Selbst-Reflexion

„Die Seele nährt sich nämlich von dem, wovon sie isst,

entweder von dieser Welt oder vom Geist Gottes“

(Makarios, christlicher Mystiker)

 Einige Tage ist es nun bereits her, dass ich schließlich jene wichtige Prüfung absolviert habe, die mich so lange Monate in Atem gehalten hatte. Es war eine Zeit, in der mein gesamter Fokus sich darauf ausrichtete, psychiatrische Erkrankungen zu erkennen, zu benennen, woran man sie erkennt, ob ihre Ursache hirnorganisch oder „reaktiv“ ist, wie man sie behandelt – psychotherapeutisch (und wenn, mit welcher Methode) oder pharmakologisch oder beides, welche Wirkung Psychopharmaka haben, welche Gefahren sie bergen und … und … und …

Und nun? Noch immer spüre ich die Nachwirkungen dieser vielen Monate, noch immer erwische ich mich dabei, wie ich beim Kaffeekochen in Gedanken das Neurosenmodell von Freud durchgehe oder woran man ein Alkoholentzugssyndrom erkennt. Noch immer bin ich getrieben und fühle mich gehetzt vom viel zu schnellen Zeitablauf, der es nie erlaubt, alles zu erledigen, was man sich zu erledigen vorgenommen hat. Von Freude oder Entspanntheit nach einer bestandenen Prüfung keine Spur. Vielmehr kommt mir in den Erinnerung – und der Sinn ist mir selten so offensichtlich geworden wie jetzt – was Goethe seinen Faust hat sagen lassen:

 Habe nun, ach! Philosophie,
Juristerei und Medizin,
Und leider auch Theologie
Durchaus studiert, mit heißem Bemühn.
Da steh ich nun, ich armer Tor!
Und bin so klug als wie zuvor

 Amüsanter Weise trifft alles hiervon auf mich zu. Und nun? Ich habe meinen Geist mit viel, viel Wissen ange“reich“ert, aber wo ist meine Geistesruhe hin? Wo das tiefe Empfinden für das All-Eine, die allumfassende Liebe, das Wesen der Dreifaltigkeit, das Spüren der wortlosen Wurzel des Tao in mir, des Wahren-Wesens der zehntausend Erscheinungen? Wo ist all das hin, was ich in meinen Blogeinträgen ebenso aus tiefstem Herzen wie in meinen Kursen zu Meditation und meinen Broschüren und meinem Buch den Menschen zugänglich zu machen versuche?

Zwei Tage habe ich diese Fragen mit mir herumgetragen, und auch dieses Gefühl von Zerrissenheit, fast Traurigkeit – ich hatte gewissermaßen meine Seele an den Teufel, den Diabolos, den „Durcheinanderbringer“ (das ist ja die ursprüngliche Bedeutung des Wortes Teufel) verkauft. Vielleicht ist das der Grund, warum keine rechte Freude aufkommen will in mir. Ich habe über Jahre hinweg erlebt, wie es ist, weitgehend losgelöst von Luxus, Geld, Prestige und Ehre zu leben, mich zu bescheiden, habe meinen Schülern immer wieder gesagt: „Sammelt nicht zu viel Wissen an – es führt zu nichts“. Damit war ich in eine wundervolle gleichmütige Grundhaltung gelangt. Doch die Beschäftigung mit den Ausbildungsinhalten hat mich dort völlig herausgerissen. Mein Ego jauchst und jubiliert und tanzt in meinem Bauch und meinem Kopf und stampft dabei wie Rumpelstilzchen all das Glück und den Frieden und die Freude, die ich in der Formlosigkeit gefunden hatte, in den Boden. Ja, sogar jetzt, in diesem Augenblick, da ich dieses hier schreibe, schreibt mein Ego und lässt mich glauben, es wäre der Michael, der tief erkannt hat und wieder einmal seinem Ego auf die Schliche gekommen ist. So perfide funktioniert unser Ego, dass es um des Selbsterhaltes Willen sogar vortäuscht, besiegt zu sein und stellt sich tot. „Der „Phra“  Michael, der ehemalige buddhistische Mönch Michael, der Lehrer für Meditation und Buddhismus hat mich überwunden – ich strecke die Waffen“. Solange aber noch ein Hauch von „Phra“ oder Meditationslehrer oder Lehrer für Buddhismus in mir ist, hält das Ego das Zepter in der Hand!! Und des Ego Fahne hat einen neuen Stern erhalten, mit dem Namen „psychotherapeutischer Heilpraktiker“…

Es ist eine enorm wichtige Erkenntnis zu sehen, wie sehr unser Geist wieder zurückfällt in die alten Strukturen und Muster des „Formweltlichen“. Und wie geht man damit um? Nun, ich nehme alsbald die Arbeit an meiner Broschüre über die Vergebungsmeditation wieder auf, die ich jahrelang praktiziert habe. Und genau an dieser Stelle sollte ich anknüpfen: Die Art, wie mein Geist auf die Ereignisse der letzten 12 oder 15 Monate nun reagiert, ist normal. Er reagiert, wie er es gelernt hat, er frisst, was man ihm zu fressen gibt – gibt man ihm Weltliches, nährt er sich von Weltlichem, gibt man ihm Geistiges, so nährt er sich von Geistigem. Es ist unser Überlebenstrieb, der Drang, uns zu behaupten in der Gesellschaft, der uns immer und immer wieder dahin treibt, uns selbst vor Augen zu halten, wie toll, wertvoll, wichtig, gelehrt, gebildet, gut aussehend, erfolgreich etc wir sind. Sollen wir unser Ego für diesen Überlebenstrieb verurteilen? Oder wollen wir ihm verzeihen?

