Metta-Dhammayana-Vortrag

Seid gegrüßt!

Seit September diesen Jahres leite ich ja die Metta-Dhammayana Dharma-Gruppe in Münster, und am Ende jeder Sitzung halte ich einen kleinen einstündigen Vortrag zu mehr oder weniger allgemeinen spirituellen Themen, die ich dann auch danach auf youtube stelle; Aufhänger ist jeweils die für Meditations-Seminare „klassische“ Lehrrede des Buddha über die 4 Grundlagen der Achtsamkeit. Heute möchte ich denjenigen vom vergangenen Sonntag einmal auch hier zur Verfügung stellen, denn sie enthält, wie ich finde, ganz interessante Aspekte, die mir während des Vortrags eingefallen sind. Viel Freude und Erbauung damit 🙂

Mit Metta

„Phra“ Michael

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Hey, kleiner Bruder …

Hey, kleiner Bruder, komm mal her –

Setz Dich mal zu mir, ich möchte mit Dir reden.

 

Mensch, was ist nur aus Dir geworden?

Du bist so voller Kummer und Verzagen,

so voller Angst vor dem Verlassensein und

so voller Selbstvorwürfe und Verzweiflung.

 

Doch weißt Du, kleiner Bruder,

aus dem Leid, das Du empfindest,

erwächst der Schmerz,

den and’re unter Dir erleiden …

 

Du sagst, Du weißt das alles;

Du sagst, Du willst Dich nur beschützen.

Du sagst, wenn man so viel Leid erfahren hat wie Du,

dann muss man Mauern bauen.

Du sagst, die Welt sei voller Gier und Hass und alle woll’n Dir was,

und alle haben Dich enttäuscht und niemand hat Dich wirklich lieb,

und so werde es auch bleiben –

für immer und in Ewigkeit!

Und Du fährst die Krallen aus.

 

Und in blindwütiger Verzweiflung

drischt Du ein auf Freund und Feind –

sogar auf mich, mein kleiner Bruder – sogar auf mich,

und auf alles, was Dich liebt.

 

Und nur aus Gram über Vergangenes,

aus Widerwillen gegen das, was ist,

und aus Angst vor dem, was kommen mag,

zerstörst Du zornig

selbst jede Blume, die Dir am Wegesrand erblüht.

Mensch, kleiner Bruder – was ist aus Dir geworden?

 

Doch ich sag Dir was – und merke es Dir gut:

Du und ich, mein kleiner Bruder, wir sind eins!

Wir sind aus dem gleichen Holz geschnitzt.

Ich kenne Dich seit der Geburt.

 

Was immer Du tust, mein kleiner Bruder,

ich weiß, Du meinst es ja nicht böse.

Du grämst Dich und schämst Dich,

und weißt nicht ein noch aus.

Recht kannst Du’s niemand machen,

am Allerwenigsten Dir selbst.

Ja, mein Kleiner, Du wunderst Dich vielleicht,

doch ich weiß genau, wie Du Dich fühlst und was Du denkst.

 

Und darum will ich Dir verzeihen,

für jede Träne, die ich weinte wegen Dir

und jeden Schmerz, den ich um Dich empfand.

Für alles Leid, das durch Dich in diese Welt gelangte,

durch Gedanken oder Worte oder Taten,

und gleichviel ob es mir galt oder einem andern Wesen.

 

Ich kann Dir nur vergeben, auch wenn Du selber sagst,

Du seiest es doch nicht Wert, dass man Dir verzeihe,

und dass es wohl das Beste wäre, es hätt’ Dich nie gegeben.

Ich liebe Dich, und würde ich Dich hassen,

dann hasste ich mich selbst.

 

Bleib einfach bei mir, kleiner Bruder,

ruh Dich bei mir aus –

vielleicht findest Du ja Schlaf an meiner Schulter!

 

Na komm, mein kleiner Bruder Ego,

ich nehm’ Dich mal ganz lieb in’n Arm.

 

Vergeben und vergessen -Teil 3

Namasté 🙂

Vor längerer Zeit ergab sich einem anderen Blog ein kurzer Austausch über das Thema Vergebung. Hier äußerte jemand, es bestünde keine Notwendigkeit, jemandem, der ihn etwas unsachlich angegriffen hatte, zu verzeihen. Es käme einzig darauf an, sich selbst zu vergeben, dafür vor allem, dass man darüber wütend geworden sei, sich von Ärger habe mitreißen lassen. Ich möchte an dieser Stelle einmal einige Erwägungen dazu äußern:

Einige gute und erfahrene spirituelle und Meditations-Lehrer empfehlen bestimmten Menschen die buddhistische Meditation der Vergebung als Vorbereitung zur Metta-Meditation oder zur spirituellen Praxis insgesamt. Dies gilt besonders für Menschen, die sehr „alte und tiefe Wunden“ mit sich herumtragen, die sich im Laufe vieler Jahre zu Strukturen verhärtet haben, die ihnen selbst und ihrer Umwelt Schaden und Leid zum Entstehen bringen. Oftmals gehen diese Strukturen einher mit psychischen Erkrankungen, insbesondere – aber nicht nur – mit so genannten „Persönlichkeitsstörungen“ oder Belastungsstörungen[1].

