte mein Herz an, als ich erfuhr, was der Name Raphael bedeutet: „Gott heilt“.

 Wohin geht die Reise?

Sicher nicht dahin, wohin wir glauben, dass sie führt; und schon gar nicht

Treppen, die ins Leere führen ...

Treppen, die ins Leere führen …

dorthin, wohin wir wollen. Brücken führen ins Nichts, Treppen steigen auf in die Leere … und nur, wenn wir verstehen, dass das Nichts und die Leere unser Ziel ist, haben wir eine Chance, es zu erreichen.

Brücken, die ins Nichts führen ...

Brücken, die ins Nichts führen …

Wer nicht suchet, der findet. Der Rückweg ist der Hinweg, der Hinweg ist der Rückweg. Der Aufbruch ist das Ankommen, das Ankommen der Aufbruch. Kaum eines der Ziele, die ich mir für die 10 Tage gesetzt hatte, hatte ich erreicht. Und doch habe ich vermutlich mehr gelernt, als ich mir „erhofft“ hatte. Das Wetter war so unbeschreiblich wechselhaft wie meine Stimmungen und Emotionen – in 10 Tagen gab es Sturm, Gewitter, Dauerregen, strahlenden Sonnenschein mit über 30°C, fast tropisch anmutende drückende Schwüle … eigentlich alles, was man sich vorstellen kann,  bis auf Schnee *smile*. So ist das Leben. So ist der Weg.

 Auf einen abgerissenen Zettel, den ich in meiner Jackentasche auf der Rückfahrt im Zug fand, notierte ich:

„Blick auf die Klemme einer Halterung am Fahrrad. In der Peripherie: Bewegung und Geräusch – einfach nur so. Warum sollte die Zugfahrt  so bald wie möglich enden? Sie könnte meinethalben noch Stunden dauern – lass mir nur den Blick auf diese Klemme … dann kann sie Ewigkeiten überdauern. Auf ihre Weise tut sie das ja ohnehin. Die Kunst, so scheint mir, ist, sich zu freuen auf das Ende, und den Weg zu würdigen, und sich zu erfreuen am Weg, ohne sein Ende zu verdrängen. Leben ist Sterben. Sterben ist Geburt – welch freudvolle Harmonie im Frieden der Vergänglichkeit.“

 DSC00148DSC00147

Wer kein Ziel hat, der kann sich auch nicht verlaufen …

DSC00112

Die „Absichts-Falle“

Auch Meditationslehrer sind nicht ‚unfehlbar’. Und ich finde es wichtig, auch darüber zu berichten, wenn man als ein solcher einmal in eine Falle tappt, vor der man sonst immer warnt. Daher berichte ich heute einmal über die „Die Absichts-Falle“

Namasté 🙂

Heute möchte ich Euch von einer Erfahrung berichten, die vor allem für diejenigen unter Euch von Bedeutung sein mag, die regelmäßig vipâssana-Meditation praktizieren.

Wie Ihr ja wisst, habe ich eben einen etwa eineinhalbjährigen Lern-Marathon hinter mir, der vor 10 Tagen mit meiner „HP-Psych“-Prüfung endete. Und es wunderte mich nicht allzu sehr, dass mich drei Tage nach der Prüfung eine Erkältung niederstreckte, wie ich sie seit Jahren nicht mehr erlebt habe – Mandelentzündung, mittelschwere Bronchitis, schwere Stirn- und Nebenhöhlenentzündung und -vereiterung, all das begleitet von andauernden Kopfschmerzen. „Nun“, dachte ich bei mir, „das ist eine klare Reaktion auf die enorme Belastung – immerhin habe ich ja neben der Prüfungsvorbereitung ja auch noch gearbeitet. Also: Wofür bist Du Meditationslehrer – komm doch einfach wieder in die Entspannung, und damit hat sich das!“

Nun, während die Erkältungserscheinungen richtig heftig waren, war an methodische Meditation kaum zu denken; doch sobald ich wieder halbwegs durch die Nase atmen konnte, setzte ich mich auf mein Kissen. Die Meditationen waren zunächst von einer Tiefe eines Anfängers, aber mein Wissen und meine Erfahrung ließ mich darüber nicht verzweifeln, denn, so sage ich meinen Schülern immer wieder, „es ist wie mit einem D-Zug mit 100 Waggons: Wenn er in voller Fahrt ist, wirst Du ihn nicht innerhalb von 10 Metern zum Stehen bringen. Ebenso verhält es sich mit unserem Geist / Denken – gib ihm etwas Zeit, die Fahrt zu verlangsamen.“

Doch mir selbst gelang genau das nicht, was ich meinen Schülern immer sage. Ich bemühte mich zwar, diese Tatsache liebevoll anzunehmen und mir meine Vorwürfe hierzu zu vergeben. Doch aus das beruhigte meinen Geist nicht.