Ich habe mich für Letzteres entschieden – ich werde loslassen den Stolz auf und die Freude über die bestandene Prüfung, werde nicht wieder anbeten das goldene Kalb, sondern mich einfach wieder auf mein Meditationskissen niedersetzen, mit verschränkten Beinen, den Köper gerade aufgerichtet, die Achtsamkeit mir gegenwärtig haltend, und achtsam eben einatmen und ausatmen. Lang einatmend, wissen: «Ich atme lang ein»; lang ausatmend, wissen: «Ich atme lang aus». Kurz einatmend, wissen: «Ich atme kurz ein»; kurz ausatmend, wissen: «Ich atme kurz aus». «Den ganzen (Atem-)Körper empfindend, mag ich einatmen», (…) ; «Den ganzen (Atem-)Körper empfindend, mag ich ausatmen», (…). «Die (Atem-)Körper-Funktion beruhigend, mag ich einatmen», (…);«Die (Atem-)Körper-Funktion beruhigend, mag ich ausatmen», (…) Ebenso wie (…) ein geschickter Drechsler oder Drechslergeselle, wenn er lang anzieht, weiß: «Ich ziehe lang an»; wenn er kurz anzieht, weiß: «Ich ziehe kurz an», – ebenso, (…), weiß da der Mönch, wenn er lang einatmet: «Ich atme lang ein»; lang ausatmend wissen: «Ich atme lang aus». (…) Die zehntausend Dinge betrachtend in ihrem Werden, die zehntausend Dinge betrachten in ihrem Vergehen. Unabhängig, und ohne an irgendetwas anzuhaften“ (frei nach der Lehrrede des Buddha über die Atemachtsamkeit in der Übersetzung vom ehrw. Nyanaponika)

Und ich sehe mit Freude meiner Wiedergeburt ins Formlose entgegen – inshallah

Mit Metta

„Phra“ Michael

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„Es ist vollbracht … “ ;)

Namasté, Ihr Lieben 🙂

Nachdem Ihr mir so liebe Wünsche für die Prüfung übermittelt habt, will ich Euch auch nicht länger auf die Folter spannen 😀 : Seit gestern 11h05 habe ich nun also meine Zulassung zur Ausübung des Berufes des Heilpraktikers auf dem Gebiet der Psychotherapie“. Und auch, wenn ich es noch nicht so ganz realisiert habe, macht sich schon eine gewisse Erleichterung in mir bemerkbar.

Nun habe ich eigentlich nur noch einen Wunsch: Dass ich das Wissen, das ich im Laufe der Ausbildung erlangt habe, und dasjenige, das mir im Laufe der Zeit noch zuteil wird, zum Wohle vieler Menschen und meinem eigenen Wohle beitragen 🙂

SADHU …  SADHU …  SADHU

MAHA-METTA 2 U

„Phra“ Michael

„Per aspera ad astra“

„Über entbehrungsreiche Wege gelangt man zu den Sternen“

Namasté, Ihr Lieben 🙂

Der Eine oder die Andere mag sich möglicherweise bereits gefragt haben, warum auf diesem Blog nichts mehr erscheint. Also: Es liegt nicht daran, dass ich keine Lust mehr hätte zu schreiben, auch nicht daran, dass mir nichts mehr einfallen würde (im Gegenteil – ich habe an die zwanzig Artikel, die noch „auf Halde“ liegen). Auch bin ich weder Alogie noch Mutismus noch Demenz zum Opfer gefallen 😉 Ich bereite mich lediglich im Moment auf eine sehr, sehr wichtige Prüfung vor, deren Ausgang über den Gang meines weiteren Lebens entscheiden wird. Und somit fordert die Vorbereitung auf diese zurzeit meine ganze Kraft und Aufmerksamkeit.

Es fehlt mir, hier zu schreiben, und ich freue mich zudem darauf, endlich wieder ein paar Vorträge auf youtube stellen zu können. Vor allem aber werde ich nach der Prüfung endlich wieder Kurse geben und auch meinem Buch den letzten Schliff geben und verlegen können – darauf freue ich mich ganz besonders 🙂

Bis dahin heißt es aber nun einmal „per aspera ad astra“. Euch wünsche ich einstweilen eine wunderschöne Zeit im nun doch nahenden Frühling.

Bis bald und MAHA-METTA sendet von Herzen

„Phra“ Michael