Nun, lass uns vorab einmal kurz einen Blick darauf werfen, was unter „lernen“ zu verstehen ist. Verkürzt dargestellt bedeutet lernen, dass man ein Erfahrung gemacht hat, diese Erfahrung hat man als angenehm oder unangenehm erlebt, und so merkt man sich diese Erfahrung um sich das Angenehme wieder beschaffen zu können oder das Unangenehme zu vermeiden. Die Übertragung auf vergleichbare Situationen (Transferleistungen) sind hierbei bereits intellektuelle Vorgänge, die nur Wesen zur Verfügung stehen, von denen die Wissenschaft als „intelligent“ spricht[2].

Lernen auf der reinen Erfahrungsebene ist also ausgesprochen nützlich; stellt man sich vor, man würde immer und immer wieder auf eine heiße Herdplatte fassen, wird das recht deutlich. Aber unser menschliches Gehirn neigt auf eine unvorstellbare und immense Weise zu Transferleistungen. Auch Transferleistungen sind ausgesprochen nützlich (sonst hätten sie sich evolutionär nicht durchgesetzt), aber sie bergen eine große Gefahr, nämlich die der Verallgemeinerung. Unser Gehirn erinnert Ereignisse und zieht zumindest als Möglichkeit in Betracht, dass das Ergebnis in der vorliegenden vergleichbaren Situation ein ebenso vergleichbares sein wird. Wenn man das auf einen Menschen anwendet, der einem Schmerz zugefügt hat, bedeutet das, dem anderen die Chance zu nehmen, sich zu rehabilitieren.

Dieses Prinzip der Rehabilitation (das über das System der Bewährungsstrafe sogar in unser Strafrecht Einzug gehalten hat) ist auch für uns als Individuen von größter Bedeutung. Wir haben bereits gesehen, dass Lernen immer mit Erinnerung zu tun hat. Es sind neuronale Verknüpfungen entstanden, und wenn diese aktiviert werden, werden die Energien aktiviert, die mit dem schmerzhaften Ereignis verknüpft sind. In Bezug auf eine Person, die uns Schmerz zugefügt hat bedeutet das: Sehe ich diese Person wieder oder denke an sie, werden die negativen Energien (E. Tolle würde sie wohl Schmerzkörperenergien nennen) wieder frei. Frei kann aber nur werden, was zwar verborgen aber gleichwohl noch da war! Mit anderen Worten: Es bleibt ein Residuum an negativen Energien in uns erhalten. Dieses Residuum gilt es aufzulösen! Und das tun wir, indem wir vergeben, und zwar

1) der Person, die uns den Schmerz zugefügt hat. An dieser Stelle erscheint es mir wichtig, auf etwas hinzuweisen, was ich immer und immer wieder erwähne: Die andere Person kann mir gar kein Leid zufügen, sondern nur Schmerz! Leid kann ich mir nur selber zufügen. Warum? Weil Schmerz immer das ist, was im jetzigen gegenwärtigen Augenblick spürbar ist, und zwar unmittelbar ausgehend von der Schmerzquelle. Leid hingegen ist die zeitlich-psychologische Komponente des Schmerzes, jenes „durch die Erinnerung und die Gedanken den Schmerz wieder in den gegenwärtigen Moment hinein Holen“; damit ist Leid immer mittelbar![3]

2) gegebenenfalls auch der Situation dafür, dass sie sich gestaltet hat, wie sie sich gestaltet hat. Eine Situation ist niemals gut oder schlecht, sie ist immer wie sie ist – das ist eine spirituelle Binsenweisheit. Sie kann sich nur gut oder schlecht anfühlen; das hingegen ist sehr subjektiv – des Einen Freud, des Anderen „Leid“. Indem wir der Situation vergeben, wie sie war, tragen wir dem Rechnung, was Jesus meinte, als er am Kreuz sagte: „Nicht mein sondern Dein Wille geschehe.“ Wir be- und verurteilen eine Situation immer nur nach unserem Dünkel, nach dem, was uns richtig oder falsch erscheint.