Was mich sehr irritierte war, dass meine Kopfschmerzen (die sicherlich teils organischen, aber sicherlich zu gleichen Teilen somatoformen Ursprungs waren) während der Meditation nicht – wie sonst – verschwanden; auch konnte ich sie während der Meditation nicht recht loslassen, und so verstärkten sie sich noch (was ganz normal ist, wenn man sich auf einen [physischen oder psychischen] Schmerz fokussiert). Die ganze Meditation über empfand ich zudem eine enorme Spannung in meinem Kopf, ganz so, als würde sich meine  Gehirnmembran mit aller Kraft zusammenziehen.

So auch vorhin. Also brach ich nach bereits einer dreiviertel Stunde die Meditation ab, kochte mir eine Tasse Kaffee, hüllte mich in eine warme Decke und setzte mich auf meinen Balkon. Und wie ich da so saß, merkte ich, wie meine Kopfschmerzen … verschwunden waren. Auch erfuhr ich plötzlich eine Erleichterung in meinem Kopf … die Spannung wich von Minute zu Minute. Und plötzlich wurde mir klar:

Ich hatte meditiert,

* um meine Kopfschmerzen los zu werden,

* um die Spannung in meinem Kopf zu lösen,

* um nach der Prüfungsphase wieder ‚zu mir zu kommen’,

* um möglichst schnell wieder in die höchsten jhânas (Meditationstiefen) zu gelangen

* um möglichst schnell wieder jenes Gefühl von Frieden und Liebe zu empfinden, welches mich bis vor einem Jahr etwa stets begleitet hatte,

* um schnellstmöglich wieder jene Klarheit und Achtsamkeit zu erlangen, die ich versuche, meinen Schülern zu vermitteln,

DSCF0622Lauter „um zu’s“!! Das war das Problem. Es mangelte mir in der Meditation schlicht und ergreifend an Absichtslosigkeit. Ich war in genau dieselbe Falle getappt, vor der ich meine Schüler immer warne! Hier nun, auf meinem Balkon, inmitten meiner kleinen Birken, umgeben vom Gayatri-Mantra, das ich vor Jahren an die Balkon-Brüstung gepinselt habe, und umgeben vom Zwitschern der Vögel, dem Rauschen der Blätter, dem Geruch von Frühling, dem blauen Himmel und dem Wind in meinem Gesicht … war Friede! Ich saß einfach nur so da, ohne jedes „um zu“.

Und mir wurde wieder bewusst, worum es letztendlich geht: Um einen liebevollen Umgang mit sich selbst, der sich in Wechselwirkung mit liebevoller Absichtslosigkeit ergibt! Es geht nicht ums Meditieren, noch geht es ums Nicht-Meditieren, noch geht es ums weder Meditieren noch Nicht-Meditieren, es geht einzig ums einfach nur so da sein!

In diesem Sinne werde ich mich jetzt wieder auf meinen Balkon setzen und weder meditieren noch nicht meditieren 😉

Einen schönen, sonnigen und absichtslosen Sonntag wünscht Euch und sendet von Herzen

METTA & SMILES

„Phra“ Michael

„Abwun“ – Das ‚Vater Unser‘ auf aramäisch

Aramäisch ist die Sprache, die Jesus seinerzeit sprach. Mich berühren die beiden gesungenen Versionen, die ich gern mit Euch teilen möchte, ebenso, wie die (von dem uns bekannten Text des Vater Unser abweichenden) Übersetzung. Ich bin tief bewegt – vielleicht geht es Euch ja ähnlich.

Abwun d’bwashmaya
Nethqadash shmakh
Teytey malkuthakh
Nehwey tzevyanach aykanna d’bwashmaya aph b’arha.