Lösen wir dieses Residuum nicht auf, tragen wir die Energien mit uns herum, wir sind „nach-tragend“. Aber man merke: Wenn wir jemandem etwas nachtragen – einen ganzen Koffer voller Vorwürfe hinterhertragen -, wer trägt dann die ganze Last? Der, der nachträgt … solange bis er ver-gibt, also den Koffer aus der Hand gibt. Damit sind wir die Last los, erst dann tritt wirkliche Erleichterung ein – der Himmel reißt auf und das Licht der Liebenden-Güte kann in uns erstrahlen und über uns hinaus in die Welt. Machen wir diesen Schritt nicht, sind wir wie der Kofferträger, der nach rechts, nach links, nach oben und unten flucht und schimpft und in alle Richtungen Negativität versprüht und damit seine Mitwesen unter seinem Leid leiden lässt. So machen es die meisten unserer Mitmenschen … aber sie wissen es nicht besser, daher können wir ihnen ihre Unwissenheit und ihr Unverständnis vergeben. „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun.“ (Lk 23,34)

Und damit kommen wir zu dem wichtigen Punkt, den der Kommentator in jenem Blog erwähnte: Das „sich selbst Vergeben“ ist von größter Bedeutung. Man sollte unablässig daran arbeiten, mit sich selbst ins Reine zu kommen, Mitgefühl mit sich selbst zu haben, daran arbeiten zu verstehen, dass man es selbst ist, der sich das Leid zufügt – sich selbst vergeben in verständiger Würdigung unserer alten negativen Strukturen, die wir uns ja allesamt nicht ausgesucht haben!! Tief in unseren Herzen ist nichts als Liebe! In ausnahmslos jedem Menschen! Es gibt gar keine schlechten Menschen, es gibt nur schlechte Handlungen!

Möge uns die Erkenntnis dieser Liebe dazu verhelfen, uns selbst und allen Wesen liebend zu begegnen.

METTA sendet Euch

Michael


[1] Die Vergebungsmeditation ist eine Praxis, die ich aus eben diesem Grunde erst mit Übenden durchführen werde, wenn ich selbst (im Selbstversuch) ausreichend Erfahrung mit ihr gesammelt habe und meine Ausbildung zum Psychotherapeuten (HP) abgeschlossen habe. Wer immer sie praktiziert, er/sie sollte sie NUR unter Anleitung eines erfahrenen Lehrers praktizieren)

[2] Spannendes Thema übrigens, denn neben dem Menschen wird auch zunehmend aufgrund entsprechender Transfer-Versuchsreihen auch zB Rabenvögeln seitens der Wissenschaft Intelligenz zugesprochen.

[3] Für die Vergebungsmeditation bedeutet das, ich vergebe dem anderen den Schmerz, den er mir zugefügt hat, und ich vergebe mir selbst das Leid, das ich mir selbst dadurch erschaffe, dass ich die „aufpoppenden“ Gedanken an das Ereignis und den Schmerz nicht loslasse sondern sie mit wachsender negativer Emotionalität weiterdenke.

Vergeben und Vergessen, Teil II

Vergeben und Vergessen, Teil II – „Wie kann man nur so ätzend sein …“

(Oder: praktiziertes Mitgefühl)

„Nur Liebe, nur Liebe – wie haben sonst kein Werk“

(Dschelalleddin Rumi, islam. Mystiker)

 Vor einiger Zeit berichtete eine Freundin über einen ganz alltäglich anmutenden Vorfall auf dem Wochenmarkt in Münster: Eine ziemlich mürrische Frau an einem Brotstand, die erst ihrer kleinen Tochter verbot, den süßen Hund eines anderen Kunden zu streicheln („die haben Flöhe!“) und dann die Verkäuferin anherrschte, gefälligst das Brot mit Handschuhen anzufassen, das sei doch ohnehin Hygienevorschrift. Und als sie merkte, dass man ihr Verhalten ringsum „wohl auch noch witzig“ fand, habe sie zu  ihrer Tochte gesagt: „Hier kaufen wir nicht noch mal“.