Hawvlan lachma d’sunqanan yaomana
Washboqlan khaubayan (wakhtahayan)
aykana daph khnan shbwoqan l’khayyabayn
Abwoon D’Bashmaya

Wela tahlan l’nesyuna
Ela patzan min bisha
Metol dilakhie malkutha wahayla wateshbukhta
l’ahlam almin.
Ameyn.

O cosmic Birther,

from whom the breath of life comes

who fills all realms of sound, light and vibration

May Your light be experienced in my utmost holiest

Your heavenly Domain approaches

Let Your will come true in the universe (all that vibrates)

as on earth (that is material and dense)

Give us wisdom (understanding assistance) for our daily need

Detach the fetters and faults that bind us

Like we let go the guilt of others

Let us not be lost in superficial things (materialism, common temptations)

But let us be freed from what keeps us off from our true purpose.

From You comes the all-working will, the lively strength to act

The song that beautifies all and renews itself from age to age

Sealed in trust, faith and truth (I confirm with my entire being)

Kurzvortrag: Achtsamkeit

Mit diesem Kurzvortrag über die Achtsamkeit beginne ich eine ganze Reihe von kürzeren oder längeren Vorträgen zu Themen aus der buddhistischen Lehre, die man sich auf youtube in Ruhe anhören oder auch hier nachlesen kann. Viel Freude und Erbauung wünscht und sendet Metta

„Phra“ Michael

Transkript: Über die Achtsamkeit

Ich möchte mich heute einmal beschäftigen mit dem Thema „Achtsamkeit“. Was ist Achtsamkeit? Ich glaube, es gibt wohl kaum einen Begriff, der so häufig gebraucht ….. also natürlich vor allem im … Bereich Spiritualität gebraucht, und doch so missverstanden wird. Was ist Achtsamkeit?

Hm … vielleicht sollte wir damit beginnen zu schauen, was Achtsamkeit NICHT ist. Vielleicht einfach einmal zur Abgrenzung: Hm … Achtsamkeit wird sehr häufig verwechselt mit „Aufmerksamkeit“. Was ist Aufmerksamkeit? …. Wir sagen: „Ich widme einer Sache ganz meine Aufmerksamkeit“, oder: „Ich höre Dir aufmerksam zu“ – vielleicht tut Ihr das ja jetzt auch … ich weiß es natürlich nicht genau … ;o)

Nun, wie dem auch sei, …….. wenn wir einer Sache unsere Aufmerksamkeit widmen, dann bedeutet das, dass wir uns …. bewusst mit dem beschäftigen, worauf wir unsere Aufmerksamkeit – ebenfalls bewusst – gerichtet haben. Also beispielsweise … hm … das Schreiben des Einkaufszettels … oder … wenn wir irgendetwas dekorieren – vielleicht den Altar hinter mir oder so. Das ist eine Form der bewussten Aufmerksamkeit. Wir sehen also, dass der Begriff Aufmerksamkeit und der Begriff Bewusstsein eng miteinander verknüpft sind. Was ist Bewusstsein? ……….. Bewusstsein ist das, was weiß, könnte man sagen. Das WAS weiß? Das weiß, was jetzt eben geschieht. In dem Moment, da ich mir darüber klar bin, dass ich etwas Bestimmtes tue, handele ich bewusst.

Im so genannten „Bedingten Entstehen“, das Buddha lehrt, heißt es: Wenn zum Beispiel ein Geräusch da ist, und dieses Geräusch trifft auf mein gesundes Ohr, dann entsteht „Hörbewusstsein“. Etwas präziser müsste man eigentlich sagen: Wenn ein Geräusch an mein Ohr dringt und meine Aufmerksamkeit richtet sich hin zu dem Aufeinandertreffen von Geräusch und Ohr, dann entsteht Hörbewusstsein. Diese Präzisierung ist nicht ganz unwichtig, denn die meisten Sinneseindrücke, die wir erfahren, führen nicht zu einem Sinnenbewusstsein. Das liegt daran, dass das Gehirn selektiert – selektive Wahrnehmung nennt man das. Würden wir …. So jedenfalls sagt es die Neurowissenschaft … alles wahrnehmen, .. also bewusst wahrnehmen, was an Sinneneindrücken unmittelbar auf uns einprasselt, würden wir auf der Stelle verrückt ….. Reizüberflutung. ….. Also trifft das Gehirn eine … Vor-Auswahl dessen, was für uns wichtig ist oder zu sein scheint, und davon ist abhängig, ob wir etwas bewusst wahrnehmen. Auf … auf Buddhistisch … übersetzt heißt das: Von dieser Vorselektion ist abhängig, ob …. nachdem ein Sinnenobjekt … Geräusch, Duft, Geschmack … was auch immer …. Auf unsere Sinnentür … Ohr, Nase, Zunge … ähm …. getroffen ist, ob dann auch Sinnesbewusstsein entsteht; diese drei zusammen werden als Kontakt bezeichnet …… und zwar Kontakt … oder Kontaktaufnahme könnte man vielleicht auch sagen, zu unserer Umwelt. … Ok, das war ein kurzer Exkurs ins Bedingte Entstehen, aber kommen wir zurück zur Aufmerksamkeit.