Es gibt wirklich viele Menschen in unserer unmittelbaren Umgebung, die „richtig ätzend“ sind, die nur herumnörgeln, die Welt morgens schon einmal auf Verdacht verfluchen und sich und anderen mit ihrer destruktiven Art das Leben unaufhörlich schwer machen. Wie geht man mit ihnen um? Wie gehen WIR als Menschen des „WEGES“, des spirituellen Pfades mit ihnen um? Ich antwortete seinerzeit:

„Eine der wohl größten Herausforderungen, denen ein “Spiritueller” gegenübersteht, ist wohl, leidenden Wesen wie dieser Frau Mitgefühl und METTA (Liebende-Güte) entgegen zu bringen; aber wenn es uns gelingt, fühlt es sich wahrlich schön an, und dieses schöne Gefühl ist wiederum die Nahrung der Liebenden-Güte, die wir dann wieder in die Welt geben können. Ein wundervoller Kreis.“

Mir wurden daraufhin viele Fragen gestellt, wichtige Fragen, wie ich finde, und ich möchte ihnen daher ein wenig Platz widmen:

„Es ist eine Sache in den eigen vier Wänden (oder in einer Höhle im Himalaja) zu meditieren und von universalem Mitgefühl durchströmt zu werden und eine ganz andere, damit in der Welt zu sein“. –

Methodische Meditation (ich spreche hier stets von anapanasati-vipâssana-bhâvana und metta-vipâssana-bhâvana Meditation) eröffnet uns den Weg, ein tiefes Verständnis in das Wahre-Wesen der „zehntausend Dinge“ zu erlangen. Bereits auf noch nicht sehr tiefen Meditationsstufen (jhâna) empfindet man mitunter ein Gefühl großer Freude und Glückseligkeit. Das besondere an dieser Freude ist, dass sie nicht objektbezogen ist – es ist eine Freude um ihrer selbst Willen, die einfach so entsteht, ohne an etwas gebunden zu sein. Es ist diese Freude (einige nennen es das „lichte Wesen in uns“), die uns stets begleitet; sie kann nicht schwinden, denn sie ist unser ganz natürlicher Zustand, der Zustand des gefühlten Einklanges mit dem Tao. Nun können wir trainieren, das Empfinden dieses Gefühl zu … kultivieren. Da es stets da ist, können wir es jederzeit in uns wach rufen / heller scheinen lassen. Das ist das Prinzip der buddhistischen Metta-Meditation: Wir holen in uns jenes Gefühl der objektlosen Freude hervor – und zwar möglichst während unserer gesamten Wachzeit. Auf diese Weise holen wir es in den Alltag hinein. Als erstes gilt es also einmal, uns selber in einen freudvollen Zustand zu versetzen, getreu dem Motto „Liebe Deinen Nächsten WIE DICH SELBST“ – die Kraft den Nächsten zu lieben holen wir uns aus der Liebe und Freude, die wir uns selber schenken. Dann, und das ist der zweite Schritt, kann man dem Nächsten – wie z.B. dieser Frau auf dem Markt – Liebende-Güte senden.

„Was bedeutet es, Mitgefühl zu empfinden? Ist eine Art “höherer” Auftrag damit verbunden? oder ist der Wunsch, es auszudrücken, ein persönlicher, möglicherweise entstehend durch den Wunsch, sich besser/weiter/höher zu fühlen?“ –

Wenn uns jemand wie diese Frau begegnet haben wir unterschiedliche Möglichkeiten zu handeln: Wir können ihr Leid erkennen und Mitleid empfinden. Dann aber tendieren wir tatsächlich dazu, eine Art Arroganz aufkeimen zu lassen – das ist nicht heilsam (und meist ist es dann auch kein echtes Mitleid). Noch weniger heilsam ist es aber, überhaupt und wirklich mit-zu-leiden. Wie es Euch geht, weiß ich nicht, aber ich möchte nicht leiden, und schon gar nicht unter dem Leid eines Anderen. Buddha Gautama lehrte den Weg der Beendigung von Leid; wenn ich leide, habe ich keine Kraft, anderen Menschen Liebende-Güte zu schenken. Ich mache das Leid des Anderen zu meinem Leid, und das führt zu nichts, denn geteiltes Leid ist nicht halbes Leid! Und wenn ich den Ärger, die Wut, den Hass des Anderen persönlich nehme und ihn so, zu meinem Hass mache, dann werfe ich ihn der anderen Person zurück und entgegen, und beschimpfe sie vielleicht und es entwickelt sich eine Situation, in der keiner mehr dem anderen zuhört. In einem solchen Fall – leider wohl dem häufigsten Fall – herrscht Krieg, als Folge meiner Re-aktion auf eine Handlung. Ich re-agiere, ich agiere nicht. Ich kann aber auch einfach agieren, und diesem Menschen Mitgefühl entgegenbringen. Was aber ist nun Mitgefühl? Mitgefühl bedeutet

– das Leid des Anderen zu sehen und der Person ZU ERLAUBEN SEINEN SCHMERZ ODER IHR LEID ZU HABEN,

– dem Leid seinen Raum zuzugestehen, ohne dagegen Widerstand zu leisten – und

– DIESE PERSON DESSEN UNGEACHTET ZU LIEBEN

Was immer diese Frau in diesem Moment sagte oder tat, es war nicht wichtig! Es ging ihr nur darum, Recht zu haben oder Hass zu schüren oder was immer … wirklich etwas zu sagen hatte sie nicht. Statt ihr also zuzuhören, warum nicht jenes freudige Gefühl von Liebender-Güte in unserer Brust entstehen lassen und sie ihr senden. Baue einfach eine imaginäre Brücke von Deinem Herzen zu ihrem Herzen, und lasse Liebe, Wärme und Güte zu dieser Person fließen. Der Erfolg dessen ist zumindest, dass in Dir ein Gefühl von Frieden entsteht, und dieses hilft dabei, die Spannung, die in Dir entstanden ist, loszulassen und sehr im Jetzt-Hier zu sein – friedlich und voller Ruhe.

„Und darüber hinaus?  Wäre überhaupt irgendein authentischer Ausdruck von Mitgefühl bei ihr angekommen?“

Die Praxis Liebender-Güte zielt in erster Linie darauf ab, dass der Praktizierende ein Gefühl von Freude, von Harmonie, von Frieden in sich empfindet – so oft und so lang wie möglich. Das hat dem Buddhismus den Ruf einer egoistischen Religion eingebracht. Aber: „If you want to affect the world around you positively, then BE POSITIVE” (Bhante Vimalaramsi). Wir haben keine andere Möglichkeit, als unseren Mitmenschen Mitgefühl und Liebende-Güte entgegen zu bringen – man kann niemanden zu seinem Glück zwingen, indem man ihm die rechte Sichtweise aufzwängt. Betrachten wir es also nicht als ein „immerhin ist mir selbst  damit geholfen“, sondern als ein „hey, ich erschaffe mir selbst die Basis, Liebe zu schenken, indem ich das Fundament der Liebenden Güte in mir selbst frei lege“ – ist das nichts? 😉

Zum zweiten kommt es bei der anderen Person auf jeden Fall an, denn durch Deine Praxis Liebender-Güte (wie durch jede spirituelle Praxis) hebst Du das global – nein, universal das „Schwingungsniveau“. „Wenn auch nur ein Mönch in irgendeiner Höhle Zazen praktiziert“, sagte mal ein Zen-Meister, „praktiziert die ganze Welt Zazen“. Schenke Liebe und Güte, und die ganze Welt schenkt Liebe und Güte – denn wir sind nicht getrennt voneinander … Aber noch etwas: Auch wenn es etwas esoterisch klingen mag: Wenn wir einmal unterstellen, dass alles Schwingung ist, alles das Eine Sein, alles der Eine Geist, und vor diesem Hintergrund einmal betrachten, dass, wie tausendfach berichtet worden ist, Mütter den Tod ihrer Söhne an der Front sekundengenau daheim erlebt haben, dann fällt mir kein Grund ein, warum nicht, je feinstofflicher wir durch unsere spirituelle Praxis werden, wir eine Verbindung herstellen können, einen „Kanal“ zu anderen fühlenden Wesen, durch den wir Liebende Güte gleichermaßen hindurch senden können. Der Andere kann das spüren – das berichten viele Praktizierende der Metta-Meditation (ich selbst hab es im Ansatz auch erlebt). Und warum soll man durch Verwünschung Negatives jemandem senden können, aber nicht Positives durch das Aussenden von Metta? Für mich absolut stimmig.

„Mir scheint, Mitgefühl allein anhand des Ausdrucks erkennen zu wollen, ist nicht möglich…und es situationsabhängig und auf meine authentische Weise zum Ausdruck zu bringen, wenn ich das Bedürfnis habe, es zu tun, ist das, was sich für mich richtig anfühlt – gibt es eine Möglichkeit, es als gelungen oder nicht gelungen zu beurteilen? anhand welcher Kriterien? kann es universal gültige Mitgefühlausdrucksregeln geben?“ –