Hm … nachdem, was ich eben dargestellt habe wird deutlich, dass nur in einem sehr begrenzten Maße wirklich …. also dass wir wirklich bewusst … handeln … oder auch denken. Die meiste Zeit des Tages denken wir …. hören wir, sehen wir, haben ….. Sinneseindrücke … also … ähm …. Empfindungen zB auf der Haut, oder wir schmecken oder riechen …. Aber es ist uns nicht bewusst. Und wie wir gesehen haben, ist das gut so, denn wir wollen ja nicht verrückt werden … also ich jedenfalls nicht …. ;o) …

Also: Aufmerksamkeit kann bewusst irgendwo hin gerichtet werden. Ist das nicht der Fall, so reden wir gemeinhin landläufig nicht von Aufmerksamkeit … wenn wir etwas nicht mitbekommen, obwohl wir es mitbekommen könnten, wenn wir die Aufmerksamkeit bewusst darauf richten würden, heißt es, wir sind unaufmerksam. Das ikennen wir alle aus der Schule. In der Meditation aber sehen wir, dass unsere Aufmerksamkeit sich durchaus ständig bewegt … wir sind uns dessen nur nicht bewusst.

Hm …. Beispiel: Du sitzt in der Meditation und hast Deine Aufmerksamkeit bewusst auf Deinen Atmen gerichtet. Aber nicht konzentriert … also nicht …. In einem Fokus, der alles andere auschließt und unterdrückt …. Das ist Konzentration-Absorption … in der Konzentrations-Absorbtionsmeditation – wie sie heute leider … muss ich sagen … meist gelehrt und wie Meditation meist verstanden wird, wird jede … hm … jede Geistesregung unterdrückt und man … presst gleichermaßen seine Aufmerkamkeit auf den Atem. Das führt sicherlich zu schönen Ruhezuständen, aber erstens erlngt man dadurch keine Einsicht oder Erkenntnis … und das ist das Ziel der vipâssana-Meditation … und zweitens führt es sehr subtil zu Spannung. … Hm … ok .. ich will darauf jetzt nicht näher eingehen. Viel wichtiger ist: Wenn wir während der Betrachtung unseres Atems die …. Aufmerksamkeit …. sozusagen … an der langen Leine lassen, also sie sozusagen … hm … ihr erlauben, sich ganz natürlich zu bewegen, dann sehen wir, dass zwei Dinge passieren können: Das erste ist: Während wir den Atem betrachten (oder irgendein anderes Meditationsobjekt, das ist egal, aber bleiben wir mal beim Atem ..), also während wir den Atem betrachten, bewegt sich unsere Aufmerksamkeit blitzartig vom Atem weg und wieder zu ihm zurück. ………. Also nehmen wir an, es entsteht irgendwo ein Geräusch …. Ein Auto fährt unter Deinem Fenster vorbei …… dann neigt sich Deine Aufmerksamkeit für den Bruchteil einer Sekunde dorthin ……. Man kann nicht sagen, wie schnell oder wie lange, aber es ist nur der Bruchteil einer Sekunde. Genau das mitzubekommen, genau diesen Augenblick zu sehen, da die Aufmerksamkeit sich vom Atem wegbewegt und sich dem Geräusch entgegen neigt, das ist … der … oder ein entscheidender Punkt in der vipâssana-Meditation. Was passiert nämlich, wenn, uns diese Bewegung der Aufmerksamkeit bewusst ist, wir es wirklich mitbekommen haben? Die Aufmerkamkeit kommt unmittelbar wieder zurück zum Atem. So, und das ist Achtsamkeit! Achtsamkeit bedeutet, sich jederzeit darüber bewusst zu sein, wohin unsere Aufmerksamkeit sich neigt. Das ist die Definition von Achtsamkeit, oder besser, von „vipâssana-Achtsamkeit“, also einer Achtsamkeit, die zu Erkenntnis führt, einer Erkenntnis, wie wir ticken … wie wir funktionieren.