Spielt das nach all dem Gesagten noch eine Rolle? Was hält uns davon ab, während unserer gesamten Wachzeit (oder jedenfalls, wenn wir uns nicht grad auf unsere Arbeit konzentrieren müssen … aber vielleicht selbst dann) uns selber und anderen fühlenden Wesen Liebende-Güte zu schenken? Ich spreche von Großzügigkeit und Freigiebigkeit (dâna), im Übrigen etwas, was der Buddha Gautama immer und immer wieder lehrte! Wir haben unfassbar viel Liebe in uns – geben wir sie weg an die fühlenden Wesen, die sie grad brauchen, weil ihre eigene Freude der Liebe durch Gedanken überschattet ist. Das Geben Liebender-Güte kann uns selbst wiederum mit großer Freude erfüllen, und das hat eine erstaunliche Konsequenz: Ein freudiger Geist ist ein leichter, offener und unverkrampfter Geist, im Gegensatz zu einem Geist, der konzentriert ist oder Widerstand leistet gegen die Wahrheit des jetzigen Momentes. Widerstand ist Verkrampfung! Also lösen wir einfach unsere Verkrampfungen, dadurch lassen wir unseren Widerstand los, das „negative Begehren“ löst sich auf, und es tritt ein Gefühl großer Infriedenheit ein – kein Gedanke mehr, keine Spannung … nichts … nur Ruhe, Frieden. Und dieser weitoffene und friedvolle Geist ist der Geist, der gut meditiert! Unsere Meditationen werden tiefer und „besser“, je weicher und freudvoller unser Geist ist, und das bedeutet wiederum große Fortschritte in der spirituellen Praxis, und hieraus entsteht Freude, und diese nährt unsere Liebende-Güte, und diese weiter zu geben erfüllt uns mit Freude, und Freude macht den Geist ruhig und klar (wer Freude empfindet ist sehr im Jetzt-Hier), und ein ruhiger klarer Geist meditiert gut – das ist die Wirkung von Metta-Meditation.

Ich denke, gehirnakrobatische Verrenkungen wie „kann es universal gültige Mitgefühlausdrucksregeln geben?“ führen vergleichsweise nicht weit.

MAHA-METTA wünscht und sendet Euch

Michael

„Vergeben und Vergessen“ – Teil 1

„Vergeben und vergessen“ – die Magie des Hier und Jetzt

„Willst Du dem Pfad der Heiligen folgen,

so lerne zuerst Vergebung.“

(Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan)

 Wohl kaum jemand von uns wird ernsthaft behaupten können, es gäbe niemanden in seiner persönlichen Geschichte, der ihm je körperlichen oder seelischen Schmerz zugefügt hätte. In aller Regel heilen kleine Wunden schnell – man verzeiht dem anderen, weil er eingesehen hat, dass er etwas getan oder gesagt hat, was er nicht hätte tun oder sagen sollen; oder man klärt die Situation in einem Gespräch.

Wie aber kommt es dazu, dass immer einmal wieder auch ein bitterer Nachgeschmack bleibt, bis hin zu einem „Das kann und werde ich Dir niemals verzeihen!“

Eine grundlegende Handlungsmotivation eines jeden Lebewesens ist der Drang nach Art- und Selbsterhaltung. Vor allem der Selbsterhaltungstrieb setzt ein Streben nach Schutz und Sicherheit frei, und eine Fähigkeit, die diesem Streben zur Seite steht, ist die Fähigkeit zu lernen. Diese ausgesprochen nützliche Fähigkeit hat jedoch, wie so vieles, auch seine Kehrseite: Die meisten Lernprozesse, durch die wir gehen, passieren unbewusst, das bedeutet, ich habe keinerlei Einfluss darauf, ob und was ich aus einer Situation lerne. Wir unterliegen alle zunächst einmal dem gleichen Prinzip wie der „Pawlow’sche Hund“. Wenn ich mit dem Finger auf die heiße Herdplatte fasse, dann tut das weh, also lasse ich das besser.

Vom Grundprinzip her ebenso funktionieren wir auf Ebene der Erfahrung, die wir mit anderen Menschen machen. Wenn eine Herdplatte rot glüht, dann klingeln bei uns die Alarmglocken, und ähnliches kann passieren, wenn wir einen bestimmten Menschen sehen – wir wittern Bedrohung und Gefahr. Das ist ein uraltes Muster der Menschheitsgeschichte und, wie so vieles, was die Evolution sich „ausgedacht“ hat, für sich genommen sehr sinnvoll, denn es vermag uns vor Schmerz oder Schlimmerem zu bewahren.

Nun ist das, was da eben (natürlich sehr knapp) beschrieben wurde, recht instinktiv und betrifft Menschen wir Tiere zunächst einmal gleichermaßen. Worin liegt nun die Besonderheit beim Menschen? Die Besonderheit liegt im Begriff „Leid“.

Leid ist die dem Prinzip von Zeit unterstellte psychologische Komponente von Schmerz.