Ok, das war, also was ich jetzt beschrieben habe, ist der Idealfall – wir sehen, die Aufmerksamkeit neigt sich zum Geräusch, und Nanosekunden später ist sie schon wieder beim Atem …. dem Meditationsobjekt. Meist aber …. Also das Problem, das Einsteiger bei der Meditation oft haben … oder auch erfahrene Meditierende immer gern zu Beginn der Meditation, ist, dass wir wegdriften mit den Gedanken. Und das ist die zweite Alternative, die in der Meditation passieren kann. Und das bedeutet, wir sind für einen Moment unachtsam. Das kann viele Gründe haben – in der Regel ist das … oder liegt das daran, dass wir zu wenig Energie aufwenden … hmmmm  … um achtsam zu bleiben. Das ist die Herausforderung in der Meditation, immer das richtige Maß an Energie zu halten, sich darauf einzupendeln. Aber das ist ein anderes Thema. Mir geht es nun darum, dass wir … irgendwann merken, dass wir … gaaaanz weit weg sind mit den Gedanken …. Und wenn wir das merken, sind wir wieder bewusst …. Und in dem Moemnt, da wir bewusst sind, können wir auch bewusst die Aufmerksamkeit …. Gaaanz sanft wieder zum Atem führen. Und dann … sind wir wieder achtsam … :o) …. So einfach ist das.

Also: Achtsamkeit ist die Fähigkeit, sich die Dinge, die geschehen, bewusst zu halten. Ok? Das bezieht sich ebenso auf die Dinge im Außen … im so genannten Außen, wir im Innen … also der …. Hm …. unserer Gedanken. Die Aufgabe der vipâssana-Meditation besteht darin, uns darauf zu trainieren unsere Achtsamkeit aufrecht zu erhalten um jederzeit zu sehen, wenn ein Gedanke entsteht und dann frei entscheiden zu können ob wir diesen Gedanken denken wollen oder nicht – das ist Willensfreiheit auf buddhistisch :o)

Wir haben noch einen Moment Zeit, daher kurz noch ein Ausflug ins Anapanasati-Sutta respektive Satipatthana-Sutta[1] – da steht diesbezüglich das gleiche drin. Jedenfalls geht es um Atemachtsamkeit und der Buddha sagt hier: „So weilt der Mönch wissensklar und achtsam“. Das bedeutet … also „wissensklar“ bedeutet: Wissen, was man im gegenwärtigen Moment tut …. Duschen, Zwiebeln schneiden, gehen, sitzen, liegen, greifen nach etwas … was auch immer. Und „achtsam“ bedeutet: Immer beobachtend … stets beobachtend, wie und wohin sich die Aufmerksamkeit neigt.

Wenn wir also in der Meditation unsere Achtsamkeit trainieren … kultivieren, dann lernen wir, selbst die kleinsten Impulse, die in uns entstehen, sofort wahrzunehmen, sie uns bewusst zu machen …. Und das ist für den Alltag von größter Bedeutung, denn wir sehen sofort: Aha, Ärger ist da, Wut ist da, Eifersucht ist da … was auch immer. Und bevor es größeren Schaden anrichten kann, lassen wir es los. Achtsamkeit geht also immer dem anderen Modewort „Loslassen“ voraus. Ohne Achtsamkeit kein Loslassen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch liebevolle Achtsamkeit.

[End of tape]


[1] Lehrrede über die Atemachtsamkeit (MN 118) und Lehrrede über die Grundlagen der Achtsamkeit (MN 10)

Angst verstehen – Frieden finden

Namasté 🙂

Das Thema Angst ist eines, auf das ich beim Durchblättern von Blogs immer wieder stoße. Und es überrascht nicht, denn dieses Thema beherrscht unseren Alltag wie kaum ein Zweites. Begriffspaare sind hier wohl Angst und Sorge, Angst und Mut, aber auch Angst und Wut.

Maria Yakunchikova: „Angst“

Klären sollte man an dieser Stelle vorab, dass Angst und Furcht zwei verschiedene Dinge sind. Furcht ist eine „Realangst“, eine Angst vor einer konkreten äußerlichen Bedrohung in einer Gefahrensituation. Von Angst spricht man also, wenn eben keine akute Gefahrensituation vorliegt. Dieser kleine Exkurs macht bereits deutlich, dass Angst, um die es hier gehen soll, immer nur im Kopf statt findet. Sie hat, aus spiritueller Sicht, keinerlei Realitätsbezug, denn real ist lediglich das, was jetzt-hier ist.

Nähern wir uns der Angst einmal an, indem wir fragen: Gibt es eigentlich verschiedene Ängste, oder gibt es nur Angst? Ich las kürzlich in einem Buch eines spirituellen Lehrers, es gebe drei Hauptkategorien von Angst: Angst vor Verlust (inklusive des Verlusts von Gesundheit und Leben), die Angst, was Andere über uns denken und schließlich die Angst vor psychischem Schmerz. Damit bin ich nicht ganz glücklich. Mir scheint, es gebe eher nur eine Art von Angst, und das ist die vor Verlust. Die Angst davor, was andere über einen denken ist die Angst vor dem Verlust von Status und Ansehen (hier nicht negativ gemeint; das schließt die soziale Akzeptanz mit ein und ist somit auch die Angst vor Isolation), welche somit den (in meinen Augen allem zugrunde liegenden) Art- und Selbsterhaltungstrieb anlangt, und die Angst vor physischem Schmerz ist die Angst vor Verlust von relativem Wohlbefinden.

Es gibt also nur eine Angst. Das zu wissen, macht sie aber nicht angenehmer ;). Angst hemmt, paralysiert manchmal sogar, hindert uns daran, Dinge zu tun, von denen unser Herz sagt, wir sollten sie tun. Sie kann sogar physisch krank machen. Das klingt alles nicht schön, und wirft die Frage auf, ob man Angst dann nicht überwinden sollte – das wäre ja die einfachste Lösung. Nun, natürlich ist dem so, die Frage ist nur die, die sich Psychologen, Psychiater und Psychotherapeuten seit Ewigkeiten stellen WIE? Ich möchte hier einmal einen Ansatz darstellen, der mir am Meisten Sinn zu machen scheint. Es ist ein transpersonal-kognitiver Ansatz.

Diese Angst, wie entsteht sie? Ich habe oben bereits angedeutet, sie entsteht in unserem Kopf, ohne dass eine konkrete Bedrohungssituation bestünde. Sie entspringt der (in vielen Fällen sehr vagen oder gänzlich unkonkreten) Vorstellung, dass etwas passieren könnte, das uns schadet. Das führt mich zu folgender Frage: Was schadet uns eigentlich? Nach dem oben Gesagten: jeder Verlust. Betrachten wir aber einmal Verlust, dann stellen wir fest: Verlust setzt immer voraus, dass wir es vorher hatten. Weiter denken wir in der Regel nicht. Tun wir es doch, dann müssen wir sagen: Verlust ist die Wiedereinsetzung in den vorigen Stand, also in die Situation, bevor wir erlangt haben. Verliere ich also etwas, dann stehe ich nicht schlechter da, als ich vorher gestanden habe, sondern genau so!! Diese Überlegung macht unser Ego aber nicht mit, so rational stimmig sie auch sein mag. Moderne kognitive Verhaltenstherapie greift meist genau an diesem rationalen Punkt an, und übersieht dabei, dass das Problem nicht die Logik ist, sondern das Gesamtkonzept „Ego“. Dem trägt „mein“ transpersonaler Ansatz Rechnung: Indem wir das Ego transzendieren, erledigt sich die Vorstellung, dass „Ich“ etwas verlieren könnte. Ist das Ego transzendiert, bleibt nur der Bewusstseinsstatus des Status quo – also des Jetzt-Hier. Wenn „ich“ aber nichts mehr zu verlieren habe, dann entfällt natürlich die Angst vor dem Verlust. Das führt mich zu folgender Feststellung:

Es geht nicht darum, die Angst zu überwinden, sondern zu verstehen, wo ihre Ursache liegt. Die Ursache ist das Ego mit seinen Vorstellungen, wie die Dinge gefälligst zu sein haben. Es geht also darum, das Ego zu überwinden (zu transzendieren); dann überwinden wir gleichzeitig unsere Angst.