Anders ausgedrückt: Leid ist nicht Schmerz, sondern das, was wir aus dem Schmerz machen. So ist Leid jedes Zurückholen von vergangenem Schmerz in den gegenwärtigen Moment, jedes Hineinholen von künftigem Schmerz in den gegenwärtigen Moment. Und hier liegt das Problem: Einem Menschen nicht verzeihen können bedeutet immer, im gegenwärtigen Moment unter einem Schmerz zu leiden, den der andere mir zwar angetan hat, der aber längst vorbei ist. Solange ich in dieser Erinnerung lebe und dem anderen dessen Verhalten nachtrage (man lasse den Begriff einmal auf sich wirken), leide ich weiter unter dieser Vergangenheit, unter dieser Erinnerung, unter etwas, was nicht existiert. Und: Ich verknüpfe dieses schmerzhafte Erlebnis mit diesem Menschen. Damit verweigere ich mich der Einsicht, dass alle Dinge grundsätzlich im Wandel sind, sich verändern. Jemandem verzeihen heißt also hier auch soviel wie: Darauf vertrauen, dass er mir einen Schmerz nicht noch einmal zufügt. Hier ist auch wieder die zeitliche Komponente sichtbar. Verzeihen wir nicht, dann holen wir einen (möglicherweise) eintretenden Schmerz aus der Zukunft in die Gegenwart, aus Angst vor künftigem Schmerz.

Wenn ich völlig im gegenwärtigen Moment bin, in welchem weder Schmerz noch Bedrohung noch Gefahr unmittelbar vorliegt, dann „lasse ich die Luft“ aus meinen schmerzhaften Erinnerungen. Ebenso, wie ich auf die Herdplatte nicht böse bin, weil ich mich an ihr verbrannt habe, werde ich auf den anderen Menschen nicht mehr böse sein, an dem ich mich verbrannt habe. Das bedeutet nicht, dass ich nicht vor beidem auf der Hut sein soll, aber ich nehme den emotionalen Aspekt heraus, indem ich diesen einfach loslasse, ihn nicht persönlich nehme, das Geschehene nicht zu einem Teil von mir werden lasse, sondern es betrachte als das, was es war: Schmerz. Und der ist nun vorbei.

Wenn ich mich auf diese Art dem jetzigen Moment hingebe, bleibt kein Raum für Wut und Hass. Ein solches erhabenes (= aus einer höheren Warte aus betrachtendes) Bewusstsein nimmt jede Restspannung aus jedem vergangenen Konflikt. Und der Zustand von mentaler Ent-spanntheit ist der Zustand von Frieden. „Dem Pfad der Heiligen folgen“ heißt auch FRIEDEN finden.

Zusammengefasst und mit etwas anderen Worten liegt Vergebung unmittelbar in der Hingabe an den jetzigen, den gegenwärtigen Moment. Vergebung ist notwendige Konsequenz des Verweilens im Jetzt-Hier. Und Meditation hilft uns dabei, immer wieder einmal „aufpoppende“ alte Hass- und Wutgefühle, mentale Spannungen und Verkrampfungen, loszulassen. In den Dhammapada, heiligen Schriften des Buddhismus, heißt es:

„Beraubt bin ich, besiegt, geschlagen und geschändet“,
Solange man so denkt, wird Hass niemals beendet.
„Beraubt bin ich, besiegt, geschlagen und geschändet“,
Wenn man so nicht mehr denkt, dann ist der Hass beendet.
Hass wird durch Hass niemals überwunden und gestillt;

Hass wird nur durch Liebe überwunden‘ – ein ewiges Gesetz, ein Satz, der immer gilt.“

 Nun, bislang ging es ja darum, wie es sich verhält, wenn jemand mir etwas angetan hat. Was aber, wenn jemand mir etwas nicht angetan hat. Die Rede ist von Enttäuschungen.

Im Grunde bedarf dieses Thema keiner gesonderten Betrachtung. Das Prinzip lautet gleichermaßen: Jemand hat mir einen (meist mentalen) Schmerz zugefügt, ich projiziere diesen Schmerz auf die Person des anderen, hasse ihn dafür und lasse den Schmerz in meiner Erinnerung fortbestehen, indem ich den Schmerz „persönlich nehme“, ihn zu einem Teil von mir werden lasse. Ich leide und rechne dem anderen dieses Leid zu.

Eine Besonderheit gibt es aber dennoch: Im Vordergrund steht hier eine Erwartungshaltung, die jemand anders nicht bedient hat. Derjenige, der die Messlatte und auch das Richtbeil in der Hand hat, bin also ICH. Das bedeutet: Wenn jemand meinen Erwartungen nicht entspricht, dann kratzt das noch weitaus mehr an meinem „Ehrgefühl“, an meiner „Persönlichkeit“. Das Persönlichnehmen steht also sehr im Vordergrund. „ICH will, dass die Dinge so laufen, wie ICH sie erwarte. Und da das nicht der Fall ist und ich auch nicht die Kontrolle über andere Menschen ausüben kann, bin ich jetzt wütend, traurig, verzweifelt, enttäuscht“.

Was aber legitimiert uns, die Messlatte anzulegen, den Stab über den anderen zu brechen und auf ewig zu stigmatisieren? Sicherlich kann der andere gar nicht aus seiner Haut, er hat vielleicht aber sogar sein Bestes gegeben, unsere Erwartung zu erfüllen, und vielleicht leidet der Andere sogar selbst darunter, dass es ihm nicht gelungen ist. Wer fragt danach? Was gibt uns das Recht zu unterstellen, dass dem nicht so ist? Es sind unsere alten Ego-Strukturen, die auf bereits erwähnte Art- und Selbsterhaltung gerichtet sind, sich aber allzu oft an einer Stelle manifestieren, wo sie nicht hingehören.

Buddha lehrt das Prinzip des nicht persönlich Nehmens. Dinge passieren. Und Dinge passieren immer, weil die Umstände vorlagen, die zu ihrem Eintreten geführt haben – als Kausalkette, die in die Anfänge des Seins zurückreicht (wo immer die auch liegen mögen). Der Stand der Kausalkette ist immer JETZT, und wenn ich mich dem Jetzt vollständig hingebe, verliert der Ich-Dünkel seine Kraft. In der Hingabe an das Jetzt-Hier liegt Friede, liegt Harmonie, die In-sich-Stimmigkeit des Kosmos; in diesem Zustand bewusst SEINS ist auch niemand mehr da, der Erwartungshaltungen aufbaut, weil jetzt-hier alles ist, wie es ist – der gegenwärtige Moment ist immer vollständig, nichts ist zuviel, nichts zu wenig. Selbstverständlich wäre es schön, wenn dieser zur Beerdigung des Verwandten kommen würde, oder jener mir sein Auto für meinen Großeinkauf leihen würde, oder noch ein anderer mir bei der Fahrradreparatur helfen würde – tut die Person es nicht, dann ist der gegenwärtige Moment, die Situation, in der ich mich jetzt-hier befinde, immer die Wahrheit des jetzigen Moments. Und im nächsten Moment ist das bereits wieder Geschichte. Damit sind wir wieder bei der Magie des Hier und Jetzt.

Ich spreche hier im Grunde von einem Perspektivwechsel, von: „Dieser Mensch ist doof, weil er mir sein Auto nicht leiht“ hin zu: „Ich habe jetzt kein Auto zur Verfügung, und das ist ok, denn es ist die Wahrheit des jetzigen Momentes!“ Nehmen wir die Handlung des Anderen persönlich, dann entsteht Enttäuschung, und zwar als ein Gefühl der Trauer und vielleicht der Wut. Nun ist nicht jeder dazu imstande, die alten Strukturen zu durchbrechen und Dinge „einfach“ nicht persönlich zu nehmen. Nun, und wenn? Auch Trauer und Wut sind dann die Wahrheit des jetzigen Momentes, also macht es auch keinen Sinn, sich gegen diese zu wehren. Nimmt man sie an, dann verschwinden sie, die Spannung und Verkrampfung löst sich in uns, und in dem Moment tritt Verzeihung ein.

Das alles bedeutet nicht, dass es keine Korrektive für „soziales Fehlverhalten“ geben soll! Wir leben nicht in einer Welt von Erleuchteten, und solange das nicht der Fall ist, ist es auch erforderlich, die Gesellschaft gewissermaßen im Zaum zu halten, um zu verhindern, dass der eine dem anderen den Schädel einschlägt. Daher steht das spirituelle Bewusstsein des Vergebens den Vorschriften des Strafgesetzbuches nicht entgegen. „Gebt dem Kaiser, was des Kaisers ist und Gott was Gottes ist“ – Ich kann gleichzeitig den Fahrraddieb anzeigen, damit er nicht dem Schaden zufügt, der darunter leidet (also jemandem, der nicht so einfach loslassen kann); und ich kann ihm gleichzeitig verzeihen und ihm liebevolle Gedanken senden (da ich vielleicht gelernt habe, loszulassen).

Vergebung ist kein aktiver Prozess; ich kann mich nicht dazu zwingen, jemandem zu verzeihen. Aber ich kann Frieden schließen mit mir selbst und hierdurch die Spannung und Verkrampfung aufheben, die aus der Diskrepanz zwischen Ist- und Sollzustand entsteht.

 Oh Friedensstifter! Bevor du versuchst,

rings in der Welt Frieden zu stiften,

schaffe erst Frieden in Dir selbst.

(Sufi-Meister Hazrat Inayat Khan)