In welchem Zusammenhang steht dann Mut? Ich las kürzlich hier: „Warum benötige ich Mut mich meinen Ängsten zu stellen? Ich könnte es auch mit Gelassenheit oder Neugier probieren, mich der Angst zu nähern“. Diese Aussage ist ein wenig irreführend, denn sie suggeriert, dass zwischen „Mir“ und der „Angst“ eine Trennung vorliegt. Dass das nicht sein kann zeigt sich deutlich darin, dass die Angst in dem Moment verschwindet, wenn ich nicht mehr da bin – sie kann nicht unabhängig von mir weiter existieren, wenn ich zB sterbe.

Etwas Richtiges beinhaltet diese Aussage aber dennoch: Wenn wir gelernt haben, objektiver Beobachter all dessen zu sein, was sich an Erscheinungen erhebt (Gedanken, Emotionen, aber eben auch Ängste), dann können wir als „reiner Beobachter“ auf eine Distanz zu dieser Angst gehen, die es uns erlaubt, uns nicht mehr mit ihr zu identifizieren, sie nicht mehr persönlich zu nehmen, an ihr anzuhaften. Wo spielt da der Mut eine Rolle? Exakt hier! Es bedarf eines enormen Mutes, sich selbst loszulassen, und dieser Mut kann nicht kognitiv erlernt werden; er muss aus der vipâssana-Erfahrung heraus entstehen, dass alles, was wir für „Das bin ICH“ halten, lediglich völlig unpersönliche, ich- und substanzlose Vorgänge im Rahmen eines kosmischen Gesamtvorganges handelt, in welchem das vom Baum fallende Blatt ebenso wenig „Ich“ ist wie ein Gedanke, der in mir erscheint. „Wo immer Du Dich findest, da lass Dich los“, sagt Meister Eckhart. Anders gesagt: Hör auf, Verknüpfungen zwischen „Dir“ und dem Rest der Welt herzustellen – lass die Existenz in Ruhe vor sich hin existieren, ohne ihr ständig Deinen Willen aufzwingen zu wollen. Das im Übrigen ist Gleichmut. Gleichmut kann einzig entstehen in der Erkenntnis, dass das Bild, das ich von mir habe nicht identisch ist mit dem, was ich BIN. Gleichmut ist der Mut zu sehen, dass in der Essenz alles gleich ist 😉

Das Phantastische daran ist: Dieses Prinzip gilt für sämtliche Bereiche negativer Emotionen wie eben Angst, aber auch Eifersucht, Wut, Neid oder Gier. Sie alle stellen einen Bezug, oder besser, eine „Beziehung“ zwischen einem Zustand oder Tatbestand und „mir“, eine Art Bindeglied her. Fehlt das „Ich“, das „Ego“, dann bleibt der Zustand oder Tatbestand für sich allein und wird damit, was er eigentlich ist: völlig neutral. Es entfällt somit also auch noch zusätzlich die Bewertung von Umständen – sie sind einfach nur, wie sie sind.

Ich würde mich freuen, wenn ich mit diesem Artikel einen kleinen Beitrag dazu leisten konnte, ein wenig Licht in das Thema „Angst“ zu bringen, auch wenn dies natürlich nur ein kurzer Abriss eines sehr umfangreichen Themas war.

Metta sendet Euch von Herzen

„Phra“ Michael

Frieden, Frieden … einfach nur Frieden

Es geht nicht darum,

das Handeln in der Welt abzulehnen und die Stille zu suchen.

Sei weit und offen wie der Himmel

und bring Dich in Übereinstimmung mit dem Äußeren.

Dann wirst Du auch in der Hektik dieser Welt in Frieden sein.

(Zen-Meister Yüan-wu)

Rast- und Ruhelosigkeit – wer von uns kennt sie nicht? Wer kennte nicht diesen Hetzhund, der uns immer weiter vorantreibt, immer auf der Suche. Suche wonach? Wenn ich mich umschaue, denke ich oft: Wer weiß schon, was er sucht – was er eigentlich sucht? Vielleicht ahnen Einige, dass es eine verzweifelte Suche nach Ruhe ist. Sie sagen: „Wenn ich das erst erreicht hab, hab ich meine Ruhe, dann kann ich mich zurücklehnen, dann ist alles gut.“ Doch es funktioniert nicht … weder Prestige noch Reichtum, noch Anerkennung, noch Macht, noch Einfluss setzen der Suche final ein Ende. Wir können heiraten und Kinder zeugen, die Welt umsegeln oder was auch immer – schlussendlich führt es zu gar nichts. Die Gefahr liegt dabei – fast amüsanter Weise – lediglich in unseren Glückshormonen, die immer dann produziert werden, wenn wir etwas erlangt haben, was wir angestrebt haben; aber alles ist vergänglich, und auch Glückshormone werden irgendwann vom Körper abgebaut. Was bleibt? Die Sucht nach einer neuen Befriedigung – „Sucht“ kommt nicht von Suchen, sondern von Siechen! Und in diesem Siechtum des ewigen Dranges nach Befriedigung und Produktion von Glückshormonen leben die meisten von uns.

Frieden, ein für alle Mal Frieden ist nur zu erlangen, wenn wir die Suche nach all diesen weltlichen Dingen endgültig drangeben. Dabei ist nicht einmal das „Haben“ selbst das Problem, sondern die Gedanken, die stets nur kreisen um das Habenwollen und um das Behaltenwollen. „Und wehe, es will mir jemand etwas streitig machen“ – so entsteht Hass.

„Wenn sich die Gedanken erheben, erheben sich alle Dinge. Schweigen die Gedanken, so schweigen alle Dinge“. All unsere Motivationen, Antriebe, ja auch die Emotionen, die Ideen, Vorstellungen, all das entsteht aus den Gedanken. Und wir nehmen sie mit, wo immer wir uns hin bewegen. „You always take the weather with you“, ob im Kloster in Thailand, auf einer einsamen Insel, oder im tiefsten Wald.

Frieden aber ist im Innen. Er muss weder hergestellt werden, noch muss man ihn groß suchen. Er ist da – er ist unser Wesenskern. Er kann nur unser Wesenskern sein, weil er Eins ist mit dem Alles, in welchem alles seine „Insichstimmigkeit“ besitzt – jenseits unseres Verstehens. Im Alles gibt es keine Dualität, keine Religion, keine Kasten, kein Spiel von „guter Gott – böser Gott“, da ist nur der letztendliche Urgrund des Einen. Und jeder von uns kann jederzeit dorthin gelangen. Nur, durch das Schweigen der Gedanken. Durch das ruhige, selbst-lose Beobachten der Vorgänge, wie sie um uns herum und in uns geschehen. Die Dinge nicht zu beurteilen, sondern sie in ihrer Existenz zu würdigen, wie sie sich eben zutragen, das ist Liebe zu allen Dingen. In diesem Moment der Liebe nähert man sich der Ewigkeit, wird selbst zur Ewigkeit in jenem jetzigen Moment, in dem Vergangenes, Gegenwärtiges und Künftiges miteinander verschmelzen und das Göttliche sich offenbart. Wenn wir selbst dem hasserfülltesten Gedanken erlauben, zu erscheinen ohne irgendeinen Widerwillen, ohne irgendetwas verändern oder kontrollieren zu wollen, wissend: NICHTS KANN SEIN, WENN ES NICHT GOTTES WILLE IST“, dann gehen wir nach und nach ein in Gott – das ist „unio mystica“, wie es die Christen nennen. oder „wudschud“, wie es der Islam nennt.

Alle, was es für uns dabei zu tun gilt, ist zu beobachten, wie sich unsere Aufmerksamkeit zu den Erscheinungen hin bewegt, versucht an ihnen anzudocken; daraus entsteht Gefühl, aus Gefühl wird Habenwollen, aus Habenwollen wird Ich-Identifikation, und nur, wo ein Ich ist, da ist wiederum ein Habenwollen. Diese Kette ohne Unterbrechung zu beobachten, ist wohl verstandene Achtsamkeit. Und sie führt uns hin zum Frieden und zur Liebe.

Friede ist Liebe – Liebe ist Friede … in der Einheit des Einen Geistes.

Ich wünsche uns allen, dass wir irgendwann einfließen in die unendliche Liebe des Tao, des Kosmos, des … es ist nicht wichtig, wie man es nennt – am Besten gar nicht 😉

Eine gute Woche wünscht Euch

Mit Metta

„Phra“ Michael